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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Religiöser Aufstand in Mailand
bardei aufgeschwungen. Jn ihrer wirtschaftlichen Entwicklung eilte sie
allen Städten des Abendlands voraus, ihre Bürgerschaft, Kaufleute
und Handwerker, bot an Zahl und Reichtum ein Bild, das man
anderswo nicht kannte. Und schon war als unvermeidliche Folge hiervon
der feindselige Gegensatz der Stände erwacht. Unwillig wurde die
Herrschaft der Edelleute und Ritter von den Bürgern ertragen. Schon
zu Anfang der vierziger Jahre war es darüber zu offenem Krieg ge-
kommen, in dem die Bürgerschaft sich dem Adel gewachsen zeigte, bis
das Eingreifen des Königs den Frieden herstellte. Um die Gegensätze
nicht neu zu wecken, hatte Heinrich III. (1045) zum Erzbischof nicht,
wie üblich, einen Angehörigen der städtischen Herrenklasse bestellt, son-
dern einen Landgeistlichen aus niederem Adel namens Wido, der sich
aber weder an Bildung noch an Willensstärke seiner schwierigen Auf-
gabe gewachsen zeigte. Solange Heinrich lebte, erhielt seine Autorität
den Frieden, nach seinem Tode brach der Zwiespalt der Stände offen
aus. Das Feld aber, auf dem die Kräfte sich jetzt maßen, war die Kirche.

Sie trug in Mailand reiner als irgendwo sonst den aristokratischen
Charakter, der die Gesellschaft des frühen Mittelalters kennzeichnet.
Die Geistlichkeit, zahlreich, wohlhabend, gebildet, ergänzte sich aus den
höheren Ständen, Adel und Ritterschaft, von denen ihre Mitglieder
sich in der Lebensführung nicht immer unterschieden, zumal da sie im
allgemeinen verheiratet waren. Unvermeidlich mußte also die Auf-
lehnung der Bürger gegen die Herrschaft des Adels sich auch gegen die
Geistlichkeit richten, während im Klerus, der dem streng kirchlichen
Urteil so breite Angriffsflächen bot, zugleich die herrschende Aristokratie
getroffen wurde. Jn den Zündstoff für eine kirchlich-soziale Revolution,
der da bereitlag, fiel der Funke, der ihn zur Flamme anfachte, in Gestalt
des Eheverbots Leos IX. Es wurde, da die Geistlichen es nicht beachteten,
zur Losung einer Volksempörung, als deren Führer, wie so oft in ähn-
lichen Fällen, zwei Männer der höheren Stände auftraten, aus der
Ritterschaft der Diakon Ariald und aus dem Hochadel der Subdiakon
Landulf. Mit allen Gaben des Demagogen ausgestattet, führten sie die
Massen, dabei die Hefe des Proletariats -- Mailand war der Sitz
einer blühenden Waffenindustrie -- zur Verfolgung der verheirateten
Priester. Auf Überfälle, Mißhandlungen Einzelner, Plünderung der
Häuser und erzwungene Verpflichtungen zur Ehelosigkeit folgten An-
griffe auf die Kirchen und schließlich eine allgemeine Hetze, die mit der

Religiöſer Aufſtand in Mailand
bardei aufgeſchwungen. Jn ihrer wirtſchaftlichen Entwicklung eilte ſie
allen Städten des Abendlands voraus, ihre Bürgerſchaft, Kaufleute
und Handwerker, bot an Zahl und Reichtum ein Bild, das man
anderswo nicht kannte. Und ſchon war als unvermeidliche Folge hiervon
der feindſelige Gegenſatz der Stände erwacht. Unwillig wurde die
Herrſchaft der Edelleute und Ritter von den Bürgern ertragen. Schon
zu Anfang der vierziger Jahre war es darüber zu offenem Krieg ge-
kommen, in dem die Bürgerſchaft ſich dem Adel gewachſen zeigte, bis
das Eingreifen des Königs den Frieden herſtellte. Um die Gegenſätze
nicht neu zu wecken, hatte Heinrich III. (1045) zum Erzbiſchof nicht,
wie üblich, einen Angehörigen der ſtädtiſchen Herrenklaſſe beſtellt, ſon-
dern einen Landgeiſtlichen aus niederem Adel namens Wido, der ſich
aber weder an Bildung noch an Willensſtärke ſeiner ſchwierigen Auf-
gabe gewachſen zeigte. Solange Heinrich lebte, erhielt ſeine Autorität
den Frieden, nach ſeinem Tode brach der Zwieſpalt der Stände offen
aus. Das Feld aber, auf dem die Kräfte ſich jetzt maßen, war die Kirche.

Sie trug in Mailand reiner als irgendwo ſonſt den ariſtokratiſchen
Charakter, der die Geſellſchaft des frühen Mittelalters kennzeichnet.
Die Geiſtlichkeit, zahlreich, wohlhabend, gebildet, ergänzte ſich aus den
höheren Ständen, Adel und Ritterſchaft, von denen ihre Mitglieder
ſich in der Lebensführung nicht immer unterſchieden, zumal da ſie im
allgemeinen verheiratet waren. Unvermeidlich mußte alſo die Auf-
lehnung der Bürger gegen die Herrſchaft des Adels ſich auch gegen die
Geiſtlichkeit richten, während im Klerus, der dem ſtreng kirchlichen
Urteil ſo breite Angriffsflächen bot, zugleich die herrſchende Ariſtokratie
getroffen wurde. Jn den Zündſtoff für eine kirchlich-ſoziale Revolution,
der da bereitlag, fiel der Funke, der ihn zur Flamme anfachte, in Geſtalt
des Eheverbots Leos IX. Es wurde, da die Geiſtlichen es nicht beachteten,
zur Loſung einer Volksempörung, als deren Führer, wie ſo oft in ähn-
lichen Fällen, zwei Männer der höheren Stände auftraten, aus der
Ritterſchaft der Diakon Ariald und aus dem Hochadel der Subdiakon
Landulf. Mit allen Gaben des Demagogen ausgeſtattet, führten ſie die
Maſſen, dabei die Hefe des Proletariats — Mailand war der Sitz
einer blühenden Waffeninduſtrie — zur Verfolgung der verheirateten
Prieſter. Auf Überfälle, Mißhandlungen Einzelner, Plünderung der
Häuſer und erzwungene Verpflichtungen zur Eheloſigkeit folgten An-
griffe auf die Kirchen und ſchließlich eine allgemeine Hetze, die mit der

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[307/0316] Religiöſer Aufſtand in Mailand bardei aufgeſchwungen. Jn ihrer wirtſchaftlichen Entwicklung eilte ſie allen Städten des Abendlands voraus, ihre Bürgerſchaft, Kaufleute und Handwerker, bot an Zahl und Reichtum ein Bild, das man anderswo nicht kannte. Und ſchon war als unvermeidliche Folge hiervon der feindſelige Gegenſatz der Stände erwacht. Unwillig wurde die Herrſchaft der Edelleute und Ritter von den Bürgern ertragen. Schon zu Anfang der vierziger Jahre war es darüber zu offenem Krieg ge- kommen, in dem die Bürgerſchaft ſich dem Adel gewachſen zeigte, bis das Eingreifen des Königs den Frieden herſtellte. Um die Gegenſätze nicht neu zu wecken, hatte Heinrich III. (1045) zum Erzbiſchof nicht, wie üblich, einen Angehörigen der ſtädtiſchen Herrenklaſſe beſtellt, ſon- dern einen Landgeiſtlichen aus niederem Adel namens Wido, der ſich aber weder an Bildung noch an Willensſtärke ſeiner ſchwierigen Auf- gabe gewachſen zeigte. Solange Heinrich lebte, erhielt ſeine Autorität den Frieden, nach ſeinem Tode brach der Zwieſpalt der Stände offen aus. Das Feld aber, auf dem die Kräfte ſich jetzt maßen, war die Kirche. Sie trug in Mailand reiner als irgendwo ſonſt den ariſtokratiſchen Charakter, der die Geſellſchaft des frühen Mittelalters kennzeichnet. Die Geiſtlichkeit, zahlreich, wohlhabend, gebildet, ergänzte ſich aus den höheren Ständen, Adel und Ritterſchaft, von denen ihre Mitglieder ſich in der Lebensführung nicht immer unterſchieden, zumal da ſie im allgemeinen verheiratet waren. Unvermeidlich mußte alſo die Auf- lehnung der Bürger gegen die Herrſchaft des Adels ſich auch gegen die Geiſtlichkeit richten, während im Klerus, der dem ſtreng kirchlichen Urteil ſo breite Angriffsflächen bot, zugleich die herrſchende Ariſtokratie getroffen wurde. Jn den Zündſtoff für eine kirchlich-ſoziale Revolution, der da bereitlag, fiel der Funke, der ihn zur Flamme anfachte, in Geſtalt des Eheverbots Leos IX. Es wurde, da die Geiſtlichen es nicht beachteten, zur Loſung einer Volksempörung, als deren Führer, wie ſo oft in ähn- lichen Fällen, zwei Männer der höheren Stände auftraten, aus der Ritterſchaft der Diakon Ariald und aus dem Hochadel der Subdiakon Landulf. Mit allen Gaben des Demagogen ausgeſtattet, führten ſie die Maſſen, dabei die Hefe des Proletariats — Mailand war der Sitz einer blühenden Waffeninduſtrie — zur Verfolgung der verheirateten Prieſter. Auf Überfälle, Mißhandlungen Einzelner, Plünderung der Häuſer und erzwungene Verpflichtungen zur Eheloſigkeit folgten An- griffe auf die Kirchen und ſchließlich eine allgemeine Hetze, die mit der

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 307. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/316>, abgerufen am 19.09.2020.