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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Humberts Schrift "Wider die Simonisten"
kaum der Schatten ihrer früheren Würde blieb. Nachdem so das Haupt
des geistlichen Standes geschwächt und gestürzt war, riß die weltliche
Gewalt nach Belieben bald den ganzen Leib an sich, um sich straflos
seiner zu bemächtigen. Das geschah allmählich, erst durch Bitten, dann
Drohungen, schließlich Befehle. Niemand wagte zu widersprechen, ja
nur den Mund zu öffnen. Unter dem Namen der Jnvestitur reichte man
zuerst Zettel oder Stäbchen dar, dann weltliche Stäbe, schließlich die
geistlichen. Dieser ungeheure Frevel hat sich so sehr eingebürgert, daß
er allein für kanonisch gilt und man nicht mehr weiß noch beachtet,
welches die kirchliche Vorschrift ist. Sie schreibt vor, daß gemäß dem
Spruch des Metropoliten der Klerus wähle und die Volkswahl durch
Zustimmung des Fürsten bekräftigt werde. Das wird jetzt umgekehrt, die
weltliche Gewalt hat den Vortritt, die andern Wähler müssen ihr
folgen, ob sie wollen oder nicht. Ganz zuletzt kommt der Metropolit an
die Reihe, der dann nur noch zu beten und zu salben hat. Die so Er-
hobenen sind keine Bischöfe, weil bei ihrer Bestellung das Unterste zu-
oberst gekehrt ist. Was geht die Laien Ring und Krummstab an, auf
denen die Bischofsweihe vornehmlich ruht? Wer sie zur Einsetzung ver-
wendet, der legt die Hand auf das Bischofsamt. Verleiht der Metro-
polit sie nachträglich nochmals, so wird damit nur der vorausgehende
Verkauf bemäntelt oder Gelegenheit zu wiederholtem Verkauf gegeben.
So kommt es, daß ein Bistum viermal erkauft werden muß, zuerst vom
Fürsten und seinem Gesinde, dann vom Metropoliten und den Seinen.

Man müßte die Schrift seitenweise ausschreiben, um einen Begriff
zu geben von der flammenden Leidenschaft, die dem Verfasser die Feder
führt. Vor uns steht ein gelehrter Fanatiker. Mit welcher Verachtung
spricht er von den Ottonen, deren Vorfahren doch schon seit zweihundert
Jahren Christen waren, als von Neubekehrten! Wie wettert er gegen
die weltlichen Fürsten im allgemeinen, diese untreuen Vormünder dessen,
was den Armen Christi gehört! Sie führen ihr Schwert umsonst, da sie
es nie oder kaum je zur Strafe gegen die Bösen gebrauchen, sie vernach-
lässigen den Schutz des Landes und die Pflege des Rechts und wenden alle
Kraft, allen Eifer darauf, sich der Kirchengüter zu bemächtigen. Nicht
zufrieden mit ihrem eigenen Tribunal, leiten sie Synoden der Kirche,
um alles nach ihrem Wunsch und Willen zu lenken. Jhre Anmaßung
und Habgier kennt keine Grenzen, alles reißen sie an sich, nehmen alles
in Besitz, so daß kein Geistlicher etwas benutzen kann, es sei denn von

Humberts Schrift „Wider die Simoniſten“
kaum der Schatten ihrer früheren Würde blieb. Nachdem ſo das Haupt
des geiſtlichen Standes geſchwächt und geſtürzt war, riß die weltliche
Gewalt nach Belieben bald den ganzen Leib an ſich, um ſich ſtraflos
ſeiner zu bemächtigen. Das geſchah allmählich, erſt durch Bitten, dann
Drohungen, ſchließlich Befehle. Niemand wagte zu widerſprechen, ja
nur den Mund zu öffnen. Unter dem Namen der Jnveſtitur reichte man
zuerſt Zettel oder Stäbchen dar, dann weltliche Stäbe, ſchließlich die
geiſtlichen. Dieſer ungeheure Frevel hat ſich ſo ſehr eingebürgert, daß
er allein für kanoniſch gilt und man nicht mehr weiß noch beachtet,
welches die kirchliche Vorſchrift iſt. Sie ſchreibt vor, daß gemäß dem
Spruch des Metropoliten der Klerus wähle und die Volkswahl durch
Zuſtimmung des Fürſten bekräftigt werde. Das wird jetzt umgekehrt, die
weltliche Gewalt hat den Vortritt, die andern Wähler müſſen ihr
folgen, ob ſie wollen oder nicht. Ganz zuletzt kommt der Metropolit an
die Reihe, der dann nur noch zu beten und zu ſalben hat. Die ſo Er-
hobenen ſind keine Biſchöfe, weil bei ihrer Beſtellung das Unterſte zu-
oberſt gekehrt iſt. Was geht die Laien Ring und Krummſtab an, auf
denen die Biſchofsweihe vornehmlich ruht? Wer ſie zur Einſetzung ver-
wendet, der legt die Hand auf das Biſchofsamt. Verleiht der Metro-
polit ſie nachträglich nochmals, ſo wird damit nur der vorausgehende
Verkauf bemäntelt oder Gelegenheit zu wiederholtem Verkauf gegeben.
So kommt es, daß ein Bistum viermal erkauft werden muß, zuerſt vom
Fürſten und ſeinem Geſinde, dann vom Metropoliten und den Seinen.

Man müßte die Schrift ſeitenweiſe ausſchreiben, um einen Begriff
zu geben von der flammenden Leidenſchaft, die dem Verfaſſer die Feder
führt. Vor uns ſteht ein gelehrter Fanatiker. Mit welcher Verachtung
ſpricht er von den Ottonen, deren Vorfahren doch ſchon ſeit zweihundert
Jahren Chriſten waren, als von Neubekehrten! Wie wettert er gegen
die weltlichen Fürſten im allgemeinen, dieſe untreuen Vormünder deſſen,
was den Armen Chriſti gehört! Sie führen ihr Schwert umſonſt, da ſie
es nie oder kaum je zur Strafe gegen die Böſen gebrauchen, ſie vernach-
läſſigen den Schutz des Landes und die Pflege des Rechts und wenden alle
Kraft, allen Eifer darauf, ſich der Kirchengüter zu bemächtigen. Nicht
zufrieden mit ihrem eigenen Tribunal, leiten ſie Synoden der Kirche,
um alles nach ihrem Wunſch und Willen zu lenken. Jhre Anmaßung
und Habgier kennt keine Grenzen, alles reißen ſie an ſich, nehmen alles
in Beſitz, ſo daß kein Geiſtlicher etwas benutzen kann, es ſei denn von

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[296/0305] Humberts Schrift „Wider die Simoniſten“ kaum der Schatten ihrer früheren Würde blieb. Nachdem ſo das Haupt des geiſtlichen Standes geſchwächt und geſtürzt war, riß die weltliche Gewalt nach Belieben bald den ganzen Leib an ſich, um ſich ſtraflos ſeiner zu bemächtigen. Das geſchah allmählich, erſt durch Bitten, dann Drohungen, ſchließlich Befehle. Niemand wagte zu widerſprechen, ja nur den Mund zu öffnen. Unter dem Namen der Jnveſtitur reichte man zuerſt Zettel oder Stäbchen dar, dann weltliche Stäbe, ſchließlich die geiſtlichen. Dieſer ungeheure Frevel hat ſich ſo ſehr eingebürgert, daß er allein für kanoniſch gilt und man nicht mehr weiß noch beachtet, welches die kirchliche Vorſchrift iſt. Sie ſchreibt vor, daß gemäß dem Spruch des Metropoliten der Klerus wähle und die Volkswahl durch Zuſtimmung des Fürſten bekräftigt werde. Das wird jetzt umgekehrt, die weltliche Gewalt hat den Vortritt, die andern Wähler müſſen ihr folgen, ob ſie wollen oder nicht. Ganz zuletzt kommt der Metropolit an die Reihe, der dann nur noch zu beten und zu ſalben hat. Die ſo Er- hobenen ſind keine Biſchöfe, weil bei ihrer Beſtellung das Unterſte zu- oberſt gekehrt iſt. Was geht die Laien Ring und Krummſtab an, auf denen die Biſchofsweihe vornehmlich ruht? Wer ſie zur Einſetzung ver- wendet, der legt die Hand auf das Biſchofsamt. Verleiht der Metro- polit ſie nachträglich nochmals, ſo wird damit nur der vorausgehende Verkauf bemäntelt oder Gelegenheit zu wiederholtem Verkauf gegeben. So kommt es, daß ein Bistum viermal erkauft werden muß, zuerſt vom Fürſten und ſeinem Geſinde, dann vom Metropoliten und den Seinen. Man müßte die Schrift ſeitenweiſe ausſchreiben, um einen Begriff zu geben von der flammenden Leidenſchaft, die dem Verfaſſer die Feder führt. Vor uns ſteht ein gelehrter Fanatiker. Mit welcher Verachtung ſpricht er von den Ottonen, deren Vorfahren doch ſchon ſeit zweihundert Jahren Chriſten waren, als von Neubekehrten! Wie wettert er gegen die weltlichen Fürſten im allgemeinen, dieſe untreuen Vormünder deſſen, was den Armen Chriſti gehört! Sie führen ihr Schwert umſonſt, da ſie es nie oder kaum je zur Strafe gegen die Böſen gebrauchen, ſie vernach- läſſigen den Schutz des Landes und die Pflege des Rechts und wenden alle Kraft, allen Eifer darauf, ſich der Kirchengüter zu bemächtigen. Nicht zufrieden mit ihrem eigenen Tribunal, leiten ſie Synoden der Kirche, um alles nach ihrem Wunſch und Willen zu lenken. Jhre Anmaßung und Habgier kennt keine Grenzen, alles reißen ſie an ſich, nehmen alles in Beſitz, ſo daß kein Geiſtlicher etwas benutzen kann, es ſei denn von

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 296. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/305>, abgerufen am 19.09.2020.