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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Päpstlicher Schutz

Von stärkerer Wirkung war es, wenn eine Anstalt dem heiligen
Petrus und der römischen Kirche als Eigentum übergeben oder seiner
unmittelbaren Schutzherrschaft unterstellt wurde. Wie in vielem andern
scheinen auch hierin die Angelsachsen das Beispiel gegeben zu haben.
Schon um 680 sind Yarrow und Herham, die Gründungen Wilfrieds
von York, in dieser Weise gegen Entfremdung oder Ausbeutung ge-
sichert worden. Das mag öfter vorgekommen sein, als wir behaupten
können, da die Echtheit der überlieferten Urkunden starken Zweifeln
unterliegt. Die angelsächsische Art übertrug Bonifatius aufs Festland,
als er im Jahr 751 seine Stiftung Fulda der römischen Kirche zu eigen
gab. Über ein Jahrhundert hat es gedauert, bis andere Orte den gleichen
Vorzug erreichten, allmählich aber hat der Kreis sich erweitert. Wieder
ist es die Mitte des neunten Jahrhunderts, die Zeit Nikolaus' I., die
darin den Anfang macht. Für damals etwas Neues war es, als dieser
Papst sich das Eigentum am Kloster Vezelay vom Stifter übertragen
ließ und damit die Pflicht, es zu schützen, übernahm. Das Beispiel
lockte, andere westfränkische Anstalten folgten bald, und nun mehrten
sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt die Fälle, wo die Übertragung auf den
Papst dazu diente, eine geistliche Stiftung ihrem Zweck zu erhalten und
gegen Beraubung und Ausbeutung zu sichern. Um die Mitte des elften
Jahrhunderts überzog ein Netz von päpstlichen Schutz- oder Eigen-
klöstern Jtalien, Deutschland und Frankreich bis in die spanische Mark
hinein. Der Unterschied, ob Schutz oder förmliches Eigentum, ist im
Grunde nur Sache der Form, denn auch das volle Eigentum bedeutete
in der Regel nicht mehr als Schutz gegen fremde Angriffe. Sehr selten
nur haben die Päpste von ihm einen weiteren Gebrauch gemacht, indem
sie etwa ein ihnen gehöriges Kloster einem andern oder einer Bischofs-
kirche unterwarfen. Man nannte dieses Vorrecht Freiheit, wie man
auch die königliche Jmmunität als Befreiung auffaßte, und allerdings
durfte ein Kloster, das als Eigentum oder Schutzbefohlener Sankt
Peters vor jedem andern Herrschaftsanspruch sicher war, sich als frei
betrachten, da sein Herr, der Papst, keine andere Leistung von ihm for-
derte als die regelmäßige Entrichtung einer geringfügigen Abgabe "zum
Zeichen der Unterwerfung". Wie groß in Wirklichkeit der Kreis rom-
freier Klöster und Kirchen war, ist nicht leicht festzustellen, da das Feld
überwuchert ist von Urkundenfälschungen, deren Entstehungszeit sich
nicht immer ermitteln läßt. Sie beweisen indes, wie begehrt das Vor-

Päpſtlicher Schutz

Von ſtärkerer Wirkung war es, wenn eine Anſtalt dem heiligen
Petrus und der römiſchen Kirche als Eigentum übergeben oder ſeiner
unmittelbaren Schutzherrſchaft unterſtellt wurde. Wie in vielem andern
ſcheinen auch hierin die Angelſachſen das Beiſpiel gegeben zu haben.
Schon um 680 ſind Yarrow und Herham, die Gründungen Wilfrieds
von York, in dieſer Weiſe gegen Entfremdung oder Ausbeutung ge-
ſichert worden. Das mag öfter vorgekommen ſein, als wir behaupten
können, da die Echtheit der überlieferten Urkunden ſtarken Zweifeln
unterliegt. Die angelſächſiſche Art übertrug Bonifatius aufs Feſtland,
als er im Jahr 751 ſeine Stiftung Fulda der römiſchen Kirche zu eigen
gab. Über ein Jahrhundert hat es gedauert, bis andere Orte den gleichen
Vorzug erreichten, allmählich aber hat der Kreis ſich erweitert. Wieder
iſt es die Mitte des neunten Jahrhunderts, die Zeit Nikolaus' I., die
darin den Anfang macht. Für damals etwas Neues war es, als dieſer
Papſt ſich das Eigentum am Kloſter Vézelay vom Stifter übertragen
ließ und damit die Pflicht, es zu ſchützen, übernahm. Das Beiſpiel
lockte, andere weſtfränkiſche Anſtalten folgten bald, und nun mehrten
ſich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt die Fälle, wo die Übertragung auf den
Papſt dazu diente, eine geiſtliche Stiftung ihrem Zweck zu erhalten und
gegen Beraubung und Ausbeutung zu ſichern. Um die Mitte des elften
Jahrhunderts überzog ein Netz von päpſtlichen Schutz- oder Eigen-
klöſtern Jtalien, Deutſchland und Frankreich bis in die ſpaniſche Mark
hinein. Der Unterſchied, ob Schutz oder förmliches Eigentum, iſt im
Grunde nur Sache der Form, denn auch das volle Eigentum bedeutete
in der Regel nicht mehr als Schutz gegen fremde Angriffe. Sehr ſelten
nur haben die Päpſte von ihm einen weiteren Gebrauch gemacht, indem
ſie etwa ein ihnen gehöriges Kloſter einem andern oder einer Biſchofs-
kirche unterwarfen. Man nannte dieſes Vorrecht Freiheit, wie man
auch die königliche Jmmunität als Befreiung auffaßte, und allerdings
durfte ein Kloſter, das als Eigentum oder Schutzbefohlener Sankt
Peters vor jedem andern Herrſchaftsanſpruch ſicher war, ſich als frei
betrachten, da ſein Herr, der Papſt, keine andere Leiſtung von ihm for-
derte als die regelmäßige Entrichtung einer geringfügigen Abgabe „zum
Zeichen der Unterwerfung“. Wie groß in Wirklichkeit der Kreis rom-
freier Klöſter und Kirchen war, iſt nicht leicht feſtzuſtellen, da das Feld
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nicht immer ermitteln läßt. Sie beweiſen indes, wie begehrt das Vor-

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[226/0235] Päpſtlicher Schutz Von ſtärkerer Wirkung war es, wenn eine Anſtalt dem heiligen Petrus und der römiſchen Kirche als Eigentum übergeben oder ſeiner unmittelbaren Schutzherrſchaft unterſtellt wurde. Wie in vielem andern ſcheinen auch hierin die Angelſachſen das Beiſpiel gegeben zu haben. Schon um 680 ſind Yarrow und Herham, die Gründungen Wilfrieds von York, in dieſer Weiſe gegen Entfremdung oder Ausbeutung ge- ſichert worden. Das mag öfter vorgekommen ſein, als wir behaupten können, da die Echtheit der überlieferten Urkunden ſtarken Zweifeln unterliegt. Die angelſächſiſche Art übertrug Bonifatius aufs Feſtland, als er im Jahr 751 ſeine Stiftung Fulda der römiſchen Kirche zu eigen gab. Über ein Jahrhundert hat es gedauert, bis andere Orte den gleichen Vorzug erreichten, allmählich aber hat der Kreis ſich erweitert. Wieder iſt es die Mitte des neunten Jahrhunderts, die Zeit Nikolaus' I., die darin den Anfang macht. Für damals etwas Neues war es, als dieſer Papſt ſich das Eigentum am Kloſter Vézelay vom Stifter übertragen ließ und damit die Pflicht, es zu ſchützen, übernahm. Das Beiſpiel lockte, andere weſtfränkiſche Anſtalten folgten bald, und nun mehrten ſich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt die Fälle, wo die Übertragung auf den Papſt dazu diente, eine geiſtliche Stiftung ihrem Zweck zu erhalten und gegen Beraubung und Ausbeutung zu ſichern. Um die Mitte des elften Jahrhunderts überzog ein Netz von päpſtlichen Schutz- oder Eigen- klöſtern Jtalien, Deutſchland und Frankreich bis in die ſpaniſche Mark hinein. Der Unterſchied, ob Schutz oder förmliches Eigentum, iſt im Grunde nur Sache der Form, denn auch das volle Eigentum bedeutete in der Regel nicht mehr als Schutz gegen fremde Angriffe. Sehr ſelten nur haben die Päpſte von ihm einen weiteren Gebrauch gemacht, indem ſie etwa ein ihnen gehöriges Kloſter einem andern oder einer Biſchofs- kirche unterwarfen. Man nannte dieſes Vorrecht Freiheit, wie man auch die königliche Jmmunität als Befreiung auffaßte, und allerdings durfte ein Kloſter, das als Eigentum oder Schutzbefohlener Sankt Peters vor jedem andern Herrſchaftsanſpruch ſicher war, ſich als frei betrachten, da ſein Herr, der Papſt, keine andere Leiſtung von ihm for- derte als die regelmäßige Entrichtung einer geringfügigen Abgabe „zum Zeichen der Unterwerfung“. Wie groß in Wirklichkeit der Kreis rom- freier Klöſter und Kirchen war, iſt nicht leicht feſtzuſtellen, da das Feld überwuchert iſt von Urkundenfälſchungen, deren Entſtehungszeit ſich nicht immer ermitteln läßt. Sie beweiſen indes, wie begehrt das Vor-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 226. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/235>, abgerufen am 15.08.2020.