Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

Bild:
<< vorherige Seite

Wahlordnung von 1059
geworden war, eine Synode nach Rom. Sie hat um die Mitte des
April stattgefunden und soll nach amtlicher Angabe von 113, nach
andern von 125 Bischöfen, also stärker als jede frühere besucht gewesen
sein. Die Zahlen unterliegen jedoch Bedenken, und es dürfte sich in
Wirklichkeit nur um die übliche römisch-italische Synode gehandelt
haben. Jhre Beschlüsse freilich gehen so weit über den herkömmlichen
Rahmen hinaus, daß man mit Recht in ihr stets eine entscheidende
Wendung der Geschicke gesehen hat.

Jhre erste Aufgabe war, jeden Zweifel an der Rechtmäßigkeit des
nunmehrigen Papstes niederzuschlagen. Es geschah durch Erlaß einer
Wahlordnung, die das Verfahren, dem Nikolaus seine Würde ver-
dankte, unregelmäßig und mit der Überlieferung unvereinbar wie es
war, für die Zukunft zur Regel und Richtschnur machte.

Sie legte das Geschäft in die Hand der Kardinäle, in erster Linie
der Kardinalbischöfe. Unter diesen verstand man die Bischöfe der kleinen
Nachbarstädte Roms, ohne daß bereits festgestanden hätte, wer dazu
gehörte und wer nicht. Sie sollten den zu Wählenden ausfindig machen,
hierauf die Zustimmung zunächst der übrigen Kardinäle, dann erst des
gesamten Klerus und Volkes einholen. Der Gewählte sollte womöglich
der römischen Gemeinde angehören; fände sich dort kein Geeigneter, so
sei er von anderswo zu berufen. Falls eine reine und unbestochene Wahl
in Rom unmöglich sei, so sollten die Kardinalbischöfe befugt sein, sie
anderswo an geeignetem Ort mit frommen Geistlichen und rechtgläubigen
Laien, ob auch nur wenigen, zu vollziehen. Wäre der Gewählte durch
Kriegswirren oder andere Widerstände an der Thronbesteigung ver-
hindert, so dürfte er doch sogleich die Regierung der römischen Kirche
ausüben und über ihre Mittel verfügen. Jede dieser Bestimmungen
entsprach dem, was bei der Erhebung Nikolaus' II. geschehen war: ein
auswärtiger Bischof, außerhalb Roms gewählt durch die Kardinäle
unter Zustimmung einiger weniger Vertreter von Klerus und Volk,
hatte er sogleich die Regierung ergriffen. Das sollte hinfort als Muster
und Vorschrift gelten. Klerus und Volk von Rom, bis dahin gemäß
altkirchlichem Brauch Wähler des Papstes wie jedes andern Bischofs,
waren ihres Wahlrechts beraubt und auf nachträgliche Zustimmung
beschränkt zugunsten einer bevorzugten Gruppe, der Kardinäle, die nun-
mehr als die eigentlichen Wähler galten. Mit dem Recht der alten
Kirche, auf das die Reformer sich so gern beriefen, hatte das nichts

Wahlordnung von 1059
geworden war, eine Synode nach Rom. Sie hat um die Mitte des
April ſtattgefunden und ſoll nach amtlicher Angabe von 113, nach
andern von 125 Biſchöfen, alſo ſtärker als jede frühere beſucht geweſen
ſein. Die Zahlen unterliegen jedoch Bedenken, und es dürfte ſich in
Wirklichkeit nur um die übliche römiſch-italiſche Synode gehandelt
haben. Jhre Beſchlüſſe freilich gehen ſo weit über den herkömmlichen
Rahmen hinaus, daß man mit Recht in ihr ſtets eine entſcheidende
Wendung der Geſchicke geſehen hat.

Jhre erſte Aufgabe war, jeden Zweifel an der Rechtmäßigkeit des
nunmehrigen Papſtes niederzuſchlagen. Es geſchah durch Erlaß einer
Wahlordnung, die das Verfahren, dem Nikolaus ſeine Würde ver-
dankte, unregelmäßig und mit der Überlieferung unvereinbar wie es
war, für die Zukunft zur Regel und Richtſchnur machte.

Sie legte das Geſchäft in die Hand der Kardinäle, in erſter Linie
der Kardinalbiſchöfe. Unter dieſen verſtand man die Biſchöfe der kleinen
Nachbarſtädte Roms, ohne daß bereits feſtgeſtanden hätte, wer dazu
gehörte und wer nicht. Sie ſollten den zu Wählenden ausfindig machen,
hierauf die Zuſtimmung zunächſt der übrigen Kardinäle, dann erſt des
geſamten Klerus und Volkes einholen. Der Gewählte ſollte womöglich
der römiſchen Gemeinde angehören; fände ſich dort kein Geeigneter, ſo
ſei er von anderswo zu berufen. Falls eine reine und unbeſtochene Wahl
in Rom unmöglich ſei, ſo ſollten die Kardinalbiſchöfe befugt ſein, ſie
anderswo an geeignetem Ort mit frommen Geiſtlichen und rechtgläubigen
Laien, ob auch nur wenigen, zu vollziehen. Wäre der Gewählte durch
Kriegswirren oder andere Widerſtände an der Thronbeſteigung ver-
hindert, ſo dürfte er doch ſogleich die Regierung der römiſchen Kirche
ausüben und über ihre Mittel verfügen. Jede dieſer Beſtimmungen
entſprach dem, was bei der Erhebung Nikolaus' II. geſchehen war: ein
auswärtiger Biſchof, außerhalb Roms gewählt durch die Kardinäle
unter Zuſtimmung einiger weniger Vertreter von Klerus und Volk,
hatte er ſogleich die Regierung ergriffen. Das ſollte hinfort als Muſter
und Vorſchrift gelten. Klerus und Volk von Rom, bis dahin gemäß
altkirchlichem Brauch Wähler des Papſtes wie jedes andern Biſchofs,
waren ihres Wahlrechts beraubt und auf nachträgliche Zuſtimmung
beſchränkt zugunſten einer bevorzugten Gruppe, der Kardinäle, die nun-
mehr als die eigentlichen Wähler galten. Mit dem Recht der alten
Kirche, auf das die Reformer ſich ſo gern beriefen, hatte das nichts

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0312" n="303"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Wahlordnung von 1059</hi></fw><lb/>
geworden war, eine Synode nach Rom. Sie hat um die Mitte des<lb/>
April &#x017F;tattgefunden und &#x017F;oll nach amtlicher Angabe von 113, nach<lb/>
andern von 125 Bi&#x017F;chöfen, al&#x017F;o &#x017F;tärker als jede frühere be&#x017F;ucht gewe&#x017F;en<lb/>
&#x017F;ein. Die Zahlen unterliegen jedoch Bedenken, und es dürfte &#x017F;ich in<lb/>
Wirklichkeit nur um die übliche römi&#x017F;ch-itali&#x017F;che Synode gehandelt<lb/>
haben. Jhre Be&#x017F;chlü&#x017F;&#x017F;e freilich gehen &#x017F;o weit über den herkömmlichen<lb/>
Rahmen hinaus, daß man mit Recht in ihr &#x017F;tets eine ent&#x017F;cheidende<lb/>
Wendung der Ge&#x017F;chicke ge&#x017F;ehen hat.</p><lb/>
          <p>Jhre er&#x017F;te Aufgabe war, jeden Zweifel an der Rechtmäßigkeit des<lb/>
nunmehrigen Pap&#x017F;tes niederzu&#x017F;chlagen. Es ge&#x017F;chah durch Erlaß einer<lb/>
Wahlordnung, die das Verfahren, dem Nikolaus &#x017F;eine Würde ver-<lb/>
dankte, unregelmäßig und mit der Überlieferung unvereinbar wie es<lb/>
war, für die Zukunft zur Regel und Richt&#x017F;chnur machte.</p><lb/>
          <p>Sie legte das Ge&#x017F;chäft in die Hand der Kardinäle, in er&#x017F;ter Linie<lb/>
der Kardinalbi&#x017F;chöfe. Unter die&#x017F;en ver&#x017F;tand man die Bi&#x017F;chöfe der kleinen<lb/>
Nachbar&#x017F;tädte Roms, ohne daß bereits fe&#x017F;tge&#x017F;tanden hätte, wer dazu<lb/>
gehörte und wer nicht. Sie &#x017F;ollten den zu Wählenden ausfindig machen,<lb/>
hierauf die Zu&#x017F;timmung zunäch&#x017F;t der übrigen Kardinäle, dann er&#x017F;t des<lb/>
ge&#x017F;amten Klerus und Volkes einholen. Der Gewählte &#x017F;ollte womöglich<lb/>
der römi&#x017F;chen Gemeinde angehören; fände &#x017F;ich dort kein Geeigneter, &#x017F;o<lb/>
&#x017F;ei er von anderswo zu berufen. Falls eine reine und unbe&#x017F;tochene Wahl<lb/>
in Rom unmöglich &#x017F;ei, &#x017F;o &#x017F;ollten die Kardinalbi&#x017F;chöfe befugt &#x017F;ein, &#x017F;ie<lb/>
anderswo an geeignetem Ort mit frommen Gei&#x017F;tlichen und rechtgläubigen<lb/>
Laien, ob auch nur wenigen, zu vollziehen. Wäre der Gewählte durch<lb/>
Kriegswirren oder andere Wider&#x017F;tände an der Thronbe&#x017F;teigung ver-<lb/>
hindert, &#x017F;o dürfte er doch &#x017F;ogleich die Regierung der römi&#x017F;chen Kirche<lb/>
ausüben und über ihre Mittel verfügen. Jede die&#x017F;er Be&#x017F;timmungen<lb/>
ent&#x017F;prach dem, was bei der Erhebung Nikolaus' <hi rendition="#aq">II</hi>. ge&#x017F;chehen war: ein<lb/>
auswärtiger Bi&#x017F;chof, außerhalb Roms gewählt durch die Kardinäle<lb/>
unter Zu&#x017F;timmung einiger weniger Vertreter von Klerus und Volk,<lb/>
hatte er &#x017F;ogleich die Regierung ergriffen. Das &#x017F;ollte hinfort als Mu&#x017F;ter<lb/>
und Vor&#x017F;chrift gelten. Klerus und Volk von Rom, bis dahin gemäß<lb/>
altkirchlichem Brauch Wähler des Pap&#x017F;tes wie jedes andern Bi&#x017F;chofs,<lb/>
waren ihres Wahlrechts beraubt und auf nachträgliche Zu&#x017F;timmung<lb/>
be&#x017F;chränkt zugun&#x017F;ten einer bevorzugten Gruppe, der Kardinäle, die nun-<lb/>
mehr als die eigentlichen Wähler galten. Mit dem Recht der alten<lb/>
Kirche, auf das die Reformer &#x017F;ich &#x017F;o gern beriefen, hatte das nichts<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[303/0312] Wahlordnung von 1059 geworden war, eine Synode nach Rom. Sie hat um die Mitte des April ſtattgefunden und ſoll nach amtlicher Angabe von 113, nach andern von 125 Biſchöfen, alſo ſtärker als jede frühere beſucht geweſen ſein. Die Zahlen unterliegen jedoch Bedenken, und es dürfte ſich in Wirklichkeit nur um die übliche römiſch-italiſche Synode gehandelt haben. Jhre Beſchlüſſe freilich gehen ſo weit über den herkömmlichen Rahmen hinaus, daß man mit Recht in ihr ſtets eine entſcheidende Wendung der Geſchicke geſehen hat. Jhre erſte Aufgabe war, jeden Zweifel an der Rechtmäßigkeit des nunmehrigen Papſtes niederzuſchlagen. Es geſchah durch Erlaß einer Wahlordnung, die das Verfahren, dem Nikolaus ſeine Würde ver- dankte, unregelmäßig und mit der Überlieferung unvereinbar wie es war, für die Zukunft zur Regel und Richtſchnur machte. Sie legte das Geſchäft in die Hand der Kardinäle, in erſter Linie der Kardinalbiſchöfe. Unter dieſen verſtand man die Biſchöfe der kleinen Nachbarſtädte Roms, ohne daß bereits feſtgeſtanden hätte, wer dazu gehörte und wer nicht. Sie ſollten den zu Wählenden ausfindig machen, hierauf die Zuſtimmung zunächſt der übrigen Kardinäle, dann erſt des geſamten Klerus und Volkes einholen. Der Gewählte ſollte womöglich der römiſchen Gemeinde angehören; fände ſich dort kein Geeigneter, ſo ſei er von anderswo zu berufen. Falls eine reine und unbeſtochene Wahl in Rom unmöglich ſei, ſo ſollten die Kardinalbiſchöfe befugt ſein, ſie anderswo an geeignetem Ort mit frommen Geiſtlichen und rechtgläubigen Laien, ob auch nur wenigen, zu vollziehen. Wäre der Gewählte durch Kriegswirren oder andere Widerſtände an der Thronbeſteigung ver- hindert, ſo dürfte er doch ſogleich die Regierung der römiſchen Kirche ausüben und über ihre Mittel verfügen. Jede dieſer Beſtimmungen entſprach dem, was bei der Erhebung Nikolaus' II. geſchehen war: ein auswärtiger Biſchof, außerhalb Roms gewählt durch die Kardinäle unter Zuſtimmung einiger weniger Vertreter von Klerus und Volk, hatte er ſogleich die Regierung ergriffen. Das ſollte hinfort als Muſter und Vorſchrift gelten. Klerus und Volk von Rom, bis dahin gemäß altkirchlichem Brauch Wähler des Papſtes wie jedes andern Biſchofs, waren ihres Wahlrechts beraubt und auf nachträgliche Zuſtimmung beſchränkt zugunſten einer bevorzugten Gruppe, der Kardinäle, die nun- mehr als die eigentlichen Wähler galten. Mit dem Recht der alten Kirche, auf das die Reformer ſich ſo gern beriefen, hatte das nichts

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/312
Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 303. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/312>, abgerufen am 19.09.2020.