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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Zwiespältige Ansichten der Zeitgenossen
die Gewaltherrschaft schlechter Menschen zu Handlungen bewogen wor-
den, die keinen Bestand haben dürften.

Über das rechtliche Verhältnis des Papstes zu den Kirchen außerhalb
des engeren römischen Amtsbezirks ist dies Zeitalter sich nicht einig.
Erheben die einen seine Machtvollkommenheit mit Wort und Tat in
den Himmel, so widersprechen ihr die andern. Daß zur ersten Gruppe
hält, wer von Rom etwas für sich erhofft, ist natürlich. So preist Bischof
Rather von Verona (966) Rom als die Quelle aller Weisheit, als er von
dort Beistand gegen seine aufsässige Geistlichkeit erwartet. Auf Grün-
dung und Unterwerfung aller Kirchen des Westens durch Rom berufen
sich, den Worten Jnnozenz' I. folgend, französische Bischöfe, als sie
gegen die Lehre des Photios über den Heiligen Geist zu Felde ziehen.
Nichts ist natürlicher, als daß römische Macht ihre eifrigsten Verfechter
in den Klöstern findet, war doch Rom die Quelle ihrer eigenen Vorrechte.
Von einem burgundischen Abt erhält Johannes XIX. die Versicherung:
"Weltbekannt ist es, daß der Bischof der römischen Kirche die Stelle
des Apostels einnimmt, so daß auf ewig fest und unverletzlich dasteht,
was er in der Kirche verfügt." "Wie der Schlüsselwart des Himmel-
reichs das Fürstentum über die Apostel hat, so erteilt die römische Kirche
allen andern in der ganzen Welt als ihren Gliedern die Ermächtigung.
Wer also der römischen Kirche widerspricht, der löst sich aus ihrem
Zusammenhang und tritt in die Gegnerschaft Christi ein", so schreibt
in den neunziger Jahren Abbo, der Abt von Fleury (St. Benoit sur
Loire). Niemand hat aus dem römischen Gnadenquell reichlicher ge-
schöpft als er. Als Lohn für die Dienste, die er dem Papst beim König
leistete, verschaffte er seinem Kloster neben andern Vorteilen die völlige
Befreiung von der Aufsicht des Ortsbischofs und vom Verbot des
Gottesdienstes, selbst wenn das ganze Königreich betroffen wäre.

Man begreift, daß die Bevorzugung der Klöster den Bischöfen Anlaß
gab, die päpstliche Machtvollkommenheit anzufechten. Daß es nicht
öfter geschah, ist eigentlich zu verwundern. Jmmerhin kennen wir eine
Anzahl von Fällen, wo römisches Eingreifen auf Widerspruch gestoßen
ist. Als ein päpstlicher Legat an der Weihe eines Klosters in Anjou teil-
nahm, legten die Bischöfe der Grafschaft dagegen Verwahrung ein.
Sie beriefen sich auf die Kanones, die einem Bischof verböten, unauf-
gefordert in den Sprengel eines andern einzugreifen. Ein ernster Zwi-

Zwieſpältige Anſichten der Zeitgenoſſen
die Gewaltherrſchaft ſchlechter Menſchen zu Handlungen bewogen wor-
den, die keinen Beſtand haben dürften.

Über das rechtliche Verhältnis des Papſtes zu den Kirchen außerhalb
des engeren römiſchen Amtsbezirks iſt dies Zeitalter ſich nicht einig.
Erheben die einen ſeine Machtvollkommenheit mit Wort und Tat in
den Himmel, ſo widerſprechen ihr die andern. Daß zur erſten Gruppe
hält, wer von Rom etwas für ſich erhofft, iſt natürlich. So preiſt Biſchof
Rather von Verona (966) Rom als die Quelle aller Weisheit, als er von
dort Beiſtand gegen ſeine aufſäſſige Geiſtlichkeit erwartet. Auf Grün-
dung und Unterwerfung aller Kirchen des Weſtens durch Rom berufen
ſich, den Worten Jnnozenz' I. folgend, franzöſiſche Biſchöfe, als ſie
gegen die Lehre des Photios über den Heiligen Geiſt zu Felde ziehen.
Nichts iſt natürlicher, als daß römiſche Macht ihre eifrigſten Verfechter
in den Klöſtern findet, war doch Rom die Quelle ihrer eigenen Vorrechte.
Von einem burgundiſchen Abt erhält Johannes XIX. die Verſicherung:
„Weltbekannt iſt es, daß der Biſchof der römiſchen Kirche die Stelle
des Apoſtels einnimmt, ſo daß auf ewig feſt und unverletzlich daſteht,
was er in der Kirche verfügt.“ „Wie der Schlüſſelwart des Himmel-
reichs das Fürſtentum über die Apoſtel hat, ſo erteilt die römiſche Kirche
allen andern in der ganzen Welt als ihren Gliedern die Ermächtigung.
Wer alſo der römiſchen Kirche widerſpricht, der löſt ſich aus ihrem
Zuſammenhang und tritt in die Gegnerſchaft Chriſti ein“, ſo ſchreibt
in den neunziger Jahren Abbo, der Abt von Fleury (St. Benoit ſur
Loire). Niemand hat aus dem römiſchen Gnadenquell reichlicher ge-
ſchöpft als er. Als Lohn für die Dienſte, die er dem Papſt beim König
leiſtete, verſchaffte er ſeinem Kloſter neben andern Vorteilen die völlige
Befreiung von der Aufſicht des Ortsbiſchofs und vom Verbot des
Gottesdienſtes, ſelbſt wenn das ganze Königreich betroffen wäre.

Man begreift, daß die Bevorzugung der Klöſter den Biſchöfen Anlaß
gab, die päpſtliche Machtvollkommenheit anzufechten. Daß es nicht
öfter geſchah, iſt eigentlich zu verwundern. Jmmerhin kennen wir eine
Anzahl von Fällen, wo römiſches Eingreifen auf Widerſpruch geſtoßen
iſt. Als ein päpſtlicher Legat an der Weihe eines Kloſters in Anjou teil-
nahm, legten die Biſchöfe der Grafſchaft dagegen Verwahrung ein.
Sie beriefen ſich auf die Kanones, die einem Biſchof verböten, unauf-
gefordert in den Sprengel eines andern einzugreifen. Ein ernſter Zwi-

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[234/0243] Zwieſpältige Anſichten der Zeitgenoſſen die Gewaltherrſchaft ſchlechter Menſchen zu Handlungen bewogen wor- den, die keinen Beſtand haben dürften. Über das rechtliche Verhältnis des Papſtes zu den Kirchen außerhalb des engeren römiſchen Amtsbezirks iſt dies Zeitalter ſich nicht einig. Erheben die einen ſeine Machtvollkommenheit mit Wort und Tat in den Himmel, ſo widerſprechen ihr die andern. Daß zur erſten Gruppe hält, wer von Rom etwas für ſich erhofft, iſt natürlich. So preiſt Biſchof Rather von Verona (966) Rom als die Quelle aller Weisheit, als er von dort Beiſtand gegen ſeine aufſäſſige Geiſtlichkeit erwartet. Auf Grün- dung und Unterwerfung aller Kirchen des Weſtens durch Rom berufen ſich, den Worten Jnnozenz' I. folgend, franzöſiſche Biſchöfe, als ſie gegen die Lehre des Photios über den Heiligen Geiſt zu Felde ziehen. Nichts iſt natürlicher, als daß römiſche Macht ihre eifrigſten Verfechter in den Klöſtern findet, war doch Rom die Quelle ihrer eigenen Vorrechte. Von einem burgundiſchen Abt erhält Johannes XIX. die Verſicherung: „Weltbekannt iſt es, daß der Biſchof der römiſchen Kirche die Stelle des Apoſtels einnimmt, ſo daß auf ewig feſt und unverletzlich daſteht, was er in der Kirche verfügt.“ „Wie der Schlüſſelwart des Himmel- reichs das Fürſtentum über die Apoſtel hat, ſo erteilt die römiſche Kirche allen andern in der ganzen Welt als ihren Gliedern die Ermächtigung. Wer alſo der römiſchen Kirche widerſpricht, der löſt ſich aus ihrem Zuſammenhang und tritt in die Gegnerſchaft Chriſti ein“, ſo ſchreibt in den neunziger Jahren Abbo, der Abt von Fleury (St. Benoit ſur Loire). Niemand hat aus dem römiſchen Gnadenquell reichlicher ge- ſchöpft als er. Als Lohn für die Dienſte, die er dem Papſt beim König leiſtete, verſchaffte er ſeinem Kloſter neben andern Vorteilen die völlige Befreiung von der Aufſicht des Ortsbiſchofs und vom Verbot des Gottesdienſtes, ſelbſt wenn das ganze Königreich betroffen wäre. Man begreift, daß die Bevorzugung der Klöſter den Biſchöfen Anlaß gab, die päpſtliche Machtvollkommenheit anzufechten. Daß es nicht öfter geſchah, iſt eigentlich zu verwundern. Jmmerhin kennen wir eine Anzahl von Fällen, wo römiſches Eingreifen auf Widerſpruch geſtoßen iſt. Als ein päpſtlicher Legat an der Weihe eines Kloſters in Anjou teil- nahm, legten die Biſchöfe der Grafſchaft dagegen Verwahrung ein. Sie beriefen ſich auf die Kanones, die einem Biſchof verböten, unauf- gefordert in den Sprengel eines andern einzugreifen. Ein ernſter Zwi-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 234. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/243>, abgerufen am 15.08.2020.