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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Nikolaus' II. Regierungsantritt
weil er hier das bestätigt und beglaubigt fand, was er wollte und er-
strebte. Hinkmar und Gerbert hatten den Fälscher verworfen, weil er
ihnen im Wege war, unvereinbar mit ihren Vorstellungen von der
richtigen Ordnung der Kirche, die sie zu besitzen meinten und erhalten
wollten. Humbert und seine Genossen verabscheuten die bestehende Ord-
nung und suchten nach einer besseren. Jm Pseudoisidor glaubten sie
den Wegweiser zu ihr zu finden und griffen zu. Sie machten ihn sich
zu eigen, weil sie ihn brauchten. So kamen die Erfindungen eines
Fälschers zu Ehren, die ihre Zeit abgelehnt hatte. Zweihundert Jahre
hatten sie dagelegen, ohne zu wirken, wie das Saatkorn, das seine Zeit
erwartet, um zu keimen und zu sprießen. Die Zeit war gekommen, und
Pseudoisidor wurde die Richtschnur, nach der die Verfassung der Kirche
sich neu gestaltete.

Nikolaus II. war nach der Wahl von Siena, geleitet vom tos-
kanischen Heer, das Herzog Gotfried selbst führte, langsam auf Rom
vorgerückt. Obgleich noch nicht geweiht, hatte er doch schon begonnen,
als Papst zu amtieren, und eine Synode nach Sutri einberufen, die
über Benedikt X. als Eindringling den Fluch aussprach. Der Reichs-
kanzler Jtaliens, Wibert, ein Geistlicher aus Parma, war zugegen.
Welche Rolle dieser Mann dereinst spielen würde, konnte damals
niemand ahnen. Seine Anwesenheit war ein Zeugnis, daß Nikolaus II.
der Papst des deutschen Königs und künftigen Kaisers sei. Das kann
in Rom nicht ohne Wirkung geblieben sein, und Hildebrand, der hier
zum erstenmal selbständig handelnd hervortritt, sorgte für das übrige.
Seine alten Beziehungen benutzend, ließ er durch Leo, den Sohn des
getauften Juden Baruch-Benedikt, Geld unter das Volk verteilen.
Jm Stadtteil jenseits des Tiber, in dem Leo seinen Wohnsitz hatte,
brach daraufhin ein Aufstand aus, ein Teil des Adels schloß sich an, der
Stadtpräfekt wurde gestürzt und durch ein Geschöpf Leos ersetzt.
Benedikt X. sah seinen Anhang schwinden, gab den Widerstand auf
und verließ die Stadt. Während er auf einer Burg nördlich von Rom
Zuflucht fand, konnte Nikolaus am 24. Januar 1059 seinen Einzug
halten, vom Lateran Besitz nehmen und in Sankt Peter die Weihe
empfangen.

Er war nun rechtmäßiger Papst, und um das aller Welt deutlich zu
machen, berief er für die Zeit nach Ostern, wie das seit Leo IX. üblich

Nikolaus' II. Regierungsantritt
weil er hier das beſtätigt und beglaubigt fand, was er wollte und er-
ſtrebte. Hinkmar und Gerbert hatten den Fälſcher verworfen, weil er
ihnen im Wege war, unvereinbar mit ihren Vorſtellungen von der
richtigen Ordnung der Kirche, die ſie zu beſitzen meinten und erhalten
wollten. Humbert und ſeine Genoſſen verabſcheuten die beſtehende Ord-
nung und ſuchten nach einer beſſeren. Jm Pſeudoiſidor glaubten ſie
den Wegweiſer zu ihr zu finden und griffen zu. Sie machten ihn ſich
zu eigen, weil ſie ihn brauchten. So kamen die Erfindungen eines
Fälſchers zu Ehren, die ihre Zeit abgelehnt hatte. Zweihundert Jahre
hatten ſie dagelegen, ohne zu wirken, wie das Saatkorn, das ſeine Zeit
erwartet, um zu keimen und zu ſprießen. Die Zeit war gekommen, und
Pſeudoiſidor wurde die Richtſchnur, nach der die Verfaſſung der Kirche
ſich neu geſtaltete.

Nikolaus II. war nach der Wahl von Siena, geleitet vom tos-
kaniſchen Heer, das Herzog Gotfried ſelbſt führte, langſam auf Rom
vorgerückt. Obgleich noch nicht geweiht, hatte er doch ſchon begonnen,
als Papſt zu amtieren, und eine Synode nach Sutri einberufen, die
über Benedikt X. als Eindringling den Fluch ausſprach. Der Reichs-
kanzler Jtaliens, Wibert, ein Geiſtlicher aus Parma, war zugegen.
Welche Rolle dieſer Mann dereinſt ſpielen würde, konnte damals
niemand ahnen. Seine Anweſenheit war ein Zeugnis, daß Nikolaus II.
der Papſt des deutſchen Königs und künftigen Kaiſers ſei. Das kann
in Rom nicht ohne Wirkung geblieben ſein, und Hildebrand, der hier
zum erſtenmal ſelbſtändig handelnd hervortritt, ſorgte für das übrige.
Seine alten Beziehungen benutzend, ließ er durch Leo, den Sohn des
getauften Juden Baruch-Benedikt, Geld unter das Volk verteilen.
Jm Stadtteil jenſeits des Tiber, in dem Leo ſeinen Wohnſitz hatte,
brach daraufhin ein Aufſtand aus, ein Teil des Adels ſchloß ſich an, der
Stadtpräfekt wurde geſtürzt und durch ein Geſchöpf Leos erſetzt.
Benedikt X. ſah ſeinen Anhang ſchwinden, gab den Widerſtand auf
und verließ die Stadt. Während er auf einer Burg nördlich von Rom
Zuflucht fand, konnte Nikolaus am 24. Januar 1059 ſeinen Einzug
halten, vom Lateran Beſitz nehmen und in Sankt Peter die Weihe
empfangen.

Er war nun rechtmäßiger Papſt, und um das aller Welt deutlich zu
machen, berief er für die Zeit nach Oſtern, wie das ſeit Leo IX. üblich

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[302/0311] Nikolaus' II. Regierungsantritt weil er hier das beſtätigt und beglaubigt fand, was er wollte und er- ſtrebte. Hinkmar und Gerbert hatten den Fälſcher verworfen, weil er ihnen im Wege war, unvereinbar mit ihren Vorſtellungen von der richtigen Ordnung der Kirche, die ſie zu beſitzen meinten und erhalten wollten. Humbert und ſeine Genoſſen verabſcheuten die beſtehende Ord- nung und ſuchten nach einer beſſeren. Jm Pſeudoiſidor glaubten ſie den Wegweiſer zu ihr zu finden und griffen zu. Sie machten ihn ſich zu eigen, weil ſie ihn brauchten. So kamen die Erfindungen eines Fälſchers zu Ehren, die ihre Zeit abgelehnt hatte. Zweihundert Jahre hatten ſie dagelegen, ohne zu wirken, wie das Saatkorn, das ſeine Zeit erwartet, um zu keimen und zu ſprießen. Die Zeit war gekommen, und Pſeudoiſidor wurde die Richtſchnur, nach der die Verfaſſung der Kirche ſich neu geſtaltete. Nikolaus II. war nach der Wahl von Siena, geleitet vom tos- kaniſchen Heer, das Herzog Gotfried ſelbſt führte, langſam auf Rom vorgerückt. Obgleich noch nicht geweiht, hatte er doch ſchon begonnen, als Papſt zu amtieren, und eine Synode nach Sutri einberufen, die über Benedikt X. als Eindringling den Fluch ausſprach. Der Reichs- kanzler Jtaliens, Wibert, ein Geiſtlicher aus Parma, war zugegen. Welche Rolle dieſer Mann dereinſt ſpielen würde, konnte damals niemand ahnen. Seine Anweſenheit war ein Zeugnis, daß Nikolaus II. der Papſt des deutſchen Königs und künftigen Kaiſers ſei. Das kann in Rom nicht ohne Wirkung geblieben ſein, und Hildebrand, der hier zum erſtenmal ſelbſtändig handelnd hervortritt, ſorgte für das übrige. Seine alten Beziehungen benutzend, ließ er durch Leo, den Sohn des getauften Juden Baruch-Benedikt, Geld unter das Volk verteilen. Jm Stadtteil jenſeits des Tiber, in dem Leo ſeinen Wohnſitz hatte, brach daraufhin ein Aufſtand aus, ein Teil des Adels ſchloß ſich an, der Stadtpräfekt wurde geſtürzt und durch ein Geſchöpf Leos erſetzt. Benedikt X. ſah ſeinen Anhang ſchwinden, gab den Widerſtand auf und verließ die Stadt. Während er auf einer Burg nördlich von Rom Zuflucht fand, konnte Nikolaus am 24. Januar 1059 ſeinen Einzug halten, vom Lateran Beſitz nehmen und in Sankt Peter die Weihe empfangen. Er war nun rechtmäßiger Papſt, und um das aller Welt deutlich zu machen, berief er für die Zeit nach Oſtern, wie das ſeit Leo IX. üblich

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 302. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/311>, abgerufen am 19.09.2020.