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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Synode zu Verzy
Gerbert und ließ Arnulf den Stuhl zu Reims wieder einnehmen. Er sah
sich bald enttäuscht: auf einer Synode in Rom wurde er bei Strafe des
Fluches zur Trennung von der Königin und siebenjähriger Kirchenbuße
verurteilt. Arnulf von Reims erhielt das Pallium, Gerbert dagegen
hatte sich, alte Beziehungen zum sächsischen Königshaus benutzend, zu
Otto III. geflüchtet und war von diesem mit dem Erzbistum Ravenna
entschädigt worden. Bald darauf wurde er Papst. Als solcher hat er,
die Maßregel seines Vorgängers unbeachtet lassend, Arnulf aus Gnaden
als Erzbischof wieder eingesetzt und ihm das Pallium nochmals verliehen.
König Robert kümmerte sich nicht um das kirchliche Urteil, an das ihn
Silvester auch nicht erinnerte, und setzte seine verbotene Ehe noch fünf
Jahre lang fort, bis die Kinderlosigkeit der Königin ihn zur Scheidung
und zum Eingehen einer neuen Verbindung bewog.

Die Unregelmäßigkeiten in diesem Hergang sind kaum zu übertreffen,
doch sind sie nicht das Merkwürdigste, wiewohl sie deutlicher als vieles
andere verraten, wie man im stillen über den inneren Wert päpstlicher
Machtsprüche selbst dort dachte, wo man sie in Anspruch nahm oder
sich nach ihnen zu richten schien. Das Merkwürdigste sind gewisse grund-
sätzliche Erörterungen, die bei dieser Gelegenheit stattgefunden haben.
Auf der Synode zu Verzy war Erzbischof Arnulf nicht ohne Vertei-
diger geblieben. Zwei Äbte und ein Schulmeister hatten dem Verfahren
widersprochen, weil der Angeklagte nicht im Besitz seiner Würde, die
Synode nicht vom Papst ermächtigt sei und Ankläger wie Zeugen den
gesetzlichen Anforderungen nicht entsprächen. Die päpstlichen Dekre-
talen, auf die der Sprecher sich stützte, entnahm er aus Pseudoisidor. Jhm
erwiderte im Namen der Mehrheit der Bischof von Orleans. Ohne die
Echtheit der angeführten Beweisstellen anzufechten, stellte er ihnen die
ewig gültigen Gesetze der Konzilien gegenüber. Durch eine neue Ver-
fügung des römischen Bischofs könne bestehendes Recht nicht aufgehoben
noch seine Geltung von dem Ausspruch eines Papstes abhängig gemacht
werden. Wäre es anders, so müßten alle Gesetze schweigen. Denn was
nützten sie, wenn alles von dem Urteil eines Einzelnen abhinge? Dann
gäbe es überhaupt kein Recht. Nicht von ungefähr erinnern diese Sätze
an die Gedanken, mit denen Hinkmar von Reims einst gegen Nikolaus I.
die Sache der Bischöfe und Synoden geführt hatte. Aus Hinkmars
Schriften hat der Redner -- hinter dem man Gerbert als Einsager
zu vermuten hat -- seine Gründe und Beweise geholt. Aber er ist über

Synode zu Verzy
Gerbert und ließ Arnulf den Stuhl zu Reims wieder einnehmen. Er ſah
ſich bald enttäuſcht: auf einer Synode in Rom wurde er bei Strafe des
Fluches zur Trennung von der Königin und ſiebenjähriger Kirchenbuße
verurteilt. Arnulf von Reims erhielt das Pallium, Gerbert dagegen
hatte ſich, alte Beziehungen zum ſächſiſchen Königshaus benutzend, zu
Otto III. geflüchtet und war von dieſem mit dem Erzbistum Ravenna
entſchädigt worden. Bald darauf wurde er Papſt. Als ſolcher hat er,
die Maßregel ſeines Vorgängers unbeachtet laſſend, Arnulf aus Gnaden
als Erzbiſchof wieder eingeſetzt und ihm das Pallium nochmals verliehen.
König Robert kümmerte ſich nicht um das kirchliche Urteil, an das ihn
Silveſter auch nicht erinnerte, und ſetzte ſeine verbotene Ehe noch fünf
Jahre lang fort, bis die Kinderloſigkeit der Königin ihn zur Scheidung
und zum Eingehen einer neuen Verbindung bewog.

Die Unregelmäßigkeiten in dieſem Hergang ſind kaum zu übertreffen,
doch ſind ſie nicht das Merkwürdigſte, wiewohl ſie deutlicher als vieles
andere verraten, wie man im ſtillen über den inneren Wert päpſtlicher
Machtſprüche ſelbſt dort dachte, wo man ſie in Anſpruch nahm oder
ſich nach ihnen zu richten ſchien. Das Merkwürdigſte ſind gewiſſe grund-
ſätzliche Erörterungen, die bei dieſer Gelegenheit ſtattgefunden haben.
Auf der Synode zu Verzy war Erzbiſchof Arnulf nicht ohne Vertei-
diger geblieben. Zwei Äbte und ein Schulmeiſter hatten dem Verfahren
widerſprochen, weil der Angeklagte nicht im Beſitz ſeiner Würde, die
Synode nicht vom Papſt ermächtigt ſei und Ankläger wie Zeugen den
geſetzlichen Anforderungen nicht entſprächen. Die päpſtlichen Dekre-
talen, auf die der Sprecher ſich ſtützte, entnahm er aus Pſeudoiſidor. Jhm
erwiderte im Namen der Mehrheit der Biſchof von Orleans. Ohne die
Echtheit der angeführten Beweisſtellen anzufechten, ſtellte er ihnen die
ewig gültigen Geſetze der Konzilien gegenüber. Durch eine neue Ver-
fügung des römiſchen Biſchofs könne beſtehendes Recht nicht aufgehoben
noch ſeine Geltung von dem Ausſpruch eines Papſtes abhängig gemacht
werden. Wäre es anders, ſo müßten alle Geſetze ſchweigen. Denn was
nützten ſie, wenn alles von dem Urteil eines Einzelnen abhinge? Dann
gäbe es überhaupt kein Recht. Nicht von ungefähr erinnern dieſe Sätze
an die Gedanken, mit denen Hinkmar von Reims einſt gegen Nikolaus I.
die Sache der Biſchöfe und Synoden geführt hatte. Aus Hinkmars
Schriften hat der Redner — hinter dem man Gerbert als Einſager
zu vermuten hat — ſeine Gründe und Beweiſe geholt. Aber er iſt über

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[237/0246] Synode zu Verzy Gerbert und ließ Arnulf den Stuhl zu Reims wieder einnehmen. Er ſah ſich bald enttäuſcht: auf einer Synode in Rom wurde er bei Strafe des Fluches zur Trennung von der Königin und ſiebenjähriger Kirchenbuße verurteilt. Arnulf von Reims erhielt das Pallium, Gerbert dagegen hatte ſich, alte Beziehungen zum ſächſiſchen Königshaus benutzend, zu Otto III. geflüchtet und war von dieſem mit dem Erzbistum Ravenna entſchädigt worden. Bald darauf wurde er Papſt. Als ſolcher hat er, die Maßregel ſeines Vorgängers unbeachtet laſſend, Arnulf aus Gnaden als Erzbiſchof wieder eingeſetzt und ihm das Pallium nochmals verliehen. König Robert kümmerte ſich nicht um das kirchliche Urteil, an das ihn Silveſter auch nicht erinnerte, und ſetzte ſeine verbotene Ehe noch fünf Jahre lang fort, bis die Kinderloſigkeit der Königin ihn zur Scheidung und zum Eingehen einer neuen Verbindung bewog. Die Unregelmäßigkeiten in dieſem Hergang ſind kaum zu übertreffen, doch ſind ſie nicht das Merkwürdigſte, wiewohl ſie deutlicher als vieles andere verraten, wie man im ſtillen über den inneren Wert päpſtlicher Machtſprüche ſelbſt dort dachte, wo man ſie in Anſpruch nahm oder ſich nach ihnen zu richten ſchien. Das Merkwürdigſte ſind gewiſſe grund- ſätzliche Erörterungen, die bei dieſer Gelegenheit ſtattgefunden haben. Auf der Synode zu Verzy war Erzbiſchof Arnulf nicht ohne Vertei- diger geblieben. Zwei Äbte und ein Schulmeiſter hatten dem Verfahren widerſprochen, weil der Angeklagte nicht im Beſitz ſeiner Würde, die Synode nicht vom Papſt ermächtigt ſei und Ankläger wie Zeugen den geſetzlichen Anforderungen nicht entſprächen. Die päpſtlichen Dekre- talen, auf die der Sprecher ſich ſtützte, entnahm er aus Pſeudoiſidor. Jhm erwiderte im Namen der Mehrheit der Biſchof von Orleans. Ohne die Echtheit der angeführten Beweisſtellen anzufechten, ſtellte er ihnen die ewig gültigen Geſetze der Konzilien gegenüber. Durch eine neue Ver- fügung des römiſchen Biſchofs könne beſtehendes Recht nicht aufgehoben noch ſeine Geltung von dem Ausſpruch eines Papſtes abhängig gemacht werden. Wäre es anders, ſo müßten alle Geſetze ſchweigen. Denn was nützten ſie, wenn alles von dem Urteil eines Einzelnen abhinge? Dann gäbe es überhaupt kein Recht. Nicht von ungefähr erinnern dieſe Sätze an die Gedanken, mit denen Hinkmar von Reims einſt gegen Nikolaus I. die Sache der Biſchöfe und Synoden geführt hatte. Aus Hinkmars Schriften hat der Redner — hinter dem man Gerbert als Einſager zu vermuten hat — ſeine Gründe und Beweiſe geholt. Aber er iſt über

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 237. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/246>, abgerufen am 05.08.2020.