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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Sonstige Gesetze
als man ihm noch im jüngsten Fall eingeräumt hatte. Erst nachdem sie
sich des Einverständnisses der deutschen Regierung versichert hatten,
waren die Kardinäle zur förmlichen Wahl geschritten, die Kaiserin
als Regentin hatte, wenn auch keineswegs die Stellung ihres Gemahls
behauptet, so doch immerhin ihren Platz unter den Erstwählern ein-
genommen. Ob das künftig so bleiben sollte, erschien zweifelhaft, wenn
man die Ausdrücke wog. Jn seiner unbestimmten Fassung sollte der
Satz gegenüber etwaigen Beschwerden des deutschen Hofes Deckung
bieten. Noch wagte man nicht, das Recht des Kaisers beiseitezuschieben,
mit der Zeit aber konnte und sollte es ganz verschwinden. Also auch hier
Neuerung, Beseitigung bestehenden Rechts, Revolution.

Als Urheber und Verfasser des Wahlgesetzes verrät sich Humbert.
Seiner Abhandlung gegen die Simonisten ist es in Gedanken und Aus-
drucksweise eng verwandt, sein Einfluß muß also groß gewesen sein.
Dennoch hat er die Synode nicht beherrscht und nicht alles durchsetzen
können, was wir als sein Programm kennen. Jn seinem Sinn war
es sicherlich, daß und wie jetzt schärfer als bisher gegen die Priesterehe
eingeschritten wurde. Den Geistlichen, die seit dem Verbot Leos IX.
öffentlich mit einer Frau gelebt hatten, wurde die Ausübung ihres
Amtes bis zum Urteilsspruch des Papstes untersagt, den übrigen ge-
meinsames Wohnen zur Pflicht gemacht als sicherster Schutz gegen
Verfehlungen. Wenn sodann den Laien verboten wurde, die Messe
eines beweibten Priesters zu hören, so entsprach auch das dem Ge-
danken Humberts, die Laien gegen den pflichtvergessenen Klerus auf-
zubieten. Ebenso wird ihn das Verbot, daß Laien über Geistliche zu
Gericht säßen, befriedigt haben. Jn anderer Beziehung blieben die
Beschlüsse hinter dem zurück, was er gefordert hatte. Jn der Frage
der Weihen von Simonisten hat er seinen Standpunkt nicht durch-
setzen können. Wir wissen, daß er sie für schlechthin nichtig erklärt
wissen wollte. Der Papst aber entschied "in Anbetracht der Not der
Zeit und ohne daraus eine Regel für die Zukunft zu machen: Da das
Gift der Simonie so tief eingedrungen ist, daß kaum eine Kirche ge-
funden wird, die von dieser Seuche nicht angesteckt wäre, so sind die
von Simonisten geweihten Geistlichen begnadigt." Es konnte ferner
wie die Erfüllung des hauptsächlichsten Punktes in Humberts Pro-
gramm klingen, wenn die Synode verfügte, daß kein Geistlicher, kein
Priester eine Kirche aus der Hand eines Laien annehmen dürfe, weder

Haller, Das Papsttum II1 20

Sonſtige Geſetze
als man ihm noch im jüngſten Fall eingeräumt hatte. Erſt nachdem ſie
ſich des Einverſtändniſſes der deutſchen Regierung verſichert hatten,
waren die Kardinäle zur förmlichen Wahl geſchritten, die Kaiſerin
als Regentin hatte, wenn auch keineswegs die Stellung ihres Gemahls
behauptet, ſo doch immerhin ihren Platz unter den Erſtwählern ein-
genommen. Ob das künftig ſo bleiben ſollte, erſchien zweifelhaft, wenn
man die Ausdrücke wog. Jn ſeiner unbeſtimmten Faſſung ſollte der
Satz gegenüber etwaigen Beſchwerden des deutſchen Hofes Deckung
bieten. Noch wagte man nicht, das Recht des Kaiſers beiſeitezuſchieben,
mit der Zeit aber konnte und ſollte es ganz verſchwinden. Alſo auch hier
Neuerung, Beſeitigung beſtehenden Rechts, Revolution.

Als Urheber und Verfaſſer des Wahlgeſetzes verrät ſich Humbert.
Seiner Abhandlung gegen die Simoniſten iſt es in Gedanken und Aus-
drucksweiſe eng verwandt, ſein Einfluß muß alſo groß geweſen ſein.
Dennoch hat er die Synode nicht beherrſcht und nicht alles durchſetzen
können, was wir als ſein Programm kennen. Jn ſeinem Sinn war
es ſicherlich, daß und wie jetzt ſchärfer als bisher gegen die Prieſterehe
eingeſchritten wurde. Den Geiſtlichen, die ſeit dem Verbot Leos IX.
öffentlich mit einer Frau gelebt hatten, wurde die Ausübung ihres
Amtes bis zum Urteilsſpruch des Papſtes unterſagt, den übrigen ge-
meinſames Wohnen zur Pflicht gemacht als ſicherſter Schutz gegen
Verfehlungen. Wenn ſodann den Laien verboten wurde, die Meſſe
eines beweibten Prieſters zu hören, ſo entſprach auch das dem Ge-
danken Humberts, die Laien gegen den pflichtvergeſſenen Klerus auf-
zubieten. Ebenſo wird ihn das Verbot, daß Laien über Geiſtliche zu
Gericht ſäßen, befriedigt haben. Jn anderer Beziehung blieben die
Beſchlüſſe hinter dem zurück, was er gefordert hatte. Jn der Frage
der Weihen von Simoniſten hat er ſeinen Standpunkt nicht durch-
ſetzen können. Wir wiſſen, daß er ſie für ſchlechthin nichtig erklärt
wiſſen wollte. Der Papſt aber entſchied „in Anbetracht der Not der
Zeit und ohne daraus eine Regel für die Zukunft zu machen: Da das
Gift der Simonie ſo tief eingedrungen iſt, daß kaum eine Kirche ge-
funden wird, die von dieſer Seuche nicht angeſteckt wäre, ſo ſind die
von Simoniſten geweihten Geiſtlichen begnadigt.“ Es konnte ferner
wie die Erfüllung des hauptſächlichſten Punktes in Humberts Pro-
gramm klingen, wenn die Synode verfügte, daß kein Geiſtlicher, kein
Prieſter eine Kirche aus der Hand eines Laien annehmen dürfe, weder

Haller, Das Papſttum II1 20
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[305/0314] Sonſtige Geſetze als man ihm noch im jüngſten Fall eingeräumt hatte. Erſt nachdem ſie ſich des Einverſtändniſſes der deutſchen Regierung verſichert hatten, waren die Kardinäle zur förmlichen Wahl geſchritten, die Kaiſerin als Regentin hatte, wenn auch keineswegs die Stellung ihres Gemahls behauptet, ſo doch immerhin ihren Platz unter den Erſtwählern ein- genommen. Ob das künftig ſo bleiben ſollte, erſchien zweifelhaft, wenn man die Ausdrücke wog. Jn ſeiner unbeſtimmten Faſſung ſollte der Satz gegenüber etwaigen Beſchwerden des deutſchen Hofes Deckung bieten. Noch wagte man nicht, das Recht des Kaiſers beiſeitezuſchieben, mit der Zeit aber konnte und ſollte es ganz verſchwinden. Alſo auch hier Neuerung, Beſeitigung beſtehenden Rechts, Revolution. Als Urheber und Verfaſſer des Wahlgeſetzes verrät ſich Humbert. Seiner Abhandlung gegen die Simoniſten iſt es in Gedanken und Aus- drucksweiſe eng verwandt, ſein Einfluß muß alſo groß geweſen ſein. Dennoch hat er die Synode nicht beherrſcht und nicht alles durchſetzen können, was wir als ſein Programm kennen. Jn ſeinem Sinn war es ſicherlich, daß und wie jetzt ſchärfer als bisher gegen die Prieſterehe eingeſchritten wurde. Den Geiſtlichen, die ſeit dem Verbot Leos IX. öffentlich mit einer Frau gelebt hatten, wurde die Ausübung ihres Amtes bis zum Urteilsſpruch des Papſtes unterſagt, den übrigen ge- meinſames Wohnen zur Pflicht gemacht als ſicherſter Schutz gegen Verfehlungen. Wenn ſodann den Laien verboten wurde, die Meſſe eines beweibten Prieſters zu hören, ſo entſprach auch das dem Ge- danken Humberts, die Laien gegen den pflichtvergeſſenen Klerus auf- zubieten. Ebenſo wird ihn das Verbot, daß Laien über Geiſtliche zu Gericht ſäßen, befriedigt haben. Jn anderer Beziehung blieben die Beſchlüſſe hinter dem zurück, was er gefordert hatte. Jn der Frage der Weihen von Simoniſten hat er ſeinen Standpunkt nicht durch- ſetzen können. Wir wiſſen, daß er ſie für ſchlechthin nichtig erklärt wiſſen wollte. Der Papſt aber entſchied „in Anbetracht der Not der Zeit und ohne daraus eine Regel für die Zukunft zu machen: Da das Gift der Simonie ſo tief eingedrungen iſt, daß kaum eine Kirche ge- funden wird, die von dieſer Seuche nicht angeſteckt wäre, ſo ſind die von Simoniſten geweihten Geiſtlichen begnadigt.“ Es konnte ferner wie die Erfüllung des hauptſächlichſten Punktes in Humberts Pro- gramm klingen, wenn die Synode verfügte, daß kein Geiſtlicher, kein Prieſter eine Kirche aus der Hand eines Laien annehmen dürfe, weder Haller, Das Papſttum II1 20

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 305. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/314>, abgerufen am 20.09.2020.