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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Humberts Schrift "Wider die Simonisten"
der Zukunft, ein wahrhaft revolutionäres Programm, da es dem gelten-
den Recht -- Humbert selbst bezeugt seine allgemeine Geltung -- den
Krieg erklärt. Seinen Kern bildet der Ruf: Fort mit der Jnvestitur, der
Einsetzung der Bischöfe durch Laien! "Hüten sollen sich die weltlichen
Machthaber davor, jemand mit Ring und Stab auszustatten! Wissen
sollen sie, daß dies nicht ihre Sache, sondern die der Bischöfe ist!"

Humberts Beweisführung ist nicht immer überzeugend. Den Ein-
wand, daß die Zahlung an den Kirchenherrn nicht dem geistlichen Amt,
der Bischofsweihe, sondern dem weltlichen Besitz des Bistums gelte,
kann er nicht widerlegen, obwohl er ihn für ein Feigenblatt der Lüge er-
klärt, das nur anlegen könne, wer keinen Funken Verstand und keine
Spur von Schamgefühl habe. Sein Schimpfen verrät die Schwäche
seiner Gründe. Was er über das Aufkommen des Laienrechts der Jn-
vestitur seit der Unterwerfung des Papsttums durch die Ottonen sagt,
ist Phantasie, und das Bild der allein rechtmäßigen Bischofswahl,
wie er es nach angeblichem altem Kirchenrecht zeichnet, findet in keiner
kirchlichen Rechtsquelle eine Stütze. Es ist darum auch nicht richtig, daß
er lediglich das alte Recht wieder habe zu Ehren bringen wollen, mag
er sich noch so oft darauf berufen. Er ist Revolutionär und wäre es,
selbst wenn er sich streng an die alten Texte hielte, denn diese waren
auf gänzlich andere allgemeine Verhältnisse berechnet. Der Versuch,
in einer gründlich veränderten Welt sich ausschließlich nach ihnen zu
richten, mußte, wie jede folgerichtig erstrebte Wiederherstellung der
Vergangenheit, zu einer Umwälzung des Bestehenden führen. Aber
Humbert hält sich, wie wir schon sahen, nicht einmal genau an das, was
er geschrieben findet. Wie alle Revolutionäre hat er im voraus eine
Vorstellung von den Dingen, wie sie sein sollen, und schafft sich die Be-
weise, wie er sie braucht. Für dieses Bild hat er die Farben von ver-
schiedenen Stellen hergenommen. Ohne Bedeutung wird es nicht ge-
wesen sein, daß er bei seinem Aufenthalt in Konstantinopel eine Kirchen-
verfassung kennengelernt hatte, die von Laieneigentum und Abgaben an
weltliche Gewalten nichts wußte. Kaiser Konstantin selbst hat ihn dar-
über aufgeklärt, und aus der Art, wie er davon berichtet, hört man das
Erstaunen heraus, in das ihn diese Entdeckung versetzt hat. Welchen An-
teil an der Gestaltung seiner Ansichten und Forderungen seine eigene
Natur, vielleicht auch persönliche Erfahrungen gehabt haben, entzieht
sich unserm Urteil. Jn der Erbitterung, mit der er über den König von

Humberts Schrift „Wider die Simoniſten“
der Zukunft, ein wahrhaft revolutionäres Programm, da es dem gelten-
den Recht — Humbert ſelbſt bezeugt ſeine allgemeine Geltung — den
Krieg erklärt. Seinen Kern bildet der Ruf: Fort mit der Jnveſtitur, der
Einſetzung der Biſchöfe durch Laien! „Hüten ſollen ſich die weltlichen
Machthaber davor, jemand mit Ring und Stab auszuſtatten! Wiſſen
ſollen ſie, daß dies nicht ihre Sache, ſondern die der Biſchöfe iſt!“

Humberts Beweisführung iſt nicht immer überzeugend. Den Ein-
wand, daß die Zahlung an den Kirchenherrn nicht dem geiſtlichen Amt,
der Biſchofsweihe, ſondern dem weltlichen Beſitz des Bistums gelte,
kann er nicht widerlegen, obwohl er ihn für ein Feigenblatt der Lüge er-
klärt, das nur anlegen könne, wer keinen Funken Verſtand und keine
Spur von Schamgefühl habe. Sein Schimpfen verrät die Schwäche
ſeiner Gründe. Was er über das Aufkommen des Laienrechts der Jn-
veſtitur ſeit der Unterwerfung des Papſttums durch die Ottonen ſagt,
iſt Phantaſie, und das Bild der allein rechtmäßigen Biſchofswahl,
wie er es nach angeblichem altem Kirchenrecht zeichnet, findet in keiner
kirchlichen Rechtsquelle eine Stütze. Es iſt darum auch nicht richtig, daß
er lediglich das alte Recht wieder habe zu Ehren bringen wollen, mag
er ſich noch ſo oft darauf berufen. Er iſt Revolutionär und wäre es,
ſelbſt wenn er ſich ſtreng an die alten Texte hielte, denn dieſe waren
auf gänzlich andere allgemeine Verhältniſſe berechnet. Der Verſuch,
in einer gründlich veränderten Welt ſich ausſchließlich nach ihnen zu
richten, mußte, wie jede folgerichtig erſtrebte Wiederherſtellung der
Vergangenheit, zu einer Umwälzung des Beſtehenden führen. Aber
Humbert hält ſich, wie wir ſchon ſahen, nicht einmal genau an das, was
er geſchrieben findet. Wie alle Revolutionäre hat er im voraus eine
Vorſtellung von den Dingen, wie ſie ſein ſollen, und ſchafft ſich die Be-
weiſe, wie er ſie braucht. Für dieſes Bild hat er die Farben von ver-
ſchiedenen Stellen hergenommen. Ohne Bedeutung wird es nicht ge-
weſen ſein, daß er bei ſeinem Aufenthalt in Konſtantinopel eine Kirchen-
verfaſſung kennengelernt hatte, die von Laieneigentum und Abgaben an
weltliche Gewalten nichts wußte. Kaiſer Konſtantin ſelbſt hat ihn dar-
über aufgeklärt, und aus der Art, wie er davon berichtet, hört man das
Erſtaunen heraus, in das ihn dieſe Entdeckung verſetzt hat. Welchen An-
teil an der Geſtaltung ſeiner Anſichten und Forderungen ſeine eigene
Natur, vielleicht auch perſönliche Erfahrungen gehabt haben, entzieht
ſich unſerm Urteil. Jn der Erbitterung, mit der er über den König von

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[298/0307] Humberts Schrift „Wider die Simoniſten“ der Zukunft, ein wahrhaft revolutionäres Programm, da es dem gelten- den Recht — Humbert ſelbſt bezeugt ſeine allgemeine Geltung — den Krieg erklärt. Seinen Kern bildet der Ruf: Fort mit der Jnveſtitur, der Einſetzung der Biſchöfe durch Laien! „Hüten ſollen ſich die weltlichen Machthaber davor, jemand mit Ring und Stab auszuſtatten! Wiſſen ſollen ſie, daß dies nicht ihre Sache, ſondern die der Biſchöfe iſt!“ Humberts Beweisführung iſt nicht immer überzeugend. Den Ein- wand, daß die Zahlung an den Kirchenherrn nicht dem geiſtlichen Amt, der Biſchofsweihe, ſondern dem weltlichen Beſitz des Bistums gelte, kann er nicht widerlegen, obwohl er ihn für ein Feigenblatt der Lüge er- klärt, das nur anlegen könne, wer keinen Funken Verſtand und keine Spur von Schamgefühl habe. Sein Schimpfen verrät die Schwäche ſeiner Gründe. Was er über das Aufkommen des Laienrechts der Jn- veſtitur ſeit der Unterwerfung des Papſttums durch die Ottonen ſagt, iſt Phantaſie, und das Bild der allein rechtmäßigen Biſchofswahl, wie er es nach angeblichem altem Kirchenrecht zeichnet, findet in keiner kirchlichen Rechtsquelle eine Stütze. Es iſt darum auch nicht richtig, daß er lediglich das alte Recht wieder habe zu Ehren bringen wollen, mag er ſich noch ſo oft darauf berufen. Er iſt Revolutionär und wäre es, ſelbſt wenn er ſich ſtreng an die alten Texte hielte, denn dieſe waren auf gänzlich andere allgemeine Verhältniſſe berechnet. Der Verſuch, in einer gründlich veränderten Welt ſich ausſchließlich nach ihnen zu richten, mußte, wie jede folgerichtig erſtrebte Wiederherſtellung der Vergangenheit, zu einer Umwälzung des Beſtehenden führen. Aber Humbert hält ſich, wie wir ſchon ſahen, nicht einmal genau an das, was er geſchrieben findet. Wie alle Revolutionäre hat er im voraus eine Vorſtellung von den Dingen, wie ſie ſein ſollen, und ſchafft ſich die Be- weiſe, wie er ſie braucht. Für dieſes Bild hat er die Farben von ver- ſchiedenen Stellen hergenommen. Ohne Bedeutung wird es nicht ge- weſen ſein, daß er bei ſeinem Aufenthalt in Konſtantinopel eine Kirchen- verfaſſung kennengelernt hatte, die von Laieneigentum und Abgaben an weltliche Gewalten nichts wußte. Kaiſer Konſtantin ſelbſt hat ihn dar- über aufgeklärt, und aus der Art, wie er davon berichtet, hört man das Erſtaunen heraus, in das ihn dieſe Entdeckung verſetzt hat. Welchen An- teil an der Geſtaltung ſeiner Anſichten und Forderungen ſeine eigene Natur, vielleicht auch perſönliche Erfahrungen gehabt haben, entzieht ſich unſerm Urteil. Jn der Erbitterung, mit der er über den König von

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 298. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/307>, abgerufen am 19.09.2020.