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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Sonstige Gesetze
umsonst noch gegen Entgelt. Aber bei genauerem Zusehen findet man,
daß Humbert damit nicht zufrieden sein konnte. Die Vorschrift enthielt
keine Strafe für Zuwiderhandeln, war also unvollständig, eine lex
imperfecta
, und darum voraussichtlich unwirksam. Es fällt auch auf,
daß Nikolaus II. in dem Rundschreiben an die französischen Bischöfe,
in dem er die Beschlüsse der Synode verkündigte, diesen Punkt mit
Stillschweigen überging. Augenscheinlich sind Papst und Synode vor
dem Äußersten zurückgeschreckt; sie begnügten sich mit einer allgemeinen
Erklärung, der sie praktische Folgen zu geben sich scheuten, und Hum-
bert ist mit seiner radikalen Forderung unterlegen.

Aber auch so, wie er lautete, bewies der Satz, neben dem Verbot,
die Messen beweibter Priester zu hören, daß in der Kirche des Abend-
lands die Revolution von oben ausgerufen war. Man stelle sich vor,
was es bedeutete, wenn von nun an wirklich keine Kirche, keine Pfarre,
kein Bistum oder Kloster mehr von einem Laien hätte vergeben werden
können. Sehen wir ab von den Folgen -- über sie wird später zu reden
sein -- die das für Verfassung und Regierung der Staaten haben
mußte: der gesamte Stand der Grundherren in allen Ländern hätte
ein wertvolles Recht, das er seit Menschenaltern besaß und übte, das
einen erheblichen Teil seines Erbguts und seiner Stellung in der Ge-
sellschaft ausmachte, ohne jeden Ersatz, jede Entschädigung verloren.
Und was sollte an die Stelle treten? Für Bistümer und Klöster mochte
das alte Recht der Gemeindewahl ohne weiteres wieder allein in Geltung
sein, aber was sollte mit den unzähligen Pfarrkirchen geschehen, die seit
Menschengedenken von ihren Stiftern und deren Erben verliehen zu
werden pflegten? Jn einem Gesetz, bei dem man auf praktische An-
wendung rechnete, durfte eine Bestimmung hierüber nicht fehlen. Wenn
der Beschluß der römischen Synode keine enthielt, so war er eben nicht
so sehr als praktische Maßregel wie als grundsätzliche Erklärung ge-
dacht, als solche freilich von größter Bedeutung. Das Papsttum hatte
die Umwälzung, den Umsturz der geltenden Kirchenverfassung zwar noch
nicht wirklich unternommen, aber in aller Öffentlichkeit sich grundsätz-
lich dazu bekannt.

Als dies in Rom geschah, hatte an anderm Ort die kirchliche Revo-
lution von unten schon begonnen. Jn Mailand war sie seit einiger Zeit
in vollem Gange. Mehr und mehr hatte die große und blühende Stadt
sich über die alte Königsstadt Pavia zur wirklichen Hauptstadt der Lom-

Sonſtige Geſetze
umſonſt noch gegen Entgelt. Aber bei genauerem Zuſehen findet man,
daß Humbert damit nicht zufrieden ſein konnte. Die Vorſchrift enthielt
keine Strafe für Zuwiderhandeln, war alſo unvollſtändig, eine lex
imperfecta
, und darum vorausſichtlich unwirkſam. Es fällt auch auf,
daß Nikolaus II. in dem Rundſchreiben an die franzöſiſchen Biſchöfe,
in dem er die Beſchlüſſe der Synode verkündigte, dieſen Punkt mit
Stillſchweigen überging. Augenſcheinlich ſind Papſt und Synode vor
dem Äußerſten zurückgeſchreckt; ſie begnügten ſich mit einer allgemeinen
Erklärung, der ſie praktiſche Folgen zu geben ſich ſcheuten, und Hum-
bert iſt mit ſeiner radikalen Forderung unterlegen.

Aber auch ſo, wie er lautete, bewies der Satz, neben dem Verbot,
die Meſſen beweibter Prieſter zu hören, daß in der Kirche des Abend-
lands die Revolution von oben ausgerufen war. Man ſtelle ſich vor,
was es bedeutete, wenn von nun an wirklich keine Kirche, keine Pfarre,
kein Bistum oder Kloſter mehr von einem Laien hätte vergeben werden
können. Sehen wir ab von den Folgen — über ſie wird ſpäter zu reden
ſein — die das für Verfaſſung und Regierung der Staaten haben
mußte: der geſamte Stand der Grundherren in allen Ländern hätte
ein wertvolles Recht, das er ſeit Menſchenaltern beſaß und übte, das
einen erheblichen Teil ſeines Erbguts und ſeiner Stellung in der Ge-
ſellſchaft ausmachte, ohne jeden Erſatz, jede Entſchädigung verloren.
Und was ſollte an die Stelle treten? Für Bistümer und Klöſter mochte
das alte Recht der Gemeindewahl ohne weiteres wieder allein in Geltung
ſein, aber was ſollte mit den unzähligen Pfarrkirchen geſchehen, die ſeit
Menſchengedenken von ihren Stiftern und deren Erben verliehen zu
werden pflegten? Jn einem Geſetz, bei dem man auf praktiſche An-
wendung rechnete, durfte eine Beſtimmung hierüber nicht fehlen. Wenn
der Beſchluß der römiſchen Synode keine enthielt, ſo war er eben nicht
ſo ſehr als praktiſche Maßregel wie als grundſätzliche Erklärung ge-
dacht, als ſolche freilich von größter Bedeutung. Das Papſttum hatte
die Umwälzung, den Umſturz der geltenden Kirchenverfaſſung zwar noch
nicht wirklich unternommen, aber in aller Öffentlichkeit ſich grundſätz-
lich dazu bekannt.

Als dies in Rom geſchah, hatte an anderm Ort die kirchliche Revo-
lution von unten ſchon begonnen. Jn Mailand war ſie ſeit einiger Zeit
in vollem Gange. Mehr und mehr hatte die große und blühende Stadt
ſich über die alte Königsſtadt Pavia zur wirklichen Hauptſtadt der Lom-

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[306/0315] Sonſtige Geſetze umſonſt noch gegen Entgelt. Aber bei genauerem Zuſehen findet man, daß Humbert damit nicht zufrieden ſein konnte. Die Vorſchrift enthielt keine Strafe für Zuwiderhandeln, war alſo unvollſtändig, eine lex imperfecta, und darum vorausſichtlich unwirkſam. Es fällt auch auf, daß Nikolaus II. in dem Rundſchreiben an die franzöſiſchen Biſchöfe, in dem er die Beſchlüſſe der Synode verkündigte, dieſen Punkt mit Stillſchweigen überging. Augenſcheinlich ſind Papſt und Synode vor dem Äußerſten zurückgeſchreckt; ſie begnügten ſich mit einer allgemeinen Erklärung, der ſie praktiſche Folgen zu geben ſich ſcheuten, und Hum- bert iſt mit ſeiner radikalen Forderung unterlegen. Aber auch ſo, wie er lautete, bewies der Satz, neben dem Verbot, die Meſſen beweibter Prieſter zu hören, daß in der Kirche des Abend- lands die Revolution von oben ausgerufen war. Man ſtelle ſich vor, was es bedeutete, wenn von nun an wirklich keine Kirche, keine Pfarre, kein Bistum oder Kloſter mehr von einem Laien hätte vergeben werden können. Sehen wir ab von den Folgen — über ſie wird ſpäter zu reden ſein — die das für Verfaſſung und Regierung der Staaten haben mußte: der geſamte Stand der Grundherren in allen Ländern hätte ein wertvolles Recht, das er ſeit Menſchenaltern beſaß und übte, das einen erheblichen Teil ſeines Erbguts und ſeiner Stellung in der Ge- ſellſchaft ausmachte, ohne jeden Erſatz, jede Entſchädigung verloren. Und was ſollte an die Stelle treten? Für Bistümer und Klöſter mochte das alte Recht der Gemeindewahl ohne weiteres wieder allein in Geltung ſein, aber was ſollte mit den unzähligen Pfarrkirchen geſchehen, die ſeit Menſchengedenken von ihren Stiftern und deren Erben verliehen zu werden pflegten? Jn einem Geſetz, bei dem man auf praktiſche An- wendung rechnete, durfte eine Beſtimmung hierüber nicht fehlen. Wenn der Beſchluß der römiſchen Synode keine enthielt, ſo war er eben nicht ſo ſehr als praktiſche Maßregel wie als grundſätzliche Erklärung ge- dacht, als ſolche freilich von größter Bedeutung. Das Papſttum hatte die Umwälzung, den Umſturz der geltenden Kirchenverfaſſung zwar noch nicht wirklich unternommen, aber in aller Öffentlichkeit ſich grundſätz- lich dazu bekannt. Als dies in Rom geſchah, hatte an anderm Ort die kirchliche Revo- lution von unten ſchon begonnen. Jn Mailand war ſie ſeit einiger Zeit in vollem Gange. Mehr und mehr hatte die große und blühende Stadt ſich über die alte Königsſtadt Pavia zur wirklichen Hauptſtadt der Lom-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 306. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/315>, abgerufen am 19.09.2020.