Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

Bild:
<< vorherige Seite

Unterwerfung des Erzbischofs unter Rom
die römische Oberhoheit einen Ausspruch ihres eigenen Heiligen, Ambro-
sius, entgegenhielt, der bekannt habe, er folge in allem der römischen
Kirche als Lehrmeisterin. Damit brach er dem Widerstand die Spitze
ab, und gehorsam fügte man sich seinem Spruch, zumal er klug genug
war, den Umständen weithin Rechnung zu tragen. Eine Untersuchung
hatte ergeben, daß so gut wie der gesamte Mailänder Klerus eigentlich
hätte entfernt werden müssen. Das war unmöglich, also begnügte sich
Damiani damit, den Erzbischof und die Spitzen der Geistlichkeit
schwören zu lassen, daß in Zukunft für Weihen keine Abgaben mehr
erhoben und beweibte Geistliche, soweit möglich, nicht geduldet werden
sollten. Für ihre früheren Verfehlungen wurden den Einzelnen ange-
messene Bußen auferlegt, angefangen vom Erzbischof, der unter an-
derem eine Wallfahrt nach Santiago geloben mußte.

Es war ein unbestreitbarer Triumph für Rom, auch in den äußeren
Formen. Das stolze Mailand, das auf seine Unabhängigkeit zu pochen
liebte, hatte sich römischer Zucht unterworfen, der Erzbischof sich vor
römischen Legaten zu fußfälligem Sündenbekenntnis gedemütigt. Jn
Rom also konnte man zufrieden sein. Weniger zufrieden war man in
Mailand. Die Konservativen murrten, man habe ihrer Kirche ein
hartes Gesetz an Stelle der alten Ordnung aufgezwungen, sie ver-
wünschten ihr wankelmütiges Volk, das die Würde seiner Stadt und
des heiligen Ambrosius leichthin preisgegeben hatte. Den Gegnern
wiederum, Ariald, Landulf und Genossen, war das Urteil der Legaten
zu milde, sie wandten sich mit einer Klage gegen den Erzbischof an den
Papst. Nikolaus lud beide Teile vor, und auf der Frühjahrssynode des
nächsten Jahres erschienen sowohl Wido mit sieben seiner Suffragane
wie auch Ariald, während Landulf, unterwegs bei einem Überfall schwer
verwundet, hatte umkehren müssen. Da zeigte sich aber, worum es den
Römern in erster Linie zu tun war. Nach lebhaftem Wortgefecht wurde
Ariald mit seiner Klage abgewiesen, Wido dagegen mit Auszeichnung
behandelt und durch Überreichung eines Ringes "als Zeichen päpstlicher
Gnade und kirchlicher Vollgewalt" geehrt. Die Handlung war nicht
mißzuverstehen, sie bedeutete nichts anderes als Bestätigung oder Wie-
dereinsetzung in die erzbischöfliche Würde. Somit war durch einen
feierlichen und öffentlichen Vorgang die Unterordnung des Mailänder
Stuhles unter Rom vollzogen und anerkannt. Um sich gegenüber dem
Volksaufstand zu behaupten, hatte der Erzbischof sich vor Rom gebeugt

Unterwerfung des Erzbiſchofs unter Rom
die römiſche Oberhoheit einen Ausſpruch ihres eigenen Heiligen, Ambro-
ſius, entgegenhielt, der bekannt habe, er folge in allem der römiſchen
Kirche als Lehrmeiſterin. Damit brach er dem Widerſtand die Spitze
ab, und gehorſam fügte man ſich ſeinem Spruch, zumal er klug genug
war, den Umſtänden weithin Rechnung zu tragen. Eine Unterſuchung
hatte ergeben, daß ſo gut wie der geſamte Mailänder Klerus eigentlich
hätte entfernt werden müſſen. Das war unmöglich, alſo begnügte ſich
Damiani damit, den Erzbiſchof und die Spitzen der Geiſtlichkeit
ſchwören zu laſſen, daß in Zukunft für Weihen keine Abgaben mehr
erhoben und beweibte Geiſtliche, ſoweit möglich, nicht geduldet werden
ſollten. Für ihre früheren Verfehlungen wurden den Einzelnen ange-
meſſene Bußen auferlegt, angefangen vom Erzbiſchof, der unter an-
derem eine Wallfahrt nach Santiago geloben mußte.

Es war ein unbeſtreitbarer Triumph für Rom, auch in den äußeren
Formen. Das ſtolze Mailand, das auf ſeine Unabhängigkeit zu pochen
liebte, hatte ſich römiſcher Zucht unterworfen, der Erzbiſchof ſich vor
römiſchen Legaten zu fußfälligem Sündenbekenntnis gedemütigt. Jn
Rom alſo konnte man zufrieden ſein. Weniger zufrieden war man in
Mailand. Die Konſervativen murrten, man habe ihrer Kirche ein
hartes Geſetz an Stelle der alten Ordnung aufgezwungen, ſie ver-
wünſchten ihr wankelmütiges Volk, das die Würde ſeiner Stadt und
des heiligen Ambroſius leichthin preisgegeben hatte. Den Gegnern
wiederum, Ariald, Landulf und Genoſſen, war das Urteil der Legaten
zu milde, ſie wandten ſich mit einer Klage gegen den Erzbiſchof an den
Papſt. Nikolaus lud beide Teile vor, und auf der Frühjahrsſynode des
nächſten Jahres erſchienen ſowohl Wido mit ſieben ſeiner Suffragane
wie auch Ariald, während Landulf, unterwegs bei einem Überfall ſchwer
verwundet, hatte umkehren müſſen. Da zeigte ſich aber, worum es den
Römern in erſter Linie zu tun war. Nach lebhaftem Wortgefecht wurde
Ariald mit ſeiner Klage abgewieſen, Wido dagegen mit Auszeichnung
behandelt und durch Überreichung eines Ringes „als Zeichen päpſtlicher
Gnade und kirchlicher Vollgewalt“ geehrt. Die Handlung war nicht
mißzuverſtehen, ſie bedeutete nichts anderes als Beſtätigung oder Wie-
dereinſetzung in die erzbiſchöfliche Würde. Somit war durch einen
feierlichen und öffentlichen Vorgang die Unterordnung des Mailänder
Stuhles unter Rom vollzogen und anerkannt. Um ſich gegenüber dem
Volksaufſtand zu behaupten, hatte der Erzbiſchof ſich vor Rom gebeugt

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0318" n="309"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Unterwerfung des Erzbi&#x017F;chofs unter Rom</hi></fw><lb/>
die römi&#x017F;che Oberhoheit einen Aus&#x017F;pruch ihres eigenen Heiligen, Ambro-<lb/>
&#x017F;ius, entgegenhielt, der bekannt habe, er folge in allem der römi&#x017F;chen<lb/>
Kirche als Lehrmei&#x017F;terin. Damit brach er dem Wider&#x017F;tand die Spitze<lb/>
ab, und gehor&#x017F;am fügte man &#x017F;ich &#x017F;einem Spruch, zumal er klug genug<lb/>
war, den Um&#x017F;tänden weithin Rechnung zu tragen. Eine Unter&#x017F;uchung<lb/>
hatte ergeben, daß &#x017F;o gut wie der ge&#x017F;amte Mailänder Klerus eigentlich<lb/>
hätte entfernt werden mü&#x017F;&#x017F;en. Das war unmöglich, al&#x017F;o begnügte &#x017F;ich<lb/>
Damiani damit, den Erzbi&#x017F;chof und die Spitzen der Gei&#x017F;tlichkeit<lb/>
&#x017F;chwören zu la&#x017F;&#x017F;en, daß in Zukunft für Weihen keine Abgaben mehr<lb/>
erhoben und beweibte Gei&#x017F;tliche, &#x017F;oweit möglich, nicht geduldet werden<lb/>
&#x017F;ollten. Für ihre früheren Verfehlungen wurden den Einzelnen ange-<lb/>
me&#x017F;&#x017F;ene Bußen auferlegt, angefangen vom Erzbi&#x017F;chof, der unter an-<lb/>
derem eine Wallfahrt nach Santiago geloben mußte.</p><lb/>
          <p>Es war ein unbe&#x017F;treitbarer Triumph für Rom, auch in den äußeren<lb/>
Formen. Das &#x017F;tolze Mailand, das auf &#x017F;eine Unabhängigkeit zu pochen<lb/>
liebte, hatte &#x017F;ich römi&#x017F;cher Zucht unterworfen, der Erzbi&#x017F;chof &#x017F;ich vor<lb/>
römi&#x017F;chen Legaten zu fußfälligem Sündenbekenntnis gedemütigt. Jn<lb/>
Rom al&#x017F;o konnte man zufrieden &#x017F;ein. Weniger zufrieden war man in<lb/>
Mailand. Die Kon&#x017F;ervativen murrten, man habe ihrer Kirche ein<lb/>
hartes Ge&#x017F;etz an Stelle der alten Ordnung aufgezwungen, &#x017F;ie ver-<lb/>
wün&#x017F;chten ihr wankelmütiges Volk, das die Würde &#x017F;einer Stadt und<lb/>
des heiligen Ambro&#x017F;ius leichthin preisgegeben hatte. Den Gegnern<lb/>
wiederum, Ariald, Landulf und Geno&#x017F;&#x017F;en, war das Urteil der Legaten<lb/>
zu milde, &#x017F;ie wandten &#x017F;ich mit einer Klage gegen den Erzbi&#x017F;chof an den<lb/>
Pap&#x017F;t. Nikolaus lud beide Teile vor, und auf der Frühjahrs&#x017F;ynode des<lb/>
näch&#x017F;ten Jahres er&#x017F;chienen &#x017F;owohl Wido mit &#x017F;ieben &#x017F;einer Suffragane<lb/>
wie auch Ariald, während Landulf, unterwegs bei einem Überfall &#x017F;chwer<lb/>
verwundet, hatte umkehren mü&#x017F;&#x017F;en. Da zeigte &#x017F;ich aber, worum es den<lb/>
Römern in er&#x017F;ter Linie zu tun war. Nach lebhaftem Wortgefecht wurde<lb/>
Ariald mit &#x017F;einer Klage abgewie&#x017F;en, Wido dagegen mit Auszeichnung<lb/>
behandelt und durch Überreichung eines Ringes &#x201E;als Zeichen päp&#x017F;tlicher<lb/>
Gnade und kirchlicher Vollgewalt&#x201C; geehrt. Die Handlung war nicht<lb/>
mißzuver&#x017F;tehen, &#x017F;ie bedeutete nichts anderes als Be&#x017F;tätigung oder Wie-<lb/>
derein&#x017F;etzung in die erzbi&#x017F;chöfliche Würde. Somit war durch einen<lb/>
feierlichen und öffentlichen Vorgang die Unterordnung des Mailänder<lb/>
Stuhles unter Rom vollzogen und anerkannt. Um &#x017F;ich gegenüber dem<lb/>
Volksauf&#x017F;tand zu behaupten, hatte der Erzbi&#x017F;chof &#x017F;ich vor Rom gebeugt<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[309/0318] Unterwerfung des Erzbiſchofs unter Rom die römiſche Oberhoheit einen Ausſpruch ihres eigenen Heiligen, Ambro- ſius, entgegenhielt, der bekannt habe, er folge in allem der römiſchen Kirche als Lehrmeiſterin. Damit brach er dem Widerſtand die Spitze ab, und gehorſam fügte man ſich ſeinem Spruch, zumal er klug genug war, den Umſtänden weithin Rechnung zu tragen. Eine Unterſuchung hatte ergeben, daß ſo gut wie der geſamte Mailänder Klerus eigentlich hätte entfernt werden müſſen. Das war unmöglich, alſo begnügte ſich Damiani damit, den Erzbiſchof und die Spitzen der Geiſtlichkeit ſchwören zu laſſen, daß in Zukunft für Weihen keine Abgaben mehr erhoben und beweibte Geiſtliche, ſoweit möglich, nicht geduldet werden ſollten. Für ihre früheren Verfehlungen wurden den Einzelnen ange- meſſene Bußen auferlegt, angefangen vom Erzbiſchof, der unter an- derem eine Wallfahrt nach Santiago geloben mußte. Es war ein unbeſtreitbarer Triumph für Rom, auch in den äußeren Formen. Das ſtolze Mailand, das auf ſeine Unabhängigkeit zu pochen liebte, hatte ſich römiſcher Zucht unterworfen, der Erzbiſchof ſich vor römiſchen Legaten zu fußfälligem Sündenbekenntnis gedemütigt. Jn Rom alſo konnte man zufrieden ſein. Weniger zufrieden war man in Mailand. Die Konſervativen murrten, man habe ihrer Kirche ein hartes Geſetz an Stelle der alten Ordnung aufgezwungen, ſie ver- wünſchten ihr wankelmütiges Volk, das die Würde ſeiner Stadt und des heiligen Ambroſius leichthin preisgegeben hatte. Den Gegnern wiederum, Ariald, Landulf und Genoſſen, war das Urteil der Legaten zu milde, ſie wandten ſich mit einer Klage gegen den Erzbiſchof an den Papſt. Nikolaus lud beide Teile vor, und auf der Frühjahrsſynode des nächſten Jahres erſchienen ſowohl Wido mit ſieben ſeiner Suffragane wie auch Ariald, während Landulf, unterwegs bei einem Überfall ſchwer verwundet, hatte umkehren müſſen. Da zeigte ſich aber, worum es den Römern in erſter Linie zu tun war. Nach lebhaftem Wortgefecht wurde Ariald mit ſeiner Klage abgewieſen, Wido dagegen mit Auszeichnung behandelt und durch Überreichung eines Ringes „als Zeichen päpſtlicher Gnade und kirchlicher Vollgewalt“ geehrt. Die Handlung war nicht mißzuverſtehen, ſie bedeutete nichts anderes als Beſtätigung oder Wie- dereinſetzung in die erzbiſchöfliche Würde. Somit war durch einen feierlichen und öffentlichen Vorgang die Unterordnung des Mailänder Stuhles unter Rom vollzogen und anerkannt. Um ſich gegenüber dem Volksaufſtand zu behaupten, hatte der Erzbiſchof ſich vor Rom gebeugt

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/318
Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 309. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/318>, abgerufen am 19.09.2020.