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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Unselbständigkeit der Päpste
Gegner in Schwaben und Sachsen mit kirchlichen Waffen beizustehen.
Alles andere war Einkleidung. Als Johannes X. aufgerufen wurde, eine
zwiespältige Bischofswahl in Lüttich (920) zu entscheiden, handelte es
sich darum, ob Deutschland oder Frankreich der Besitz des linken Rhein-
ufers zufallen werde. Johannes machte auch kein Hehl daraus, daß er
die französische Partei ergreife, und zwar auf Veranlassung Kaiser
Berengars, der als Enkel Ludwigs des Frommen zu den Karolingern in
Frankreich gegen den deutschen König hielt. Daß der Entscheid des
Papstes Erfolg hatte, war auch nur dem damaligen Übergewicht Karls
des Einfältigen zu verdanken, der das strittige Gebiet vorerst noch be-
hauptete.

Lehrreich ist die Geschichte des zwanzigjährigen Streites um das Erz-
bistum Reims. Er bildet eine Teilhandlung in den Anfängen des Kamp-
fes zwischen den letzten Karolingern und dem Herzog von Francien, des
Kampfes, der erst 987 mit der Thronbesteigung Hugo Capets enden
sollte. Jm Jahr 925 bemächtigte sich ein Angehöriger des Herzogs-
hauses, der Graf von Vermandois, des Erzbistums und übertrug es
seinem fünfjährigen Sohn Hugo. Johannes X. bestätigte die anstößige
Maßregel und stellte sich, als zwischen König und Graf Fehde ausbrach,
ganz auf die Seite des Grafen. Sein Nachfolger Johannes XI. wech-
selte die Haltung und gab dem von Karl dem Einfältigen eingesetzten
Artold das Pallium. Es geschah nach dem Willen Alberichs, der ver-
mutlich in den Gegnern des französischen Königs die Freunde seines
Feindes, des Königs Hugo von Jtalien, sah. Die wechselvollen Kämpfe
des nächsten Jahrzehnts verfolgen wir nicht. Der jugendliche Hugo
behauptete sich im Besitz von Reims und erhielt, als er herangewachsen
war (941), die Weihen. Ein Versuch, den der Papst, zweifellos
wiederum im Sinne Alberichs, machte, durch Anerkennung Hugos den
Herzog von Francien zur Unterwerfung unter den König zu bestimmen,
scheiterte völlig. Der Legat, der den strengen Befehl überbrachte (942),
bei Strafe des Fluches dem König zu gehorchen, erreichte nichts, ob-
gleich die Bischöfe der Provinz ihn unterstützten. Auch das Pallium
für Hugo, das einen wiederholten und verschärften Befehl begleitete,
blieb ohne Wirkung, und Reims hatte nun zwei Erzbischöfe, beide von
Rom bestätigt. Erst das Eingreifen des deutschen Königs schaffte nach
sechs Jahren den ärgerlichen Fall aus der Welt. Otto I. brach mit
Waffengewalt den Widerstand Hugos von Francien und erwirkte beim

Unſelbſtändigkeit der Päpſte
Gegner in Schwaben und Sachſen mit kirchlichen Waffen beizuſtehen.
Alles andere war Einkleidung. Als Johannes X. aufgerufen wurde, eine
zwieſpältige Biſchofswahl in Lüttich (920) zu entſcheiden, handelte es
ſich darum, ob Deutſchland oder Frankreich der Beſitz des linken Rhein-
ufers zufallen werde. Johannes machte auch kein Hehl daraus, daß er
die franzöſiſche Partei ergreife, und zwar auf Veranlaſſung Kaiſer
Berengars, der als Enkel Ludwigs des Frommen zu den Karolingern in
Frankreich gegen den deutſchen König hielt. Daß der Entſcheid des
Papſtes Erfolg hatte, war auch nur dem damaligen Übergewicht Karls
des Einfältigen zu verdanken, der das ſtrittige Gebiet vorerſt noch be-
hauptete.

Lehrreich iſt die Geſchichte des zwanzigjährigen Streites um das Erz-
bistum Reims. Er bildet eine Teilhandlung in den Anfängen des Kamp-
fes zwiſchen den letzten Karolingern und dem Herzog von Francien, des
Kampfes, der erſt 987 mit der Thronbeſteigung Hugo Capets enden
ſollte. Jm Jahr 925 bemächtigte ſich ein Angehöriger des Herzogs-
hauſes, der Graf von Vermandois, des Erzbistums und übertrug es
ſeinem fünfjährigen Sohn Hugo. Johannes X. beſtätigte die anſtößige
Maßregel und ſtellte ſich, als zwiſchen König und Graf Fehde ausbrach,
ganz auf die Seite des Grafen. Sein Nachfolger Johannes XI. wech-
ſelte die Haltung und gab dem von Karl dem Einfältigen eingeſetzten
Artold das Pallium. Es geſchah nach dem Willen Alberichs, der ver-
mutlich in den Gegnern des franzöſiſchen Königs die Freunde ſeines
Feindes, des Königs Hugo von Jtalien, ſah. Die wechſelvollen Kämpfe
des nächſten Jahrzehnts verfolgen wir nicht. Der jugendliche Hugo
behauptete ſich im Beſitz von Reims und erhielt, als er herangewachſen
war (941), die Weihen. Ein Verſuch, den der Papſt, zweifellos
wiederum im Sinne Alberichs, machte, durch Anerkennung Hugos den
Herzog von Francien zur Unterwerfung unter den König zu beſtimmen,
ſcheiterte völlig. Der Legat, der den ſtrengen Befehl überbrachte (942),
bei Strafe des Fluches dem König zu gehorchen, erreichte nichts, ob-
gleich die Biſchöfe der Provinz ihn unterſtützten. Auch das Pallium
für Hugo, das einen wiederholten und verſchärften Befehl begleitete,
blieb ohne Wirkung, und Reims hatte nun zwei Erzbiſchöfe, beide von
Rom beſtätigt. Erſt das Eingreifen des deutſchen Königs ſchaffte nach
ſechs Jahren den ärgerlichen Fall aus der Welt. Otto I. brach mit
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[230/0239] Unſelbſtändigkeit der Päpſte Gegner in Schwaben und Sachſen mit kirchlichen Waffen beizuſtehen. Alles andere war Einkleidung. Als Johannes X. aufgerufen wurde, eine zwieſpältige Biſchofswahl in Lüttich (920) zu entſcheiden, handelte es ſich darum, ob Deutſchland oder Frankreich der Beſitz des linken Rhein- ufers zufallen werde. Johannes machte auch kein Hehl daraus, daß er die franzöſiſche Partei ergreife, und zwar auf Veranlaſſung Kaiſer Berengars, der als Enkel Ludwigs des Frommen zu den Karolingern in Frankreich gegen den deutſchen König hielt. Daß der Entſcheid des Papſtes Erfolg hatte, war auch nur dem damaligen Übergewicht Karls des Einfältigen zu verdanken, der das ſtrittige Gebiet vorerſt noch be- hauptete. Lehrreich iſt die Geſchichte des zwanzigjährigen Streites um das Erz- bistum Reims. Er bildet eine Teilhandlung in den Anfängen des Kamp- fes zwiſchen den letzten Karolingern und dem Herzog von Francien, des Kampfes, der erſt 987 mit der Thronbeſteigung Hugo Capets enden ſollte. Jm Jahr 925 bemächtigte ſich ein Angehöriger des Herzogs- hauſes, der Graf von Vermandois, des Erzbistums und übertrug es ſeinem fünfjährigen Sohn Hugo. Johannes X. beſtätigte die anſtößige Maßregel und ſtellte ſich, als zwiſchen König und Graf Fehde ausbrach, ganz auf die Seite des Grafen. Sein Nachfolger Johannes XI. wech- ſelte die Haltung und gab dem von Karl dem Einfältigen eingeſetzten Artold das Pallium. Es geſchah nach dem Willen Alberichs, der ver- mutlich in den Gegnern des franzöſiſchen Königs die Freunde ſeines Feindes, des Königs Hugo von Jtalien, ſah. Die wechſelvollen Kämpfe des nächſten Jahrzehnts verfolgen wir nicht. Der jugendliche Hugo behauptete ſich im Beſitz von Reims und erhielt, als er herangewachſen war (941), die Weihen. Ein Verſuch, den der Papſt, zweifellos wiederum im Sinne Alberichs, machte, durch Anerkennung Hugos den Herzog von Francien zur Unterwerfung unter den König zu beſtimmen, ſcheiterte völlig. Der Legat, der den ſtrengen Befehl überbrachte (942), bei Strafe des Fluches dem König zu gehorchen, erreichte nichts, ob- gleich die Biſchöfe der Provinz ihn unterſtützten. Auch das Pallium für Hugo, das einen wiederholten und verſchärften Befehl begleitete, blieb ohne Wirkung, und Reims hatte nun zwei Erzbiſchöfe, beide von Rom beſtätigt. Erſt das Eingreifen des deutſchen Königs ſchaffte nach ſechs Jahren den ärgerlichen Fall aus der Welt. Otto I. brach mit Waffengewalt den Widerſtand Hugos von Francien und erwirkte beim

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 230. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/239>, abgerufen am 15.08.2020.