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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Humberts Schrift "Wider die Simonisten"
darf: es war revolutionär. Der Schritt ist nicht vereinzelt geblieben,
andere folgten, die den Stempel der Auflehnung gegen das Hergebrachte
und Geltende noch deutlicher an der Stirne trugen, und bald war es nicht
mehr zu verkennen, daß das Papsttum mit der Erhebung Nikolaus' II.
die Bahn der Reform verlassen und die Fahne der Revolution entrollt
hatte.

Revolutionen pflegen ein Programm zu haben; auch hier hat es nicht
gefehlt. Jn der Schrift "Wider die Simonisten", die Humbert in der
Zeit zwischen dem Tode Stefans IX. und der Erhebung Nikolaus' II.
verfaßt hat, liegt es vor. Humbert wendet sich gegen einen Ungenannten,
der behauptet hatte, Weihen, die von Simonisten erteilt worden, seien
gültig und brauchten nicht wiederholt zu werden. Unter vielen Schmähun-
gen gegen den Gegner sucht er das Gegenteil zu beweisen. Simonie ist
Ketzerei, schlimmere Ketzerei als jede andere, Ketzerweihen aber sind
ungültig. Das wird in endlosen Wiederholungen mit pastoraler Dekla-
mation und massenhaften Belegstellen vorgetragen. Allmählich aber
kommt der Verfasser vom Thema ab, um einen leidenschaftlichen An-
griff gegen das Recht der Laien an der Besetzung der Kirchen, vor allem
der Bistümer zu richten. Die Laien sind schuld daran, daß die Kirche
der Simonie verfallen ist. Denn sie alle, vom Höchsten bis zum Niedrig-
sten, benutzen ihr Recht zu Handelsgeschäften, Kaiser, Könige, Fürsten,
Beamte und wer irgend in der Welt Macht besitzt, denken an nichts
anderes. Dem Beispiel der Laien folgen Bischöfe und Geistliche, sie
bestärken sie noch, indem sie ihnen nachlaufen und keine Kosten scheuen.

Herrschende Übelstände hatten auch andere gegeißelt, um durch Schär-
fung der Gewissen die Mißbräuche verschwinden zu lassen und einer
würdigen Übung die Wege zu bahnen. Das war Reform auf dem Boden
des geltenden Rechts. Humbert geht weiter, er tadelt nicht nur den Miß-
brauch, er greift das Recht selbst an. Jn ihm sieht er die Quelle der
Simonie, erklärt es für Unrecht und Anmaßung und fordert, daß es
verschwinde. Die alte Zeit, noch die Karolinger, sagt er, haben es nicht
gekannt. Damals setzte der Papst den Metropoliten, dieser die Bischöfe
ein. Erst als die Ottonen zur Macht gelangten, sank der Einfluß der
römischen Bischöfe. Jn ihrer Trägheit und Torheit ließen die Päpste es
geschehen, daß durch die Anmaßung neubekehrter Fürsten alles kirchliche
Amt und Recht allmählich ihren Händen entwunden wurde und ihnen

Humberts Schrift „Wider die Simoniſten“
darf: es war revolutionär. Der Schritt iſt nicht vereinzelt geblieben,
andere folgten, die den Stempel der Auflehnung gegen das Hergebrachte
und Geltende noch deutlicher an der Stirne trugen, und bald war es nicht
mehr zu verkennen, daß das Papſttum mit der Erhebung Nikolaus' II.
die Bahn der Reform verlaſſen und die Fahne der Revolution entrollt
hatte.

Revolutionen pflegen ein Programm zu haben; auch hier hat es nicht
gefehlt. Jn der Schrift „Wider die Simoniſten“, die Humbert in der
Zeit zwiſchen dem Tode Stefans IX. und der Erhebung Nikolaus' II.
verfaßt hat, liegt es vor. Humbert wendet ſich gegen einen Ungenannten,
der behauptet hatte, Weihen, die von Simoniſten erteilt worden, ſeien
gültig und brauchten nicht wiederholt zu werden. Unter vielen Schmähun-
gen gegen den Gegner ſucht er das Gegenteil zu beweiſen. Simonie iſt
Ketzerei, ſchlimmere Ketzerei als jede andere, Ketzerweihen aber ſind
ungültig. Das wird in endloſen Wiederholungen mit paſtoraler Dekla-
mation und maſſenhaften Belegſtellen vorgetragen. Allmählich aber
kommt der Verfaſſer vom Thema ab, um einen leidenſchaftlichen An-
griff gegen das Recht der Laien an der Beſetzung der Kirchen, vor allem
der Bistümer zu richten. Die Laien ſind ſchuld daran, daß die Kirche
der Simonie verfallen iſt. Denn ſie alle, vom Höchſten bis zum Niedrig-
ſten, benutzen ihr Recht zu Handelsgeſchäften, Kaiſer, Könige, Fürſten,
Beamte und wer irgend in der Welt Macht beſitzt, denken an nichts
anderes. Dem Beiſpiel der Laien folgen Biſchöfe und Geiſtliche, ſie
beſtärken ſie noch, indem ſie ihnen nachlaufen und keine Koſten ſcheuen.

Herrſchende Übelſtände hatten auch andere gegeißelt, um durch Schär-
fung der Gewiſſen die Mißbräuche verſchwinden zu laſſen und einer
würdigen Übung die Wege zu bahnen. Das war Reform auf dem Boden
des geltenden Rechts. Humbert geht weiter, er tadelt nicht nur den Miß-
brauch, er greift das Recht ſelbſt an. Jn ihm ſieht er die Quelle der
Simonie, erklärt es für Unrecht und Anmaßung und fordert, daß es
verſchwinde. Die alte Zeit, noch die Karolinger, ſagt er, haben es nicht
gekannt. Damals ſetzte der Papſt den Metropoliten, dieſer die Biſchöfe
ein. Erſt als die Ottonen zur Macht gelangten, ſank der Einfluß der
römiſchen Biſchöfe. Jn ihrer Trägheit und Torheit ließen die Päpſte es
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Amt und Recht allmählich ihren Händen entwunden wurde und ihnen

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[295/0304] Humberts Schrift „Wider die Simoniſten“ darf: es war revolutionär. Der Schritt iſt nicht vereinzelt geblieben, andere folgten, die den Stempel der Auflehnung gegen das Hergebrachte und Geltende noch deutlicher an der Stirne trugen, und bald war es nicht mehr zu verkennen, daß das Papſttum mit der Erhebung Nikolaus' II. die Bahn der Reform verlaſſen und die Fahne der Revolution entrollt hatte. Revolutionen pflegen ein Programm zu haben; auch hier hat es nicht gefehlt. Jn der Schrift „Wider die Simoniſten“, die Humbert in der Zeit zwiſchen dem Tode Stefans IX. und der Erhebung Nikolaus' II. verfaßt hat, liegt es vor. Humbert wendet ſich gegen einen Ungenannten, der behauptet hatte, Weihen, die von Simoniſten erteilt worden, ſeien gültig und brauchten nicht wiederholt zu werden. Unter vielen Schmähun- gen gegen den Gegner ſucht er das Gegenteil zu beweiſen. Simonie iſt Ketzerei, ſchlimmere Ketzerei als jede andere, Ketzerweihen aber ſind ungültig. Das wird in endloſen Wiederholungen mit paſtoraler Dekla- mation und maſſenhaften Belegſtellen vorgetragen. Allmählich aber kommt der Verfaſſer vom Thema ab, um einen leidenſchaftlichen An- griff gegen das Recht der Laien an der Beſetzung der Kirchen, vor allem der Bistümer zu richten. Die Laien ſind ſchuld daran, daß die Kirche der Simonie verfallen iſt. Denn ſie alle, vom Höchſten bis zum Niedrig- ſten, benutzen ihr Recht zu Handelsgeſchäften, Kaiſer, Könige, Fürſten, Beamte und wer irgend in der Welt Macht beſitzt, denken an nichts anderes. Dem Beiſpiel der Laien folgen Biſchöfe und Geiſtliche, ſie beſtärken ſie noch, indem ſie ihnen nachlaufen und keine Koſten ſcheuen. Herrſchende Übelſtände hatten auch andere gegeißelt, um durch Schär- fung der Gewiſſen die Mißbräuche verſchwinden zu laſſen und einer würdigen Übung die Wege zu bahnen. Das war Reform auf dem Boden des geltenden Rechts. Humbert geht weiter, er tadelt nicht nur den Miß- brauch, er greift das Recht ſelbſt an. Jn ihm ſieht er die Quelle der Simonie, erklärt es für Unrecht und Anmaßung und fordert, daß es verſchwinde. Die alte Zeit, noch die Karolinger, ſagt er, haben es nicht gekannt. Damals ſetzte der Papſt den Metropoliten, dieſer die Biſchöfe ein. Erſt als die Ottonen zur Macht gelangten, ſank der Einfluß der römiſchen Biſchöfe. Jn ihrer Trägheit und Torheit ließen die Päpſte es geſchehen, daß durch die Anmaßung neubekehrter Fürſten alles kirchliche Amt und Recht allmählich ihren Händen entwunden wurde und ihnen

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 295. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/304>, abgerufen am 19.09.2020.