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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Synode zu Verzy
Konzil wenden oder an einen Damasus, falls wir hören, daß einer in
Rom weile; obgleich auch das von den afrikanischen Konzilien" -- zum
drittenmal dieser Hinweis -- "verboten wird".

So sprach der Bischof von Orleans. Er fand den ungeteilten Beifall
der Versammlung, auch die Gegner erklärten sich für überzeugt. Der
römische Legat, Abt Leo, hat auf die Rede, als sie ihm übersandt wurde,
in einem Schreiben an den König zu erwidern versucht. Mit giftigem
Seitenblick auf Gerberts Gelehrsamkeit will er den Vorwurf wegen der
Unwissenheit des römischen Hofes entkräften: Petri Stellvertreter wollen
nicht Plato noch Vergil oder Terenz zu Lehrern haben noch das übrige
"Philosophenpack" (pecudes philosophorum). Auch Petrus wußte
davon nichts und ist doch Türhüter des Himmels geworden. Von An-
fang der Welt hat Gott nicht Redner und Philosophen erwählt, sondern
Unwissende und Bauern. Geschenke haben auch alle Apostel und ihre
Nachfolger angenommen, ja der Herr selbst, der die Gaben der Magier
nicht verschmähte." Sehr glücklich kann man diese Erwiderung nicht
nennen, sie ging an der Hauptsache vorbei und bestritt nicht einmal die
Vorwürfe. Auch die Hinweise auf geschichtliche Vorgänge, wie das
Vorgehen Nikolaus' I. gegen Photios, König Lothar und seine Bischöfe,
treffen den Kern der Frage sowenig wie die Berufung darauf, daß noch
im vergangenen Jahr Alexandria und Jerusalem das Urteil Roms, die
afrikanischen Gemeinden einen Erzbischof vom Papst erbeten und daß der
Erzbischof von Cordova einen schwierigen Fall Johannes XII. vor-
gelegt habe, ohne nach dessen Vorzügen oder Fehlern zu fragen. Das
wird auf die Franzosen schwerlich mehr Eindruck gemacht haben als die
übliche stolze Betonung von Roms unvergänglicher Größe und unver-
rückbaren Vorrechten. Nicht Gründe, sondern lediglich der Wille des
Königs und die bestehenden Machtverhältnisse haben schließlich den
Ausschlag zugunsten der vom Papst begünstigten Partei gegeben, und
an der Gesinnung, mit der die französische Reichskirche dem Papst-
tum der Zeit gegenüberstand, wird sich dadurch nichts geändert haben.

Den Bedeutendsten zum Maßstab für die Gesamtheit und seine An-
schauung zum Gemeingut des Durchschnitts zu machen, wäre übereilt.
Jmmerhin ist es beachtenswert, wie ein scharfer Denker und gelehrter
Kenner der Vergangenheit am Ende des zehnten Jahrhunderts in dieser
Frage gedacht hat. Wir bemerkten schon, daß hinter den Ausführungen
des Bischofs von Orleans niemand anders gestanden haben dürfte als

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Konzil wenden oder an einen Damaſus, falls wir hören, daß einer in
Rom weile; obgleich auch das von den afrikaniſchen Konzilien“ — zum
drittenmal dieſer Hinweis — „verboten wird“.

So ſprach der Biſchof von Orleans. Er fand den ungeteilten Beifall
der Verſammlung, auch die Gegner erklärten ſich für überzeugt. Der
römiſche Legat, Abt Leo, hat auf die Rede, als ſie ihm überſandt wurde,
in einem Schreiben an den König zu erwidern verſucht. Mit giftigem
Seitenblick auf Gerberts Gelehrſamkeit will er den Vorwurf wegen der
Unwiſſenheit des römiſchen Hofes entkräften: Petri Stellvertreter wollen
nicht Plato noch Vergil oder Terenz zu Lehrern haben noch das übrige
„Philoſophenpack“ (pecudes philosophorum). Auch Petrus wußte
davon nichts und iſt doch Türhüter des Himmels geworden. Von An-
fang der Welt hat Gott nicht Redner und Philoſophen erwählt, ſondern
Unwiſſende und Bauern. Geſchenke haben auch alle Apoſtel und ihre
Nachfolger angenommen, ja der Herr ſelbſt, der die Gaben der Magier
nicht verſchmähte.“ Sehr glücklich kann man dieſe Erwiderung nicht
nennen, ſie ging an der Hauptſache vorbei und beſtritt nicht einmal die
Vorwürfe. Auch die Hinweiſe auf geſchichtliche Vorgänge, wie das
Vorgehen Nikolaus' I. gegen Photios, König Lothar und ſeine Biſchöfe,
treffen den Kern der Frage ſowenig wie die Berufung darauf, daß noch
im vergangenen Jahr Alexandria und Jeruſalem das Urteil Roms, die
afrikaniſchen Gemeinden einen Erzbiſchof vom Papſt erbeten und daß der
Erzbiſchof von Cordova einen ſchwierigen Fall Johannes XII. vor-
gelegt habe, ohne nach deſſen Vorzügen oder Fehlern zu fragen. Das
wird auf die Franzoſen ſchwerlich mehr Eindruck gemacht haben als die
übliche ſtolze Betonung von Roms unvergänglicher Größe und unver-
rückbaren Vorrechten. Nicht Gründe, ſondern lediglich der Wille des
Königs und die beſtehenden Machtverhältniſſe haben ſchließlich den
Ausſchlag zugunſten der vom Papſt begünſtigten Partei gegeben, und
an der Geſinnung, mit der die franzöſiſche Reichskirche dem Papſt-
tum der Zeit gegenüberſtand, wird ſich dadurch nichts geändert haben.

Den Bedeutendſten zum Maßſtab für die Geſamtheit und ſeine An-
ſchauung zum Gemeingut des Durchſchnitts zu machen, wäre übereilt.
Jmmerhin iſt es beachtenswert, wie ein ſcharfer Denker und gelehrter
Kenner der Vergangenheit am Ende des zehnten Jahrhunderts in dieſer
Frage gedacht hat. Wir bemerkten ſchon, daß hinter den Ausführungen
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[239/0248] Synode zu Verzy Konzil wenden oder an einen Damaſus, falls wir hören, daß einer in Rom weile; obgleich auch das von den afrikaniſchen Konzilien“ — zum drittenmal dieſer Hinweis — „verboten wird“. So ſprach der Biſchof von Orleans. Er fand den ungeteilten Beifall der Verſammlung, auch die Gegner erklärten ſich für überzeugt. Der römiſche Legat, Abt Leo, hat auf die Rede, als ſie ihm überſandt wurde, in einem Schreiben an den König zu erwidern verſucht. Mit giftigem Seitenblick auf Gerberts Gelehrſamkeit will er den Vorwurf wegen der Unwiſſenheit des römiſchen Hofes entkräften: Petri Stellvertreter wollen nicht Plato noch Vergil oder Terenz zu Lehrern haben noch das übrige „Philoſophenpack“ (pecudes philosophorum). Auch Petrus wußte davon nichts und iſt doch Türhüter des Himmels geworden. Von An- fang der Welt hat Gott nicht Redner und Philoſophen erwählt, ſondern Unwiſſende und Bauern. Geſchenke haben auch alle Apoſtel und ihre Nachfolger angenommen, ja der Herr ſelbſt, der die Gaben der Magier nicht verſchmähte.“ Sehr glücklich kann man dieſe Erwiderung nicht nennen, ſie ging an der Hauptſache vorbei und beſtritt nicht einmal die Vorwürfe. Auch die Hinweiſe auf geſchichtliche Vorgänge, wie das Vorgehen Nikolaus' I. gegen Photios, König Lothar und ſeine Biſchöfe, treffen den Kern der Frage ſowenig wie die Berufung darauf, daß noch im vergangenen Jahr Alexandria und Jeruſalem das Urteil Roms, die afrikaniſchen Gemeinden einen Erzbiſchof vom Papſt erbeten und daß der Erzbiſchof von Cordova einen ſchwierigen Fall Johannes XII. vor- gelegt habe, ohne nach deſſen Vorzügen oder Fehlern zu fragen. Das wird auf die Franzoſen ſchwerlich mehr Eindruck gemacht haben als die übliche ſtolze Betonung von Roms unvergänglicher Größe und unver- rückbaren Vorrechten. Nicht Gründe, ſondern lediglich der Wille des Königs und die beſtehenden Machtverhältniſſe haben ſchließlich den Ausſchlag zugunſten der vom Papſt begünſtigten Partei gegeben, und an der Geſinnung, mit der die franzöſiſche Reichskirche dem Papſt- tum der Zeit gegenüberſtand, wird ſich dadurch nichts geändert haben. Den Bedeutendſten zum Maßſtab für die Geſamtheit und ſeine An- ſchauung zum Gemeingut des Durchſchnitts zu machen, wäre übereilt. Jmmerhin iſt es beachtenswert, wie ein ſcharfer Denker und gelehrter Kenner der Vergangenheit am Ende des zehnten Jahrhunderts in dieſer Frage gedacht hat. Wir bemerkten ſchon, daß hinter den Ausführungen des Biſchofs von Orleans niemand anders geſtanden haben dürfte als

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 239. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/248>, abgerufen am 15.08.2020.