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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Dienstwilligkeit
Papst, nachdem ein Auftrag an den Erzbischof von Trier nicht zum Ziel
geführt hatte, die Entsendung eines Legaten mit unbeschränkter Voll-
macht. Unter dessen Vorsitz, aber in Gegenwart der beiden Könige von
Deutschland und Frankreich, tagte im Juni 948 zu Jngelheim eine
Synode und fällte das Urteil, wie es nach Lage der Dinge zu erwarten
war: Artold wurde als rechtmäßiger Bischof anerkannt, Hugo aus-
geschlossen, wenn er sich nicht unterwürfe. Er tat es, nachdem die Burg,
auf der er sich gehalten hatte, von deutschen Truppen genommen und
zerstört war. Hugo hatte in Jngelheim ein Schreiben des Papstes vor-
legen lassen, das ihm recht gab. Es wurde als erschlichen von der Synode
ohne Prüfung beiseitegeschoben und verrät wohl, daß man in Rom gegen
einen andern Ausgang nichts gehabt hätte. Was in Jngelheim den
Ausschlag gab, waren nicht die einander widersprechenden Weisungen
des Papstes, sondern der Wille des deutschen Königs, dem der Papst
nachträglich die Bestätigung nicht versagte. Ein Nachspiel machte das
noch deutlicher. Auf Verlangen Ottos -- "er befahl es unbedingt", sagt
der gleichzeitige Geschichtschreiber von Reims -- wurde Herzog Hugo
von Francien durch den Legaten vor eine Synode nach Trier geladen
und über ihn der Ausschluß verhängt. Die Bischöfe seiner Partei
traf das gleiche Schicksal. Papst und Legat, man sieht es, waren
Werkzeuge des deutschen Königs. Nicht umsonst hatte der vornehmste
der deutschen Kirchenfürsten, Erzbischof Friedrich von Mainz, sich per-
sönlich nach Rom begeben, um das zu erreichen.

Als römische Kaiser hatten die deutschen Herrscher es vollends leicht,
sich der Päpste für ihre Zwecke zu bedienen. Schon lange vor seiner
Krönung hatte Otto I. erwirkt, daß der Erzbischof von Mainz, wie einst
Bonifatius, zum Vikar des Papstes für Deutschland bestellt und ihm
selbst Vollmacht erteilt wurde, über die Bistümer des Reiches nach
Gutdünken zu verfügen. Otto verfehlte nicht, davon so ausgiebigen Ge-
brauch zu machen, daß er mit seinem eigenen Sohn, Erzbischof Wil-
helm von Mainz, in Gegensatz geriet. Mit erregten Worten beschwerte
dieser sich beim Papst und zählte die Fälle auf, in denen seine und anderer
Bischöfe Rechte verletzt waren. Er erreichte nichts, in allen Stücken
setzte Otto, Kaiser geworden, bei den Päpsten durch, was er wollte.
Durch päpstliche Verfügung entstand das Erzbistum Magdeburg auf
Kosten von Halberstadt, das einen Teil seines Sprengels, und von
Mainz, das seine Metropolitanrechte hergeben mußte. Erzbischof

Dienſtwilligkeit
Papſt, nachdem ein Auftrag an den Erzbiſchof von Trier nicht zum Ziel
geführt hatte, die Entſendung eines Legaten mit unbeſchränkter Voll-
macht. Unter deſſen Vorſitz, aber in Gegenwart der beiden Könige von
Deutſchland und Frankreich, tagte im Juni 948 zu Jngelheim eine
Synode und fällte das Urteil, wie es nach Lage der Dinge zu erwarten
war: Artold wurde als rechtmäßiger Biſchof anerkannt, Hugo aus-
geſchloſſen, wenn er ſich nicht unterwürfe. Er tat es, nachdem die Burg,
auf der er ſich gehalten hatte, von deutſchen Truppen genommen und
zerſtört war. Hugo hatte in Jngelheim ein Schreiben des Papſtes vor-
legen laſſen, das ihm recht gab. Es wurde als erſchlichen von der Synode
ohne Prüfung beiſeitegeſchoben und verrät wohl, daß man in Rom gegen
einen andern Ausgang nichts gehabt hätte. Was in Jngelheim den
Ausſchlag gab, waren nicht die einander widerſprechenden Weiſungen
des Papſtes, ſondern der Wille des deutſchen Königs, dem der Papſt
nachträglich die Beſtätigung nicht verſagte. Ein Nachſpiel machte das
noch deutlicher. Auf Verlangen Ottos — „er befahl es unbedingt“, ſagt
der gleichzeitige Geſchichtſchreiber von Reims — wurde Herzog Hugo
von Francien durch den Legaten vor eine Synode nach Trier geladen
und über ihn der Ausſchluß verhängt. Die Biſchöfe ſeiner Partei
traf das gleiche Schickſal. Papſt und Legat, man ſieht es, waren
Werkzeuge des deutſchen Königs. Nicht umſonſt hatte der vornehmſte
der deutſchen Kirchenfürſten, Erzbiſchof Friedrich von Mainz, ſich per-
ſönlich nach Rom begeben, um das zu erreichen.

Als römiſche Kaiſer hatten die deutſchen Herrſcher es vollends leicht,
ſich der Päpſte für ihre Zwecke zu bedienen. Schon lange vor ſeiner
Krönung hatte Otto I. erwirkt, daß der Erzbiſchof von Mainz, wie einſt
Bonifatius, zum Vikar des Papſtes für Deutſchland beſtellt und ihm
ſelbſt Vollmacht erteilt wurde, über die Bistümer des Reiches nach
Gutdünken zu verfügen. Otto verfehlte nicht, davon ſo ausgiebigen Ge-
brauch zu machen, daß er mit ſeinem eigenen Sohn, Erzbiſchof Wil-
helm von Mainz, in Gegenſatz geriet. Mit erregten Worten beſchwerte
dieſer ſich beim Papſt und zählte die Fälle auf, in denen ſeine und anderer
Biſchöfe Rechte verletzt waren. Er erreichte nichts, in allen Stücken
ſetzte Otto, Kaiſer geworden, bei den Päpſten durch, was er wollte.
Durch päpſtliche Verfügung entſtand das Erzbistum Magdeburg auf
Koſten von Halberſtadt, das einen Teil ſeines Sprengels, und von
Mainz, das ſeine Metropolitanrechte hergeben mußte. Erzbiſchof

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[231/0240] Dienſtwilligkeit Papſt, nachdem ein Auftrag an den Erzbiſchof von Trier nicht zum Ziel geführt hatte, die Entſendung eines Legaten mit unbeſchränkter Voll- macht. Unter deſſen Vorſitz, aber in Gegenwart der beiden Könige von Deutſchland und Frankreich, tagte im Juni 948 zu Jngelheim eine Synode und fällte das Urteil, wie es nach Lage der Dinge zu erwarten war: Artold wurde als rechtmäßiger Biſchof anerkannt, Hugo aus- geſchloſſen, wenn er ſich nicht unterwürfe. Er tat es, nachdem die Burg, auf der er ſich gehalten hatte, von deutſchen Truppen genommen und zerſtört war. Hugo hatte in Jngelheim ein Schreiben des Papſtes vor- legen laſſen, das ihm recht gab. Es wurde als erſchlichen von der Synode ohne Prüfung beiſeitegeſchoben und verrät wohl, daß man in Rom gegen einen andern Ausgang nichts gehabt hätte. Was in Jngelheim den Ausſchlag gab, waren nicht die einander widerſprechenden Weiſungen des Papſtes, ſondern der Wille des deutſchen Königs, dem der Papſt nachträglich die Beſtätigung nicht verſagte. Ein Nachſpiel machte das noch deutlicher. Auf Verlangen Ottos — „er befahl es unbedingt“, ſagt der gleichzeitige Geſchichtſchreiber von Reims — wurde Herzog Hugo von Francien durch den Legaten vor eine Synode nach Trier geladen und über ihn der Ausſchluß verhängt. Die Biſchöfe ſeiner Partei traf das gleiche Schickſal. Papſt und Legat, man ſieht es, waren Werkzeuge des deutſchen Königs. Nicht umſonſt hatte der vornehmſte der deutſchen Kirchenfürſten, Erzbiſchof Friedrich von Mainz, ſich per- ſönlich nach Rom begeben, um das zu erreichen. Als römiſche Kaiſer hatten die deutſchen Herrſcher es vollends leicht, ſich der Päpſte für ihre Zwecke zu bedienen. Schon lange vor ſeiner Krönung hatte Otto I. erwirkt, daß der Erzbiſchof von Mainz, wie einſt Bonifatius, zum Vikar des Papſtes für Deutſchland beſtellt und ihm ſelbſt Vollmacht erteilt wurde, über die Bistümer des Reiches nach Gutdünken zu verfügen. Otto verfehlte nicht, davon ſo ausgiebigen Ge- brauch zu machen, daß er mit ſeinem eigenen Sohn, Erzbiſchof Wil- helm von Mainz, in Gegenſatz geriet. Mit erregten Worten beſchwerte dieſer ſich beim Papſt und zählte die Fälle auf, in denen ſeine und anderer Biſchöfe Rechte verletzt waren. Er erreichte nichts, in allen Stücken ſetzte Otto, Kaiſer geworden, bei den Päpſten durch, was er wollte. Durch päpſtliche Verfügung entſtand das Erzbistum Magdeburg auf Koſten von Halberſtadt, das einen Teil ſeines Sprengels, und von Mainz, das ſeine Metropolitanrechte hergeben mußte. Erzbiſchof

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 231. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/240>, abgerufen am 15.08.2020.