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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Benedikt X. -- Erhebung Nikolaus' II.
nicht richten, wenigstens wollte man diesen Anschein vermeiden. Der
Gewählte hatte bisher zum Kreise der Reformer gehört, war von
Leo IX. zum Bischof erhoben worden, darum war er der rechte Mann,
wenn man einen einheimischen Papst wollte, der zugleich den Anforde-
rungen der Zeit entsprach. Aber es glückte nicht, seine Erhebung in den
vorgeschriebenen Formen durchzuführen. Petrus Damiani, der als Bi-
schof von Ostia ihn hätte weihen müssen, weigerte sich, und da auch kein
anderer Bischof sich dazu bereit fand, wurde der Archidiakon von Ostia
gezwungen, die Handlung vorzunehmen. Daß sie ungültig war, konnte
also niemand bestreiten.

Verwirrung und Ratlosigkeit herrschten zunächst unter den Kar-
dinälen. Erst allmählich -- Hildebrand war inzwischen aus Deutsch-
land zurückgekehrt -- klärte sich die Lage. Wie das letztemal, so war
auch jetzt die Rücksicht auf Herzog Gotfried entscheidend. Jhm zuliebe,
wenn nicht geradezu auf sein Verlangen wurde Bischof Gerhard von
Florenz, ein französischer Burgunder, zum Papst ausersehen. Aber man
wagte doch nicht -- Hildebrand mag davor gewarnt haben -- die Rechte
des deutschen Königs ein zweites Mal gröblich zu verletzen, und schob
wenigstens die förmliche Wahlhandlung auf, bis die nachgesuchte Zu-
stimmung der Kaiserin eingetroffen war. Am deutschen Hof müssen Be-
denken erwacht sein, ob das Recht des Königs nicht durch ein solches Vor-
gehen der Wähler in Frage gestellt sei. Man beruhigte sich jedoch, als
jene durch den italischen Reichskanzler die Versicherung abgaben, an
den Vorrechten des Königs solle nicht gerüttelt werden. Darüber waren
fast drei Vierteljahre vergangen, während deren die Kardinäle sich um
den künftigen Papst sammelten. Jm Dezember endlich vollzogen sie,
schon auf dem Wege nach Rom, in Siena die Wahl. Was man von
dem Gewählten erwartete, verrät der Name, den man ihm gab:
Nikolaus II.

Ehe wir die Ereignisse weiter verfolgen, werden wir uns klarzumachen
haben, was das bisher Geschehene bedeutete. Daß die deutsche Regent-
schaft die Führung des Papsttums verloren hatte, bewiesen die beiden
letzten Wahlen handgreiflich. Die Kaiserin hatte sich das erste Mal
jeden Einflusses berauben lassen, ein zweites Mal sich mit Zustimmung zu
fremden Wünschen begnügt, anstatt selbst zu bestimmen. Das refor-
mierte Papsttum, vertreten durch eine Gruppe von Geistlichen aus nicht-
deutschem Gebiet, gestützt durch einen nichtdeutschen Fürsten, der des

Benedikt X. — Erhebung Nikolaus' II.
nicht richten, wenigſtens wollte man dieſen Anſchein vermeiden. Der
Gewählte hatte bisher zum Kreiſe der Reformer gehört, war von
Leo IX. zum Biſchof erhoben worden, darum war er der rechte Mann,
wenn man einen einheimiſchen Papſt wollte, der zugleich den Anforde-
rungen der Zeit entſprach. Aber es glückte nicht, ſeine Erhebung in den
vorgeſchriebenen Formen durchzuführen. Petrus Damiani, der als Bi-
ſchof von Oſtia ihn hätte weihen müſſen, weigerte ſich, und da auch kein
anderer Biſchof ſich dazu bereit fand, wurde der Archidiakon von Oſtia
gezwungen, die Handlung vorzunehmen. Daß ſie ungültig war, konnte
alſo niemand beſtreiten.

Verwirrung und Ratloſigkeit herrſchten zunächſt unter den Kar-
dinälen. Erſt allmählich — Hildebrand war inzwiſchen aus Deutſch-
land zurückgekehrt — klärte ſich die Lage. Wie das letztemal, ſo war
auch jetzt die Rückſicht auf Herzog Gotfried entſcheidend. Jhm zuliebe,
wenn nicht geradezu auf ſein Verlangen wurde Biſchof Gerhard von
Florenz, ein franzöſiſcher Burgunder, zum Papſt auserſehen. Aber man
wagte doch nicht — Hildebrand mag davor gewarnt haben — die Rechte
des deutſchen Königs ein zweites Mal gröblich zu verletzen, und ſchob
wenigſtens die förmliche Wahlhandlung auf, bis die nachgeſuchte Zu-
ſtimmung der Kaiſerin eingetroffen war. Am deutſchen Hof müſſen Be-
denken erwacht ſein, ob das Recht des Königs nicht durch ein ſolches Vor-
gehen der Wähler in Frage geſtellt ſei. Man beruhigte ſich jedoch, als
jene durch den italiſchen Reichskanzler die Verſicherung abgaben, an
den Vorrechten des Königs ſolle nicht gerüttelt werden. Darüber waren
faſt drei Vierteljahre vergangen, während deren die Kardinäle ſich um
den künftigen Papſt ſammelten. Jm Dezember endlich vollzogen ſie,
ſchon auf dem Wege nach Rom, in Siena die Wahl. Was man von
dem Gewählten erwartete, verrät der Name, den man ihm gab:
Nikolaus II.

Ehe wir die Ereigniſſe weiter verfolgen, werden wir uns klarzumachen
haben, was das bisher Geſchehene bedeutete. Daß die deutſche Regent-
ſchaft die Führung des Papſttums verloren hatte, bewieſen die beiden
letzten Wahlen handgreiflich. Die Kaiſerin hatte ſich das erſte Mal
jeden Einfluſſes berauben laſſen, ein zweites Mal ſich mit Zuſtimmung zu
fremden Wünſchen begnügt, anſtatt ſelbſt zu beſtimmen. Das refor-
mierte Papſttum, vertreten durch eine Gruppe von Geiſtlichen aus nicht-
deutſchem Gebiet, geſtützt durch einen nichtdeutſchen Fürſten, der des

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[293/0302] Benedikt X. — Erhebung Nikolaus' II. nicht richten, wenigſtens wollte man dieſen Anſchein vermeiden. Der Gewählte hatte bisher zum Kreiſe der Reformer gehört, war von Leo IX. zum Biſchof erhoben worden, darum war er der rechte Mann, wenn man einen einheimiſchen Papſt wollte, der zugleich den Anforde- rungen der Zeit entſprach. Aber es glückte nicht, ſeine Erhebung in den vorgeſchriebenen Formen durchzuführen. Petrus Damiani, der als Bi- ſchof von Oſtia ihn hätte weihen müſſen, weigerte ſich, und da auch kein anderer Biſchof ſich dazu bereit fand, wurde der Archidiakon von Oſtia gezwungen, die Handlung vorzunehmen. Daß ſie ungültig war, konnte alſo niemand beſtreiten. Verwirrung und Ratloſigkeit herrſchten zunächſt unter den Kar- dinälen. Erſt allmählich — Hildebrand war inzwiſchen aus Deutſch- land zurückgekehrt — klärte ſich die Lage. Wie das letztemal, ſo war auch jetzt die Rückſicht auf Herzog Gotfried entſcheidend. Jhm zuliebe, wenn nicht geradezu auf ſein Verlangen wurde Biſchof Gerhard von Florenz, ein franzöſiſcher Burgunder, zum Papſt auserſehen. Aber man wagte doch nicht — Hildebrand mag davor gewarnt haben — die Rechte des deutſchen Königs ein zweites Mal gröblich zu verletzen, und ſchob wenigſtens die förmliche Wahlhandlung auf, bis die nachgeſuchte Zu- ſtimmung der Kaiſerin eingetroffen war. Am deutſchen Hof müſſen Be- denken erwacht ſein, ob das Recht des Königs nicht durch ein ſolches Vor- gehen der Wähler in Frage geſtellt ſei. Man beruhigte ſich jedoch, als jene durch den italiſchen Reichskanzler die Verſicherung abgaben, an den Vorrechten des Königs ſolle nicht gerüttelt werden. Darüber waren faſt drei Vierteljahre vergangen, während deren die Kardinäle ſich um den künftigen Papſt ſammelten. Jm Dezember endlich vollzogen ſie, ſchon auf dem Wege nach Rom, in Siena die Wahl. Was man von dem Gewählten erwartete, verrät der Name, den man ihm gab: Nikolaus II. Ehe wir die Ereigniſſe weiter verfolgen, werden wir uns klarzumachen haben, was das bisher Geſchehene bedeutete. Daß die deutſche Regent- ſchaft die Führung des Papſttums verloren hatte, bewieſen die beiden letzten Wahlen handgreiflich. Die Kaiſerin hatte ſich das erſte Mal jeden Einfluſſes berauben laſſen, ein zweites Mal ſich mit Zuſtimmung zu fremden Wünſchen begnügt, anſtatt ſelbſt zu beſtimmen. Das refor- mierte Papſttum, vertreten durch eine Gruppe von Geiſtlichen aus nicht- deutſchem Gebiet, geſtützt durch einen nichtdeutſchen Fürſten, der des

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 293. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/302>, abgerufen am 19.09.2020.