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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Einfluß Pseudoisidors
Frankreich spricht, den Verderber der französischen Kirche, klingt so
etwas mit. Nach dem, was er sich dachte und wünschte, was er gesehen
oder erlebt hatte und was ihn bis zu leidenschaftlicher Erregung be-
herrschte, deutete er auch die Quellen, die er las. Da war es aber von
größter Bedeutung, daß er neben den echten, aus denen er sich seine
Vorstellung von der ursprünglichen Kirchenverfassung bilden konnte,
eine unechte fand, die ihm einen Zustand, den es nie gegeben hatte,
vorspiegelte: Pseudoisidor.

Humbert hat ihn gekannt. Jn der Schrift "Wider die Simonisten"
schöpft er aus ihm die Belegstellen mit vollen Händen. Über Bedeutung
und Befugnisse des Papstes sich zu äußern, hatte er dort keine Gelegen-
heit, aber in den von ihm verfaßten Schreiben Leos IX. an Kaiser
und Patriarchen von Konstantinopel hatte er sie, und hier zeigt sich, daß
seine Vorstellung vom Papsttum durch die falschen Dekretalen beherrscht
ist. Aus Pseudoisidor stammt der Satz, den er im Anschluß an die Lukas-
stelle -- "ich habe für dich gebeten, daß dein Glaube nicht wanke, und du ...
stärke die Brüder" -- dem Patriarchen entgegenhält: "Niemand, der
nicht den Worten des Herrn widerstreitet, kann leugnen, daß, wie die
Tür in der Angel ruht, so von Petrus und seinen Nachfolgern das Heil
der ganzen Kirche abhängt. Und wie die Angel, selbst unbeweglich, die
Tür hin und her dreht, so sind Petrus und seine Nachfolger unum-
schränkte Richter über die ganze Kirche, da niemand ihre Stellung ver-
rücken darf, weil der höchste Stuhl von niemand gerichtet wird." Auf
die angeblichen Erlasse der ältesten römischen Bischöfe sich ausdrücklich
zu berufen, hat Humbert zwar den Griechen gegenüber vermieden, weil
er von ihrer Literatur genug kannte, um zu wissen, daß ihnen diese
Autoritäten nichts bedeuteten. Dafür hat er aber ein Aktenstück sich
nicht entgehen lassen, mit dem er glaubte Eindruck zu machen: die an-
gebliche Schenkung Konstantins des Großen, aus der er einen ganzen
Abschnitt über die Ehrenrechte des Papstes wörtlich wiedergab. Sie
fand er bei Pseudoisidor, durch den die erdichtete Urkunde ihre eigentliche
Verbreitung erhalten hat.

Humbert ist nicht der einzige Zeuge dafür, daß die große Fälschung
des neunten Jahrhunderts im Kreise der Reformkardinäle bekannt war
und benutzt wurde. Jn jenen Jahren, vielleicht noch zu Lebzeiten
Leos IX., ist dort ein Handbuch des Kirchenrechts zusammengestellt
worden, das seinen Stoff fast zu fünf Sechsteln aus dieser Quelle

Einfluß Pſeudoiſidors
Frankreich ſpricht, den Verderber der franzöſiſchen Kirche, klingt ſo
etwas mit. Nach dem, was er ſich dachte und wünſchte, was er geſehen
oder erlebt hatte und was ihn bis zu leidenſchaftlicher Erregung be-
herrſchte, deutete er auch die Quellen, die er las. Da war es aber von
größter Bedeutung, daß er neben den echten, aus denen er ſich ſeine
Vorſtellung von der urſprünglichen Kirchenverfaſſung bilden konnte,
eine unechte fand, die ihm einen Zuſtand, den es nie gegeben hatte,
vorſpiegelte: Pſeudoiſidor.

Humbert hat ihn gekannt. Jn der Schrift „Wider die Simoniſten“
ſchöpft er aus ihm die Belegſtellen mit vollen Händen. Über Bedeutung
und Befugniſſe des Papſtes ſich zu äußern, hatte er dort keine Gelegen-
heit, aber in den von ihm verfaßten Schreiben Leos IX. an Kaiſer
und Patriarchen von Konſtantinopel hatte er ſie, und hier zeigt ſich, daß
ſeine Vorſtellung vom Papſttum durch die falſchen Dekretalen beherrſcht
iſt. Aus Pſeudoiſidor ſtammt der Satz, den er im Anſchluß an die Lukas-
ſtelle — „ich habe für dich gebeten, daß dein Glaube nicht wanke, und du ...
ſtärke die Brüder“ — dem Patriarchen entgegenhält: „Niemand, der
nicht den Worten des Herrn widerſtreitet, kann leugnen, daß, wie die
Tür in der Angel ruht, ſo von Petrus und ſeinen Nachfolgern das Heil
der ganzen Kirche abhängt. Und wie die Angel, ſelbſt unbeweglich, die
Tür hin und her dreht, ſo ſind Petrus und ſeine Nachfolger unum-
ſchränkte Richter über die ganze Kirche, da niemand ihre Stellung ver-
rücken darf, weil der höchſte Stuhl von niemand gerichtet wird.“ Auf
die angeblichen Erlaſſe der älteſten römiſchen Biſchöfe ſich ausdrücklich
zu berufen, hat Humbert zwar den Griechen gegenüber vermieden, weil
er von ihrer Literatur genug kannte, um zu wiſſen, daß ihnen dieſe
Autoritäten nichts bedeuteten. Dafür hat er aber ein Aktenſtück ſich
nicht entgehen laſſen, mit dem er glaubte Eindruck zu machen: die an-
gebliche Schenkung Konſtantins des Großen, aus der er einen ganzen
Abſchnitt über die Ehrenrechte des Papſtes wörtlich wiedergab. Sie
fand er bei Pſeudoiſidor, durch den die erdichtete Urkunde ihre eigentliche
Verbreitung erhalten hat.

Humbert iſt nicht der einzige Zeuge dafür, daß die große Fälſchung
des neunten Jahrhunderts im Kreiſe der Reformkardinäle bekannt war
und benutzt wurde. Jn jenen Jahren, vielleicht noch zu Lebzeiten
Leos IX., iſt dort ein Handbuch des Kirchenrechts zuſammengeſtellt
worden, das ſeinen Stoff faſt zu fünf Sechſteln aus dieſer Quelle

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[299/0308] Einfluß Pſeudoiſidors Frankreich ſpricht, den Verderber der franzöſiſchen Kirche, klingt ſo etwas mit. Nach dem, was er ſich dachte und wünſchte, was er geſehen oder erlebt hatte und was ihn bis zu leidenſchaftlicher Erregung be- herrſchte, deutete er auch die Quellen, die er las. Da war es aber von größter Bedeutung, daß er neben den echten, aus denen er ſich ſeine Vorſtellung von der urſprünglichen Kirchenverfaſſung bilden konnte, eine unechte fand, die ihm einen Zuſtand, den es nie gegeben hatte, vorſpiegelte: Pſeudoiſidor. Humbert hat ihn gekannt. Jn der Schrift „Wider die Simoniſten“ ſchöpft er aus ihm die Belegſtellen mit vollen Händen. Über Bedeutung und Befugniſſe des Papſtes ſich zu äußern, hatte er dort keine Gelegen- heit, aber in den von ihm verfaßten Schreiben Leos IX. an Kaiſer und Patriarchen von Konſtantinopel hatte er ſie, und hier zeigt ſich, daß ſeine Vorſtellung vom Papſttum durch die falſchen Dekretalen beherrſcht iſt. Aus Pſeudoiſidor ſtammt der Satz, den er im Anſchluß an die Lukas- ſtelle — „ich habe für dich gebeten, daß dein Glaube nicht wanke, und du ... ſtärke die Brüder“ — dem Patriarchen entgegenhält: „Niemand, der nicht den Worten des Herrn widerſtreitet, kann leugnen, daß, wie die Tür in der Angel ruht, ſo von Petrus und ſeinen Nachfolgern das Heil der ganzen Kirche abhängt. Und wie die Angel, ſelbſt unbeweglich, die Tür hin und her dreht, ſo ſind Petrus und ſeine Nachfolger unum- ſchränkte Richter über die ganze Kirche, da niemand ihre Stellung ver- rücken darf, weil der höchſte Stuhl von niemand gerichtet wird.“ Auf die angeblichen Erlaſſe der älteſten römiſchen Biſchöfe ſich ausdrücklich zu berufen, hat Humbert zwar den Griechen gegenüber vermieden, weil er von ihrer Literatur genug kannte, um zu wiſſen, daß ihnen dieſe Autoritäten nichts bedeuteten. Dafür hat er aber ein Aktenſtück ſich nicht entgehen laſſen, mit dem er glaubte Eindruck zu machen: die an- gebliche Schenkung Konſtantins des Großen, aus der er einen ganzen Abſchnitt über die Ehrenrechte des Papſtes wörtlich wiedergab. Sie fand er bei Pſeudoiſidor, durch den die erdichtete Urkunde ihre eigentliche Verbreitung erhalten hat. Humbert iſt nicht der einzige Zeuge dafür, daß die große Fälſchung des neunten Jahrhunderts im Kreiſe der Reformkardinäle bekannt war und benutzt wurde. Jn jenen Jahren, vielleicht noch zu Lebzeiten Leos IX., iſt dort ein Handbuch des Kirchenrechts zuſammengeſtellt worden, das ſeinen Stoff faſt zu fünf Sechſteln aus dieſer Quelle

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 299. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/308>, abgerufen am 19.09.2020.