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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Unselbständigkeit der Päpste
romunmittelbaren Anstalten auch später nicht groß gewesen. Vereinzelt
steht es da, daß ein Bistum der neuen römischen Freiheit teilhaftig
wurde. Es geschah, als Kaiser Heinrich II. das von ihm gestiftete Bam-
berg der römischen Kirche zu Eigentum schenkte und es zugleich von der
Unterordnung unter den Erzbischof von Mainz befreien ließ.

Der Gedanke ist verlockend, die Päpste hätten in weitblickender Be-
rechnung die Bevorrechtung von Klöstern planmäßig betrieben, um sich
dadurch eine ausgedehnte Gefolgschaft zu verschaffen, die Landeskirchen
und Provinzverbände zu zersetzen und die eigene unmittelbare Herrschaft
aufzurichten. Aber von solchen Absichten und Überlegungen läßt sich
nichts nachweisen, sie würden auch der damaligen Lage des Papsttums
in keiner Weise entsprechen. Nicht einen Fall kennen wir, in dem ein
Papst an der Schaffung oder Erhaltung klösterlicher Freiheit aus eige-
nem Entschluß teilgenommen hätte, immer geht der Anstoß von den
Empfängern der Vorrechte aus, immer ist es das Kloster selbst oder sein
Stifter, mehrfach auch der Ortsbischof, der um den Schutz des Papstes
sich bemüht. Die weltliche Obrigkeit hat an solchen Privilegien noch
weniger Anstoß genommen, hat sie oft beantragt. Mehrfach geschieht
es sogar, daß der König selbst die von ihm verliehene staatliche Jmmuni-
tät durch den Papst bestätigen läßt. Königliche und römische Freiung
gehen nebeneinander her und ergänzen einander. Die Päpste wiederum
begnügen sich damit, die gewünschten Urkunden ausfertigen zu lassen,
ohne sich um ihre Wirkung viel zu kümmern. Wo sich Widerstand er-
hob, kam wohl eine Mahnung oder Drohung aus Rom, aber ohne
Nachdruck und denn auch ohne nachweisbare Folgen. Wenn das mäch-
tige Cluny, das sich der Gunst von Königen und Kaisern erfreute, über
Mißachtung seiner Vorrechte klagte, so schrieb der Papst wohl strafend
an die beteiligten Bischöfe, unterließ aber nicht, den Fall auch dem
französischen König zu empfehlen, damit er dem Kloster zu seinem Recht
verhelfe. Es war schon viel, wenn ein besonderer Bote zur Untersuchung
ausgeschickt wurde, nachdem eine Synode französischer Bischöfe das
Privileg des Klosters Fleury zurückgewiesen hatte. Natürlich handelte
auch hier der Papst auf Betreiben des betroffenen Klosters, und der
Erfolg ist mehr als zweifelhaft, seiner Vorladung sind die Parteien nicht
gefolgt. Der Papst verhält sich im allgemeinen passiv: er gewährt,
worum er gebeten wird, ohne damit eigene Absichten zu verbinden, und
die Art, wie man ihn bittet, spricht dafür, daß an der Bewilligung nicht

Unſelbſtändigkeit der Päpſte
romunmittelbaren Anſtalten auch ſpäter nicht groß geweſen. Vereinzelt
ſteht es da, daß ein Bistum der neuen römiſchen Freiheit teilhaftig
wurde. Es geſchah, als Kaiſer Heinrich II. das von ihm geſtiftete Bam-
berg der römiſchen Kirche zu Eigentum ſchenkte und es zugleich von der
Unterordnung unter den Erzbiſchof von Mainz befreien ließ.

Der Gedanke iſt verlockend, die Päpſte hätten in weitblickender Be-
rechnung die Bevorrechtung von Klöſtern planmäßig betrieben, um ſich
dadurch eine ausgedehnte Gefolgſchaft zu verſchaffen, die Landeskirchen
und Provinzverbände zu zerſetzen und die eigene unmittelbare Herrſchaft
aufzurichten. Aber von ſolchen Abſichten und Überlegungen läßt ſich
nichts nachweiſen, ſie würden auch der damaligen Lage des Papſttums
in keiner Weiſe entſprechen. Nicht einen Fall kennen wir, in dem ein
Papſt an der Schaffung oder Erhaltung klöſterlicher Freiheit aus eige-
nem Entſchluß teilgenommen hätte, immer geht der Anſtoß von den
Empfängern der Vorrechte aus, immer iſt es das Kloſter ſelbſt oder ſein
Stifter, mehrfach auch der Ortsbiſchof, der um den Schutz des Papſtes
ſich bemüht. Die weltliche Obrigkeit hat an ſolchen Privilegien noch
weniger Anſtoß genommen, hat ſie oft beantragt. Mehrfach geſchieht
es ſogar, daß der König ſelbſt die von ihm verliehene ſtaatliche Jmmuni-
tät durch den Papſt beſtätigen läßt. Königliche und römiſche Freiung
gehen nebeneinander her und ergänzen einander. Die Päpſte wiederum
begnügen ſich damit, die gewünſchten Urkunden ausfertigen zu laſſen,
ohne ſich um ihre Wirkung viel zu kümmern. Wo ſich Widerſtand er-
hob, kam wohl eine Mahnung oder Drohung aus Rom, aber ohne
Nachdruck und denn auch ohne nachweisbare Folgen. Wenn das mäch-
tige Cluny, das ſich der Gunſt von Königen und Kaiſern erfreute, über
Mißachtung ſeiner Vorrechte klagte, ſo ſchrieb der Papſt wohl ſtrafend
an die beteiligten Biſchöfe, unterließ aber nicht, den Fall auch dem
franzöſiſchen König zu empfehlen, damit er dem Kloſter zu ſeinem Recht
verhelfe. Es war ſchon viel, wenn ein beſonderer Bote zur Unterſuchung
ausgeſchickt wurde, nachdem eine Synode franzöſiſcher Biſchöfe das
Privileg des Kloſters Fleury zurückgewieſen hatte. Natürlich handelte
auch hier der Papſt auf Betreiben des betroffenen Kloſters, und der
Erfolg iſt mehr als zweifelhaft, ſeiner Vorladung ſind die Parteien nicht
gefolgt. Der Papſt verhält ſich im allgemeinen paſſiv: er gewährt,
worum er gebeten wird, ohne damit eigene Abſichten zu verbinden, und
die Art, wie man ihn bittet, ſpricht dafür, daß an der Bewilligung nicht

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[228/0237] Unſelbſtändigkeit der Päpſte romunmittelbaren Anſtalten auch ſpäter nicht groß geweſen. Vereinzelt ſteht es da, daß ein Bistum der neuen römiſchen Freiheit teilhaftig wurde. Es geſchah, als Kaiſer Heinrich II. das von ihm geſtiftete Bam- berg der römiſchen Kirche zu Eigentum ſchenkte und es zugleich von der Unterordnung unter den Erzbiſchof von Mainz befreien ließ. Der Gedanke iſt verlockend, die Päpſte hätten in weitblickender Be- rechnung die Bevorrechtung von Klöſtern planmäßig betrieben, um ſich dadurch eine ausgedehnte Gefolgſchaft zu verſchaffen, die Landeskirchen und Provinzverbände zu zerſetzen und die eigene unmittelbare Herrſchaft aufzurichten. Aber von ſolchen Abſichten und Überlegungen läßt ſich nichts nachweiſen, ſie würden auch der damaligen Lage des Papſttums in keiner Weiſe entſprechen. Nicht einen Fall kennen wir, in dem ein Papſt an der Schaffung oder Erhaltung klöſterlicher Freiheit aus eige- nem Entſchluß teilgenommen hätte, immer geht der Anſtoß von den Empfängern der Vorrechte aus, immer iſt es das Kloſter ſelbſt oder ſein Stifter, mehrfach auch der Ortsbiſchof, der um den Schutz des Papſtes ſich bemüht. Die weltliche Obrigkeit hat an ſolchen Privilegien noch weniger Anſtoß genommen, hat ſie oft beantragt. Mehrfach geſchieht es ſogar, daß der König ſelbſt die von ihm verliehene ſtaatliche Jmmuni- tät durch den Papſt beſtätigen läßt. Königliche und römiſche Freiung gehen nebeneinander her und ergänzen einander. Die Päpſte wiederum begnügen ſich damit, die gewünſchten Urkunden ausfertigen zu laſſen, ohne ſich um ihre Wirkung viel zu kümmern. Wo ſich Widerſtand er- hob, kam wohl eine Mahnung oder Drohung aus Rom, aber ohne Nachdruck und denn auch ohne nachweisbare Folgen. Wenn das mäch- tige Cluny, das ſich der Gunſt von Königen und Kaiſern erfreute, über Mißachtung ſeiner Vorrechte klagte, ſo ſchrieb der Papſt wohl ſtrafend an die beteiligten Biſchöfe, unterließ aber nicht, den Fall auch dem franzöſiſchen König zu empfehlen, damit er dem Kloſter zu ſeinem Recht verhelfe. Es war ſchon viel, wenn ein beſonderer Bote zur Unterſuchung ausgeſchickt wurde, nachdem eine Synode franzöſiſcher Biſchöfe das Privileg des Kloſters Fleury zurückgewieſen hatte. Natürlich handelte auch hier der Papſt auf Betreiben des betroffenen Kloſters, und der Erfolg iſt mehr als zweifelhaft, ſeiner Vorladung ſind die Parteien nicht gefolgt. Der Papſt verhält ſich im allgemeinen paſſiv: er gewährt, worum er gebeten wird, ohne damit eigene Abſichten zu verbinden, und die Art, wie man ihn bittet, ſpricht dafür, daß an der Bewilligung nicht

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 228. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/237>, abgerufen am 05.08.2020.