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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Streit um Reims 991-999
schenfall ereignete sich (992-995) in St. Denis. Versammelte Bi-
schöfe setzten sich über die Vorrechte des Klosters hinweg: was gegen die
Gesetze der Kirche verfügt sei, wollten sie als Recht nicht gelten lassen.
Die Mönche wußten das Volk aufzuwiegeln, die Bischöfe mußten
flüchten. Ähnlich ging es einige Jahre später in Fleury, auch hier wurde
der Bischof von Orleans, als er trotz des päpstlichen Freibriefs ungerufen
zu einer Amtshandlung erschien, durch einen Volksauflauf zum Weichen
genötigt. Jm Falle von St. Denis zogen die Bischöfe den kürzeren, weil
der König für sein Hauskloster Partei ergriff, in Fleury geschah es um-
gekehrt: auf einer Bischofssynode, der der König beiwohnte, wurde der
Abt gezwungen, die päpstliche Urkunde zu verbrennen. Seine Be-
schwerde in Rom hatte keinen Erfolg. Nicht besser erging es im Jahr
1033 der Reichenau. Die Erlaubnis, bei der Messe bischöfliche Abzeichen
zu führen, besaß der Abt schon seit Gregor V. Jetzt wurde er vom Bischof
von Konstanz gezwungen, Urkunde und Tracht zu öffentlicher Ver-
brennung auszuliefern. Wie in Fleury der König, so hatte hier der
Kaiser den Ausschlag gegeben.

Einmal hat in diesem Zeitalter eine grundsätzliche Erörterung über
Art und Umfang der Rechte des Papstes gegenüber Bischöfen und
Landeskirchen stattgefunden. Den Anlaß bot ein Streit um das Erz-
bistum Reims. Erzbischof Arnulf, dem 987 entthronten Königshaus der
Karolinger angehörig, wurde beschuldigt, die Hand dazu geboten zu
haben, daß seine Stadt von den Gegnern des regierenden Königs Hugo
Capet eingenommen wurde. Hugo gelang es, Arnulf zu fangen, worauf
er ihn zu beseitigen suchte, zunächst durch den Papst. Den Antrag auf
Absetzung unterstützten die Bischöfe der Provinz. Aber sie erreichten
nichts, die Gesandtschaft mußte unverrichteter Dinge abziehen. Die
Gegenpartei hatte den Stadtherrn Crescentius, der den Papst beherrschte,
durch reiche Geschenke gewonnen. Was in Rom mißlungen war, sollte
nun eine französische Reichssynode bringen. Jm Mai 991 trat sie in
Verzy bei Reims zusammen*), sie endete damit, daß der angeklagte Erz-
bischof seine Schuld gestand, abgesetzt wurde und sich dem Urteil unter-
warf. Dazu soll er, wie später behauptet wurde, durch stärkste Drohungen
gebracht worden sein. Ob er schuldig war, ist schwer zu entscheiden. An
seiner Stelle wurde Gerbert als Erzbischof eingesetzt und geweiht. Schon

*) Man nennt sie gewöhnlich die Synode von Saint Bale. Das ist aber nur der Name
des Klosters, in dem sie tagte.

Streit um Reims 991‒999
ſchenfall ereignete ſich (992‒995) in St. Denis. Verſammelte Bi-
ſchöfe ſetzten ſich über die Vorrechte des Kloſters hinweg: was gegen die
Geſetze der Kirche verfügt ſei, wollten ſie als Recht nicht gelten laſſen.
Die Mönche wußten das Volk aufzuwiegeln, die Biſchöfe mußten
flüchten. Ähnlich ging es einige Jahre ſpäter in Fleury, auch hier wurde
der Biſchof von Orleans, als er trotz des päpſtlichen Freibriefs ungerufen
zu einer Amtshandlung erſchien, durch einen Volksauflauf zum Weichen
genötigt. Jm Falle von St. Denis zogen die Biſchöfe den kürzeren, weil
der König für ſein Hauskloſter Partei ergriff, in Fleury geſchah es um-
gekehrt: auf einer Biſchofsſynode, der der König beiwohnte, wurde der
Abt gezwungen, die päpſtliche Urkunde zu verbrennen. Seine Be-
ſchwerde in Rom hatte keinen Erfolg. Nicht beſſer erging es im Jahr
1033 der Reichenau. Die Erlaubnis, bei der Meſſe biſchöfliche Abzeichen
zu führen, beſaß der Abt ſchon ſeit Gregor V. Jetzt wurde er vom Biſchof
von Konſtanz gezwungen, Urkunde und Tracht zu öffentlicher Ver-
brennung auszuliefern. Wie in Fleury der König, ſo hatte hier der
Kaiſer den Ausſchlag gegeben.

Einmal hat in dieſem Zeitalter eine grundſätzliche Erörterung über
Art und Umfang der Rechte des Papſtes gegenüber Biſchöfen und
Landeskirchen ſtattgefunden. Den Anlaß bot ein Streit um das Erz-
bistum Reims. Erzbiſchof Arnulf, dem 987 entthronten Königshaus der
Karolinger angehörig, wurde beſchuldigt, die Hand dazu geboten zu
haben, daß ſeine Stadt von den Gegnern des regierenden Königs Hugo
Capet eingenommen wurde. Hugo gelang es, Arnulf zu fangen, worauf
er ihn zu beſeitigen ſuchte, zunächſt durch den Papſt. Den Antrag auf
Abſetzung unterſtützten die Biſchöfe der Provinz. Aber ſie erreichten
nichts, die Geſandtſchaft mußte unverrichteter Dinge abziehen. Die
Gegenpartei hatte den Stadtherrn Crescentius, der den Papſt beherrſchte,
durch reiche Geſchenke gewonnen. Was in Rom mißlungen war, ſollte
nun eine franzöſiſche Reichsſynode bringen. Jm Mai 991 trat ſie in
Verzy bei Reims zuſammen*), ſie endete damit, daß der angeklagte Erz-
biſchof ſeine Schuld geſtand, abgeſetzt wurde und ſich dem Urteil unter-
warf. Dazu ſoll er, wie ſpäter behauptet wurde, durch ſtärkſte Drohungen
gebracht worden ſein. Ob er ſchuldig war, iſt ſchwer zu entſcheiden. An
ſeiner Stelle wurde Gerbert als Erzbiſchof eingeſetzt und geweiht. Schon

*) Man nennt ſie gewöhnlich die Synode von Saint Bâle. Das iſt aber nur der Name
des Kloſters, in dem ſie tagte.
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[235/0244] Streit um Reims 991‒999 ſchenfall ereignete ſich (992‒995) in St. Denis. Verſammelte Bi- ſchöfe ſetzten ſich über die Vorrechte des Kloſters hinweg: was gegen die Geſetze der Kirche verfügt ſei, wollten ſie als Recht nicht gelten laſſen. Die Mönche wußten das Volk aufzuwiegeln, die Biſchöfe mußten flüchten. Ähnlich ging es einige Jahre ſpäter in Fleury, auch hier wurde der Biſchof von Orleans, als er trotz des päpſtlichen Freibriefs ungerufen zu einer Amtshandlung erſchien, durch einen Volksauflauf zum Weichen genötigt. Jm Falle von St. Denis zogen die Biſchöfe den kürzeren, weil der König für ſein Hauskloſter Partei ergriff, in Fleury geſchah es um- gekehrt: auf einer Biſchofsſynode, der der König beiwohnte, wurde der Abt gezwungen, die päpſtliche Urkunde zu verbrennen. Seine Be- ſchwerde in Rom hatte keinen Erfolg. Nicht beſſer erging es im Jahr 1033 der Reichenau. Die Erlaubnis, bei der Meſſe biſchöfliche Abzeichen zu führen, beſaß der Abt ſchon ſeit Gregor V. Jetzt wurde er vom Biſchof von Konſtanz gezwungen, Urkunde und Tracht zu öffentlicher Ver- brennung auszuliefern. Wie in Fleury der König, ſo hatte hier der Kaiſer den Ausſchlag gegeben. Einmal hat in dieſem Zeitalter eine grundſätzliche Erörterung über Art und Umfang der Rechte des Papſtes gegenüber Biſchöfen und Landeskirchen ſtattgefunden. Den Anlaß bot ein Streit um das Erz- bistum Reims. Erzbiſchof Arnulf, dem 987 entthronten Königshaus der Karolinger angehörig, wurde beſchuldigt, die Hand dazu geboten zu haben, daß ſeine Stadt von den Gegnern des regierenden Königs Hugo Capet eingenommen wurde. Hugo gelang es, Arnulf zu fangen, worauf er ihn zu beſeitigen ſuchte, zunächſt durch den Papſt. Den Antrag auf Abſetzung unterſtützten die Biſchöfe der Provinz. Aber ſie erreichten nichts, die Geſandtſchaft mußte unverrichteter Dinge abziehen. Die Gegenpartei hatte den Stadtherrn Crescentius, der den Papſt beherrſchte, durch reiche Geſchenke gewonnen. Was in Rom mißlungen war, ſollte nun eine franzöſiſche Reichsſynode bringen. Jm Mai 991 trat ſie in Verzy bei Reims zuſammen *), ſie endete damit, daß der angeklagte Erz- biſchof ſeine Schuld geſtand, abgeſetzt wurde und ſich dem Urteil unter- warf. Dazu ſoll er, wie ſpäter behauptet wurde, durch ſtärkſte Drohungen gebracht worden ſein. Ob er ſchuldig war, iſt ſchwer zu entſcheiden. An ſeiner Stelle wurde Gerbert als Erzbiſchof eingeſetzt und geweiht. Schon *) Man nennt ſie gewöhnlich die Synode von Saint Bâle. Das iſt aber nur der Name des Kloſters, in dem ſie tagte.

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 235. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/244>, abgerufen am 15.08.2020.