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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Religiöser Aufstand in Mailand
Vertreibung der Geistlichen endete. Erzbischof Wido stand den Ereig-
nissen machtlos gegenüber. Er wandte sich zuerst persönlich an den
deutschen Hof und, als er dort nichts erreichte, mit einem Hilferuf an
den Papst. Stefan IX., in dessen letzte Zeit das fiel, wies den Fall
vor eine Synode der Mailänder Provinz als das zuständige Gericht.
Sie fand, da Mailand von den Aufständischen beherrscht war, im
Gebiet von Novara statt, aber Ariald und Landulf erschienen nicht. Als
sie daraufhin verflucht wurden, antworteten sie, indem sie die Menge
schwören ließen, keine Geistlichen anzuerkennen, die verheiratet oder
Simonisten wären. Damit war der Bürgerkrieg erklärt, geführt mit
der ganzen Erbitterung, die die Vereinigung sozialer und religiöser
Leidenschaften erzeugt. Damals kam für die Aufständischen, die in der
Hauptsache dem niedern Volk angehörten, der Schimpfname Pataria,
das Lumpenpack, auf.

So weit hatten die Dinge sich ohne Zutun Roms entwickelt, jetzt
wurde der Papst mit ihnen befaßt. Nikolaus II. hatte soeben von
seiner Würde Besitz ergriffen, als die Führer des Aufstands sich kla-
gend an ihn wandten. Anders als sein Vorgänger zögerte er nicht, der
Revolution die Hand zu reichen, und sandte zunächst, um sich zu unter-
richten, Hildebrand nach Mailand, dessen Auftreten die Aufständischen
in ihrem Vorhaben nur bestärkt haben soll. Dann machte sich eine
zweite stattliche Gesandtschaft auf, um in Vertretung des Papstes den
Streit zu entscheiden. Es waren der Bischof Anselm von Lucca, ein
Mailänder, der selbst an den Anfängen der Bewegung beteiligt ge-
wesen war, und Petrus Damiani, der Kardinalbischof von Ostia. Sie
traten mit dem vollen Anspruch römischer Oberhoheit auf, übernahmen
in der Versammlung des Klerus an Stelle des Erzbischofs Vorsitz und
Leitung und bewirkten damit, daß im Volk die Stimmung umschlug.
Denn auf nichts waren die Mailänder so stolz wie auf den Ruhm und
die Unabhängigkeit ihrer Kirche, die im heiligen Ambrosius einen
Kirchenvater, ebenbürtig den Leo und Gregor, besessen und sich niemals
Rom untergeordnet hatte. Daß römische Legaten nun über sie richten
wollten, erregte Empörung, die Versammlung wurde gestürmt, die
Römer und sogar Landulf selbst fürchteten für ihr Leben. Aber dem
festen und gewandten Auftreten des Ehrfurcht gebietenden Petrus
Damiani gelang es, durch eine äußerst geschickte Rede den Sturm zu
beschwichtigen, indem er den Mailändern neben andern Beweisen für

Religiöſer Aufſtand in Mailand
Vertreibung der Geiſtlichen endete. Erzbiſchof Wido ſtand den Ereig-
niſſen machtlos gegenüber. Er wandte ſich zuerſt perſönlich an den
deutſchen Hof und, als er dort nichts erreichte, mit einem Hilferuf an
den Papſt. Stefan IX., in deſſen letzte Zeit das fiel, wies den Fall
vor eine Synode der Mailänder Provinz als das zuſtändige Gericht.
Sie fand, da Mailand von den Aufſtändiſchen beherrſcht war, im
Gebiet von Novara ſtatt, aber Ariald und Landulf erſchienen nicht. Als
ſie daraufhin verflucht wurden, antworteten ſie, indem ſie die Menge
ſchwören ließen, keine Geiſtlichen anzuerkennen, die verheiratet oder
Simoniſten wären. Damit war der Bürgerkrieg erklärt, geführt mit
der ganzen Erbitterung, die die Vereinigung ſozialer und religiöſer
Leidenſchaften erzeugt. Damals kam für die Aufſtändiſchen, die in der
Hauptſache dem niedern Volk angehörten, der Schimpfname Pataria,
das Lumpenpack, auf.

So weit hatten die Dinge ſich ohne Zutun Roms entwickelt, jetzt
wurde der Papſt mit ihnen befaßt. Nikolaus II. hatte ſoeben von
ſeiner Würde Beſitz ergriffen, als die Führer des Aufſtands ſich kla-
gend an ihn wandten. Anders als ſein Vorgänger zögerte er nicht, der
Revolution die Hand zu reichen, und ſandte zunächſt, um ſich zu unter-
richten, Hildebrand nach Mailand, deſſen Auftreten die Aufſtändiſchen
in ihrem Vorhaben nur beſtärkt haben ſoll. Dann machte ſich eine
zweite ſtattliche Geſandtſchaft auf, um in Vertretung des Papſtes den
Streit zu entſcheiden. Es waren der Biſchof Anſelm von Lucca, ein
Mailänder, der ſelbſt an den Anfängen der Bewegung beteiligt ge-
weſen war, und Petrus Damiani, der Kardinalbiſchof von Oſtia. Sie
traten mit dem vollen Anſpruch römiſcher Oberhoheit auf, übernahmen
in der Verſammlung des Klerus an Stelle des Erzbiſchofs Vorſitz und
Leitung und bewirkten damit, daß im Volk die Stimmung umſchlug.
Denn auf nichts waren die Mailänder ſo ſtolz wie auf den Ruhm und
die Unabhängigkeit ihrer Kirche, die im heiligen Ambroſius einen
Kirchenvater, ebenbürtig den Leo und Gregor, beſeſſen und ſich niemals
Rom untergeordnet hatte. Daß römiſche Legaten nun über ſie richten
wollten, erregte Empörung, die Verſammlung wurde geſtürmt, die
Römer und ſogar Landulf ſelbſt fürchteten für ihr Leben. Aber dem
feſten und gewandten Auftreten des Ehrfurcht gebietenden Petrus
Damiani gelang es, durch eine äußerſt geſchickte Rede den Sturm zu
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[308/0317] Religiöſer Aufſtand in Mailand Vertreibung der Geiſtlichen endete. Erzbiſchof Wido ſtand den Ereig- niſſen machtlos gegenüber. Er wandte ſich zuerſt perſönlich an den deutſchen Hof und, als er dort nichts erreichte, mit einem Hilferuf an den Papſt. Stefan IX., in deſſen letzte Zeit das fiel, wies den Fall vor eine Synode der Mailänder Provinz als das zuſtändige Gericht. Sie fand, da Mailand von den Aufſtändiſchen beherrſcht war, im Gebiet von Novara ſtatt, aber Ariald und Landulf erſchienen nicht. Als ſie daraufhin verflucht wurden, antworteten ſie, indem ſie die Menge ſchwören ließen, keine Geiſtlichen anzuerkennen, die verheiratet oder Simoniſten wären. Damit war der Bürgerkrieg erklärt, geführt mit der ganzen Erbitterung, die die Vereinigung ſozialer und religiöſer Leidenſchaften erzeugt. Damals kam für die Aufſtändiſchen, die in der Hauptſache dem niedern Volk angehörten, der Schimpfname Pataria, das Lumpenpack, auf. So weit hatten die Dinge ſich ohne Zutun Roms entwickelt, jetzt wurde der Papſt mit ihnen befaßt. Nikolaus II. hatte ſoeben von ſeiner Würde Beſitz ergriffen, als die Führer des Aufſtands ſich kla- gend an ihn wandten. Anders als ſein Vorgänger zögerte er nicht, der Revolution die Hand zu reichen, und ſandte zunächſt, um ſich zu unter- richten, Hildebrand nach Mailand, deſſen Auftreten die Aufſtändiſchen in ihrem Vorhaben nur beſtärkt haben ſoll. Dann machte ſich eine zweite ſtattliche Geſandtſchaft auf, um in Vertretung des Papſtes den Streit zu entſcheiden. Es waren der Biſchof Anſelm von Lucca, ein Mailänder, der ſelbſt an den Anfängen der Bewegung beteiligt ge- weſen war, und Petrus Damiani, der Kardinalbiſchof von Oſtia. Sie traten mit dem vollen Anſpruch römiſcher Oberhoheit auf, übernahmen in der Verſammlung des Klerus an Stelle des Erzbiſchofs Vorſitz und Leitung und bewirkten damit, daß im Volk die Stimmung umſchlug. Denn auf nichts waren die Mailänder ſo ſtolz wie auf den Ruhm und die Unabhängigkeit ihrer Kirche, die im heiligen Ambroſius einen Kirchenvater, ebenbürtig den Leo und Gregor, beſeſſen und ſich niemals Rom untergeordnet hatte. Daß römiſche Legaten nun über ſie richten wollten, erregte Empörung, die Verſammlung wurde geſtürmt, die Römer und ſogar Landulf ſelbſt fürchteten für ihr Leben. Aber dem feſten und gewandten Auftreten des Ehrfurcht gebietenden Petrus Damiani gelang es, durch eine äußerſt geſchickte Rede den Sturm zu beſchwichtigen, indem er den Mailändern neben andern Beweiſen für

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 308. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/317>, abgerufen am 19.09.2020.