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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Wesen des fränkischen Kaisertums
nicht aus dieser Jdee ist das Kaisertum Karls hervorgegangen, sie
selbst vielmehr ist erst von ihm erzeugt worden.

Karl hat nichts ferner gelegen als solche Gedanken. Auch ohne das
bestimmte Zeugnis Einhards, des Eingeweihten, daß ihm die Sache un-
willkommen war und er trotz des hohen Festes die Kirche nicht betreten
haben würde, wenn er gewußt hätte, was ihn dort erwartete, auch ohne
dieses Zeugnis sprechen seine eigenen Handlungen laut genug. Zwar von
der Befugnis, die ihm die neue Würde verlieh, hat er sogleich Gebrauch
gemacht, indem er die römischen Verschwörer zum Tode verurteilte.
Auf seine wahre Meinung über Schuld und Unschuld des Papstes wirft
es ein eigentümliches Licht, daß er die Verurteilten zur Verbannung ins
Fränkische begnadigte, von wo sie unter Leos Nachfolger nach Rom
zurückkehren durften. Aber den Kaisertitel zu führen, hat Karl sich schwer
entschlossen und sich noch zu Anfang März 801 in einer Urkunde König
nennen lassen. Dann hat er sich der Form wohl gefügt und sich fortan
"Kaiser der Römer, König der Franken und Langobarden" tituliert, die
Verschiedenheit seines Herrschertums in den drei Reichen deutlich be-
tonend. Aber die Rechte des Kaisers hat er so selten wie möglich ausgeübt
und eine Vererbung der Kaiserwürde auf seine Nachfolger lange noch
nicht erwogen. Als er im Jahre 806 sein Reich für den Fall seines Todes
unter seine drei Söhne teilte, hat er des Kaisertums mit keinem Worte
gedacht, vielmehr bestimmt, daß der Schutz der römischen Kirche von
den drei Brüdern gemeinsam wahrzunehmen sei. Diese Verfügung ließ
er auch durch den Papst ausdrücklich bestätigen. Damals also meinte er
noch, daß mit seinem Tode das fränkisch-römische Kaisertum aufhören
und an dessen Stelle der Patritiat, wie ihn Stefan II. und Pippin 754
geschaffen hatten, ausgeübt vom gesamten Königshaus, wieder in Kraft
treten sollte. Erst als seine beiden älteren Söhne gestorben waren und er
selbst sein Ende nahen fühlte, hat er sich (813) bewegen lassen, den
jüngsten Sohn Ludwig in den Formen des römischen Staatsrechts zum
Mitkaiser und Thronfolger zu erheben. Nachdem dieser dem Vater ge-
folgt war (814), siegte bald die Richtung, von der eben die Rede war, die
das Gesamtreich als Einheit unter einem Kaiser auffaßte und erhalten
wollte. Auf einem Reichstag in Aachen im Jahre 817 wurde das über-
lieferte Erbrecht des Königshauses dahin abgeändert, daß die drei Söhne
Ludwigs nach dem Tode des Vaters zwar jeder seinen eigenen Reichsteil
verwalten sollten, die beiden jüngeren aber unter Oberhoheit und Auf-

Weſen des fränkiſchen Kaiſertums
nicht aus dieſer Jdee iſt das Kaiſertum Karls hervorgegangen, ſie
ſelbſt vielmehr iſt erſt von ihm erzeugt worden.

Karl hat nichts ferner gelegen als ſolche Gedanken. Auch ohne das
beſtimmte Zeugnis Einhards, des Eingeweihten, daß ihm die Sache un-
willkommen war und er trotz des hohen Feſtes die Kirche nicht betreten
haben würde, wenn er gewußt hätte, was ihn dort erwartete, auch ohne
dieſes Zeugnis ſprechen ſeine eigenen Handlungen laut genug. Zwar von
der Befugnis, die ihm die neue Würde verlieh, hat er ſogleich Gebrauch
gemacht, indem er die römiſchen Verſchwörer zum Tode verurteilte.
Auf ſeine wahre Meinung über Schuld und Unſchuld des Papſtes wirft
es ein eigentümliches Licht, daß er die Verurteilten zur Verbannung ins
Fränkiſche begnadigte, von wo ſie unter Leos Nachfolger nach Rom
zurückkehren durften. Aber den Kaiſertitel zu führen, hat Karl ſich ſchwer
entſchloſſen und ſich noch zu Anfang März 801 in einer Urkunde König
nennen laſſen. Dann hat er ſich der Form wohl gefügt und ſich fortan
„Kaiſer der Römer, König der Franken und Langobarden“ tituliert, die
Verſchiedenheit ſeines Herrſchertums in den drei Reichen deutlich be-
tonend. Aber die Rechte des Kaiſers hat er ſo ſelten wie möglich ausgeübt
und eine Vererbung der Kaiſerwürde auf ſeine Nachfolger lange noch
nicht erwogen. Als er im Jahre 806 ſein Reich für den Fall ſeines Todes
unter ſeine drei Söhne teilte, hat er des Kaiſertums mit keinem Worte
gedacht, vielmehr beſtimmt, daß der Schutz der römiſchen Kirche von
den drei Brüdern gemeinſam wahrzunehmen ſei. Dieſe Verfügung ließ
er auch durch den Papſt ausdrücklich beſtätigen. Damals alſo meinte er
noch, daß mit ſeinem Tode das fränkiſch-römiſche Kaiſertum aufhören
und an deſſen Stelle der Patritiat, wie ihn Stefan II. und Pippin 754
geſchaffen hatten, ausgeübt vom geſamten Königshaus, wieder in Kraft
treten ſollte. Erſt als ſeine beiden älteren Söhne geſtorben waren und er
ſelbſt ſein Ende nahen fühlte, hat er ſich (813) bewegen laſſen, den
jüngſten Sohn Ludwig in den Formen des römiſchen Staatsrechts zum
Mitkaiſer und Thronfolger zu erheben. Nachdem dieſer dem Vater ge-
folgt war (814), ſiegte bald die Richtung, von der eben die Rede war, die
das Geſamtreich als Einheit unter einem Kaiſer auffaßte und erhalten
wollte. Auf einem Reichstag in Aachen im Jahre 817 wurde das über-
lieferte Erbrecht des Königshauſes dahin abgeändert, daß die drei Söhne
Ludwigs nach dem Tode des Vaters zwar jeder ſeinen eigenen Reichsteil
verwalten ſollten, die beiden jüngeren aber unter Oberhoheit und Auf-

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[20/0029] Weſen des fränkiſchen Kaiſertums nicht aus dieſer Jdee iſt das Kaiſertum Karls hervorgegangen, ſie ſelbſt vielmehr iſt erſt von ihm erzeugt worden. Karl hat nichts ferner gelegen als ſolche Gedanken. Auch ohne das beſtimmte Zeugnis Einhards, des Eingeweihten, daß ihm die Sache un- willkommen war und er trotz des hohen Feſtes die Kirche nicht betreten haben würde, wenn er gewußt hätte, was ihn dort erwartete, auch ohne dieſes Zeugnis ſprechen ſeine eigenen Handlungen laut genug. Zwar von der Befugnis, die ihm die neue Würde verlieh, hat er ſogleich Gebrauch gemacht, indem er die römiſchen Verſchwörer zum Tode verurteilte. Auf ſeine wahre Meinung über Schuld und Unſchuld des Papſtes wirft es ein eigentümliches Licht, daß er die Verurteilten zur Verbannung ins Fränkiſche begnadigte, von wo ſie unter Leos Nachfolger nach Rom zurückkehren durften. Aber den Kaiſertitel zu führen, hat Karl ſich ſchwer entſchloſſen und ſich noch zu Anfang März 801 in einer Urkunde König nennen laſſen. Dann hat er ſich der Form wohl gefügt und ſich fortan „Kaiſer der Römer, König der Franken und Langobarden“ tituliert, die Verſchiedenheit ſeines Herrſchertums in den drei Reichen deutlich be- tonend. Aber die Rechte des Kaiſers hat er ſo ſelten wie möglich ausgeübt und eine Vererbung der Kaiſerwürde auf ſeine Nachfolger lange noch nicht erwogen. Als er im Jahre 806 ſein Reich für den Fall ſeines Todes unter ſeine drei Söhne teilte, hat er des Kaiſertums mit keinem Worte gedacht, vielmehr beſtimmt, daß der Schutz der römiſchen Kirche von den drei Brüdern gemeinſam wahrzunehmen ſei. Dieſe Verfügung ließ er auch durch den Papſt ausdrücklich beſtätigen. Damals alſo meinte er noch, daß mit ſeinem Tode das fränkiſch-römiſche Kaiſertum aufhören und an deſſen Stelle der Patritiat, wie ihn Stefan II. und Pippin 754 geſchaffen hatten, ausgeübt vom geſamten Königshaus, wieder in Kraft treten ſollte. Erſt als ſeine beiden älteren Söhne geſtorben waren und er ſelbſt ſein Ende nahen fühlte, hat er ſich (813) bewegen laſſen, den jüngſten Sohn Ludwig in den Formen des römiſchen Staatsrechts zum Mitkaiſer und Thronfolger zu erheben. Nachdem dieſer dem Vater ge- folgt war (814), ſiegte bald die Richtung, von der eben die Rede war, die das Geſamtreich als Einheit unter einem Kaiſer auffaßte und erhalten wollte. Auf einem Reichstag in Aachen im Jahre 817 wurde das über- lieferte Erbrecht des Königshauſes dahin abgeändert, daß die drei Söhne Ludwigs nach dem Tode des Vaters zwar jeder ſeinen eigenen Reichsteil verwalten ſollten, die beiden jüngeren aber unter Oberhoheit und Auf-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 20. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/29>, abgerufen am 15.11.2019.