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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Erhebung Nikolaus' II.
letzten deutschen Kaisers Feind gewesen war und im Rufe stand, selbst
nach den höchsten Ehren zu streben, löste sich von der Verbindung mit
Deutschland. Jndessen das ist nicht alles. Nikolaus II. war ein unbe-
deutender Mann, von andern geleitet. Großen Einfluß hatte auf ihn
der Mönch Hildebrand, den er vor Ablauf eines Jahres vom Subdiakon
zum Archidiakon der römischen Kirche erhoben hat, nicht weniger die
Bischöfe Bonifaz von Albano, von dem wir nur den Namen kennen, und
der uns wohlbekannte Humbert von Silva Candida. Sie werden die
beiden Augen des Papstes genannt. Wie diese Augen -- und andere mit
ihnen -- die Dinge sahen, hatte die Art der letzten Wahl verraten. Sie
wich durchaus von den überlieferten Formen ab.

Daß der römische Bischof wie jeder andere von Klerus und Volk zu
wählen sei, war bisher nie bestritten worden, mochte die Wahl auch oft
genug nicht mehr sein als äußere Form. Hier hatte man sich darüber
hinweggesetzt, indem man die Handlung außerhalb Roms vollzog, wo
der Klerus nur durch wenige Mitglieder vertreten, das Volk überhaupt
nicht beteiligt sein konnte. An Stelle von Klerus und Volk hatten die
Kardinäle, in erster Linie aber die Bischöfe der Nachbarschaft Roms
gehandelt. Eine Satzung, die dazu berechtigte, gab es nicht. Sooft man
in früheren Zeiten Anordnungen über die Papstwahl getroffen hatte, sei
es um Spaltungen und Kämpfe zu verhüten, sei es um übermächtig
gewordene Laienelemente in ihre Schranken zu weisen, wie 769 oder
898, immer war die stillschweigende Voraussetzung gewesen, daß die
Wahl in Rom stattfinde und der gesamte Klerus, das ganze Volk, Adel
und Bürgerschaft, an ihr teilnehme. Gemessen an Herkommen und
Satzung, war die Wahl Nikolaus' II. ungültig, weil unter Nicht-
achtung vorgeschriebener Formen zustande gekommen. Nikolaus hatte
also auf seine Würde kein besseres Recht als sein Gegner. Das einzige,
was seine Erhebung rechtfertigte, war der Zweck, der für Notwendig-
keit ausgegeben wurde. Weil die Kirche eine längere Unterbrechung
päpstlicher Regierung nicht vertrug und es den Bischöfen und Kardinälen
unmöglich gemacht war, ihr Recht in Rom auszuüben, mußten sie anders-
wo zur Wahl schreiten, und weil das Volk von Rom sein Recht zum
Schaden der Kirche mißbraucht haben würde, so durfte, mußte man es
beiseiteschieben. Mit andern Worten: die Wähler in Siena handelten
gegen das geltende Recht um eines höheren Zweckes willen. Für dieses
Verfahren gibt es einen Ausdruck, den man sich anzuwenden nicht scheuen

Erhebung Nikolaus' II.
letzten deutſchen Kaiſers Feind geweſen war und im Rufe ſtand, ſelbſt
nach den höchſten Ehren zu ſtreben, löſte ſich von der Verbindung mit
Deutſchland. Jndeſſen das iſt nicht alles. Nikolaus II. war ein unbe-
deutender Mann, von andern geleitet. Großen Einfluß hatte auf ihn
der Mönch Hildebrand, den er vor Ablauf eines Jahres vom Subdiakon
zum Archidiakon der römiſchen Kirche erhoben hat, nicht weniger die
Biſchöfe Bonifaz von Albano, von dem wir nur den Namen kennen, und
der uns wohlbekannte Humbert von Silva Candida. Sie werden die
beiden Augen des Papſtes genannt. Wie dieſe Augen — und andere mit
ihnen — die Dinge ſahen, hatte die Art der letzten Wahl verraten. Sie
wich durchaus von den überlieferten Formen ab.

Daß der römiſche Biſchof wie jeder andere von Klerus und Volk zu
wählen ſei, war bisher nie beſtritten worden, mochte die Wahl auch oft
genug nicht mehr ſein als äußere Form. Hier hatte man ſich darüber
hinweggeſetzt, indem man die Handlung außerhalb Roms vollzog, wo
der Klerus nur durch wenige Mitglieder vertreten, das Volk überhaupt
nicht beteiligt ſein konnte. An Stelle von Klerus und Volk hatten die
Kardinäle, in erſter Linie aber die Biſchöfe der Nachbarſchaft Roms
gehandelt. Eine Satzung, die dazu berechtigte, gab es nicht. Sooft man
in früheren Zeiten Anordnungen über die Papſtwahl getroffen hatte, ſei
es um Spaltungen und Kämpfe zu verhüten, ſei es um übermächtig
gewordene Laienelemente in ihre Schranken zu weiſen, wie 769 oder
898, immer war die ſtillſchweigende Vorausſetzung geweſen, daß die
Wahl in Rom ſtattfinde und der geſamte Klerus, das ganze Volk, Adel
und Bürgerſchaft, an ihr teilnehme. Gemeſſen an Herkommen und
Satzung, war die Wahl Nikolaus' II. ungültig, weil unter Nicht-
achtung vorgeſchriebener Formen zuſtande gekommen. Nikolaus hatte
alſo auf ſeine Würde kein beſſeres Recht als ſein Gegner. Das einzige,
was ſeine Erhebung rechtfertigte, war der Zweck, der für Notwendig-
keit ausgegeben wurde. Weil die Kirche eine längere Unterbrechung
päpſtlicher Regierung nicht vertrug und es den Biſchöfen und Kardinälen
unmöglich gemacht war, ihr Recht in Rom auszuüben, mußten ſie anders-
wo zur Wahl ſchreiten, und weil das Volk von Rom ſein Recht zum
Schaden der Kirche mißbraucht haben würde, ſo durfte, mußte man es
beiſeiteſchieben. Mit andern Worten: die Wähler in Siena handelten
gegen das geltende Recht um eines höheren Zweckes willen. Für dieſes
Verfahren gibt es einen Ausdruck, den man ſich anzuwenden nicht ſcheuen

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[294/0303] Erhebung Nikolaus' II. letzten deutſchen Kaiſers Feind geweſen war und im Rufe ſtand, ſelbſt nach den höchſten Ehren zu ſtreben, löſte ſich von der Verbindung mit Deutſchland. Jndeſſen das iſt nicht alles. Nikolaus II. war ein unbe- deutender Mann, von andern geleitet. Großen Einfluß hatte auf ihn der Mönch Hildebrand, den er vor Ablauf eines Jahres vom Subdiakon zum Archidiakon der römiſchen Kirche erhoben hat, nicht weniger die Biſchöfe Bonifaz von Albano, von dem wir nur den Namen kennen, und der uns wohlbekannte Humbert von Silva Candida. Sie werden die beiden Augen des Papſtes genannt. Wie dieſe Augen — und andere mit ihnen — die Dinge ſahen, hatte die Art der letzten Wahl verraten. Sie wich durchaus von den überlieferten Formen ab. Daß der römiſche Biſchof wie jeder andere von Klerus und Volk zu wählen ſei, war bisher nie beſtritten worden, mochte die Wahl auch oft genug nicht mehr ſein als äußere Form. Hier hatte man ſich darüber hinweggeſetzt, indem man die Handlung außerhalb Roms vollzog, wo der Klerus nur durch wenige Mitglieder vertreten, das Volk überhaupt nicht beteiligt ſein konnte. An Stelle von Klerus und Volk hatten die Kardinäle, in erſter Linie aber die Biſchöfe der Nachbarſchaft Roms gehandelt. Eine Satzung, die dazu berechtigte, gab es nicht. Sooft man in früheren Zeiten Anordnungen über die Papſtwahl getroffen hatte, ſei es um Spaltungen und Kämpfe zu verhüten, ſei es um übermächtig gewordene Laienelemente in ihre Schranken zu weiſen, wie 769 oder 898, immer war die ſtillſchweigende Vorausſetzung geweſen, daß die Wahl in Rom ſtattfinde und der geſamte Klerus, das ganze Volk, Adel und Bürgerſchaft, an ihr teilnehme. Gemeſſen an Herkommen und Satzung, war die Wahl Nikolaus' II. ungültig, weil unter Nicht- achtung vorgeſchriebener Formen zuſtande gekommen. Nikolaus hatte alſo auf ſeine Würde kein beſſeres Recht als ſein Gegner. Das einzige, was ſeine Erhebung rechtfertigte, war der Zweck, der für Notwendig- keit ausgegeben wurde. Weil die Kirche eine längere Unterbrechung päpſtlicher Regierung nicht vertrug und es den Biſchöfen und Kardinälen unmöglich gemacht war, ihr Recht in Rom auszuüben, mußten ſie anders- wo zur Wahl ſchreiten, und weil das Volk von Rom ſein Recht zum Schaden der Kirche mißbraucht haben würde, ſo durfte, mußte man es beiſeiteſchieben. Mit andern Worten: die Wähler in Siena handelten gegen das geltende Recht um eines höheren Zweckes willen. Für dieſes Verfahren gibt es einen Ausdruck, den man ſich anzuwenden nicht ſcheuen

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 294. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/303>, abgerufen am 19.09.2020.