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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Päpstlicher Schutz
genug tun kann und der Sohn schon drei Jahre später (1020) ein päpst-
liches Strafurteil wegen Aneignung von Kirchengut trotzig zurückweist:
er kümmert sich nicht um den Befehl. Wie hier, entsprach der Erfolg
päpstlicher Sprüche oft genug den Erwartungen nur schlecht, aber im
allgemeinen blieb ein Wort des Stellvertreters Petri eine Waffe, auf
die man nicht verzichtete, wenn sie zu haben war. Daß sie immer öfter
in Anspruch genommen wurde, während das sittliche Ansehen Roms
tiefer und tiefer sank, hat danach nichts Befremdliches.

Was in diesen rauhen Zeiten am meisten begehrt wurde, war Schutz
gegen Unrecht und Gewalt. Jhn zu bieten, wäre Sache der weltlichen
Herrscher, Könige und Fürsten, gewesen. Aber sie hatten dazu nicht im-
mer die Macht und auch nicht immer den Willen, sie waren es mitunter
selbst, gegen die man des Schutzes bedurfte. Das gilt in erster Linie von
den Klöstern, deren reicher Besitz verbunden mit ihrer Wehrlosigkeit die
Begierden der Mächtigen anzog. Klostergut war die Beute, nach der
der Laienadel allenthalben die Hände ausstreckte. Einst hatte der König
dagegen Schutz geboten, indem er ein Kloster für sein Eigentum und als
solches für frei und unantastbar erklärte. Königliche Jmmunität, gleich-
bedeutend mit Reichsunmittelbarkeit, war ein gesuchtes Vorrecht ge-
wesen. Aber sie verlor ihren Wert, wenn der König selbst sie nicht ver-
teidigen konnte oder wollte. Da blieb die Zuflucht zu den geistlichen
Machtmitteln der Kirche. Wir wissen schon, daß im neunten Jahr-
hundert Bischofssynoden wiederholt kirchliche Stiftungen in ihren
Schutz genommen haben. Stärker, gefährlicher und darum wertvoller
war der Fluch, den der Apostelfürst durch seinen irdischen Vertreter
aussprach. Sein Schutz wurde daher um so begehrenswerter, je mehr
andere Mächte versagten; ihn zu erlangen bestrebte sich, wer konnte.
Seine einfachste Form war, daß der Papst einer Stiftung ihre Be-
sitzungen und Rechte bestätigte und über jeden, der sie antasten würde,
den Ausschluß aus der Gemeinschaft und ewigen Fluch aussprach. Jm-
mer häufiger ist das -- frühere Fälle sind gefälscht oder der Fälschung
verdächtig -- seit der Mitte des neunten Jahrhunderts geschehen, seit
die Macht der Krone durch Bürgerkriege und Reichsteilungen zu sinken
begann. Jn stattlicher Menge ziehen seitdem die Urkunden dieser Art,
die päpstlichen "Privilegien" für Klöster, seltener für Bistümer, an
uns vorüber, meist, um gegen Veralten geschützt zu sein, bei jedem
Wechsel auf dem Stuhl Petri erneuert und bekräftigt.

Haller, Das Papsttum II1 15

Päpſtlicher Schutz
genug tun kann und der Sohn ſchon drei Jahre ſpäter (1020) ein päpſt-
liches Strafurteil wegen Aneignung von Kirchengut trotzig zurückweiſt:
er kümmert ſich nicht um den Befehl. Wie hier, entſprach der Erfolg
päpſtlicher Sprüche oft genug den Erwartungen nur ſchlecht, aber im
allgemeinen blieb ein Wort des Stellvertreters Petri eine Waffe, auf
die man nicht verzichtete, wenn ſie zu haben war. Daß ſie immer öfter
in Anſpruch genommen wurde, während das ſittliche Anſehen Roms
tiefer und tiefer ſank, hat danach nichts Befremdliches.

Was in dieſen rauhen Zeiten am meiſten begehrt wurde, war Schutz
gegen Unrecht und Gewalt. Jhn zu bieten, wäre Sache der weltlichen
Herrſcher, Könige und Fürſten, geweſen. Aber ſie hatten dazu nicht im-
mer die Macht und auch nicht immer den Willen, ſie waren es mitunter
ſelbſt, gegen die man des Schutzes bedurfte. Das gilt in erſter Linie von
den Klöſtern, deren reicher Beſitz verbunden mit ihrer Wehrloſigkeit die
Begierden der Mächtigen anzog. Kloſtergut war die Beute, nach der
der Laienadel allenthalben die Hände ausſtreckte. Einſt hatte der König
dagegen Schutz geboten, indem er ein Kloſter für ſein Eigentum und als
ſolches für frei und unantaſtbar erklärte. Königliche Jmmunität, gleich-
bedeutend mit Reichsunmittelbarkeit, war ein geſuchtes Vorrecht ge-
weſen. Aber ſie verlor ihren Wert, wenn der König ſelbſt ſie nicht ver-
teidigen konnte oder wollte. Da blieb die Zuflucht zu den geiſtlichen
Machtmitteln der Kirche. Wir wiſſen ſchon, daß im neunten Jahr-
hundert Biſchofsſynoden wiederholt kirchliche Stiftungen in ihren
Schutz genommen haben. Stärker, gefährlicher und darum wertvoller
war der Fluch, den der Apoſtelfürſt durch ſeinen irdiſchen Vertreter
ausſprach. Sein Schutz wurde daher um ſo begehrenswerter, je mehr
andere Mächte verſagten; ihn zu erlangen beſtrebte ſich, wer konnte.
Seine einfachſte Form war, daß der Papſt einer Stiftung ihre Be-
ſitzungen und Rechte beſtätigte und über jeden, der ſie antaſten würde,
den Ausſchluß aus der Gemeinſchaft und ewigen Fluch ausſprach. Jm-
mer häufiger iſt das — frühere Fälle ſind gefälſcht oder der Fälſchung
verdächtig — ſeit der Mitte des neunten Jahrhunderts geſchehen, ſeit
die Macht der Krone durch Bürgerkriege und Reichsteilungen zu ſinken
begann. Jn ſtattlicher Menge ziehen ſeitdem die Urkunden dieſer Art,
die päpſtlichen „Privilegien“ für Klöſter, ſeltener für Bistümer, an
uns vorüber, meiſt, um gegen Veralten geſchützt zu ſein, bei jedem
Wechſel auf dem Stuhl Petri erneuert und bekräftigt.

Haller, Das Papſttum II1 15
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[225/0234] Päpſtlicher Schutz genug tun kann und der Sohn ſchon drei Jahre ſpäter (1020) ein päpſt- liches Strafurteil wegen Aneignung von Kirchengut trotzig zurückweiſt: er kümmert ſich nicht um den Befehl. Wie hier, entſprach der Erfolg päpſtlicher Sprüche oft genug den Erwartungen nur ſchlecht, aber im allgemeinen blieb ein Wort des Stellvertreters Petri eine Waffe, auf die man nicht verzichtete, wenn ſie zu haben war. Daß ſie immer öfter in Anſpruch genommen wurde, während das ſittliche Anſehen Roms tiefer und tiefer ſank, hat danach nichts Befremdliches. Was in dieſen rauhen Zeiten am meiſten begehrt wurde, war Schutz gegen Unrecht und Gewalt. Jhn zu bieten, wäre Sache der weltlichen Herrſcher, Könige und Fürſten, geweſen. Aber ſie hatten dazu nicht im- mer die Macht und auch nicht immer den Willen, ſie waren es mitunter ſelbſt, gegen die man des Schutzes bedurfte. Das gilt in erſter Linie von den Klöſtern, deren reicher Beſitz verbunden mit ihrer Wehrloſigkeit die Begierden der Mächtigen anzog. Kloſtergut war die Beute, nach der der Laienadel allenthalben die Hände ausſtreckte. Einſt hatte der König dagegen Schutz geboten, indem er ein Kloſter für ſein Eigentum und als ſolches für frei und unantaſtbar erklärte. Königliche Jmmunität, gleich- bedeutend mit Reichsunmittelbarkeit, war ein geſuchtes Vorrecht ge- weſen. Aber ſie verlor ihren Wert, wenn der König ſelbſt ſie nicht ver- teidigen konnte oder wollte. Da blieb die Zuflucht zu den geiſtlichen Machtmitteln der Kirche. Wir wiſſen ſchon, daß im neunten Jahr- hundert Biſchofsſynoden wiederholt kirchliche Stiftungen in ihren Schutz genommen haben. Stärker, gefährlicher und darum wertvoller war der Fluch, den der Apoſtelfürſt durch ſeinen irdiſchen Vertreter ausſprach. Sein Schutz wurde daher um ſo begehrenswerter, je mehr andere Mächte verſagten; ihn zu erlangen beſtrebte ſich, wer konnte. Seine einfachſte Form war, daß der Papſt einer Stiftung ihre Be- ſitzungen und Rechte beſtätigte und über jeden, der ſie antaſten würde, den Ausſchluß aus der Gemeinſchaft und ewigen Fluch ausſprach. Jm- mer häufiger iſt das — frühere Fälle ſind gefälſcht oder der Fälſchung verdächtig — ſeit der Mitte des neunten Jahrhunderts geſchehen, ſeit die Macht der Krone durch Bürgerkriege und Reichsteilungen zu ſinken begann. Jn ſtattlicher Menge ziehen ſeitdem die Urkunden dieſer Art, die päpſtlichen „Privilegien“ für Klöſter, ſeltener für Bistümer, an uns vorüber, meiſt, um gegen Veralten geſchützt zu ſein, bei jedem Wechſel auf dem Stuhl Petri erneuert und bekräftigt. Haller, Das Papſttum II1 15

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 225. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/234>, abgerufen am 15.08.2020.