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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Befreiung von bischöflicher Gewalt
recht war, verraten aber zugleich, wie man im stillen selbst über den
römischen Fluch dachte, mit dem man andere zu schrecken suchte.

Ein noch größeres Vorrecht war es, wenn zum Eigentum oder Schutz
des Papstes die Befreiung von der geistlichen Gewalt des Bischofs trat.
Wir wissen, daß schon Gregor I. in mehreren Fällen die Unabhängigkeit
eines Klosters gegenüber dem Bischof des Ortes in Schutz genommen
hatte. Daran hat man sich erinnert und das, was der Mönchspapst
innerhalb seines eigenen Sprengels versucht hatte, zum Vorbild für
ähnliche Anordnungen in der gesamten Kirche genommen. Einen frühen,
aber vereinzelten Fall stellt die Urkunde dar, die Honorius im Jahre 628
dem Kloster Bobbio im genuesischen Apennin, der Stiftung des Jren
Columban, ausstellen ließ. Jm langobardischen Königreich herrschten da-
mals noch keine geordneten kirchlichen Verhältnisse, nicht einmal das
Bekenntnis war vor arianischen Einflüssen gesichert. Um sich vor solchen
Gefahren zu schützen, erbaten und erhielten die landfremden Mönche
vom Papste das Recht, unabhängig von jeder andern bischöflichen Ge
walt unmittelbar unter ihm zu stehen. Die Maßregel, ohne Vorgang
wie sie war, ist von den beteiligten Bischöfen nicht anerkannt worden,
und Bobbio hat lange und meist erfolglos um seine Freiheit gekämpft,
bis Kaiser Heinrich II. (1014) seine Erhebung zum Bistum erwirkte.
Ob in den angelsächsischen Reichen am Ende des siebenten Jahrhunderts
schon Ähnliches vorgekommen ist, läßt die Überlieferung nicht erkennen.
Vielleicht folgte Bonifatius auch darin einem Brauch seiner Heimat,
als er Fulda sowohl dem Eigentum wie der unmittelbaren geistlichen
Leitung des Papstes unter Ausschluß jeder andern bischöflichen Gewalt
unterwarf. Diese Gewalt übte damals er selbst als päpstlicher Vikar, so
daß niemand da war zu widersprechen. Nachahmung aber hat das Bei-
spiel auf fränkischem Boden nicht so bald gefunden. Als Hadrian I.
das Veltlin, das soeben von Karl, nach Eroberung des langobardischen
Reiches, aus leicht erkennbaren militärpolitischen Gründen dem Kloster
St. Denis geschenkt war, von der bischöflichen Verwaltung befreite,
leisteten die davon betroffenen Bischöfe von Como und Aquileja heftigen
Widerstand, wie es scheint mit Erfolg. Erst im zehnten Jahrhundert,
als der päpstliche Schutz bereits eine anerkannte und mehr und mehr
sich ausbreitende Einrichtung geworden war, werden auch die Fälle
häufiger, daß mit ihnen die Befreiung von der bischöflichen Gewalt ver-
bunden wird. Doch ist die Zahl dieser vollfreien, in doppeltem Sinn

Befreiung von biſchöflicher Gewalt
recht war, verraten aber zugleich, wie man im ſtillen ſelbſt über den
römiſchen Fluch dachte, mit dem man andere zu ſchrecken ſuchte.

Ein noch größeres Vorrecht war es, wenn zum Eigentum oder Schutz
des Papſtes die Befreiung von der geiſtlichen Gewalt des Biſchofs trat.
Wir wiſſen, daß ſchon Gregor I. in mehreren Fällen die Unabhängigkeit
eines Kloſters gegenüber dem Biſchof des Ortes in Schutz genommen
hatte. Daran hat man ſich erinnert und das, was der Mönchspapſt
innerhalb ſeines eigenen Sprengels verſucht hatte, zum Vorbild für
ähnliche Anordnungen in der geſamten Kirche genommen. Einen frühen,
aber vereinzelten Fall ſtellt die Urkunde dar, die Honorius im Jahre 628
dem Kloſter Bobbio im genueſiſchen Apennin, der Stiftung des Jren
Columban, ausſtellen ließ. Jm langobardiſchen Königreich herrſchten da-
mals noch keine geordneten kirchlichen Verhältniſſe, nicht einmal das
Bekenntnis war vor arianiſchen Einflüſſen geſichert. Um ſich vor ſolchen
Gefahren zu ſchützen, erbaten und erhielten die landfremden Mönche
vom Papſte das Recht, unabhängig von jeder andern biſchöflichen Ge
walt unmittelbar unter ihm zu ſtehen. Die Maßregel, ohne Vorgang
wie ſie war, iſt von den beteiligten Biſchöfen nicht anerkannt worden,
und Bobbio hat lange und meiſt erfolglos um ſeine Freiheit gekämpft,
bis Kaiſer Heinrich II. (1014) ſeine Erhebung zum Bistum erwirkte.
Ob in den angelſächſiſchen Reichen am Ende des ſiebenten Jahrhunderts
ſchon Ähnliches vorgekommen iſt, läßt die Überlieferung nicht erkennen.
Vielleicht folgte Bonifatius auch darin einem Brauch ſeiner Heimat,
als er Fulda ſowohl dem Eigentum wie der unmittelbaren geiſtlichen
Leitung des Papſtes unter Ausſchluß jeder andern biſchöflichen Gewalt
unterwarf. Dieſe Gewalt übte damals er ſelbſt als päpſtlicher Vikar, ſo
daß niemand da war zu widerſprechen. Nachahmung aber hat das Bei-
ſpiel auf fränkiſchem Boden nicht ſo bald gefunden. Als Hadrian I.
das Veltlin, das ſoeben von Karl, nach Eroberung des langobardiſchen
Reiches, aus leicht erkennbaren militärpolitiſchen Gründen dem Kloſter
St. Denis geſchenkt war, von der biſchöflichen Verwaltung befreite,
leiſteten die davon betroffenen Biſchöfe von Como und Aquileja heftigen
Widerſtand, wie es ſcheint mit Erfolg. Erſt im zehnten Jahrhundert,
als der päpſtliche Schutz bereits eine anerkannte und mehr und mehr
ſich ausbreitende Einrichtung geworden war, werden auch die Fälle
häufiger, daß mit ihnen die Befreiung von der biſchöflichen Gewalt ver-
bunden wird. Doch iſt die Zahl dieſer vollfreien, in doppeltem Sinn

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[227/0236] Befreiung von biſchöflicher Gewalt recht war, verraten aber zugleich, wie man im ſtillen ſelbſt über den römiſchen Fluch dachte, mit dem man andere zu ſchrecken ſuchte. Ein noch größeres Vorrecht war es, wenn zum Eigentum oder Schutz des Papſtes die Befreiung von der geiſtlichen Gewalt des Biſchofs trat. Wir wiſſen, daß ſchon Gregor I. in mehreren Fällen die Unabhängigkeit eines Kloſters gegenüber dem Biſchof des Ortes in Schutz genommen hatte. Daran hat man ſich erinnert und das, was der Mönchspapſt innerhalb ſeines eigenen Sprengels verſucht hatte, zum Vorbild für ähnliche Anordnungen in der geſamten Kirche genommen. Einen frühen, aber vereinzelten Fall ſtellt die Urkunde dar, die Honorius im Jahre 628 dem Kloſter Bobbio im genueſiſchen Apennin, der Stiftung des Jren Columban, ausſtellen ließ. Jm langobardiſchen Königreich herrſchten da- mals noch keine geordneten kirchlichen Verhältniſſe, nicht einmal das Bekenntnis war vor arianiſchen Einflüſſen geſichert. Um ſich vor ſolchen Gefahren zu ſchützen, erbaten und erhielten die landfremden Mönche vom Papſte das Recht, unabhängig von jeder andern biſchöflichen Ge walt unmittelbar unter ihm zu ſtehen. Die Maßregel, ohne Vorgang wie ſie war, iſt von den beteiligten Biſchöfen nicht anerkannt worden, und Bobbio hat lange und meiſt erfolglos um ſeine Freiheit gekämpft, bis Kaiſer Heinrich II. (1014) ſeine Erhebung zum Bistum erwirkte. Ob in den angelſächſiſchen Reichen am Ende des ſiebenten Jahrhunderts ſchon Ähnliches vorgekommen iſt, läßt die Überlieferung nicht erkennen. Vielleicht folgte Bonifatius auch darin einem Brauch ſeiner Heimat, als er Fulda ſowohl dem Eigentum wie der unmittelbaren geiſtlichen Leitung des Papſtes unter Ausſchluß jeder andern biſchöflichen Gewalt unterwarf. Dieſe Gewalt übte damals er ſelbſt als päpſtlicher Vikar, ſo daß niemand da war zu widerſprechen. Nachahmung aber hat das Bei- ſpiel auf fränkiſchem Boden nicht ſo bald gefunden. Als Hadrian I. das Veltlin, das ſoeben von Karl, nach Eroberung des langobardiſchen Reiches, aus leicht erkennbaren militärpolitiſchen Gründen dem Kloſter St. Denis geſchenkt war, von der biſchöflichen Verwaltung befreite, leiſteten die davon betroffenen Biſchöfe von Como und Aquileja heftigen Widerſtand, wie es ſcheint mit Erfolg. Erſt im zehnten Jahrhundert, als der päpſtliche Schutz bereits eine anerkannte und mehr und mehr ſich ausbreitende Einrichtung geworden war, werden auch die Fälle häufiger, daß mit ihnen die Befreiung von der biſchöflichen Gewalt ver- bunden wird. Doch iſt die Zahl dieſer vollfreien, in doppeltem Sinn

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 227. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/236>, abgerufen am 15.08.2020.