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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Dienstwilligkeit
Herold von Salzburg, im Kampf gegen den Baiernherzog gefangen, ge-
blendet und abgesetzt, wurde, als er fortfuhr als Erzbischof aufzutreten,
mit dem päpstlichen Fluch bedroht, sein Nachfolger anerkannt. Wie
die Dinge unter Otto III. standen, haben wir schon bei Gelegenheit der
Erhebung Guesens zum Erzbistum gesehen. Jm Streit zwischen Mainz
und Halberstadt um das Kloster Gandersheim entsandte Silvester II.
wohl einen Legaten, der auch ein Urteil fällte, die Entscheidung aber
nicht herbeizuführen vermochte. Sie brachte erst nach Jahren das Ein-
greifen des Kaisers, ohne daß der Papst zugezogen worden wäre. Hein-
rich II. hat (1004) das Bistum Merseburg, das Otto I. durch den
Papst hatte aufheben lassen, wiederhergestellt, ohne der päpstlichen Ge-
nehmigung ausdrücklich zu gedenken, obgleich ein römischer Legat an-
wesend war. Rücksichtsvoller verfuhr in ähnlichem Fall Konrad II.:
die Verlegung des Bischofssitzes von Zeitz nach Naumburg ließ er durch
Johannes XIX. verfügen. Gegenüber dem aufständischen Erzbischof von
Mailand hat er (1036), da die weltlichen Waffen nicht verfingen, den
Papst in Bewegung gesetzt, und Benedikt IX. hat nicht gezögert, Ab-
setzung, Ausschluß und Fluch zu verhängen, obgleich der Kaiser mit
einem absetzenden Urteil des weltlichen Hofgerichts dem Spruch der
Kirche vorgegriffen hatte.

Über alles Wahrscheinliche hinaus geht die Gefälligkeit gegen welt-
liche Mächte, die die Tuskulanerpäpste in den Verwicklungen zwischen
dem Kaiser und Venedig bewiesen. Dem am deutschen Hof einfluß-
reichen Patriarchen Poppo von Aquileja war es gelungen, unter Be-
nutzung venezianischer Parteikämpfe sich Grados zu bemächtigen und
den dortigen Patriarchenstuhl einzunehmen. Es konnte der Anfang zur
Einverleibung Venedigs in das deutsche Reich werden und sollte das
wohl auch sein. Ohne weiteres gab Johannes XIX. dazu seinen Segen,
denn Grado gehöre ja von alters her zu Aquileja! Die Spaltung war,
wie wir wissen, schon im sechsten Jahrhundert eingetreten. Als Poppo
noch im gleichen Jahr (1024) vertrieben wurde und der rechtmäßige
Patriarch zurückkehrte, wechselte auch der Papst die Partei und stellte
den früheren Zustand wieder her. Drei Jahre vergingen, Konrad II.
erschien zur Kaiserkrönung in Rom (1027), und wieder zögerte der
Papst nicht, den deutschen Wünschen entgegenzukommen. Auf einer
Synode unter gemeinsamem Vorsitz von Papst und Kaiser wurde der
Venezianer verurteilt und die Vereinigung von Grado mit Aquileja


Dienſtwilligkeit
Herold von Salzburg, im Kampf gegen den Baiernherzog gefangen, ge-
blendet und abgeſetzt, wurde, als er fortfuhr als Erzbiſchof aufzutreten,
mit dem päpſtlichen Fluch bedroht, ſein Nachfolger anerkannt. Wie
die Dinge unter Otto III. ſtanden, haben wir ſchon bei Gelegenheit der
Erhebung Gueſens zum Erzbistum geſehen. Jm Streit zwiſchen Mainz
und Halberſtadt um das Kloſter Gandersheim entſandte Silveſter II.
wohl einen Legaten, der auch ein Urteil fällte, die Entſcheidung aber
nicht herbeizuführen vermochte. Sie brachte erſt nach Jahren das Ein-
greifen des Kaiſers, ohne daß der Papſt zugezogen worden wäre. Hein-
rich II. hat (1004) das Bistum Merſeburg, das Otto I. durch den
Papſt hatte aufheben laſſen, wiederhergeſtellt, ohne der päpſtlichen Ge-
nehmigung ausdrücklich zu gedenken, obgleich ein römiſcher Legat an-
weſend war. Rückſichtsvoller verfuhr in ähnlichem Fall Konrad II.:
die Verlegung des Biſchofsſitzes von Zeitz nach Naumburg ließ er durch
Johannes XIX. verfügen. Gegenüber dem aufſtändiſchen Erzbiſchof von
Mailand hat er (1036), da die weltlichen Waffen nicht verfingen, den
Papſt in Bewegung geſetzt, und Benedikt IX. hat nicht gezögert, Ab-
ſetzung, Ausſchluß und Fluch zu verhängen, obgleich der Kaiſer mit
einem abſetzenden Urteil des weltlichen Hofgerichts dem Spruch der
Kirche vorgegriffen hatte.

Über alles Wahrſcheinliche hinaus geht die Gefälligkeit gegen welt-
liche Mächte, die die Tuskulanerpäpſte in den Verwicklungen zwiſchen
dem Kaiſer und Venedig bewieſen. Dem am deutſchen Hof einfluß-
reichen Patriarchen Poppo von Aquileja war es gelungen, unter Be-
nutzung venezianiſcher Parteikämpfe ſich Grados zu bemächtigen und
den dortigen Patriarchenſtuhl einzunehmen. Es konnte der Anfang zur
Einverleibung Venedigs in das deutſche Reich werden und ſollte das
wohl auch ſein. Ohne weiteres gab Johannes XIX. dazu ſeinen Segen,
denn Grado gehöre ja von alters her zu Aquileja! Die Spaltung war,
wie wir wiſſen, ſchon im ſechſten Jahrhundert eingetreten. Als Poppo
noch im gleichen Jahr (1024) vertrieben wurde und der rechtmäßige
Patriarch zurückkehrte, wechſelte auch der Papſt die Partei und ſtellte
den früheren Zuſtand wieder her. Drei Jahre vergingen, Konrad II.
erſchien zur Kaiſerkrönung in Rom (1027), und wieder zögerte der
Papſt nicht, den deutſchen Wünſchen entgegenzukommen. Auf einer
Synode unter gemeinſamem Vorſitz von Papſt und Kaiſer wurde der
Venezianer verurteilt und die Vereinigung von Grado mit Aquileja

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[232/0241] Dienſtwilligkeit Herold von Salzburg, im Kampf gegen den Baiernherzog gefangen, ge- blendet und abgeſetzt, wurde, als er fortfuhr als Erzbiſchof aufzutreten, mit dem päpſtlichen Fluch bedroht, ſein Nachfolger anerkannt. Wie die Dinge unter Otto III. ſtanden, haben wir ſchon bei Gelegenheit der Erhebung Gueſens zum Erzbistum geſehen. Jm Streit zwiſchen Mainz und Halberſtadt um das Kloſter Gandersheim entſandte Silveſter II. wohl einen Legaten, der auch ein Urteil fällte, die Entſcheidung aber nicht herbeizuführen vermochte. Sie brachte erſt nach Jahren das Ein- greifen des Kaiſers, ohne daß der Papſt zugezogen worden wäre. Hein- rich II. hat (1004) das Bistum Merſeburg, das Otto I. durch den Papſt hatte aufheben laſſen, wiederhergeſtellt, ohne der päpſtlichen Ge- nehmigung ausdrücklich zu gedenken, obgleich ein römiſcher Legat an- weſend war. Rückſichtsvoller verfuhr in ähnlichem Fall Konrad II.: die Verlegung des Biſchofsſitzes von Zeitz nach Naumburg ließ er durch Johannes XIX. verfügen. Gegenüber dem aufſtändiſchen Erzbiſchof von Mailand hat er (1036), da die weltlichen Waffen nicht verfingen, den Papſt in Bewegung geſetzt, und Benedikt IX. hat nicht gezögert, Ab- ſetzung, Ausſchluß und Fluch zu verhängen, obgleich der Kaiſer mit einem abſetzenden Urteil des weltlichen Hofgerichts dem Spruch der Kirche vorgegriffen hatte. Über alles Wahrſcheinliche hinaus geht die Gefälligkeit gegen welt- liche Mächte, die die Tuskulanerpäpſte in den Verwicklungen zwiſchen dem Kaiſer und Venedig bewieſen. Dem am deutſchen Hof einfluß- reichen Patriarchen Poppo von Aquileja war es gelungen, unter Be- nutzung venezianiſcher Parteikämpfe ſich Grados zu bemächtigen und den dortigen Patriarchenſtuhl einzunehmen. Es konnte der Anfang zur Einverleibung Venedigs in das deutſche Reich werden und ſollte das wohl auch ſein. Ohne weiteres gab Johannes XIX. dazu ſeinen Segen, denn Grado gehöre ja von alters her zu Aquileja! Die Spaltung war, wie wir wiſſen, ſchon im ſechſten Jahrhundert eingetreten. Als Poppo noch im gleichen Jahr (1024) vertrieben wurde und der rechtmäßige Patriarch zurückkehrte, wechſelte auch der Papſt die Partei und ſtellte den früheren Zuſtand wieder her. Drei Jahre vergingen, Konrad II. erſchien zur Kaiſerkrönung in Rom (1027), und wieder zögerte der Papſt nicht, den deutſchen Wünſchen entgegenzukommen. Auf einer Synode unter gemeinſamem Vorſitz von Papſt und Kaiſer wurde der Venezianer verurteilt und die Vereinigung von Grado mit Aquileja

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 232. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/241>, abgerufen am 15.08.2020.