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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Einfluß Pseudoisidors
schöpft. Zum erstenmal werden hier die Rechte des Papstes an die Spitze
gestellt und mit den Worten bestimmt, die Pseudoisidor erfunden hatte:
daß die römische Kirche ihren Vorrang von Gott allein empfangen
habe, daß sie jedermann nach ihrem Befinden den Himmel öffnen und
schließen könne, daß sie die Mutter aller andern Kirchen sei und diese
sich nach ihr zu richten, ihrem Willen zu gehorchen haben; daß jedermann
ihr Urteil anrufen könne, alle wichtigen Fälle ihrer Entscheidung zu
unterbreiten seien, sie selbst aber von niemand gerichtet werde. Was
vielleicht noch mehr bedeutete, in dieser Zusammenstellung erschien der
gesamte Rechtszustand der Kirche fast ausschließlich auf Erlasse der
römischen Bischöfe gegründet. Neben ihnen treten alle andern Quellen
bis zur Bedeutungslosigkeit zurück, auch die Kanones der Konzilien, die
bis dahin die Grundlage des Kirchenrechts und seine letzte Autorität
gewesen waren. Sie sind verdrängt durch die Dekretalen der Päpste.

Um Pseudoisidor hatte man sich in Rom seit dem Ende des neunten
Jahrhunderts nicht mehr gekümmert, kein Papst hat sich seiner bedient,
er muß dort völlig verschollen gewesen sein. Erst die Franzosen und
Lothringer, die mit Leo IX. herüberkamen, brachten ihn aus ihrer
Heimat mit und sorgten dafür, daß er bekannt wurde. Welchen Ein-
druck mußte es da machen, wenn man aus dem Munde ehrwürdigster,
unanfechtbarster Zeugen, römischer Bischöfe der Märtyrerzeit, die man
längst als heilig zu verehren gewohnt war, allen voran des Apostelschülers
Clemens, wenn man von ihnen erfuhr, wie unbegrenzt die Macht-
vollkommenheit des Papstes gegenüber Synoden und Bischöfen und
der ganzen Kirche einst gewesen sei! Wenn man hörte, daß keine Synode
ohne seine Ermächtigung stattfinden dürfe, kein Beschluß ohne seine
Bestätigung gelte; daß ein Angeklagter jeden Augenblick an ihn Be-
rufung einlegen, er selbst ein schwebendes Verfahren jeden Augenblick
vor seinen Richterstuhl ziehen dürfe; daß, mit einem Wort, jeder Bi-
schof sein unmittelbarer Untergebener und die ganze Welt sein Amts-
sprengel sei so gut wie die Bistümer in seiner nächsten Nachbarschaft.
Wenn man außerdem in der angeblichen Schenkung Konstantins las,
welche außerordentlichen äußeren Ehren ihm gebührten, wie er in Rom
die Stelle des nach dem Osten verzogenen Kaisers einnahm und von
diesem die Herrschaft über Jtalien und die westlichen Länder erhalten
hatte, so stieg aus den Blättern Pseudoisidors ein Bild des Papsttums
empor, wie es angeblich einst gewesen war in der guten alten Zeit, ehe

Einfluß Pſeudoiſidors
ſchöpft. Zum erſtenmal werden hier die Rechte des Papſtes an die Spitze
geſtellt und mit den Worten beſtimmt, die Pſeudoiſidor erfunden hatte:
daß die römiſche Kirche ihren Vorrang von Gott allein empfangen
habe, daß ſie jedermann nach ihrem Befinden den Himmel öffnen und
ſchließen könne, daß ſie die Mutter aller andern Kirchen ſei und dieſe
ſich nach ihr zu richten, ihrem Willen zu gehorchen haben; daß jedermann
ihr Urteil anrufen könne, alle wichtigen Fälle ihrer Entſcheidung zu
unterbreiten ſeien, ſie ſelbſt aber von niemand gerichtet werde. Was
vielleicht noch mehr bedeutete, in dieſer Zuſammenſtellung erſchien der
geſamte Rechtszuſtand der Kirche faſt ausſchließlich auf Erlaſſe der
römiſchen Biſchöfe gegründet. Neben ihnen treten alle andern Quellen
bis zur Bedeutungsloſigkeit zurück, auch die Kanones der Konzilien, die
bis dahin die Grundlage des Kirchenrechts und ſeine letzte Autorität
geweſen waren. Sie ſind verdrängt durch die Dekretalen der Päpſte.

Um Pſeudoiſidor hatte man ſich in Rom ſeit dem Ende des neunten
Jahrhunderts nicht mehr gekümmert, kein Papſt hat ſich ſeiner bedient,
er muß dort völlig verſchollen geweſen ſein. Erſt die Franzoſen und
Lothringer, die mit Leo IX. herüberkamen, brachten ihn aus ihrer
Heimat mit und ſorgten dafür, daß er bekannt wurde. Welchen Ein-
druck mußte es da machen, wenn man aus dem Munde ehrwürdigſter,
unanfechtbarſter Zeugen, römiſcher Biſchöfe der Märtyrerzeit, die man
längſt als heilig zu verehren gewohnt war, allen voran des Apoſtelſchülers
Clemens, wenn man von ihnen erfuhr, wie unbegrenzt die Macht-
vollkommenheit des Papſtes gegenüber Synoden und Biſchöfen und
der ganzen Kirche einſt geweſen ſei! Wenn man hörte, daß keine Synode
ohne ſeine Ermächtigung ſtattfinden dürfe, kein Beſchluß ohne ſeine
Beſtätigung gelte; daß ein Angeklagter jeden Augenblick an ihn Be-
rufung einlegen, er ſelbſt ein ſchwebendes Verfahren jeden Augenblick
vor ſeinen Richterſtuhl ziehen dürfe; daß, mit einem Wort, jeder Bi-
ſchof ſein unmittelbarer Untergebener und die ganze Welt ſein Amts-
ſprengel ſei ſo gut wie die Bistümer in ſeiner nächſten Nachbarſchaft.
Wenn man außerdem in der angeblichen Schenkung Konſtantins las,
welche außerordentlichen äußeren Ehren ihm gebührten, wie er in Rom
die Stelle des nach dem Oſten verzogenen Kaiſers einnahm und von
dieſem die Herrſchaft über Jtalien und die weſtlichen Länder erhalten
hatte, ſo ſtieg aus den Blättern Pſeudoiſidors ein Bild des Papſttums
empor, wie es angeblich einſt geweſen war in der guten alten Zeit, ehe

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[300/0309] Einfluß Pſeudoiſidors ſchöpft. Zum erſtenmal werden hier die Rechte des Papſtes an die Spitze geſtellt und mit den Worten beſtimmt, die Pſeudoiſidor erfunden hatte: daß die römiſche Kirche ihren Vorrang von Gott allein empfangen habe, daß ſie jedermann nach ihrem Befinden den Himmel öffnen und ſchließen könne, daß ſie die Mutter aller andern Kirchen ſei und dieſe ſich nach ihr zu richten, ihrem Willen zu gehorchen haben; daß jedermann ihr Urteil anrufen könne, alle wichtigen Fälle ihrer Entſcheidung zu unterbreiten ſeien, ſie ſelbſt aber von niemand gerichtet werde. Was vielleicht noch mehr bedeutete, in dieſer Zuſammenſtellung erſchien der geſamte Rechtszuſtand der Kirche faſt ausſchließlich auf Erlaſſe der römiſchen Biſchöfe gegründet. Neben ihnen treten alle andern Quellen bis zur Bedeutungsloſigkeit zurück, auch die Kanones der Konzilien, die bis dahin die Grundlage des Kirchenrechts und ſeine letzte Autorität geweſen waren. Sie ſind verdrängt durch die Dekretalen der Päpſte. Um Pſeudoiſidor hatte man ſich in Rom ſeit dem Ende des neunten Jahrhunderts nicht mehr gekümmert, kein Papſt hat ſich ſeiner bedient, er muß dort völlig verſchollen geweſen ſein. Erſt die Franzoſen und Lothringer, die mit Leo IX. herüberkamen, brachten ihn aus ihrer Heimat mit und ſorgten dafür, daß er bekannt wurde. Welchen Ein- druck mußte es da machen, wenn man aus dem Munde ehrwürdigſter, unanfechtbarſter Zeugen, römiſcher Biſchöfe der Märtyrerzeit, die man längſt als heilig zu verehren gewohnt war, allen voran des Apoſtelſchülers Clemens, wenn man von ihnen erfuhr, wie unbegrenzt die Macht- vollkommenheit des Papſtes gegenüber Synoden und Biſchöfen und der ganzen Kirche einſt geweſen ſei! Wenn man hörte, daß keine Synode ohne ſeine Ermächtigung ſtattfinden dürfe, kein Beſchluß ohne ſeine Beſtätigung gelte; daß ein Angeklagter jeden Augenblick an ihn Be- rufung einlegen, er ſelbſt ein ſchwebendes Verfahren jeden Augenblick vor ſeinen Richterſtuhl ziehen dürfe; daß, mit einem Wort, jeder Bi- ſchof ſein unmittelbarer Untergebener und die ganze Welt ſein Amts- ſprengel ſei ſo gut wie die Bistümer in ſeiner nächſten Nachbarſchaft. Wenn man außerdem in der angeblichen Schenkung Konſtantins las, welche außerordentlichen äußeren Ehren ihm gebührten, wie er in Rom die Stelle des nach dem Oſten verzogenen Kaiſers einnahm und von dieſem die Herrſchaft über Jtalien und die weſtlichen Länder erhalten hatte, ſo ſtieg aus den Blättern Pſeudoiſidors ein Bild des Papſttums empor, wie es angeblich einſt geweſen war in der guten alten Zeit, ehe

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 300. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/309>, abgerufen am 19.09.2020.