Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

Bild:
<< vorherige Seite

Gerberts Ansicht vom Papsttum
Gerbert. Einige Jahre später (995), als sein Kampf um das Erzbistum
auf dem Höhepunkt stand, hat er Veranlassung genommen, in einem
langen Schreiben an den Bischof von Straßburg, durch das er offenbar
auf die Gegenpartei, die deutschen Bischöfe, wirken wollte, den Fall
auseinanderzusetzen und den Einspruch des Papstes gegen die Absetzung
Arnulfs zu entkräften. Er schließt sich dabei eng an Hinkmar an, dessen
Sätze er großenteils wörtlich wiederholt, aber zugleich weiterentwickelt
und schärfer zuspitzt. Für die Geltung einer Rechtsvorschrift, sagt er, ist
das Gewicht dessen, der sie erlassen hat, entscheidend. Darum steht an
oberster Stelle, was von Christus, den Aposteln und Propheten ausgeht,
an zweiter das, was im Einklang mit jenen von allen Katholiken ein-
hellig bekräftigt ist. Erst in dritter Linie kommen die Erklärungen ein-
zelner Männer, ausgezeichnet durch Wissen und Beredsamkeit. Daraus
ergibt sich, daß die Erlasse der Päpste hinter den Worten der Schrift
und den Beschlüssen der Konzilien zurückzutreten haben. An der Echtheit
der vornikänischen angeblichen Papstbriefe äußert auch Gerbert keinen
Zweifel. Sie paßten für ihre Zeit. Aber sie sind überholt durch die Ver-
ordnungen der Konzilien und darum nur so weit verbindlich, wie sie mit
diesen übereinstimmen. Von ihnen gilt das Wort -- Gerbert entnimmt
es dem Erlaß über die anerkannten kirchlichen Schriftstücke, der unter
dem Namen des Gelasius ging --: "Prüfet alles, und das Gute behaltet."
Gelasius war einer der Kronzeugen für den römischen Primat, darum
war es ein schlauer Griff, gerade ihn gegen die römischen Ansprüche auf-
treten zu lassen. Jn derselben Weise wird noch eine zweite römische
Autorität gegen Rom ins Feld geführt. Eine Verfügung des Papstes,
sagt Gerbert, die dem Recht widerspricht, bindet nicht, wie Papst Leo
gesagt hat: "Das Vorrecht des Petrus gilt nicht, wo nicht nach seiner
Gerechtigkeit geurteilt wird." Das wird in Anwendung auf den vor-
liegenden Fall ausgeführt, um den Schluß zu begründen: Arnulf ist mit
Recht verurteilt gemäß den Gesetzen der Evangelien, Apostel, Propheten
und Konzilien und den mit diesen übereinstimmenden Erlassen römischer
Bischöfe. Mit einer Wendung von äußerster Schärfe gegen das Rom
seiner Zeit schließt das Schreiben. Bisher, so heißt es da, wurde Rom
für die Mutter aller Kirchen gehalten, aber es flucht den Guten,
segnet die Bösen und hält Gemeinschaft mit denen, die man nicht
grüßen soll. Es verdammt, die für Christi Gesetz eifern, und miß-
braucht seine Binde- und Lösegewalt. Denn Christus fragt nicht nach

Gerberts Anſicht vom Papſttum
Gerbert. Einige Jahre ſpäter (995), als ſein Kampf um das Erzbistum
auf dem Höhepunkt ſtand, hat er Veranlaſſung genommen, in einem
langen Schreiben an den Biſchof von Straßburg, durch das er offenbar
auf die Gegenpartei, die deutſchen Biſchöfe, wirken wollte, den Fall
auseinanderzuſetzen und den Einſpruch des Papſtes gegen die Abſetzung
Arnulfs zu entkräften. Er ſchließt ſich dabei eng an Hinkmar an, deſſen
Sätze er großenteils wörtlich wiederholt, aber zugleich weiterentwickelt
und ſchärfer zuſpitzt. Für die Geltung einer Rechtsvorſchrift, ſagt er, iſt
das Gewicht deſſen, der ſie erlaſſen hat, entſcheidend. Darum ſteht an
oberſter Stelle, was von Chriſtus, den Apoſteln und Propheten ausgeht,
an zweiter das, was im Einklang mit jenen von allen Katholiken ein-
hellig bekräftigt iſt. Erſt in dritter Linie kommen die Erklärungen ein-
zelner Männer, ausgezeichnet durch Wiſſen und Beredſamkeit. Daraus
ergibt ſich, daß die Erlaſſe der Päpſte hinter den Worten der Schrift
und den Beſchlüſſen der Konzilien zurückzutreten haben. An der Echtheit
der vornikäniſchen angeblichen Papſtbriefe äußert auch Gerbert keinen
Zweifel. Sie paßten für ihre Zeit. Aber ſie ſind überholt durch die Ver-
ordnungen der Konzilien und darum nur ſo weit verbindlich, wie ſie mit
dieſen übereinſtimmen. Von ihnen gilt das Wort — Gerbert entnimmt
es dem Erlaß über die anerkannten kirchlichen Schriftſtücke, der unter
dem Namen des Gelaſius ging —: „Prüfet alles, und das Gute behaltet.“
Gelaſius war einer der Kronzeugen für den römiſchen Primat, darum
war es ein ſchlauer Griff, gerade ihn gegen die römiſchen Anſprüche auf-
treten zu laſſen. Jn derſelben Weiſe wird noch eine zweite römiſche
Autorität gegen Rom ins Feld geführt. Eine Verfügung des Papſtes,
ſagt Gerbert, die dem Recht widerſpricht, bindet nicht, wie Papſt Leo
geſagt hat: „Das Vorrecht des Petrus gilt nicht, wo nicht nach ſeiner
Gerechtigkeit geurteilt wird.“ Das wird in Anwendung auf den vor-
liegenden Fall ausgeführt, um den Schluß zu begründen: Arnulf iſt mit
Recht verurteilt gemäß den Geſetzen der Evangelien, Apoſtel, Propheten
und Konzilien und den mit dieſen übereinſtimmenden Erlaſſen römiſcher
Biſchöfe. Mit einer Wendung von äußerſter Schärfe gegen das Rom
ſeiner Zeit ſchließt das Schreiben. Bisher, ſo heißt es da, wurde Rom
für die Mutter aller Kirchen gehalten, aber es flucht den Guten,
ſegnet die Böſen und hält Gemeinſchaft mit denen, die man nicht
grüßen ſoll. Es verdammt, die für Chriſti Geſetz eifern, und miß-
braucht ſeine Binde- und Löſegewalt. Denn Chriſtus fragt nicht nach

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0249" n="240"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Gerberts An&#x017F;icht vom Pap&#x017F;ttum</hi></fw><lb/>
Gerbert. Einige Jahre &#x017F;päter (995), als &#x017F;ein Kampf um das Erzbistum<lb/>
auf dem Höhepunkt &#x017F;tand, hat er Veranla&#x017F;&#x017F;ung genommen, in einem<lb/>
langen Schreiben an den Bi&#x017F;chof von Straßburg, durch das er offenbar<lb/>
auf die Gegenpartei, die deut&#x017F;chen Bi&#x017F;chöfe, wirken wollte, den Fall<lb/>
auseinanderzu&#x017F;etzen und den Ein&#x017F;pruch des Pap&#x017F;tes gegen die Ab&#x017F;etzung<lb/>
Arnulfs zu entkräften. Er &#x017F;chließt &#x017F;ich dabei eng an Hinkmar an, de&#x017F;&#x017F;en<lb/>
Sätze er großenteils wörtlich wiederholt, aber zugleich weiterentwickelt<lb/>
und &#x017F;chärfer zu&#x017F;pitzt. Für die Geltung einer Rechtsvor&#x017F;chrift, &#x017F;agt er, i&#x017F;t<lb/>
das Gewicht de&#x017F;&#x017F;en, der &#x017F;ie erla&#x017F;&#x017F;en hat, ent&#x017F;cheidend. Darum &#x017F;teht an<lb/>
ober&#x017F;ter Stelle, was von Chri&#x017F;tus, den Apo&#x017F;teln und Propheten ausgeht,<lb/>
an zweiter das, was im Einklang mit jenen von allen Katholiken ein-<lb/>
hellig bekräftigt i&#x017F;t. Er&#x017F;t in dritter Linie kommen die Erklärungen ein-<lb/>
zelner Männer, ausgezeichnet durch Wi&#x017F;&#x017F;en und Bered&#x017F;amkeit. Daraus<lb/>
ergibt &#x017F;ich, daß die Erla&#x017F;&#x017F;e der Päp&#x017F;te hinter den Worten der Schrift<lb/>
und den Be&#x017F;chlü&#x017F;&#x017F;en der Konzilien zurückzutreten haben. An der Echtheit<lb/>
der vornikäni&#x017F;chen angeblichen Pap&#x017F;tbriefe äußert auch Gerbert keinen<lb/>
Zweifel. Sie paßten für ihre Zeit. Aber &#x017F;ie &#x017F;ind überholt durch die Ver-<lb/>
ordnungen der Konzilien und darum nur &#x017F;o weit verbindlich, wie &#x017F;ie mit<lb/>
die&#x017F;en überein&#x017F;timmen. Von ihnen gilt das Wort &#x2014; Gerbert entnimmt<lb/>
es dem Erlaß über die anerkannten kirchlichen Schrift&#x017F;tücke, der unter<lb/>
dem Namen des Gela&#x017F;ius ging &#x2014;: &#x201E;Prüfet alles, und das Gute behaltet.&#x201C;<lb/>
Gela&#x017F;ius war einer der Kronzeugen für den römi&#x017F;chen Primat, darum<lb/>
war es ein &#x017F;chlauer Griff, gerade ihn gegen die römi&#x017F;chen An&#x017F;prüche auf-<lb/>
treten zu la&#x017F;&#x017F;en. Jn der&#x017F;elben Wei&#x017F;e wird noch eine zweite römi&#x017F;che<lb/>
Autorität gegen Rom ins Feld geführt. Eine Verfügung des Pap&#x017F;tes,<lb/>
&#x017F;agt Gerbert, die dem Recht wider&#x017F;pricht, bindet nicht, wie Pap&#x017F;t Leo<lb/>
ge&#x017F;agt hat: &#x201E;Das Vorrecht des Petrus gilt nicht, wo nicht nach &#x017F;einer<lb/>
Gerechtigkeit geurteilt wird.&#x201C; Das wird in Anwendung auf den vor-<lb/>
liegenden Fall ausgeführt, um den Schluß zu begründen: Arnulf i&#x017F;t mit<lb/>
Recht verurteilt gemäß den Ge&#x017F;etzen der Evangelien, Apo&#x017F;tel, Propheten<lb/>
und Konzilien und den mit die&#x017F;en überein&#x017F;timmenden Erla&#x017F;&#x017F;en römi&#x017F;cher<lb/>
Bi&#x017F;chöfe. Mit einer Wendung von äußer&#x017F;ter Schärfe gegen das Rom<lb/>
&#x017F;einer Zeit &#x017F;chließt das Schreiben. Bisher, &#x017F;o heißt es da, wurde Rom<lb/>
für die Mutter aller Kirchen gehalten, aber es flucht den Guten,<lb/>
&#x017F;egnet die Bö&#x017F;en und hält Gemein&#x017F;chaft mit denen, die man nicht<lb/>
grüßen &#x017F;oll. Es verdammt, die für Chri&#x017F;ti Ge&#x017F;etz eifern, und miß-<lb/>
braucht &#x017F;eine Binde- und Lö&#x017F;egewalt. Denn Chri&#x017F;tus fragt nicht nach<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[240/0249] Gerberts Anſicht vom Papſttum Gerbert. Einige Jahre ſpäter (995), als ſein Kampf um das Erzbistum auf dem Höhepunkt ſtand, hat er Veranlaſſung genommen, in einem langen Schreiben an den Biſchof von Straßburg, durch das er offenbar auf die Gegenpartei, die deutſchen Biſchöfe, wirken wollte, den Fall auseinanderzuſetzen und den Einſpruch des Papſtes gegen die Abſetzung Arnulfs zu entkräften. Er ſchließt ſich dabei eng an Hinkmar an, deſſen Sätze er großenteils wörtlich wiederholt, aber zugleich weiterentwickelt und ſchärfer zuſpitzt. Für die Geltung einer Rechtsvorſchrift, ſagt er, iſt das Gewicht deſſen, der ſie erlaſſen hat, entſcheidend. Darum ſteht an oberſter Stelle, was von Chriſtus, den Apoſteln und Propheten ausgeht, an zweiter das, was im Einklang mit jenen von allen Katholiken ein- hellig bekräftigt iſt. Erſt in dritter Linie kommen die Erklärungen ein- zelner Männer, ausgezeichnet durch Wiſſen und Beredſamkeit. Daraus ergibt ſich, daß die Erlaſſe der Päpſte hinter den Worten der Schrift und den Beſchlüſſen der Konzilien zurückzutreten haben. An der Echtheit der vornikäniſchen angeblichen Papſtbriefe äußert auch Gerbert keinen Zweifel. Sie paßten für ihre Zeit. Aber ſie ſind überholt durch die Ver- ordnungen der Konzilien und darum nur ſo weit verbindlich, wie ſie mit dieſen übereinſtimmen. Von ihnen gilt das Wort — Gerbert entnimmt es dem Erlaß über die anerkannten kirchlichen Schriftſtücke, der unter dem Namen des Gelaſius ging —: „Prüfet alles, und das Gute behaltet.“ Gelaſius war einer der Kronzeugen für den römiſchen Primat, darum war es ein ſchlauer Griff, gerade ihn gegen die römiſchen Anſprüche auf- treten zu laſſen. Jn derſelben Weiſe wird noch eine zweite römiſche Autorität gegen Rom ins Feld geführt. Eine Verfügung des Papſtes, ſagt Gerbert, die dem Recht widerſpricht, bindet nicht, wie Papſt Leo geſagt hat: „Das Vorrecht des Petrus gilt nicht, wo nicht nach ſeiner Gerechtigkeit geurteilt wird.“ Das wird in Anwendung auf den vor- liegenden Fall ausgeführt, um den Schluß zu begründen: Arnulf iſt mit Recht verurteilt gemäß den Geſetzen der Evangelien, Apoſtel, Propheten und Konzilien und den mit dieſen übereinſtimmenden Erlaſſen römiſcher Biſchöfe. Mit einer Wendung von äußerſter Schärfe gegen das Rom ſeiner Zeit ſchließt das Schreiben. Bisher, ſo heißt es da, wurde Rom für die Mutter aller Kirchen gehalten, aber es flucht den Guten, ſegnet die Böſen und hält Gemeinſchaft mit denen, die man nicht grüßen ſoll. Es verdammt, die für Chriſti Geſetz eifern, und miß- braucht ſeine Binde- und Löſegewalt. Denn Chriſtus fragt nicht nach

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/249
Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 240. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/249>, abgerufen am 15.08.2020.