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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Streit um Reims 991-999
vorher aber hatte der deutsche Hof, der für die verdrängten Karolinger
Partei nahm, sich eingemischt und den Papst zum Einschreiten veranlaßt.
Jn dessen Auftrag sollte ein römischer Abt Leo den Fall untersuchen. Er
fand die vollendete Tatsache vor, und als er eine deutsch-französische
Synode nach Aachen berief, blieben die Franzosen aus. Sie folgten auch
nicht, als sie zur Verantwortung nach Rom geladen wurden, versammel-
ten sich vielmehr im Mai 992 in Chelles unter dem Vorsitz des Königs,
bestätigten, was in Verzy geschehen war, und wiesen die Einmischung
des Papstes schroff zurück. Seine Verfügungen, wenn gegen die Gesetze
der Väter, seien ungültig, nach dem Wort des Apostels: "Den Ketzer
meide, und der sich von der Kirche trennt." Daß der Papst geantwortet
habe, ist nicht erkennbar. Dagegen scheint König Hugo das Zerwürfnis,
in das Johannes XV. eben damals mit Crescentius geriet, zu einem Ver-
such benutzt zu haben, den Papst zu sich herüberzuziehen. Er bot ihm eine
Begegnung in Grenoble und ehrenvolle Aufnahme an und wollte ihn
glauben machen, es sei nichts gegen ihn geschehen. Johannes ging nicht
darauf ein, warf sich vielmehr dem deutschen König in die Arme. Wäh-
rend Otto III. auf seinen Ruf sich nach Rom aufmachte, erschien zum
zweitenmal Abt Leo, um den Fall im Namen des Papstes mit den
Bischöfen Deutschlands und Frankreichs zu entscheiden. Er erreichte
auch, nachdem ein erster Versuch am Ausbleiben der Franzosen geschei-
tert war, daß die gemischte Synode in Reims zusammentrat, aber ein
Beschluß kam weder dort noch bei der Fortsetzung in Jngelheim zu-
stande (Februar 996). Nun nahm der Papst selber -- es war Gregor V.,
der Deutsche -- die Sache in die Hand. Er lud die französischen Bischöfe
zur Verantwortung vor die Synode, die er im Januar 997 in Pavia
abhielt. Da sie auf Befehl des Königs ausblieben -- Hugo Capet war
kürzlich (Oktober 996) gestorben und sein Sohn Robert ihm gefolgt --
wurde ihnen die Ausübung ihres Amtes bis auf weiteres untersagt.
Zugleich eröffnete Gregor das Verfahren gegen König Robert selbst
wegen Verheiratung mit einer Verwandten, die noch dazu ihrem ersten
Gemahl geraubt war. Das führte zu einer Wendung. Um seine Ge-
mahlin behalten zu können, war Robert bereit, in der Reimser Ange-
legenheit nachzugeben. Wohl war Gerbert einst sein Lehrer gewesen,
aber von der ungesetzlichen Heirat hatte er abgeraten und damit die
Gunst des Königs verscherzt. Robert, dem von schlauen Unterhändlern
Hoffnung auf Nachsicht in seinem Eheprozeß gemacht wurde, opferte

Streit um Reims 991‒999
vorher aber hatte der deutſche Hof, der für die verdrängten Karolinger
Partei nahm, ſich eingemiſcht und den Papſt zum Einſchreiten veranlaßt.
Jn deſſen Auftrag ſollte ein römiſcher Abt Leo den Fall unterſuchen. Er
fand die vollendete Tatſache vor, und als er eine deutſch-franzöſiſche
Synode nach Aachen berief, blieben die Franzoſen aus. Sie folgten auch
nicht, als ſie zur Verantwortung nach Rom geladen wurden, verſammel-
ten ſich vielmehr im Mai 992 in Chelles unter dem Vorſitz des Königs,
beſtätigten, was in Verzy geſchehen war, und wieſen die Einmiſchung
des Papſtes ſchroff zurück. Seine Verfügungen, wenn gegen die Geſetze
der Väter, ſeien ungültig, nach dem Wort des Apoſtels: „Den Ketzer
meide, und der ſich von der Kirche trennt.“ Daß der Papſt geantwortet
habe, iſt nicht erkennbar. Dagegen ſcheint König Hugo das Zerwürfnis,
in das Johannes XV. eben damals mit Crescentius geriet, zu einem Ver-
ſuch benutzt zu haben, den Papſt zu ſich herüberzuziehen. Er bot ihm eine
Begegnung in Grenoble und ehrenvolle Aufnahme an und wollte ihn
glauben machen, es ſei nichts gegen ihn geſchehen. Johannes ging nicht
darauf ein, warf ſich vielmehr dem deutſchen König in die Arme. Wäh-
rend Otto III. auf ſeinen Ruf ſich nach Rom aufmachte, erſchien zum
zweitenmal Abt Leo, um den Fall im Namen des Papſtes mit den
Biſchöfen Deutſchlands und Frankreichs zu entſcheiden. Er erreichte
auch, nachdem ein erſter Verſuch am Ausbleiben der Franzoſen geſchei-
tert war, daß die gemiſchte Synode in Reims zuſammentrat, aber ein
Beſchluß kam weder dort noch bei der Fortſetzung in Jngelheim zu-
ſtande (Februar 996). Nun nahm der Papſt ſelber — es war Gregor V.,
der Deutſche — die Sache in die Hand. Er lud die franzöſiſchen Biſchöfe
zur Verantwortung vor die Synode, die er im Januar 997 in Pavia
abhielt. Da ſie auf Befehl des Königs ausblieben — Hugo Capet war
kürzlich (Oktober 996) geſtorben und ſein Sohn Robert ihm gefolgt —
wurde ihnen die Ausübung ihres Amtes bis auf weiteres unterſagt.
Zugleich eröffnete Gregor das Verfahren gegen König Robert ſelbſt
wegen Verheiratung mit einer Verwandten, die noch dazu ihrem erſten
Gemahl geraubt war. Das führte zu einer Wendung. Um ſeine Ge-
mahlin behalten zu können, war Robert bereit, in der Reimſer Ange-
legenheit nachzugeben. Wohl war Gerbert einſt ſein Lehrer geweſen,
aber von der ungeſetzlichen Heirat hatte er abgeraten und damit die
Gunſt des Königs verſcherzt. Robert, dem von ſchlauen Unterhändlern
Hoffnung auf Nachſicht in ſeinem Eheprozeß gemacht wurde, opferte

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[236/0245] Streit um Reims 991‒999 vorher aber hatte der deutſche Hof, der für die verdrängten Karolinger Partei nahm, ſich eingemiſcht und den Papſt zum Einſchreiten veranlaßt. Jn deſſen Auftrag ſollte ein römiſcher Abt Leo den Fall unterſuchen. Er fand die vollendete Tatſache vor, und als er eine deutſch-franzöſiſche Synode nach Aachen berief, blieben die Franzoſen aus. Sie folgten auch nicht, als ſie zur Verantwortung nach Rom geladen wurden, verſammel- ten ſich vielmehr im Mai 992 in Chelles unter dem Vorſitz des Königs, beſtätigten, was in Verzy geſchehen war, und wieſen die Einmiſchung des Papſtes ſchroff zurück. Seine Verfügungen, wenn gegen die Geſetze der Väter, ſeien ungültig, nach dem Wort des Apoſtels: „Den Ketzer meide, und der ſich von der Kirche trennt.“ Daß der Papſt geantwortet habe, iſt nicht erkennbar. Dagegen ſcheint König Hugo das Zerwürfnis, in das Johannes XV. eben damals mit Crescentius geriet, zu einem Ver- ſuch benutzt zu haben, den Papſt zu ſich herüberzuziehen. Er bot ihm eine Begegnung in Grenoble und ehrenvolle Aufnahme an und wollte ihn glauben machen, es ſei nichts gegen ihn geſchehen. Johannes ging nicht darauf ein, warf ſich vielmehr dem deutſchen König in die Arme. Wäh- rend Otto III. auf ſeinen Ruf ſich nach Rom aufmachte, erſchien zum zweitenmal Abt Leo, um den Fall im Namen des Papſtes mit den Biſchöfen Deutſchlands und Frankreichs zu entſcheiden. Er erreichte auch, nachdem ein erſter Verſuch am Ausbleiben der Franzoſen geſchei- tert war, daß die gemiſchte Synode in Reims zuſammentrat, aber ein Beſchluß kam weder dort noch bei der Fortſetzung in Jngelheim zu- ſtande (Februar 996). Nun nahm der Papſt ſelber — es war Gregor V., der Deutſche — die Sache in die Hand. Er lud die franzöſiſchen Biſchöfe zur Verantwortung vor die Synode, die er im Januar 997 in Pavia abhielt. Da ſie auf Befehl des Königs ausblieben — Hugo Capet war kürzlich (Oktober 996) geſtorben und ſein Sohn Robert ihm gefolgt — wurde ihnen die Ausübung ihres Amtes bis auf weiteres unterſagt. Zugleich eröffnete Gregor das Verfahren gegen König Robert ſelbſt wegen Verheiratung mit einer Verwandten, die noch dazu ihrem erſten Gemahl geraubt war. Das führte zu einer Wendung. Um ſeine Ge- mahlin behalten zu können, war Robert bereit, in der Reimſer Ange- legenheit nachzugeben. Wohl war Gerbert einſt ſein Lehrer geweſen, aber von der ungeſetzlichen Heirat hatte er abgeraten und damit die Gunſt des Königs verſcherzt. Robert, dem von ſchlauen Unterhändlern Hoffnung auf Nachſicht in ſeinem Eheprozeß gemacht wurde, opferte

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 236. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/245>, abgerufen am 15.08.2020.