Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

Bild:
<< vorherige Seite

Humberts Schrift "Wider die Simonisten"
ihnen gegeben oder verkauft. Sogar Frauen -- gemeint ist die Kaiserin
-- üben die Herrschaft über Kirchen aus, erteilen die Jnvestitur mit Bis-
tümern und Abteien, setzen ein und ab. So geschieht es, daß verachteter
dastehen, die freier sein sollten als alle, weil ihr Erbteil Gott selbst ist,
während sie hinwiederum Gott gehören. Auch der niedrigste Laie dient
nur einem Herrn, Geistliche und Kirchen sind jedermann preisgegeben.
Am meisten aber werden sie ausgenutzt und verhandelt von denen, die
sich für ihre Vögte und Schirmer ausgeben, von Kaisern, Fürsten und
Gefolge. Tempelräuber vor Gott, dessen Eigentum sie sich aneignen,
wollen diese für fromm und katholisch gelten, während sie in Wahrheit
Feinde Gottes sind. Für das Unrecht, das sie an der Kirche begehen,
straft sie Gott mit Krieg und Hungersnot, ihre Geschlechter sterben aus,
auch ihre Stiftungen aus geraubtem Kirchengut helfen ihnen nichts.

Humberts Schrift hat keine Verbreitung gehabt und keinen nach-
weisbaren Einfluß geübt. Vielleicht waren schon die Zeitgenossen von
dieser langatmigen Breite der Form und Unordnung der Gedanken
abgestoßen. Für uns haben die Sätze, die hier zum erstenmal zu hören
sind, den einzigartigen Wert, Aufschluß darüber zu geben, wie man
in dem nunmehr regierenden Kreise der römischen Kirche dachte. Sie
enthalten fast alles, was seitdem in stetig zunehmendem Maße die
neue kirchliche Bewegung kennzeichnet und ihre Ziele bildet: Kampf
gegen das Eigentum der Laien an Kirchen mit allem, was sich daraus
ergibt; Befreiung des Klerus von der Herrschaft der Laien, des
Papstes von der Herrschaft des Kaisers durch Wiederherstellung
eines ursprünglichen Bischofswahlrechts, das den Herrscher zwar
nicht ganz ausschließt, aber ihn hinter die geistlichen Teilnehmer zu-
rücktreten läßt; Heilung der kirchlichen Schäden durch ein befreites
Papsttum, von dem die Bischöfe abhängen; Feindseligkeit und Ge-
ringschätzung gegen den Fürstenstand und dahinter schon deutlich er-
kennbar der Anspruch, daß die Kirche als geschlossener Verband der
Geistlichen gegenüber der gesamten Laienschaft die weltliche Gewalt zu
leiten habe "wie die Seele den Körper". Endlich fehlt auch nicht der
Hinweis auf das Mittel, mit dem das Ziel, wenn anders nicht, erreicht
werden kann: Aufwiegelung der Massen gegen ihre Bischöfe. Wenn
die Geistlichen, sagt Humbert, es an sich fehlen lassen, so müssen schließ-
lich die weltlichen Fürsten und gläubigen Laien aufstehen und ihrer
Mutter zu ihrem Recht verhelfen. Seine Schrift ist das Programm,

Humberts Schrift „Wider die Simoniſten“
ihnen gegeben oder verkauft. Sogar Frauen — gemeint iſt die Kaiſerin
— üben die Herrſchaft über Kirchen aus, erteilen die Jnveſtitur mit Bis-
tümern und Abteien, ſetzen ein und ab. So geſchieht es, daß verachteter
daſtehen, die freier ſein ſollten als alle, weil ihr Erbteil Gott ſelbſt iſt,
während ſie hinwiederum Gott gehören. Auch der niedrigſte Laie dient
nur einem Herrn, Geiſtliche und Kirchen ſind jedermann preisgegeben.
Am meiſten aber werden ſie ausgenutzt und verhandelt von denen, die
ſich für ihre Vögte und Schirmer ausgeben, von Kaiſern, Fürſten und
Gefolge. Tempelräuber vor Gott, deſſen Eigentum ſie ſich aneignen,
wollen dieſe für fromm und katholiſch gelten, während ſie in Wahrheit
Feinde Gottes ſind. Für das Unrecht, das ſie an der Kirche begehen,
ſtraft ſie Gott mit Krieg und Hungersnot, ihre Geſchlechter ſterben aus,
auch ihre Stiftungen aus geraubtem Kirchengut helfen ihnen nichts.

Humberts Schrift hat keine Verbreitung gehabt und keinen nach-
weisbaren Einfluß geübt. Vielleicht waren ſchon die Zeitgenoſſen von
dieſer langatmigen Breite der Form und Unordnung der Gedanken
abgeſtoßen. Für uns haben die Sätze, die hier zum erſtenmal zu hören
ſind, den einzigartigen Wert, Aufſchluß darüber zu geben, wie man
in dem nunmehr regierenden Kreiſe der römiſchen Kirche dachte. Sie
enthalten faſt alles, was ſeitdem in ſtetig zunehmendem Maße die
neue kirchliche Bewegung kennzeichnet und ihre Ziele bildet: Kampf
gegen das Eigentum der Laien an Kirchen mit allem, was ſich daraus
ergibt; Befreiung des Klerus von der Herrſchaft der Laien, des
Papſtes von der Herrſchaft des Kaiſers durch Wiederherſtellung
eines urſprünglichen Biſchofswahlrechts, das den Herrſcher zwar
nicht ganz ausſchließt, aber ihn hinter die geiſtlichen Teilnehmer zu-
rücktreten läßt; Heilung der kirchlichen Schäden durch ein befreites
Papſttum, von dem die Biſchöfe abhängen; Feindſeligkeit und Ge-
ringſchätzung gegen den Fürſtenſtand und dahinter ſchon deutlich er-
kennbar der Anſpruch, daß die Kirche als geſchloſſener Verband der
Geiſtlichen gegenüber der geſamten Laienſchaft die weltliche Gewalt zu
leiten habe „wie die Seele den Körper“. Endlich fehlt auch nicht der
Hinweis auf das Mittel, mit dem das Ziel, wenn anders nicht, erreicht
werden kann: Aufwiegelung der Maſſen gegen ihre Biſchöfe. Wenn
die Geiſtlichen, ſagt Humbert, es an ſich fehlen laſſen, ſo müſſen ſchließ-
lich die weltlichen Fürſten und gläubigen Laien aufſtehen und ihrer
Mutter zu ihrem Recht verhelfen. Seine Schrift iſt das Programm,

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0306" n="297"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Humberts Schrift &#x201E;Wider die Simoni&#x017F;ten&#x201C;</hi></fw><lb/>
ihnen gegeben oder verkauft. Sogar Frauen &#x2014; gemeint i&#x017F;t die Kai&#x017F;erin<lb/>
&#x2014; üben die Herr&#x017F;chaft über Kirchen aus, erteilen die Jnve&#x017F;titur mit Bis-<lb/>
tümern und Abteien, &#x017F;etzen ein und ab. So ge&#x017F;chieht es, daß verachteter<lb/>
da&#x017F;tehen, die freier &#x017F;ein &#x017F;ollten als alle, weil ihr Erbteil Gott &#x017F;elb&#x017F;t i&#x017F;t,<lb/>
während &#x017F;ie hinwiederum Gott gehören. Auch der niedrig&#x017F;te Laie dient<lb/>
nur einem Herrn, Gei&#x017F;tliche und Kirchen &#x017F;ind jedermann preisgegeben.<lb/>
Am mei&#x017F;ten aber werden &#x017F;ie ausgenutzt und verhandelt von denen, die<lb/>
&#x017F;ich für ihre Vögte und Schirmer ausgeben, von Kai&#x017F;ern, Für&#x017F;ten und<lb/>
Gefolge. Tempelräuber vor Gott, de&#x017F;&#x017F;en Eigentum &#x017F;ie &#x017F;ich aneignen,<lb/>
wollen die&#x017F;e für fromm und katholi&#x017F;ch gelten, während &#x017F;ie in Wahrheit<lb/>
Feinde Gottes &#x017F;ind. Für das Unrecht, das &#x017F;ie an der Kirche begehen,<lb/>
&#x017F;traft &#x017F;ie Gott mit Krieg und Hungersnot, ihre Ge&#x017F;chlechter &#x017F;terben aus,<lb/>
auch ihre Stiftungen aus geraubtem Kirchengut helfen ihnen nichts.</p><lb/>
          <p>Humberts Schrift hat keine Verbreitung gehabt und keinen nach-<lb/>
weisbaren Einfluß geübt. Vielleicht waren &#x017F;chon die Zeitgeno&#x017F;&#x017F;en von<lb/>
die&#x017F;er langatmigen Breite der Form und Unordnung der Gedanken<lb/>
abge&#x017F;toßen. Für uns haben die Sätze, die hier zum er&#x017F;tenmal zu hören<lb/>
&#x017F;ind, den einzigartigen Wert, Auf&#x017F;chluß darüber zu geben, wie man<lb/>
in dem nunmehr regierenden Krei&#x017F;e der römi&#x017F;chen Kirche dachte. Sie<lb/>
enthalten fa&#x017F;t alles, was &#x017F;eitdem in &#x017F;tetig zunehmendem Maße die<lb/>
neue kirchliche Bewegung kennzeichnet und ihre Ziele bildet: Kampf<lb/>
gegen das Eigentum der Laien an Kirchen mit allem, was &#x017F;ich daraus<lb/>
ergibt; Befreiung des Klerus von der Herr&#x017F;chaft der Laien, des<lb/>
Pap&#x017F;tes von der Herr&#x017F;chaft des Kai&#x017F;ers durch Wiederher&#x017F;tellung<lb/>
eines ur&#x017F;prünglichen Bi&#x017F;chofswahlrechts, das den Herr&#x017F;cher zwar<lb/>
nicht ganz aus&#x017F;chließt, aber ihn hinter die gei&#x017F;tlichen Teilnehmer zu-<lb/>
rücktreten läßt; Heilung der kirchlichen Schäden durch ein befreites<lb/>
Pap&#x017F;ttum, von dem die Bi&#x017F;chöfe abhängen; Feind&#x017F;eligkeit und Ge-<lb/>
ring&#x017F;chätzung gegen den Für&#x017F;ten&#x017F;tand und dahinter &#x017F;chon deutlich er-<lb/>
kennbar der An&#x017F;pruch, daß die Kirche als ge&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;ener Verband der<lb/>
Gei&#x017F;tlichen gegenüber der ge&#x017F;amten Laien&#x017F;chaft die weltliche Gewalt zu<lb/>
leiten habe &#x201E;wie die Seele den Körper&#x201C;. Endlich fehlt auch nicht der<lb/>
Hinweis auf das Mittel, mit dem das Ziel, wenn anders nicht, erreicht<lb/>
werden kann: Aufwiegelung der Ma&#x017F;&#x017F;en gegen ihre Bi&#x017F;chöfe. Wenn<lb/>
die Gei&#x017F;tlichen, &#x017F;agt Humbert, es an &#x017F;ich fehlen la&#x017F;&#x017F;en, &#x017F;o mü&#x017F;&#x017F;en &#x017F;chließ-<lb/>
lich die weltlichen Für&#x017F;ten und gläubigen Laien auf&#x017F;tehen und ihrer<lb/>
Mutter zu ihrem Recht verhelfen. Seine Schrift i&#x017F;t das Programm,<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[297/0306] Humberts Schrift „Wider die Simoniſten“ ihnen gegeben oder verkauft. Sogar Frauen — gemeint iſt die Kaiſerin — üben die Herrſchaft über Kirchen aus, erteilen die Jnveſtitur mit Bis- tümern und Abteien, ſetzen ein und ab. So geſchieht es, daß verachteter daſtehen, die freier ſein ſollten als alle, weil ihr Erbteil Gott ſelbſt iſt, während ſie hinwiederum Gott gehören. Auch der niedrigſte Laie dient nur einem Herrn, Geiſtliche und Kirchen ſind jedermann preisgegeben. Am meiſten aber werden ſie ausgenutzt und verhandelt von denen, die ſich für ihre Vögte und Schirmer ausgeben, von Kaiſern, Fürſten und Gefolge. Tempelräuber vor Gott, deſſen Eigentum ſie ſich aneignen, wollen dieſe für fromm und katholiſch gelten, während ſie in Wahrheit Feinde Gottes ſind. Für das Unrecht, das ſie an der Kirche begehen, ſtraft ſie Gott mit Krieg und Hungersnot, ihre Geſchlechter ſterben aus, auch ihre Stiftungen aus geraubtem Kirchengut helfen ihnen nichts. Humberts Schrift hat keine Verbreitung gehabt und keinen nach- weisbaren Einfluß geübt. Vielleicht waren ſchon die Zeitgenoſſen von dieſer langatmigen Breite der Form und Unordnung der Gedanken abgeſtoßen. Für uns haben die Sätze, die hier zum erſtenmal zu hören ſind, den einzigartigen Wert, Aufſchluß darüber zu geben, wie man in dem nunmehr regierenden Kreiſe der römiſchen Kirche dachte. Sie enthalten faſt alles, was ſeitdem in ſtetig zunehmendem Maße die neue kirchliche Bewegung kennzeichnet und ihre Ziele bildet: Kampf gegen das Eigentum der Laien an Kirchen mit allem, was ſich daraus ergibt; Befreiung des Klerus von der Herrſchaft der Laien, des Papſtes von der Herrſchaft des Kaiſers durch Wiederherſtellung eines urſprünglichen Biſchofswahlrechts, das den Herrſcher zwar nicht ganz ausſchließt, aber ihn hinter die geiſtlichen Teilnehmer zu- rücktreten läßt; Heilung der kirchlichen Schäden durch ein befreites Papſttum, von dem die Biſchöfe abhängen; Feindſeligkeit und Ge- ringſchätzung gegen den Fürſtenſtand und dahinter ſchon deutlich er- kennbar der Anſpruch, daß die Kirche als geſchloſſener Verband der Geiſtlichen gegenüber der geſamten Laienſchaft die weltliche Gewalt zu leiten habe „wie die Seele den Körper“. Endlich fehlt auch nicht der Hinweis auf das Mittel, mit dem das Ziel, wenn anders nicht, erreicht werden kann: Aufwiegelung der Maſſen gegen ihre Biſchöfe. Wenn die Geiſtlichen, ſagt Humbert, es an ſich fehlen laſſen, ſo müſſen ſchließ- lich die weltlichen Fürſten und gläubigen Laien aufſtehen und ihrer Mutter zu ihrem Recht verhelfen. Seine Schrift iſt das Programm,

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/306
Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 297. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/306>, abgerufen am 19.09.2020.