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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Unselbständigkeit der Päpste
gezweifelt wird. Es klingt fast gönnerhaft, wenn ein französischer Abt
Johannes XVIII. um zwei Besitzbestätigungen ersucht, für die er den
Wortlaut fertig einreicht. Er erinnert den Papst daran, es sei angebracht,
dem Beispiel seiner Vorgänger in der Fürsorge für den Frieden der
Klöster zu folgen, und versichert ihm treuherzig: "Wir werden eifrig
für Euch im Leben und im Tode zu Gott beten."

Man fragt sich schließlich, was wohl die Päpste bewogen haben mag,
so freigebig in der Bewilligung von Vorrechten zu sein. Die Abgaben,
die dafür zu entrichten waren, können es nicht gewesen sein. Dazu waren
sie zu unbedeutend, höchstens ein Pfund Silber im Jahr, oft viel weniger.
Sie können, selbst wenn sie regelmäßig eingingen, woran man zweifeln
darf, im Haushalt der römischen Kirche nicht allzu schwer ins Gewicht
gefallen sein. Die Erklärung ergibt sich von selbst, wenn man sich er-
innert, daß Freiheitsbriefe so wenig wie andere Gnaden umsonst gegeben
wurden. Was sie kosteten, erfahren wir zwar nirgends, aber daß sie nicht
gerade billig zu haben waren, kann man sich denken. Dies erklärt denn
auch, warum die Freiungen so viel seltener sind als die allgemeinen Rechts-
bestätigungen, während doch den Päpsten, hätten sie an Ausbreitung
ihrer eigenen Macht und ihres Einflusses gedacht, daran hätte liegen
müssen, die Zahl ihrer Schutzbefohlenen nach Möglichkeit zu vermehren,
wo nicht gar die Romfreiheit der Klöster schlechtweg zum allgemeinen
Rechtsgrundsatz zu erheben. Das Vorrecht kostete wohl zuviel, nicht
jeder konnte es bezahlen oder fand einen mächtigen Fürsprecher seiner
Wünsche.

Nicht anders ist es mit den Fällen, wo die Päpste als höchste Richter
in schwebende Streitigkeiten eingreifen. Hier wird noch deutlicher, wie
wenig sie aus eigenem Antrieb und mit eigenen Zwecken handeln, wie
sehr sie im Dienst fremder Wünsche stehen. Hier erkennen wir auch, wie
sehr die Wirkung ihrer Maßregeln davon abhängt, daß eine andere
Macht ihnen zum Erfolg verhilft, wenn auch keiner von ihnen so
weit gegangen ist wie Benedikt VII., der (978) ein Privileg für das
Bistum Vich in Katalonien vom Metropoliten und den Bischöfen der
Provinz bestätigen ließ. Der Legat, der im Jahr 916 eine Synode auf
deutschem Boden abhielt, auf der in höchst erbaulicher Weise von Ver-
fehlungen des geistlichen Standes geredet und ein ganzes Bündel
bessernder Vorschriften erlassen wurde, war in Wirklichkeit auf Be-
treiben König Konrads I. abgesandt, um diesem im Kampf gegen seine

Unſelbſtändigkeit der Päpſte
gezweifelt wird. Es klingt faſt gönnerhaft, wenn ein franzöſiſcher Abt
Johannes XVIII. um zwei Beſitzbeſtätigungen erſucht, für die er den
Wortlaut fertig einreicht. Er erinnert den Papſt daran, es ſei angebracht,
dem Beiſpiel ſeiner Vorgänger in der Fürſorge für den Frieden der
Klöſter zu folgen, und verſichert ihm treuherzig: „Wir werden eifrig
für Euch im Leben und im Tode zu Gott beten.“

Man fragt ſich ſchließlich, was wohl die Päpſte bewogen haben mag,
ſo freigebig in der Bewilligung von Vorrechten zu ſein. Die Abgaben,
die dafür zu entrichten waren, können es nicht geweſen ſein. Dazu waren
ſie zu unbedeutend, höchſtens ein Pfund Silber im Jahr, oft viel weniger.
Sie können, ſelbſt wenn ſie regelmäßig eingingen, woran man zweifeln
darf, im Haushalt der römiſchen Kirche nicht allzu ſchwer ins Gewicht
gefallen ſein. Die Erklärung ergibt ſich von ſelbſt, wenn man ſich er-
innert, daß Freiheitsbriefe ſo wenig wie andere Gnaden umſonſt gegeben
wurden. Was ſie koſteten, erfahren wir zwar nirgends, aber daß ſie nicht
gerade billig zu haben waren, kann man ſich denken. Dies erklärt denn
auch, warum die Freiungen ſo viel ſeltener ſind als die allgemeinen Rechts-
beſtätigungen, während doch den Päpſten, hätten ſie an Ausbreitung
ihrer eigenen Macht und ihres Einfluſſes gedacht, daran hätte liegen
müſſen, die Zahl ihrer Schutzbefohlenen nach Möglichkeit zu vermehren,
wo nicht gar die Romfreiheit der Klöſter ſchlechtweg zum allgemeinen
Rechtsgrundſatz zu erheben. Das Vorrecht koſtete wohl zuviel, nicht
jeder konnte es bezahlen oder fand einen mächtigen Fürſprecher ſeiner
Wünſche.

Nicht anders iſt es mit den Fällen, wo die Päpſte als höchſte Richter
in ſchwebende Streitigkeiten eingreifen. Hier wird noch deutlicher, wie
wenig ſie aus eigenem Antrieb und mit eigenen Zwecken handeln, wie
ſehr ſie im Dienſt fremder Wünſche ſtehen. Hier erkennen wir auch, wie
ſehr die Wirkung ihrer Maßregeln davon abhängt, daß eine andere
Macht ihnen zum Erfolg verhilft, wenn auch keiner von ihnen ſo
weit gegangen iſt wie Benedikt VII., der (978) ein Privileg für das
Bistum Vich in Katalonien vom Metropoliten und den Biſchöfen der
Provinz beſtätigen ließ. Der Legat, der im Jahr 916 eine Synode auf
deutſchem Boden abhielt, auf der in höchſt erbaulicher Weiſe von Ver-
fehlungen des geiſtlichen Standes geredet und ein ganzes Bündel
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[229/0238] Unſelbſtändigkeit der Päpſte gezweifelt wird. Es klingt faſt gönnerhaft, wenn ein franzöſiſcher Abt Johannes XVIII. um zwei Beſitzbeſtätigungen erſucht, für die er den Wortlaut fertig einreicht. Er erinnert den Papſt daran, es ſei angebracht, dem Beiſpiel ſeiner Vorgänger in der Fürſorge für den Frieden der Klöſter zu folgen, und verſichert ihm treuherzig: „Wir werden eifrig für Euch im Leben und im Tode zu Gott beten.“ Man fragt ſich ſchließlich, was wohl die Päpſte bewogen haben mag, ſo freigebig in der Bewilligung von Vorrechten zu ſein. Die Abgaben, die dafür zu entrichten waren, können es nicht geweſen ſein. Dazu waren ſie zu unbedeutend, höchſtens ein Pfund Silber im Jahr, oft viel weniger. Sie können, ſelbſt wenn ſie regelmäßig eingingen, woran man zweifeln darf, im Haushalt der römiſchen Kirche nicht allzu ſchwer ins Gewicht gefallen ſein. Die Erklärung ergibt ſich von ſelbſt, wenn man ſich er- innert, daß Freiheitsbriefe ſo wenig wie andere Gnaden umſonſt gegeben wurden. Was ſie koſteten, erfahren wir zwar nirgends, aber daß ſie nicht gerade billig zu haben waren, kann man ſich denken. Dies erklärt denn auch, warum die Freiungen ſo viel ſeltener ſind als die allgemeinen Rechts- beſtätigungen, während doch den Päpſten, hätten ſie an Ausbreitung ihrer eigenen Macht und ihres Einfluſſes gedacht, daran hätte liegen müſſen, die Zahl ihrer Schutzbefohlenen nach Möglichkeit zu vermehren, wo nicht gar die Romfreiheit der Klöſter ſchlechtweg zum allgemeinen Rechtsgrundſatz zu erheben. Das Vorrecht koſtete wohl zuviel, nicht jeder konnte es bezahlen oder fand einen mächtigen Fürſprecher ſeiner Wünſche. Nicht anders iſt es mit den Fällen, wo die Päpſte als höchſte Richter in ſchwebende Streitigkeiten eingreifen. Hier wird noch deutlicher, wie wenig ſie aus eigenem Antrieb und mit eigenen Zwecken handeln, wie ſehr ſie im Dienſt fremder Wünſche ſtehen. Hier erkennen wir auch, wie ſehr die Wirkung ihrer Maßregeln davon abhängt, daß eine andere Macht ihnen zum Erfolg verhilft, wenn auch keiner von ihnen ſo weit gegangen iſt wie Benedikt VII., der (978) ein Privileg für das Bistum Vich in Katalonien vom Metropoliten und den Biſchöfen der Provinz beſtätigen ließ. Der Legat, der im Jahr 916 eine Synode auf deutſchem Boden abhielt, auf der in höchſt erbaulicher Weiſe von Ver- fehlungen des geiſtlichen Standes geredet und ein ganzes Bündel beſſernder Vorſchriften erlaſſen wurde, war in Wirklichkeit auf Be- treiben König Konrads I. abgeſandt, um dieſem im Kampf gegen ſeine

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 229. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/238>, abgerufen am 15.08.2020.