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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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sein Vorbild hinausgeschritten, er ist zum Angriff übergegangen. Dem
Vorrecht des römischen Bischofs, fährt er fort, wollen wir keinen Ab-
bruch tun, wenn er nach Leben und Wissen so ist, wie er sein soll. Wenn
er jedoch aus Unwissenheit oder Furcht oder Habgier irrt, so ist weder
sein Schweigen noch eine Verfügung von ihm zu beachten. Denn wer
selbst gegen die Gesetze ist, kann das Gesetz nicht aufheben. Dann bricht
der Redner in eine Wehklage aus über Rom, das einst helles Licht
spendete, jetzt Finsternis verbreitet. Einst überstrahlten dort Leo und
Gregor, Gelasius und Jnnozenz alle an Wissen und Beredsamkeit;
lang ist die Reihe derer, die mit ihrer Lehre die Welt erfüllten. Jhnen
war mit Recht die ganze Kirche anvertraut, obwohl auch ihnen schon
die Bischöfe Afrikas widersprochen haben. Daran schließt sich ein Rück-
blick auf die Geschichte der zeitgenössischen Päpste, von Johannes XII.
bis Johannes XIV. Schonungslos werden sie gezeigt, wie sie waren.
"Und solchen Ungeheuern, mit menschlicher Schande beladen, des Wis-
sens um göttliche und menschliche Dinge bar, sollen ungezählte Bischöfe
des Erdkreises, durch Wissen und Leben ausgezeichnet, unterworfen
sein? Wie darf auf dem höchsten Thron einer sitzen, der nicht einmal im
niedern Klerus Anspruch auf einen Platz hätte? Bläht er sich ohne Liebe
mit seinem Wissen, so ist er der Antichrist, der im Tempel Gottes sitzt
und sich als Gott gebärdet; hat er weder Wissen noch Liebe, so ist er im
Tempel Gottes wie eine Bildsäule, wie ein Götzenbild, von dem ein Ur-
teil erbitten soviel hieße wie einen Stein befragen. Halten wir uns also
an unsere Erzbischöfe und an Gottes Wort. Jm deutschen Reich finden
wir angesehene Männer, die wir, hinderte es nicht der Zwiespalt der
Könige, eher befragen könnten als jenes Rom, das käufliche, das seine
Sprüche nach der Menge der Geldstücke wägt. Wer etwa mit Gelasius
behauptet, der römische Bischof richte alles und werde selbst von niemand
gerichtet, der gebe uns in Rom einen, dessen Urteil niemand richten
kann -- obwohl die Afrikaner auch das für unmöglich erklärt haben.
Da aber dort zu dieser Zeit fast niemand zu finden ist, der die Wissen-
schaft gelernt hat, ohne die man kaum Türhüter wird, mit welcher
Stirn will einer lehren, was er nicht gelernt hat? Unwissenheit ist bei
andern Bischöfen zu ertragen, beim Römer, der über alles richten soll,
ist sie unerträglich. Auch Petrus hat sich dem bessern Urteil Pauli unter-
worfen." Auf die Erinnerung an einen -- pseudoisidorischen -- Erlaß des
Damasus antwortete der Redner: "Wir werden uns an ein allgemeines

Synode zu Verzy
ſein Vorbild hinausgeſchritten, er iſt zum Angriff übergegangen. Dem
Vorrecht des römiſchen Biſchofs, fährt er fort, wollen wir keinen Ab-
bruch tun, wenn er nach Leben und Wiſſen ſo iſt, wie er ſein ſoll. Wenn
er jedoch aus Unwiſſenheit oder Furcht oder Habgier irrt, ſo iſt weder
ſein Schweigen noch eine Verfügung von ihm zu beachten. Denn wer
ſelbſt gegen die Geſetze iſt, kann das Geſetz nicht aufheben. Dann bricht
der Redner in eine Wehklage aus über Rom, das einſt helles Licht
ſpendete, jetzt Finſternis verbreitet. Einſt überſtrahlten dort Leo und
Gregor, Gelaſius und Jnnozenz alle an Wiſſen und Beredſamkeit;
lang iſt die Reihe derer, die mit ihrer Lehre die Welt erfüllten. Jhnen
war mit Recht die ganze Kirche anvertraut, obwohl auch ihnen ſchon
die Biſchöfe Afrikas widerſprochen haben. Daran ſchließt ſich ein Rück-
blick auf die Geſchichte der zeitgenöſſiſchen Päpſte, von Johannes XII.
bis Johannes XIV. Schonungslos werden ſie gezeigt, wie ſie waren.
„Und ſolchen Ungeheuern, mit menſchlicher Schande beladen, des Wiſ-
ſens um göttliche und menſchliche Dinge bar, ſollen ungezählte Biſchöfe
des Erdkreiſes, durch Wiſſen und Leben ausgezeichnet, unterworfen
ſein? Wie darf auf dem höchſten Thron einer ſitzen, der nicht einmal im
niedern Klerus Anſpruch auf einen Platz hätte? Bläht er ſich ohne Liebe
mit ſeinem Wiſſen, ſo iſt er der Antichriſt, der im Tempel Gottes ſitzt
und ſich als Gott gebärdet; hat er weder Wiſſen noch Liebe, ſo iſt er im
Tempel Gottes wie eine Bildſäule, wie ein Götzenbild, von dem ein Ur-
teil erbitten ſoviel hieße wie einen Stein befragen. Halten wir uns alſo
an unſere Erzbiſchöfe und an Gottes Wort. Jm deutſchen Reich finden
wir angeſehene Männer, die wir, hinderte es nicht der Zwieſpalt der
Könige, eher befragen könnten als jenes Rom, das käufliche, das ſeine
Sprüche nach der Menge der Geldſtücke wägt. Wer etwa mit Gelaſius
behauptet, der römiſche Biſchof richte alles und werde ſelbſt von niemand
gerichtet, der gebe uns in Rom einen, deſſen Urteil niemand richten
kann — obwohl die Afrikaner auch das für unmöglich erklärt haben.
Da aber dort zu dieſer Zeit faſt niemand zu finden iſt, der die Wiſſen-
ſchaft gelernt hat, ohne die man kaum Türhüter wird, mit welcher
Stirn will einer lehren, was er nicht gelernt hat? Unwiſſenheit iſt bei
andern Biſchöfen zu ertragen, beim Römer, der über alles richten ſoll,
iſt ſie unerträglich. Auch Petrus hat ſich dem beſſern Urteil Pauli unter-
worfen.“ Auf die Erinnerung an einen — pſeudoiſidoriſchen — Erlaß des
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[238/0247] Synode zu Verzy ſein Vorbild hinausgeſchritten, er iſt zum Angriff übergegangen. Dem Vorrecht des römiſchen Biſchofs, fährt er fort, wollen wir keinen Ab- bruch tun, wenn er nach Leben und Wiſſen ſo iſt, wie er ſein ſoll. Wenn er jedoch aus Unwiſſenheit oder Furcht oder Habgier irrt, ſo iſt weder ſein Schweigen noch eine Verfügung von ihm zu beachten. Denn wer ſelbſt gegen die Geſetze iſt, kann das Geſetz nicht aufheben. Dann bricht der Redner in eine Wehklage aus über Rom, das einſt helles Licht ſpendete, jetzt Finſternis verbreitet. Einſt überſtrahlten dort Leo und Gregor, Gelaſius und Jnnozenz alle an Wiſſen und Beredſamkeit; lang iſt die Reihe derer, die mit ihrer Lehre die Welt erfüllten. Jhnen war mit Recht die ganze Kirche anvertraut, obwohl auch ihnen ſchon die Biſchöfe Afrikas widerſprochen haben. Daran ſchließt ſich ein Rück- blick auf die Geſchichte der zeitgenöſſiſchen Päpſte, von Johannes XII. bis Johannes XIV. Schonungslos werden ſie gezeigt, wie ſie waren. „Und ſolchen Ungeheuern, mit menſchlicher Schande beladen, des Wiſ- ſens um göttliche und menſchliche Dinge bar, ſollen ungezählte Biſchöfe des Erdkreiſes, durch Wiſſen und Leben ausgezeichnet, unterworfen ſein? Wie darf auf dem höchſten Thron einer ſitzen, der nicht einmal im niedern Klerus Anſpruch auf einen Platz hätte? Bläht er ſich ohne Liebe mit ſeinem Wiſſen, ſo iſt er der Antichriſt, der im Tempel Gottes ſitzt und ſich als Gott gebärdet; hat er weder Wiſſen noch Liebe, ſo iſt er im Tempel Gottes wie eine Bildſäule, wie ein Götzenbild, von dem ein Ur- teil erbitten ſoviel hieße wie einen Stein befragen. Halten wir uns alſo an unſere Erzbiſchöfe und an Gottes Wort. Jm deutſchen Reich finden wir angeſehene Männer, die wir, hinderte es nicht der Zwieſpalt der Könige, eher befragen könnten als jenes Rom, das käufliche, das ſeine Sprüche nach der Menge der Geldſtücke wägt. Wer etwa mit Gelaſius behauptet, der römiſche Biſchof richte alles und werde ſelbſt von niemand gerichtet, der gebe uns in Rom einen, deſſen Urteil niemand richten kann — obwohl die Afrikaner auch das für unmöglich erklärt haben. Da aber dort zu dieſer Zeit faſt niemand zu finden iſt, der die Wiſſen- ſchaft gelernt hat, ohne die man kaum Türhüter wird, mit welcher Stirn will einer lehren, was er nicht gelernt hat? Unwiſſenheit iſt bei andern Biſchöfen zu ertragen, beim Römer, der über alles richten ſoll, iſt ſie unerträglich. Auch Petrus hat ſich dem beſſern Urteil Pauli unter- worfen.“ Auf die Erinnerung an einen — pſeudoiſidoriſchen — Erlaß des Damaſus antwortete der Redner: „Wir werden uns an ein allgemeines

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 238. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/247>, abgerufen am 15.08.2020.