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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Päpstliche und bischöfliche Bußgewalt
dem Urteil der Bischöfe, sondern nach dem Tun der Schuldigen, und
keinem Menschen steht es zu, den Gottlosen zu rechtfertigen und den
Gerechten zu verdammen. Solche Worte scheinen ein Bekenntnis zu
sein, wie es klarer und überzeugter nicht zu verlangen wäre. Und doch
hat derselbe Gerbert den Standpunkt, den er hier einnimmt, wenige
Jahre später, als er Papst Silvester II. geworden war, nicht behauptet.
Unter den Gründen für die Begnadigung seines ehemaligen Gegners
beruft er sich ganz im Geiste Pseudoisidors, aber ohne Stütze im alten
Recht der Kirche darauf, daß Arnulfs Abdankung -- um eine solche
handelte es sich ja der Form nach -- der Zustimmung Roms entbehrt
habe. Also nicht einmal ein Gerbert hatte in diesem Punkte eine uner-
schütterliche Überzeugung. Wenn das am grünen Holz geschah, darf
man von Geringeren eine klare, folgerichtige Stellung nicht erwarten.

Unklarheit bestand auch auf dem Gebiet, auf dem man dem apostoli-
schen Stuhl am wenigsten sein Vorrecht grundsätzlich bestritt. Daß der
Papst befugt sei, reuigen Sündern aus der ganzen Welt gegen ange-
messene Buße Lossprechung zu erteilen, hat niemand geleugnet. Man
billigte ihm in dieser Hinsicht sogar mehr zu als andern. So verstand
man das angebliche Herrenwort zu Petrus vom Binden und Lösen:
die Vollmacht seines Stuhles reichte weiter, ihm traute man tiefere
Einsicht und sichereres Urteil zu. Bischöfe, die sich selbst die Entschei-
dung über schwere Verbrechen nicht zutrauten, pflegten die Schuldigen
nach Rom zu schicken, des Papstes Spruch galt als Urteil der ganzen
Kirche. Aber in der Ausübung dieses Rechts ergaben sich Reibungen und
Widersprüche, die zu Beschlüssen führten, die sich seiner Aufhebung näher-
ten. Es kam vor, daß Schuldige sich der Buße, die ihr Bischof ihnen
auferlegte, zu entziehen suchten, indem sie sich nach Rom wandten, und
daß der Papst, ohne nähere Kenntnis der Umstände, das Urteil des
Bischofs durchkreuzte. Das hat im Jahr 1023 zu einem scharfen Zu-
sammenstoß zwischen Rom und der deutschen Kirche geführt. Den Anlaß
hatte die Gräfin von Hammerstein gegeben, die die Scheidung ihrer Ehe
durch ein deutsches Gericht -- Kaiser Heinrich II. hatte sie betrieben --
nicht anerkannte, dafür aus der Kirche ausgeschlossen, aber in Rom wie-
der aufgenommen wurde. Hierdurch fühlten die Bischöfe der Mainzer
Provinz sich herausgefordert und erließen auf einer Synode in Seligen-
stadt ein allgemeines Verbot, daß jemand ohne Erlaubnis seines Bischofs,
und ohne die auferlegte Buße geleistet zu haben, sich nach Rom wende.

Haller, Das Papsttum II1 16

Päpſtliche und biſchöfliche Bußgewalt
dem Urteil der Biſchöfe, ſondern nach dem Tun der Schuldigen, und
keinem Menſchen ſteht es zu, den Gottloſen zu rechtfertigen und den
Gerechten zu verdammen. Solche Worte ſcheinen ein Bekenntnis zu
ſein, wie es klarer und überzeugter nicht zu verlangen wäre. Und doch
hat derſelbe Gerbert den Standpunkt, den er hier einnimmt, wenige
Jahre ſpäter, als er Papſt Silveſter II. geworden war, nicht behauptet.
Unter den Gründen für die Begnadigung ſeines ehemaligen Gegners
beruft er ſich ganz im Geiſte Pſeudoiſidors, aber ohne Stütze im alten
Recht der Kirche darauf, daß Arnulfs Abdankung — um eine ſolche
handelte es ſich ja der Form nach — der Zuſtimmung Roms entbehrt
habe. Alſo nicht einmal ein Gerbert hatte in dieſem Punkte eine uner-
ſchütterliche Überzeugung. Wenn das am grünen Holz geſchah, darf
man von Geringeren eine klare, folgerichtige Stellung nicht erwarten.

Unklarheit beſtand auch auf dem Gebiet, auf dem man dem apoſtoli-
ſchen Stuhl am wenigſten ſein Vorrecht grundſätzlich beſtritt. Daß der
Papſt befugt ſei, reuigen Sündern aus der ganzen Welt gegen ange-
meſſene Buße Losſprechung zu erteilen, hat niemand geleugnet. Man
billigte ihm in dieſer Hinſicht ſogar mehr zu als andern. So verſtand
man das angebliche Herrenwort zu Petrus vom Binden und Löſen:
die Vollmacht ſeines Stuhles reichte weiter, ihm traute man tiefere
Einſicht und ſichereres Urteil zu. Biſchöfe, die ſich ſelbſt die Entſchei-
dung über ſchwere Verbrechen nicht zutrauten, pflegten die Schuldigen
nach Rom zu ſchicken, des Papſtes Spruch galt als Urteil der ganzen
Kirche. Aber in der Ausübung dieſes Rechts ergaben ſich Reibungen und
Widerſprüche, die zu Beſchlüſſen führten, die ſich ſeiner Aufhebung näher-
ten. Es kam vor, daß Schuldige ſich der Buße, die ihr Biſchof ihnen
auferlegte, zu entziehen ſuchten, indem ſie ſich nach Rom wandten, und
daß der Papſt, ohne nähere Kenntnis der Umſtände, das Urteil des
Biſchofs durchkreuzte. Das hat im Jahr 1023 zu einem ſcharfen Zu-
ſammenſtoß zwiſchen Rom und der deutſchen Kirche geführt. Den Anlaß
hatte die Gräfin von Hammerſtein gegeben, die die Scheidung ihrer Ehe
durch ein deutſches Gericht — Kaiſer Heinrich II. hatte ſie betrieben —
nicht anerkannte, dafür aus der Kirche ausgeſchloſſen, aber in Rom wie-
der aufgenommen wurde. Hierdurch fühlten die Biſchöfe der Mainzer
Provinz ſich herausgefordert und erließen auf einer Synode in Seligen-
ſtadt ein allgemeines Verbot, daß jemand ohne Erlaubnis ſeines Biſchofs,
und ohne die auferlegte Buße geleiſtet zu haben, ſich nach Rom wende.

Haller, Das Papſttum II1 16
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[241/0250] Päpſtliche und biſchöfliche Bußgewalt dem Urteil der Biſchöfe, ſondern nach dem Tun der Schuldigen, und keinem Menſchen ſteht es zu, den Gottloſen zu rechtfertigen und den Gerechten zu verdammen. Solche Worte ſcheinen ein Bekenntnis zu ſein, wie es klarer und überzeugter nicht zu verlangen wäre. Und doch hat derſelbe Gerbert den Standpunkt, den er hier einnimmt, wenige Jahre ſpäter, als er Papſt Silveſter II. geworden war, nicht behauptet. Unter den Gründen für die Begnadigung ſeines ehemaligen Gegners beruft er ſich ganz im Geiſte Pſeudoiſidors, aber ohne Stütze im alten Recht der Kirche darauf, daß Arnulfs Abdankung — um eine ſolche handelte es ſich ja der Form nach — der Zuſtimmung Roms entbehrt habe. Alſo nicht einmal ein Gerbert hatte in dieſem Punkte eine uner- ſchütterliche Überzeugung. Wenn das am grünen Holz geſchah, darf man von Geringeren eine klare, folgerichtige Stellung nicht erwarten. Unklarheit beſtand auch auf dem Gebiet, auf dem man dem apoſtoli- ſchen Stuhl am wenigſten ſein Vorrecht grundſätzlich beſtritt. Daß der Papſt befugt ſei, reuigen Sündern aus der ganzen Welt gegen ange- meſſene Buße Losſprechung zu erteilen, hat niemand geleugnet. Man billigte ihm in dieſer Hinſicht ſogar mehr zu als andern. So verſtand man das angebliche Herrenwort zu Petrus vom Binden und Löſen: die Vollmacht ſeines Stuhles reichte weiter, ihm traute man tiefere Einſicht und ſichereres Urteil zu. Biſchöfe, die ſich ſelbſt die Entſchei- dung über ſchwere Verbrechen nicht zutrauten, pflegten die Schuldigen nach Rom zu ſchicken, des Papſtes Spruch galt als Urteil der ganzen Kirche. Aber in der Ausübung dieſes Rechts ergaben ſich Reibungen und Widerſprüche, die zu Beſchlüſſen führten, die ſich ſeiner Aufhebung näher- ten. Es kam vor, daß Schuldige ſich der Buße, die ihr Biſchof ihnen auferlegte, zu entziehen ſuchten, indem ſie ſich nach Rom wandten, und daß der Papſt, ohne nähere Kenntnis der Umſtände, das Urteil des Biſchofs durchkreuzte. Das hat im Jahr 1023 zu einem ſcharfen Zu- ſammenſtoß zwiſchen Rom und der deutſchen Kirche geführt. Den Anlaß hatte die Gräfin von Hammerſtein gegeben, die die Scheidung ihrer Ehe durch ein deutſches Gericht — Kaiſer Heinrich II. hatte ſie betrieben — nicht anerkannte, dafür aus der Kirche ausgeſchloſſen, aber in Rom wie- der aufgenommen wurde. Hierdurch fühlten die Biſchöfe der Mainzer Provinz ſich herausgefordert und erließen auf einer Synode in Seligen- ſtadt ein allgemeines Verbot, daß jemand ohne Erlaubnis ſeines Biſchofs, und ohne die auferlegte Buße geleiſtet zu haben, ſich nach Rom wende. Haller, Das Papſttum II1 16

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 241. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/250>, abgerufen am 15.08.2020.