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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Stefan IX.
Stefan IX. genannt. Über das Recht des deutschen Königs, den zu
Wählenden zu bestimmen, hatte man sich hinweggesetzt. Brechen wollte
man nicht mit ihm, aber es schien genügend, wenn er nachträglich zu-
stimmte. Zu diesem Zweck wurde Hildebrand an den Hof nach Deutsch-
land gesandt, und es gelang ihm, den anfänglichen Unwillen der Kaiserin-
regentin zu beschwichtigen und ihre Genehmigung zu erwirken.

Daß Stefan die Arbeit seiner Vorgänger fortsetzte, verstand sich von
selbst. Gegen den römischen Klerus ging er mit größerer Strenge vor:
wer gegen das Verbot Leos IX. geheiratet hatte, sollte den Kirchendienst
verlassen und lebenslänglich Buße tun. Weiteres sollte im nächsten
Frühjahr eine große Synode beschließen, zu der aus Frankreich Teil-
nehmer geladen wurden. Zur Unterstützung berief Stefan den ange-
sehensten der italischen Reformer, Petrus Damiani, sehr gegen seinen
Willen als Bischof von Ostia an seine Seite nach Rom. Gegenüber
den Normannen nahm er die Pläne auf, mit denen Leo IX. gescheitert
war. Um die Mitwirkung der Griechen zu gewinnen, sollte der Abt
von Monte Cassino nach Konstantinopel gehen. Auf den starken Arm
Herzog Gotfrieds durfte man dabei zählen. Die Macht des Bruders
erhöhte der Papst, indem er ihm die Verwaltung des Herzogtums
Spoleto und der Mark von Ancona abtrat. Noch Größeres soll er mit
ihm vorgehabt haben: man behauptete, er wolle ihn zum Kaiser krönen.
Jn seinem niederlothringischen Herzogtum sprach man von Gotfried
schon als vom Patritius der Stadt Rom. Wenn das mehr war als ein
falsches Gerücht, so ist es bei der Absicht geblieben. Denn schon am
29. März 1058, nach kaum achtmonatiger Regierung, wurde Stefan
in Florenz, wo er mit dem Herzog zusammengetroffen war, vom Fieber
dahingerafft, an dem er schon länger gelitten hatte.

Er hatte bei der Abreise von Rom sein Ende kommen sehen und für
diesen Fall die Anordnung getroffen, daß mit der Wahl gewartet werde,
bis Hildebrand vom Königshof zurückgekehrt wäre. Jn Rom aber hielten
die verdrängten Adelsgeschlechter, Tuskulaner, Crescentier und andere im
Verein, den Augenblick für gekommen, die verlorene Herrschaft in Stadt
und Kirche zurückzuerobern. Die Zerstreuung der Kardinäle, von denen
ein Teil den Papst nach Florenz begleitet hatte, kam ihnen zustatten, am
5. April besetzten sie die Stadt und erhoben einen Neffen Benedikts IX.,
den Bischof Johannes von Velletri, in tumultuarischer Weise unter
dem Namen Benedikt X. zum Papst. Gegen die Reform sollte sich das

Stefan IX.
Stefan IX. genannt. Über das Recht des deutſchen Königs, den zu
Wählenden zu beſtimmen, hatte man ſich hinweggeſetzt. Brechen wollte
man nicht mit ihm, aber es ſchien genügend, wenn er nachträglich zu-
ſtimmte. Zu dieſem Zweck wurde Hildebrand an den Hof nach Deutſch-
land geſandt, und es gelang ihm, den anfänglichen Unwillen der Kaiſerin-
regentin zu beſchwichtigen und ihre Genehmigung zu erwirken.

Daß Stefan die Arbeit ſeiner Vorgänger fortſetzte, verſtand ſich von
ſelbſt. Gegen den römiſchen Klerus ging er mit größerer Strenge vor:
wer gegen das Verbot Leos IX. geheiratet hatte, ſollte den Kirchendienſt
verlaſſen und lebenslänglich Buße tun. Weiteres ſollte im nächſten
Frühjahr eine große Synode beſchließen, zu der aus Frankreich Teil-
nehmer geladen wurden. Zur Unterſtützung berief Stefan den ange-
ſehenſten der italiſchen Reformer, Petrus Damiani, ſehr gegen ſeinen
Willen als Biſchof von Oſtia an ſeine Seite nach Rom. Gegenüber
den Normannen nahm er die Pläne auf, mit denen Leo IX. geſcheitert
war. Um die Mitwirkung der Griechen zu gewinnen, ſollte der Abt
von Monte Caſſino nach Konſtantinopel gehen. Auf den ſtarken Arm
Herzog Gotfrieds durfte man dabei zählen. Die Macht des Bruders
erhöhte der Papſt, indem er ihm die Verwaltung des Herzogtums
Spoleto und der Mark von Ancona abtrat. Noch Größeres ſoll er mit
ihm vorgehabt haben: man behauptete, er wolle ihn zum Kaiſer krönen.
Jn ſeinem niederlothringiſchen Herzogtum ſprach man von Gotfried
ſchon als vom Patritius der Stadt Rom. Wenn das mehr war als ein
falſches Gerücht, ſo iſt es bei der Abſicht geblieben. Denn ſchon am
29. März 1058, nach kaum achtmonatiger Regierung, wurde Stefan
in Florenz, wo er mit dem Herzog zuſammengetroffen war, vom Fieber
dahingerafft, an dem er ſchon länger gelitten hatte.

Er hatte bei der Abreiſe von Rom ſein Ende kommen ſehen und für
dieſen Fall die Anordnung getroffen, daß mit der Wahl gewartet werde,
bis Hildebrand vom Königshof zurückgekehrt wäre. Jn Rom aber hielten
die verdrängten Adelsgeſchlechter, Tuskulaner, Crescentier und andere im
Verein, den Augenblick für gekommen, die verlorene Herrſchaft in Stadt
und Kirche zurückzuerobern. Die Zerſtreuung der Kardinäle, von denen
ein Teil den Papſt nach Florenz begleitet hatte, kam ihnen zuſtatten, am
5. April beſetzten ſie die Stadt und erhoben einen Neffen Benedikts IX.,
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[292/0301] Stefan IX. Stefan IX. genannt. Über das Recht des deutſchen Königs, den zu Wählenden zu beſtimmen, hatte man ſich hinweggeſetzt. Brechen wollte man nicht mit ihm, aber es ſchien genügend, wenn er nachträglich zu- ſtimmte. Zu dieſem Zweck wurde Hildebrand an den Hof nach Deutſch- land geſandt, und es gelang ihm, den anfänglichen Unwillen der Kaiſerin- regentin zu beſchwichtigen und ihre Genehmigung zu erwirken. Daß Stefan die Arbeit ſeiner Vorgänger fortſetzte, verſtand ſich von ſelbſt. Gegen den römiſchen Klerus ging er mit größerer Strenge vor: wer gegen das Verbot Leos IX. geheiratet hatte, ſollte den Kirchendienſt verlaſſen und lebenslänglich Buße tun. Weiteres ſollte im nächſten Frühjahr eine große Synode beſchließen, zu der aus Frankreich Teil- nehmer geladen wurden. Zur Unterſtützung berief Stefan den ange- ſehenſten der italiſchen Reformer, Petrus Damiani, ſehr gegen ſeinen Willen als Biſchof von Oſtia an ſeine Seite nach Rom. Gegenüber den Normannen nahm er die Pläne auf, mit denen Leo IX. geſcheitert war. Um die Mitwirkung der Griechen zu gewinnen, ſollte der Abt von Monte Caſſino nach Konſtantinopel gehen. Auf den ſtarken Arm Herzog Gotfrieds durfte man dabei zählen. Die Macht des Bruders erhöhte der Papſt, indem er ihm die Verwaltung des Herzogtums Spoleto und der Mark von Ancona abtrat. Noch Größeres ſoll er mit ihm vorgehabt haben: man behauptete, er wolle ihn zum Kaiſer krönen. Jn ſeinem niederlothringiſchen Herzogtum ſprach man von Gotfried ſchon als vom Patritius der Stadt Rom. Wenn das mehr war als ein falſches Gerücht, ſo iſt es bei der Abſicht geblieben. Denn ſchon am 29. März 1058, nach kaum achtmonatiger Regierung, wurde Stefan in Florenz, wo er mit dem Herzog zuſammengetroffen war, vom Fieber dahingerafft, an dem er ſchon länger gelitten hatte. Er hatte bei der Abreiſe von Rom ſein Ende kommen ſehen und für dieſen Fall die Anordnung getroffen, daß mit der Wahl gewartet werde, bis Hildebrand vom Königshof zurückgekehrt wäre. Jn Rom aber hielten die verdrängten Adelsgeſchlechter, Tuskulaner, Crescentier und andere im Verein, den Augenblick für gekommen, die verlorene Herrſchaft in Stadt und Kirche zurückzuerobern. Die Zerſtreuung der Kardinäle, von denen ein Teil den Papſt nach Florenz begleitet hatte, kam ihnen zuſtatten, am 5. April beſetzten ſie die Stadt und erhoben einen Neffen Benedikts IX., den Biſchof Johannes von Velletri, in tumultuariſcher Weiſe unter dem Namen Benedikt X. zum Papſt. Gegen die Reform ſollte ſich das

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 292. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/301>, abgerufen am 19.09.2020.