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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Belehnung der Normannen
heimlich oder offen an ihm fest. Um ihn zu überwinden, die gegnerischen
Burgen zu brechen, reichten die Kräfte des Papstes nicht aus, auch Herzog
Gotfried scheint dazu nicht imstande gewesen zu sein. Daß es den Nor-
mannen mit ihrer überlegenen Kriegskunst gelingen würde, konnte nach
ihren bisherigen Leistungen niemand bezweifeln. Es lag also nahe, ihre
Hilfe zu suchen und etwa einen ihrer Unterführer mit seinen Leuten in
Gold und Dienst zu nehmen. Nikolaus II. tat mehr: er machte das
augenblickliche Bedürfnis zum Ausgangspunkt einer dauernden Ver-
bindung. Die beiden Fürsten der Normannen, Richard und Robert,
traten als Vassallen in den Dienst des Papstes und nahmen ihre Er-
oberungen von ihm zu Lehen.

Wer zuerst diesen kühnen Gedanken gefaßt und durchgesetzt hat,
wissen wir nicht sicher. Stadtrömische Überlieferung stellt Hildebrand
in den Vordergrund, und wenn es auch bald bei Freund und Feind üblich
geworden ist, ihm alle wichtigen Maßregeln, auch solche, an denen er
nicht beteiligt war, als Verdienst oder Schuld zuzuschreiben, so spricht
doch die Wahrscheinlichkeit in diesem Falle dafür, daß man in ihm den
Urheber der neuen Politik zu sehen hat. Persönlich soll er sich zu Richard
und Robert begeben und mit beiden abgeschlossen haben. Sogleich nach
seiner Rückkehr machte der Papst selber sich auf, um die Unterwerfung
Unteritaliens entgegenzunehmen. Jn Capua empfing er die Huldigung
Richards, in Melfi, der normännischen Hauptstadt von Apulien, wurde
Robert vereidigt. Beide leisteten dem Papst den herkömmlichen Schwur
als Vassallen, versprachen ihm ihre Hilfe zur Behauptung und Er-
langung seiner Rechte und Besitzungen, überlieferten ihm die Kirchen
ihres Landes samt allem Eigentum und verpflichteten sich, bei einer künf-
tigen Papstwahl dem Erwählten des besseren Teiles zum Besitz zu ver-
helfen. Dafür empfingen sie, Richard als Fürst von Capua, Robert als
Herzog von Apulien, Kalabrien und künftig auch Sizilien, diese ihre
Länder als Lehen der römischen Kirche gegen Entrichtung eines jähr-
lichen Zinses. Für Robert betrug er zwölf Pfennige italischer Münze
von jedem Ochsen. Robert versprach außerdem, das Fürstentum Sa-
lerno nicht ohne ausdrückliche Erlaubnis anzugreifen.

Was die beiden Fürsten zu diesem Schritt bewog, ist nicht schwer zu
erraten. Für ihre Eroberungen brauchten sie einen Rechtstitel, sowohl
gegenüber ihren neuen Untertanen wie gegenüber den eigenen Leuten,
die immer zur Empörung neigten. Robert war überdies Usurpator: als

Belehnung der Normannen
heimlich oder offen an ihm feſt. Um ihn zu überwinden, die gegneriſchen
Burgen zu brechen, reichten die Kräfte des Papſtes nicht aus, auch Herzog
Gotfried ſcheint dazu nicht imſtande geweſen zu ſein. Daß es den Nor-
mannen mit ihrer überlegenen Kriegskunſt gelingen würde, konnte nach
ihren bisherigen Leiſtungen niemand bezweifeln. Es lag alſo nahe, ihre
Hilfe zu ſuchen und etwa einen ihrer Unterführer mit ſeinen Leuten in
Gold und Dienſt zu nehmen. Nikolaus II. tat mehr: er machte das
augenblickliche Bedürfnis zum Ausgangspunkt einer dauernden Ver-
bindung. Die beiden Fürſten der Normannen, Richard und Robert,
traten als Vaſſallen in den Dienſt des Papſtes und nahmen ihre Er-
oberungen von ihm zu Lehen.

Wer zuerſt dieſen kühnen Gedanken gefaßt und durchgeſetzt hat,
wiſſen wir nicht ſicher. Stadtrömiſche Überlieferung ſtellt Hildebrand
in den Vordergrund, und wenn es auch bald bei Freund und Feind üblich
geworden iſt, ihm alle wichtigen Maßregeln, auch ſolche, an denen er
nicht beteiligt war, als Verdienſt oder Schuld zuzuſchreiben, ſo ſpricht
doch die Wahrſcheinlichkeit in dieſem Falle dafür, daß man in ihm den
Urheber der neuen Politik zu ſehen hat. Perſönlich ſoll er ſich zu Richard
und Robert begeben und mit beiden abgeſchloſſen haben. Sogleich nach
ſeiner Rückkehr machte der Papſt ſelber ſich auf, um die Unterwerfung
Unteritaliens entgegenzunehmen. Jn Capua empfing er die Huldigung
Richards, in Melfi, der normänniſchen Hauptſtadt von Apulien, wurde
Robert vereidigt. Beide leiſteten dem Papſt den herkömmlichen Schwur
als Vaſſallen, verſprachen ihm ihre Hilfe zur Behauptung und Er-
langung ſeiner Rechte und Beſitzungen, überlieferten ihm die Kirchen
ihres Landes ſamt allem Eigentum und verpflichteten ſich, bei einer künf-
tigen Papſtwahl dem Erwählten des beſſeren Teiles zum Beſitz zu ver-
helfen. Dafür empfingen ſie, Richard als Fürſt von Capua, Robert als
Herzog von Apulien, Kalabrien und künftig auch Sizilien, dieſe ihre
Länder als Lehen der römiſchen Kirche gegen Entrichtung eines jähr-
lichen Zinſes. Für Robert betrug er zwölf Pfennige italiſcher Münze
von jedem Ochſen. Robert verſprach außerdem, das Fürſtentum Sa-
lerno nicht ohne ausdrückliche Erlaubnis anzugreifen.

Was die beiden Fürſten zu dieſem Schritt bewog, iſt nicht ſchwer zu
erraten. Für ihre Eroberungen brauchten ſie einen Rechtstitel, ſowohl
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[311/0320] Belehnung der Normannen heimlich oder offen an ihm feſt. Um ihn zu überwinden, die gegneriſchen Burgen zu brechen, reichten die Kräfte des Papſtes nicht aus, auch Herzog Gotfried ſcheint dazu nicht imſtande geweſen zu ſein. Daß es den Nor- mannen mit ihrer überlegenen Kriegskunſt gelingen würde, konnte nach ihren bisherigen Leiſtungen niemand bezweifeln. Es lag alſo nahe, ihre Hilfe zu ſuchen und etwa einen ihrer Unterführer mit ſeinen Leuten in Gold und Dienſt zu nehmen. Nikolaus II. tat mehr: er machte das augenblickliche Bedürfnis zum Ausgangspunkt einer dauernden Ver- bindung. Die beiden Fürſten der Normannen, Richard und Robert, traten als Vaſſallen in den Dienſt des Papſtes und nahmen ihre Er- oberungen von ihm zu Lehen. Wer zuerſt dieſen kühnen Gedanken gefaßt und durchgeſetzt hat, wiſſen wir nicht ſicher. Stadtrömiſche Überlieferung ſtellt Hildebrand in den Vordergrund, und wenn es auch bald bei Freund und Feind üblich geworden iſt, ihm alle wichtigen Maßregeln, auch ſolche, an denen er nicht beteiligt war, als Verdienſt oder Schuld zuzuſchreiben, ſo ſpricht doch die Wahrſcheinlichkeit in dieſem Falle dafür, daß man in ihm den Urheber der neuen Politik zu ſehen hat. Perſönlich ſoll er ſich zu Richard und Robert begeben und mit beiden abgeſchloſſen haben. Sogleich nach ſeiner Rückkehr machte der Papſt ſelber ſich auf, um die Unterwerfung Unteritaliens entgegenzunehmen. Jn Capua empfing er die Huldigung Richards, in Melfi, der normänniſchen Hauptſtadt von Apulien, wurde Robert vereidigt. Beide leiſteten dem Papſt den herkömmlichen Schwur als Vaſſallen, verſprachen ihm ihre Hilfe zur Behauptung und Er- langung ſeiner Rechte und Beſitzungen, überlieferten ihm die Kirchen ihres Landes ſamt allem Eigentum und verpflichteten ſich, bei einer künf- tigen Papſtwahl dem Erwählten des beſſeren Teiles zum Beſitz zu ver- helfen. Dafür empfingen ſie, Richard als Fürſt von Capua, Robert als Herzog von Apulien, Kalabrien und künftig auch Sizilien, dieſe ihre Länder als Lehen der römiſchen Kirche gegen Entrichtung eines jähr- lichen Zinſes. Für Robert betrug er zwölf Pfennige italiſcher Münze von jedem Ochſen. Robert verſprach außerdem, das Fürſtentum Sa- lerno nicht ohne ausdrückliche Erlaubnis anzugreifen. Was die beiden Fürſten zu dieſem Schritt bewog, iſt nicht ſchwer zu erraten. Für ihre Eroberungen brauchten ſie einen Rechtstitel, ſowohl gegenüber ihren neuen Untertanen wie gegenüber den eigenen Leuten, die immer zur Empörung neigten. Robert war überdies Uſurpator: als

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 311. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/320>, abgerufen am 20.09.2020.