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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Käuflichkeit
verfügt. Aber auch dabei blieb es nicht. Nach Konrads Tode, als die
deutschen Absichten auf Venedig gescheitert und aufgegeben waren, zog
Benedikt IX. (1044) daraus die Folgerung und stellte die Unabhängig-
keit von Grado in aller Form wieder her. So hatte das Papsttum im
Laufe von zwanzig Jahren entsprechend den jeweiligen Machtverhält-
nissen vier einander entgegengesetzte Entscheidungen gefällt. Konrad II.
hatte nicht so unrecht, als er, der vor den Geistlichen überhaupt wenig
Achtung hegte, in einer seiner Urkunden den Papst einfach in die Reihe
seiner "Getreuen" stellte.

Unter den Maßnahmen dieser Art wird man keine finden, die aus
freiem Entschluß und eigner Absicht des Papstes hervorgegangen, keine,
die nicht von außen her angeregt, erbeten oder gefordert wäre. Dem
entspricht es, daß man sich in Rom um den Erfolg keine Sorgen machte.
Mit vollendeter Gleichgültigkeit wurde es hingenommen, daß -- ein
klassischer Fall -- das neu geschaffene Erzbistum Vich noch im gleichen
Jahr (971) wieder verschwand, nachdem sein erster Jnhaber ermordet
war, wie auch Benedikt VIII. sich nicht darum kümmerte, daß das
Bistum Besalu in Katalonien, das er auf Wunsch des Grafen errichtet
und dem römischen Stuhl unmittelbar unterstellt hatte, den Tod des
Grafen nicht überlebte. Knapp drei Jahre hatte es bestanden.

Daß unter solchen Umständen römische Verfügungen und Richter-
sprüche recht verschiedene Aufnahme fanden, wen könnte das wundern?
Nur zu gut wußte man ja, wie sie zu erlangen waren. Kein Geringerer
als Erzbischof Wilhelm von Mainz, der Sohn Ottos I., hat dem
Papst unverblümt zu verstehen gegeben, mit Bestechung könne man bei
ihm alles erreichen. Ein deutscher Bote habe nach der Rückkehr aus Rom
sich gerühmt, für hundert Pfund bringe er so viele Pallien, wie man
wolle; das Geld des Abtes von Fulda wiege schwerer als die Bestimmung
des heiligen Bonifaz. Offen erklärte Wilhelm, lieber als Missionar zu
den Heiden gehen, als solchen Mißbrauch dulden zu wollen. Er ist nicht
gegangen, hat geduldet, was er nicht ändern konnte, und geschwiegen.
Einige Jahrzehnte später sagte der Sprecher einer französischen Synode
dem Legaten des Papstes ins Gesicht, die kostspielige Sendung nach
Rom lohne sich nicht, da der apostolische Stuhl doch nur das Urteil fällen
dürfe, das ein Haufen Gold bei Crescentius, dem Teufelsbraten, erkaufe;
von dem käuflichen Tyrannen hingen Freispruch oder Strafe ab. Ein
späterer Papst, Clemens II., hat bekannt, seine Vorgänger seien durch

Käuflichkeit
verfügt. Aber auch dabei blieb es nicht. Nach Konrads Tode, als die
deutſchen Abſichten auf Venedig geſcheitert und aufgegeben waren, zog
Benedikt IX. (1044) daraus die Folgerung und ſtellte die Unabhängig-
keit von Grado in aller Form wieder her. So hatte das Papſttum im
Laufe von zwanzig Jahren entſprechend den jeweiligen Machtverhält-
niſſen vier einander entgegengeſetzte Entſcheidungen gefällt. Konrad II.
hatte nicht ſo unrecht, als er, der vor den Geiſtlichen überhaupt wenig
Achtung hegte, in einer ſeiner Urkunden den Papſt einfach in die Reihe
ſeiner „Getreuen“ ſtellte.

Unter den Maßnahmen dieſer Art wird man keine finden, die aus
freiem Entſchluß und eigner Abſicht des Papſtes hervorgegangen, keine,
die nicht von außen her angeregt, erbeten oder gefordert wäre. Dem
entſpricht es, daß man ſich in Rom um den Erfolg keine Sorgen machte.
Mit vollendeter Gleichgültigkeit wurde es hingenommen, daß — ein
klaſſiſcher Fall — das neu geſchaffene Erzbistum Vich noch im gleichen
Jahr (971) wieder verſchwand, nachdem ſein erſter Jnhaber ermordet
war, wie auch Benedikt VIII. ſich nicht darum kümmerte, daß das
Bistum Beſalù in Katalonien, das er auf Wunſch des Grafen errichtet
und dem römiſchen Stuhl unmittelbar unterſtellt hatte, den Tod des
Grafen nicht überlebte. Knapp drei Jahre hatte es beſtanden.

Daß unter ſolchen Umſtänden römiſche Verfügungen und Richter-
ſprüche recht verſchiedene Aufnahme fanden, wen könnte das wundern?
Nur zu gut wußte man ja, wie ſie zu erlangen waren. Kein Geringerer
als Erzbiſchof Wilhelm von Mainz, der Sohn Ottos I., hat dem
Papſt unverblümt zu verſtehen gegeben, mit Beſtechung könne man bei
ihm alles erreichen. Ein deutſcher Bote habe nach der Rückkehr aus Rom
ſich gerühmt, für hundert Pfund bringe er ſo viele Pallien, wie man
wolle; das Geld des Abtes von Fulda wiege ſchwerer als die Beſtimmung
des heiligen Bonifaz. Offen erklärte Wilhelm, lieber als Miſſionar zu
den Heiden gehen, als ſolchen Mißbrauch dulden zu wollen. Er iſt nicht
gegangen, hat geduldet, was er nicht ändern konnte, und geſchwiegen.
Einige Jahrzehnte ſpäter ſagte der Sprecher einer franzöſiſchen Synode
dem Legaten des Papſtes ins Geſicht, die koſtſpielige Sendung nach
Rom lohne ſich nicht, da der apoſtoliſche Stuhl doch nur das Urteil fällen
dürfe, das ein Haufen Gold bei Crescentius, dem Teufelsbraten, erkaufe;
von dem käuflichen Tyrannen hingen Freiſpruch oder Strafe ab. Ein
ſpäterer Papſt, Clemens II., hat bekannt, ſeine Vorgänger ſeien durch

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[233/0242] Käuflichkeit verfügt. Aber auch dabei blieb es nicht. Nach Konrads Tode, als die deutſchen Abſichten auf Venedig geſcheitert und aufgegeben waren, zog Benedikt IX. (1044) daraus die Folgerung und ſtellte die Unabhängig- keit von Grado in aller Form wieder her. So hatte das Papſttum im Laufe von zwanzig Jahren entſprechend den jeweiligen Machtverhält- niſſen vier einander entgegengeſetzte Entſcheidungen gefällt. Konrad II. hatte nicht ſo unrecht, als er, der vor den Geiſtlichen überhaupt wenig Achtung hegte, in einer ſeiner Urkunden den Papſt einfach in die Reihe ſeiner „Getreuen“ ſtellte. Unter den Maßnahmen dieſer Art wird man keine finden, die aus freiem Entſchluß und eigner Abſicht des Papſtes hervorgegangen, keine, die nicht von außen her angeregt, erbeten oder gefordert wäre. Dem entſpricht es, daß man ſich in Rom um den Erfolg keine Sorgen machte. Mit vollendeter Gleichgültigkeit wurde es hingenommen, daß — ein klaſſiſcher Fall — das neu geſchaffene Erzbistum Vich noch im gleichen Jahr (971) wieder verſchwand, nachdem ſein erſter Jnhaber ermordet war, wie auch Benedikt VIII. ſich nicht darum kümmerte, daß das Bistum Beſalù in Katalonien, das er auf Wunſch des Grafen errichtet und dem römiſchen Stuhl unmittelbar unterſtellt hatte, den Tod des Grafen nicht überlebte. Knapp drei Jahre hatte es beſtanden. Daß unter ſolchen Umſtänden römiſche Verfügungen und Richter- ſprüche recht verſchiedene Aufnahme fanden, wen könnte das wundern? Nur zu gut wußte man ja, wie ſie zu erlangen waren. Kein Geringerer als Erzbiſchof Wilhelm von Mainz, der Sohn Ottos I., hat dem Papſt unverblümt zu verſtehen gegeben, mit Beſtechung könne man bei ihm alles erreichen. Ein deutſcher Bote habe nach der Rückkehr aus Rom ſich gerühmt, für hundert Pfund bringe er ſo viele Pallien, wie man wolle; das Geld des Abtes von Fulda wiege ſchwerer als die Beſtimmung des heiligen Bonifaz. Offen erklärte Wilhelm, lieber als Miſſionar zu den Heiden gehen, als ſolchen Mißbrauch dulden zu wollen. Er iſt nicht gegangen, hat geduldet, was er nicht ändern konnte, und geſchwiegen. Einige Jahrzehnte ſpäter ſagte der Sprecher einer franzöſiſchen Synode dem Legaten des Papſtes ins Geſicht, die koſtſpielige Sendung nach Rom lohne ſich nicht, da der apoſtoliſche Stuhl doch nur das Urteil fällen dürfe, das ein Haufen Gold bei Crescentius, dem Teufelsbraten, erkaufe; von dem käuflichen Tyrannen hingen Freiſpruch oder Strafe ab. Ein ſpäterer Papſt, Clemens II., hat bekannt, ſeine Vorgänger ſeien durch

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 233. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/242>, abgerufen am 15.08.2020.