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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Wahlordnung von 1059
gemein, es war Neuerung, und zwar Neuerung mit bestimmtem, augen-
blicklichem Zweck. Durch die Verhältnisse gefordert, war es allerdings
eine Notwendigkeit, wenn die Partei, die im letzten Wahlkampf ge-
siegt hatte, die Herrschaft behalten sollte. Wollten die Kardinäle, eine
Gruppe von meist Fremden in Rom, sich an ihrem Platz behaupten
und ihre Richtung zum Siege führen, so konnten sie die Wahl nicht
unter allen Umständen der Menge der Einheimischen überlassen, die sie
nicht beherrschten, sie mußten sich die Möglichkeit sichern, sie selbst in
die Hand zu nehmen und sie nach Bedarf auch außerhalb Roms an jedem
beliebigen Ort zu vollziehen. Das überlieferte Recht bot dafür keine
Handhabe; daß man nicht davor zurückwich, es abzuändern, kennzeichnet
seine Urheber als das, was sie waren, als Revolutionäre. Um jeden
Zweifel am Charakter der Maßregel zu zerstreuen, genügt es festzu-
stellen, daß die Wahlvorschriften von 1059 niemals beachtet worden
sind. Sie hatten ihren Zweck erfüllt, indem sie der Erhebung Nikolaus' II.
nachträglich den Schein der Rechtmäßigkeit verliehen. Dagegen trat
schon bald der Fall ein, daß sie als unbequem empfunden wurden. Da
hat denn einer der eifrigsten Reformer sich nicht gescheut, sie als wider-
rechtlich, weil im Widerspruch zur alten Ordnung, zu verwerfen und
den Papst, der sie verkündigt hatte, offen zu tadeln.

An der Erhebung Nikolaus' II. war der deutsche König beteiligt
gewesen. Auch in der neuen Wahlordnung wurde seines Rechtes ge-
dacht, aber die Art, wie es geschah, ließ wenig davon bestehen. "Unter
Vorbehalt", hieß es dort, "der Würde und Verehrung (honor et
reverentia
) Heinrichs, des jetzigen Königs und künftigen Kaisers, wie
wir sie ihm jüngst eingeräumt haben, und seiner Nachfolger, die für
ihre Person vom apostolischen Stuhl dieses Recht erlangt haben
werden." Worin es bestehe, war nirgends gesagt; das Recht, das Hein-
rich III. vom römischen Volk für sich und seinen Sohn erhalten hatte,
war es keinesfalls. Vom Patritiat, der Stadtherrschaft, aus der die
Befugnis, den Papst zu bestimmen, sich ergab, war mit keinem Wort
die Rede; der Anteil des Kaisers war zu einer Gunst geworden, die der
Papst verliehen habe und sich für später zu verleihen vorbehielt. Es
wäre allerdings schwer gewesen, das Benennungsrecht des Kaisers und
Patritius mit dem Vorzugswahlrecht der Kardinäle in Einklang zu
bringen. Was ihm blieb, war ein Ehrenrecht, dessen Natur und Grenzen
mit offenkundiger Absicht unklar gelassen wurden. Das war weniger,

Wahlordnung von 1059
gemein, es war Neuerung, und zwar Neuerung mit beſtimmtem, augen-
blicklichem Zweck. Durch die Verhältniſſe gefordert, war es allerdings
eine Notwendigkeit, wenn die Partei, die im letzten Wahlkampf ge-
ſiegt hatte, die Herrſchaft behalten ſollte. Wollten die Kardinäle, eine
Gruppe von meiſt Fremden in Rom, ſich an ihrem Platz behaupten
und ihre Richtung zum Siege führen, ſo konnten ſie die Wahl nicht
unter allen Umſtänden der Menge der Einheimiſchen überlaſſen, die ſie
nicht beherrſchten, ſie mußten ſich die Möglichkeit ſichern, ſie ſelbſt in
die Hand zu nehmen und ſie nach Bedarf auch außerhalb Roms an jedem
beliebigen Ort zu vollziehen. Das überlieferte Recht bot dafür keine
Handhabe; daß man nicht davor zurückwich, es abzuändern, kennzeichnet
ſeine Urheber als das, was ſie waren, als Revolutionäre. Um jeden
Zweifel am Charakter der Maßregel zu zerſtreuen, genügt es feſtzu-
ſtellen, daß die Wahlvorſchriften von 1059 niemals beachtet worden
ſind. Sie hatten ihren Zweck erfüllt, indem ſie der Erhebung Nikolaus' II.
nachträglich den Schein der Rechtmäßigkeit verliehen. Dagegen trat
ſchon bald der Fall ein, daß ſie als unbequem empfunden wurden. Da
hat denn einer der eifrigſten Reformer ſich nicht geſcheut, ſie als wider-
rechtlich, weil im Widerſpruch zur alten Ordnung, zu verwerfen und
den Papſt, der ſie verkündigt hatte, offen zu tadeln.

An der Erhebung Nikolaus' II. war der deutſche König beteiligt
geweſen. Auch in der neuen Wahlordnung wurde ſeines Rechtes ge-
dacht, aber die Art, wie es geſchah, ließ wenig davon beſtehen. „Unter
Vorbehalt“, hieß es dort, „der Würde und Verehrung (honor et
reverentia
) Heinrichs, des jetzigen Königs und künftigen Kaiſers, wie
wir ſie ihm jüngſt eingeräumt haben, und ſeiner Nachfolger, die für
ihre Perſon vom apoſtoliſchen Stuhl dieſes Recht erlangt haben
werden.“ Worin es beſtehe, war nirgends geſagt; das Recht, das Hein-
rich III. vom römiſchen Volk für ſich und ſeinen Sohn erhalten hatte,
war es keinesfalls. Vom Patritiat, der Stadtherrſchaft, aus der die
Befugnis, den Papſt zu beſtimmen, ſich ergab, war mit keinem Wort
die Rede; der Anteil des Kaiſers war zu einer Gunſt geworden, die der
Papſt verliehen habe und ſich für ſpäter zu verleihen vorbehielt. Es
wäre allerdings ſchwer geweſen, das Benennungsrecht des Kaiſers und
Patritius mit dem Vorzugswahlrecht der Kardinäle in Einklang zu
bringen. Was ihm blieb, war ein Ehrenrecht, deſſen Natur und Grenzen
mit offenkundiger Abſicht unklar gelaſſen wurden. Das war weniger,

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[304/0313] Wahlordnung von 1059 gemein, es war Neuerung, und zwar Neuerung mit beſtimmtem, augen- blicklichem Zweck. Durch die Verhältniſſe gefordert, war es allerdings eine Notwendigkeit, wenn die Partei, die im letzten Wahlkampf ge- ſiegt hatte, die Herrſchaft behalten ſollte. Wollten die Kardinäle, eine Gruppe von meiſt Fremden in Rom, ſich an ihrem Platz behaupten und ihre Richtung zum Siege führen, ſo konnten ſie die Wahl nicht unter allen Umſtänden der Menge der Einheimiſchen überlaſſen, die ſie nicht beherrſchten, ſie mußten ſich die Möglichkeit ſichern, ſie ſelbſt in die Hand zu nehmen und ſie nach Bedarf auch außerhalb Roms an jedem beliebigen Ort zu vollziehen. Das überlieferte Recht bot dafür keine Handhabe; daß man nicht davor zurückwich, es abzuändern, kennzeichnet ſeine Urheber als das, was ſie waren, als Revolutionäre. Um jeden Zweifel am Charakter der Maßregel zu zerſtreuen, genügt es feſtzu- ſtellen, daß die Wahlvorſchriften von 1059 niemals beachtet worden ſind. Sie hatten ihren Zweck erfüllt, indem ſie der Erhebung Nikolaus' II. nachträglich den Schein der Rechtmäßigkeit verliehen. Dagegen trat ſchon bald der Fall ein, daß ſie als unbequem empfunden wurden. Da hat denn einer der eifrigſten Reformer ſich nicht geſcheut, ſie als wider- rechtlich, weil im Widerſpruch zur alten Ordnung, zu verwerfen und den Papſt, der ſie verkündigt hatte, offen zu tadeln. An der Erhebung Nikolaus' II. war der deutſche König beteiligt geweſen. Auch in der neuen Wahlordnung wurde ſeines Rechtes ge- dacht, aber die Art, wie es geſchah, ließ wenig davon beſtehen. „Unter Vorbehalt“, hieß es dort, „der Würde und Verehrung (honor et reverentia) Heinrichs, des jetzigen Königs und künftigen Kaiſers, wie wir ſie ihm jüngſt eingeräumt haben, und ſeiner Nachfolger, die für ihre Perſon vom apoſtoliſchen Stuhl dieſes Recht erlangt haben werden.“ Worin es beſtehe, war nirgends geſagt; das Recht, das Hein- rich III. vom römiſchen Volk für ſich und ſeinen Sohn erhalten hatte, war es keinesfalls. Vom Patritiat, der Stadtherrſchaft, aus der die Befugnis, den Papſt zu beſtimmen, ſich ergab, war mit keinem Wort die Rede; der Anteil des Kaiſers war zu einer Gunſt geworden, die der Papſt verliehen habe und ſich für ſpäter zu verleihen vorbehielt. Es wäre allerdings ſchwer geweſen, das Benennungsrecht des Kaiſers und Patritius mit dem Vorzugswahlrecht der Kardinäle in Einklang zu bringen. Was ihm blieb, war ein Ehrenrecht, deſſen Natur und Grenzen mit offenkundiger Abſicht unklar gelaſſen wurden. Das war weniger,

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 304. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/313>, abgerufen am 19.09.2020.