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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Belehnung der Normannen
und die alte Unabhängigkeit seiner Kirche geopfert. Für den Papst aber
war dieser Preis wertvoll genug, um durch die Finger zu sehen, wenn in
Mailand die Reform auch künftig, wie es im Gelöbnis des Erzbischofs
hieß, nur "soweit möglich" durchgeführt wurde.

Wir sind den Ereignissen vorausgeeilt, Ereignissen von gleich großer
Tragweite wie die bisher besprochenen. Der Wandlung, die das Papst-
tum seit dem Regierungsantritt Nikolaus' II. auf kirchlichem Gebiet
vollzogen hatte, trat bald eine nicht minder tiefgreifende Änderung seiner
weltlichen Politik zur Seite. Die Lossagung vom deutschen Kaisertum,
die sich im Papstwahlgesetz von 1059 schon ankündigte, wurde wenige
Wochen später offenkundig in einer völligen Neugestaltung der Be-
ziehungen zu den Normannen. Jn ihnen hatte man in Rom seit Leo IX.
Feinde gesehen, die zu bekämpfen, womöglich zu vernichten waren. Die
Zurückhaltung, die Viktor II. seit dem Tode Heinrichs III. beobachtete,
war nur durch die augenblickliche Lage bedingt. Diese Politik hat Niko-
laus II. aufgegeben und die bisherigen Feinde von Reich und Kirche zu
Bundesgenossen der Kirche gewonnen. Der Entschluß, so überraschend
er erscheint, erklärt sich aus der völlig veränderten Lage der Dinge in
Unteritalien.

Jn der Zeit zwischen dem Tode Stefans IX. und dem Regierungs-
antritt Nikolaus' II. hatte die normännische Eroberung nach allen Seiten
entscheidende Fortschritte gemacht. Damals (1058) nahm Richard von
Aversa die Stadt Capua und zwang den Fürsten zur Flucht. Seitdem
nannte er sich selbst Fürst von Capua. Gleichzeitig bereitete Robert
Guiscard, der von Apulien und Kalabrien schon den größten Teil er-
obert hatte, die Besitznahme von Salerno vor, indem er nach Scheidung
von seiner ersten Gemahlin die Schwester des Fürsten heiratete. An
Vernichtung der normännischen Macht zu denken, war unter den da-
maligen Verhältnissen, bei der Schwäche des griechischen Reichs und
des deutschen Königtums, unmöglich. Mit den neuen Nachbarn mußte
der Herr des Kirchenstaats hinfort rechnen. Waren sie als Feinde ge-
fährlich, so konnten sie als Freunde nützlich sein, und in der Lage, in der
er sich befand, hatte Nikolaus starke Freundschaften nötig. Rom hatte
er eingenommen, aber den Gegenpapst nicht beseitigt. Jm Schutz seines
hauptsächlichsten Anhängers, des Grafen von Galeria, behauptete sich
Benedikt X. draußen, in Stadt und Umgebung hielten nicht wenige

Belehnung der Normannen
und die alte Unabhängigkeit ſeiner Kirche geopfert. Für den Papſt aber
war dieſer Preis wertvoll genug, um durch die Finger zu ſehen, wenn in
Mailand die Reform auch künftig, wie es im Gelöbnis des Erzbiſchofs
hieß, nur „ſoweit möglich“ durchgeführt wurde.

Wir ſind den Ereigniſſen vorausgeeilt, Ereigniſſen von gleich großer
Tragweite wie die bisher beſprochenen. Der Wandlung, die das Papſt-
tum ſeit dem Regierungsantritt Nikolaus' II. auf kirchlichem Gebiet
vollzogen hatte, trat bald eine nicht minder tiefgreifende Änderung ſeiner
weltlichen Politik zur Seite. Die Losſagung vom deutſchen Kaiſertum,
die ſich im Papſtwahlgeſetz von 1059 ſchon ankündigte, wurde wenige
Wochen ſpäter offenkundig in einer völligen Neugeſtaltung der Be-
ziehungen zu den Normannen. Jn ihnen hatte man in Rom ſeit Leo IX.
Feinde geſehen, die zu bekämpfen, womöglich zu vernichten waren. Die
Zurückhaltung, die Viktor II. ſeit dem Tode Heinrichs III. beobachtete,
war nur durch die augenblickliche Lage bedingt. Dieſe Politik hat Niko-
laus II. aufgegeben und die bisherigen Feinde von Reich und Kirche zu
Bundesgenoſſen der Kirche gewonnen. Der Entſchluß, ſo überraſchend
er erſcheint, erklärt ſich aus der völlig veränderten Lage der Dinge in
Unteritalien.

Jn der Zeit zwiſchen dem Tode Stefans IX. und dem Regierungs-
antritt Nikolaus' II. hatte die normänniſche Eroberung nach allen Seiten
entſcheidende Fortſchritte gemacht. Damals (1058) nahm Richard von
Averſa die Stadt Capua und zwang den Fürſten zur Flucht. Seitdem
nannte er ſich ſelbſt Fürſt von Capua. Gleichzeitig bereitete Robert
Guiscard, der von Apulien und Kalabrien ſchon den größten Teil er-
obert hatte, die Beſitznahme von Salerno vor, indem er nach Scheidung
von ſeiner erſten Gemahlin die Schweſter des Fürſten heiratete. An
Vernichtung der normänniſchen Macht zu denken, war unter den da-
maligen Verhältniſſen, bei der Schwäche des griechiſchen Reichs und
des deutſchen Königtums, unmöglich. Mit den neuen Nachbarn mußte
der Herr des Kirchenſtaats hinfort rechnen. Waren ſie als Feinde ge-
fährlich, ſo konnten ſie als Freunde nützlich ſein, und in der Lage, in der
er ſich befand, hatte Nikolaus ſtarke Freundſchaften nötig. Rom hatte
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[310/0319] Belehnung der Normannen und die alte Unabhängigkeit ſeiner Kirche geopfert. Für den Papſt aber war dieſer Preis wertvoll genug, um durch die Finger zu ſehen, wenn in Mailand die Reform auch künftig, wie es im Gelöbnis des Erzbiſchofs hieß, nur „ſoweit möglich“ durchgeführt wurde. Wir ſind den Ereigniſſen vorausgeeilt, Ereigniſſen von gleich großer Tragweite wie die bisher beſprochenen. Der Wandlung, die das Papſt- tum ſeit dem Regierungsantritt Nikolaus' II. auf kirchlichem Gebiet vollzogen hatte, trat bald eine nicht minder tiefgreifende Änderung ſeiner weltlichen Politik zur Seite. Die Losſagung vom deutſchen Kaiſertum, die ſich im Papſtwahlgeſetz von 1059 ſchon ankündigte, wurde wenige Wochen ſpäter offenkundig in einer völligen Neugeſtaltung der Be- ziehungen zu den Normannen. Jn ihnen hatte man in Rom ſeit Leo IX. Feinde geſehen, die zu bekämpfen, womöglich zu vernichten waren. Die Zurückhaltung, die Viktor II. ſeit dem Tode Heinrichs III. beobachtete, war nur durch die augenblickliche Lage bedingt. Dieſe Politik hat Niko- laus II. aufgegeben und die bisherigen Feinde von Reich und Kirche zu Bundesgenoſſen der Kirche gewonnen. Der Entſchluß, ſo überraſchend er erſcheint, erklärt ſich aus der völlig veränderten Lage der Dinge in Unteritalien. Jn der Zeit zwiſchen dem Tode Stefans IX. und dem Regierungs- antritt Nikolaus' II. hatte die normänniſche Eroberung nach allen Seiten entſcheidende Fortſchritte gemacht. Damals (1058) nahm Richard von Averſa die Stadt Capua und zwang den Fürſten zur Flucht. Seitdem nannte er ſich ſelbſt Fürſt von Capua. Gleichzeitig bereitete Robert Guiscard, der von Apulien und Kalabrien ſchon den größten Teil er- obert hatte, die Beſitznahme von Salerno vor, indem er nach Scheidung von ſeiner erſten Gemahlin die Schweſter des Fürſten heiratete. An Vernichtung der normänniſchen Macht zu denken, war unter den da- maligen Verhältniſſen, bei der Schwäche des griechiſchen Reichs und des deutſchen Königtums, unmöglich. Mit den neuen Nachbarn mußte der Herr des Kirchenſtaats hinfort rechnen. Waren ſie als Feinde ge- fährlich, ſo konnten ſie als Freunde nützlich ſein, und in der Lage, in der er ſich befand, hatte Nikolaus ſtarke Freundſchaften nötig. Rom hatte er eingenommen, aber den Gegenpapſt nicht beſeitigt. Jm Schutz ſeines hauptſächlichſten Anhängers, des Grafen von Galeria, behauptete ſich Benedikt X. draußen, in Stadt und Umgebung hielten nicht wenige

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 310. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/319>, abgerufen am 20.09.2020.