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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Einfluß Pseudoisidors
die Kirche verfiel und sich selbst untreu wurde: untrüglicher Lehrer und
Richter, unumschränkter Herrscher, dem jeder zu gehorchen habe, der
zur Herde Christi gehören wolle, lebendiger Mittelpunkt und Kraft-
quell für die ganze Kirche, nach allen Seiten wirkend durch Lehre und
Zucht, die Angel, in der die Tür der Kirche sich drehte, wie Humbert
mit Worten Pseudoisidors sich ausgedrückt hatte. Wie viele und kost-
bare, wie heilsame Rechte hatten die Päpste seit Jahrhunderten -- aus
Trägheit und Unwissenheit, sagte Humbert -- unbenutzt gelassen, zum
Schaden der Kirche! War es nicht hohe Zeit, das Versäumte gut-
zumachen, die alte Verfassung wiederherzustellen, das allzulang ver-
gessene Recht des Papsttums wieder zur Geltung zu bringen und mit ihm
die Mißbräuche einer entarteten Zeit hinwegzufegen, damit die Kirche
wieder sei, was sie sein sollte und ursprünglich gewesen war? War
das nicht der sicherste Weg zur Reform, ja recht eigentlich die Wurzel,
aus der sie von selbst erwachsen mußte?

Die Reformer des elften Jahrhunderts brauchten den Pseudoisidor
nicht zu entdecken, wir wissen, daß er außerhalb Roms nicht vergessen
war. Jn Frankreich und Deutschland, in Lothringen besonders hat man
ihn immer gekannt, und viele hatten die Stellen gelesen, die von den
unbegrenzten Rechten des römischen Bischofs handelten. Aber seit bald
zweihundert Jahren war niemand mehr auf den Gedanken gekommen,
daraus praktische Nutzanwendungen zu ziehen und die Wirklichkeit
nach diesen Sätzen gestalten zu wollen. Jm Gegenteil, die Bearbeiter
des Kirchenrechts, Burchard von Worms und andere, hatten den
Pseudoisidor wohl für ihre Zwecke benutzt, seine Lehre vom Papsttum
jedoch stillschweigend beiseitegeschoben. Sie mag ihnen als graue
Theorie erschienen sein, für die im Leben kein Platz war, die einem
angesichts des Zustands, in dem sich Rom befand, auch nichts nützen
konnte. Jetzt wurde es anders. Wenn zwei dasselbe lesen, ist es nicht
dasselbe, und die Reformer um Leo IX. lasen mit andern Augen als
frühere Generationen. Viel gäben wir darum zu wissen, wer es war,
der zuerst im Pseudoisidor mehr sah als eine Sammlung ehrwürdiger,
aber zum Teil veralteter, mit der Wirklichkeit unvereinbarer Texte;
der hier das Heilmittel zu entdecken glaubte, mit dem der Kirche geholfen
werden, die Handhabe, deren er und seinesgleichen sich bedienen könne,
und der entschlossen war, sie zu benutzen. War es Humbert, war es
ein anderer? Wer immer es war, er hat zu Pseudoisidor gegriffen,

Einfluß Pſeudoiſidors
die Kirche verfiel und ſich ſelbſt untreu wurde: untrüglicher Lehrer und
Richter, unumſchränkter Herrſcher, dem jeder zu gehorchen habe, der
zur Herde Chriſti gehören wolle, lebendiger Mittelpunkt und Kraft-
quell für die ganze Kirche, nach allen Seiten wirkend durch Lehre und
Zucht, die Angel, in der die Tür der Kirche ſich drehte, wie Humbert
mit Worten Pſeudoiſidors ſich ausgedrückt hatte. Wie viele und koſt-
bare, wie heilſame Rechte hatten die Päpſte ſeit Jahrhunderten — aus
Trägheit und Unwiſſenheit, ſagte Humbert — unbenutzt gelaſſen, zum
Schaden der Kirche! War es nicht hohe Zeit, das Verſäumte gut-
zumachen, die alte Verfaſſung wiederherzuſtellen, das allzulang ver-
geſſene Recht des Papſttums wieder zur Geltung zu bringen und mit ihm
die Mißbräuche einer entarteten Zeit hinwegzufegen, damit die Kirche
wieder ſei, was ſie ſein ſollte und urſprünglich geweſen war? War
das nicht der ſicherſte Weg zur Reform, ja recht eigentlich die Wurzel,
aus der ſie von ſelbſt erwachſen mußte?

Die Reformer des elften Jahrhunderts brauchten den Pſeudoiſidor
nicht zu entdecken, wir wiſſen, daß er außerhalb Roms nicht vergeſſen
war. Jn Frankreich und Deutſchland, in Lothringen beſonders hat man
ihn immer gekannt, und viele hatten die Stellen geleſen, die von den
unbegrenzten Rechten des römiſchen Biſchofs handelten. Aber ſeit bald
zweihundert Jahren war niemand mehr auf den Gedanken gekommen,
daraus praktiſche Nutzanwendungen zu ziehen und die Wirklichkeit
nach dieſen Sätzen geſtalten zu wollen. Jm Gegenteil, die Bearbeiter
des Kirchenrechts, Burchard von Worms und andere, hatten den
Pſeudoiſidor wohl für ihre Zwecke benutzt, ſeine Lehre vom Papſttum
jedoch ſtillſchweigend beiſeitegeſchoben. Sie mag ihnen als graue
Theorie erſchienen ſein, für die im Leben kein Platz war, die einem
angeſichts des Zuſtands, in dem ſich Rom befand, auch nichts nützen
konnte. Jetzt wurde es anders. Wenn zwei dasſelbe leſen, iſt es nicht
dasſelbe, und die Reformer um Leo IX. laſen mit andern Augen als
frühere Generationen. Viel gäben wir darum zu wiſſen, wer es war,
der zuerſt im Pſeudoiſidor mehr ſah als eine Sammlung ehrwürdiger,
aber zum Teil veralteter, mit der Wirklichkeit unvereinbarer Texte;
der hier das Heilmittel zu entdecken glaubte, mit dem der Kirche geholfen
werden, die Handhabe, deren er und ſeinesgleichen ſich bedienen könne,
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ein anderer? Wer immer es war, er hat zu Pſeudoiſidor gegriffen,

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[301/0310] Einfluß Pſeudoiſidors die Kirche verfiel und ſich ſelbſt untreu wurde: untrüglicher Lehrer und Richter, unumſchränkter Herrſcher, dem jeder zu gehorchen habe, der zur Herde Chriſti gehören wolle, lebendiger Mittelpunkt und Kraft- quell für die ganze Kirche, nach allen Seiten wirkend durch Lehre und Zucht, die Angel, in der die Tür der Kirche ſich drehte, wie Humbert mit Worten Pſeudoiſidors ſich ausgedrückt hatte. Wie viele und koſt- bare, wie heilſame Rechte hatten die Päpſte ſeit Jahrhunderten — aus Trägheit und Unwiſſenheit, ſagte Humbert — unbenutzt gelaſſen, zum Schaden der Kirche! War es nicht hohe Zeit, das Verſäumte gut- zumachen, die alte Verfaſſung wiederherzuſtellen, das allzulang ver- geſſene Recht des Papſttums wieder zur Geltung zu bringen und mit ihm die Mißbräuche einer entarteten Zeit hinwegzufegen, damit die Kirche wieder ſei, was ſie ſein ſollte und urſprünglich geweſen war? War das nicht der ſicherſte Weg zur Reform, ja recht eigentlich die Wurzel, aus der ſie von ſelbſt erwachſen mußte? Die Reformer des elften Jahrhunderts brauchten den Pſeudoiſidor nicht zu entdecken, wir wiſſen, daß er außerhalb Roms nicht vergeſſen war. Jn Frankreich und Deutſchland, in Lothringen beſonders hat man ihn immer gekannt, und viele hatten die Stellen geleſen, die von den unbegrenzten Rechten des römiſchen Biſchofs handelten. Aber ſeit bald zweihundert Jahren war niemand mehr auf den Gedanken gekommen, daraus praktiſche Nutzanwendungen zu ziehen und die Wirklichkeit nach dieſen Sätzen geſtalten zu wollen. Jm Gegenteil, die Bearbeiter des Kirchenrechts, Burchard von Worms und andere, hatten den Pſeudoiſidor wohl für ihre Zwecke benutzt, ſeine Lehre vom Papſttum jedoch ſtillſchweigend beiſeitegeſchoben. Sie mag ihnen als graue Theorie erſchienen ſein, für die im Leben kein Platz war, die einem angeſichts des Zuſtands, in dem ſich Rom befand, auch nichts nützen konnte. Jetzt wurde es anders. Wenn zwei dasſelbe leſen, iſt es nicht dasſelbe, und die Reformer um Leo IX. laſen mit andern Augen als frühere Generationen. Viel gäben wir darum zu wiſſen, wer es war, der zuerſt im Pſeudoiſidor mehr ſah als eine Sammlung ehrwürdiger, aber zum Teil veralteter, mit der Wirklichkeit unvereinbarer Texte; der hier das Heilmittel zu entdecken glaubte, mit dem der Kirche geholfen werden, die Handhabe, deren er und ſeinesgleichen ſich bedienen könne, und der entſchloſſen war, ſie zu benutzen. War es Humbert, war es ein anderer? Wer immer es war, er hat zu Pſeudoiſidor gegriffen,

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 301. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/310>, abgerufen am 19.09.2020.