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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Glaube der Zeit
reform, geschrieben und dem Abt des Hauses gewidmet. Sorgsamer als
anderswo pflegte man dort die Beziehungen zu Rom, genauere Kenntnis
der römischen Zustände darf dort also bestimmt vorausgesetzt werden,
und doch ließ man sich durch sie nicht irre machen. Man ertrug sie, nahm
sie als gegeben hin, weil das, was man vom Stellvertreter Petri ver-
langte, davon nicht berührt wurde. Der Satz, der noch heute gilt, daß die
Würde auch bei einem unwürdigen Träger keinen Abbruch erleidet,
bedeutete für jene Zeit: wie der Papst beschaffen ist, ist gleichgültig; es
genügt, daß er die Weihe richtig empfangen habe und durch sie über die
Kräfte verfüge, die der Apostel seinen Nachfolgern hinterlassen hat. Jst
das der Fall, so mag er tun und lassen, was ihm gefällt, sein Segen und
sein Fluch verlieren dadurch nichts von ihrer Wirkung.

Wie tief der Glaube, wie echt die Überzeugung war, dürfen wir nicht
fragen, weil es darauf keine Antwort gibt. Niemand wird an der auf-
richtigen Gesinnung der Pilger zweifeln, die das Bedürfnis der Sünden-
vergebung in Scharen nach Rom führte. Es gemahnt an die Tage des
Bonifatius, die Zeiten der ersten Liebe, wenn wir den sächsischen Mark-
grafen Gero nach dem Tode seines einzigen Sohnes nach Rom wandern
und dort am Grabe Sankt Peters seine Rüstung niederlegen sehen. Ein
Seitenstück dazu ist der Graf von Roussillon, der (955) als Pilger dem
heiligen Petrus Besitzungen in seinem Lande schenkte. Es werden ihrer
mehr gewesen sein, als wir wissen, die es ähnlich machten. Auf der andern
Seite kennen wir gar manchen, der seine trotzige Gleichgültigkeit gegen
Kirche und Christentum nicht verbarg. Kaiser Konrad II., von dem man
behauptete, daß er "im Glauben nicht fest" sei, ist ein Beispiel dieser
Gesinnung, und sein Zeitgenosse Heinrich I. von Frankreich scheint ihm
darin nichts nachgegeben zu haben. Dennoch hat auch Konrad kein Be-
denken getragen, die Strafen, die der Papst verhängen konnte, für seine
Zwecke zu benutzen. Wenn er selbst sich aus dem Segen Petri nichts
machte, so gab es doch genug andere, die seinen Fluch fürchteten. Er ist
gewiß nicht der einzige gewesen, der so verfuhr: wer sich römischer
Drohungen und Strafen bediente, brauchte von ihrer Kraft nicht selbst
überzeugt zu sein, er dachte an die andern, die an sie glaubten und sich
durch sie schrecken ließen. Mitunter sind die Gegensätze nahe beieinander
in einem Hause zu treffen, wie bei den Grafen von Cerdanna-Besalu in
den Pyrenäen, wo der Vater sich in Beteuerungen der Ergebenheit
gegen den Papst, "der das Zepter der Welt so gut handhabt", nicht

Glaube der Zeit
reform, geſchrieben und dem Abt des Hauſes gewidmet. Sorgſamer als
anderswo pflegte man dort die Beziehungen zu Rom, genauere Kenntnis
der römiſchen Zuſtände darf dort alſo beſtimmt vorausgeſetzt werden,
und doch ließ man ſich durch ſie nicht irre machen. Man ertrug ſie, nahm
ſie als gegeben hin, weil das, was man vom Stellvertreter Petri ver-
langte, davon nicht berührt wurde. Der Satz, der noch heute gilt, daß die
Würde auch bei einem unwürdigen Träger keinen Abbruch erleidet,
bedeutete für jene Zeit: wie der Papſt beſchaffen iſt, iſt gleichgültig; es
genügt, daß er die Weihe richtig empfangen habe und durch ſie über die
Kräfte verfüge, die der Apoſtel ſeinen Nachfolgern hinterlaſſen hat. Jſt
das der Fall, ſo mag er tun und laſſen, was ihm gefällt, ſein Segen und
ſein Fluch verlieren dadurch nichts von ihrer Wirkung.

Wie tief der Glaube, wie echt die Überzeugung war, dürfen wir nicht
fragen, weil es darauf keine Antwort gibt. Niemand wird an der auf-
richtigen Geſinnung der Pilger zweifeln, die das Bedürfnis der Sünden-
vergebung in Scharen nach Rom führte. Es gemahnt an die Tage des
Bonifatius, die Zeiten der erſten Liebe, wenn wir den ſächſiſchen Mark-
grafen Gero nach dem Tode ſeines einzigen Sohnes nach Rom wandern
und dort am Grabe Sankt Peters ſeine Rüſtung niederlegen ſehen. Ein
Seitenſtück dazu iſt der Graf von Rouſſillon, der (955) als Pilger dem
heiligen Petrus Beſitzungen in ſeinem Lande ſchenkte. Es werden ihrer
mehr geweſen ſein, als wir wiſſen, die es ähnlich machten. Auf der andern
Seite kennen wir gar manchen, der ſeine trotzige Gleichgültigkeit gegen
Kirche und Chriſtentum nicht verbarg. Kaiſer Konrad II., von dem man
behauptete, daß er „im Glauben nicht feſt“ ſei, iſt ein Beiſpiel dieſer
Geſinnung, und ſein Zeitgenoſſe Heinrich I. von Frankreich ſcheint ihm
darin nichts nachgegeben zu haben. Dennoch hat auch Konrad kein Be-
denken getragen, die Strafen, die der Papſt verhängen konnte, für ſeine
Zwecke zu benutzen. Wenn er ſelbſt ſich aus dem Segen Petri nichts
machte, ſo gab es doch genug andere, die ſeinen Fluch fürchteten. Er iſt
gewiß nicht der einzige geweſen, der ſo verfuhr: wer ſich römiſcher
Drohungen und Strafen bediente, brauchte von ihrer Kraft nicht ſelbſt
überzeugt zu ſein, er dachte an die andern, die an ſie glaubten und ſich
durch ſie ſchrecken ließen. Mitunter ſind die Gegenſätze nahe beieinander
in einem Hauſe zu treffen, wie bei den Grafen von Cerdaña-Beſalù in
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[224/0233] Glaube der Zeit reform, geſchrieben und dem Abt des Hauſes gewidmet. Sorgſamer als anderswo pflegte man dort die Beziehungen zu Rom, genauere Kenntnis der römiſchen Zuſtände darf dort alſo beſtimmt vorausgeſetzt werden, und doch ließ man ſich durch ſie nicht irre machen. Man ertrug ſie, nahm ſie als gegeben hin, weil das, was man vom Stellvertreter Petri ver- langte, davon nicht berührt wurde. Der Satz, der noch heute gilt, daß die Würde auch bei einem unwürdigen Träger keinen Abbruch erleidet, bedeutete für jene Zeit: wie der Papſt beſchaffen iſt, iſt gleichgültig; es genügt, daß er die Weihe richtig empfangen habe und durch ſie über die Kräfte verfüge, die der Apoſtel ſeinen Nachfolgern hinterlaſſen hat. Jſt das der Fall, ſo mag er tun und laſſen, was ihm gefällt, ſein Segen und ſein Fluch verlieren dadurch nichts von ihrer Wirkung. Wie tief der Glaube, wie echt die Überzeugung war, dürfen wir nicht fragen, weil es darauf keine Antwort gibt. Niemand wird an der auf- richtigen Geſinnung der Pilger zweifeln, die das Bedürfnis der Sünden- vergebung in Scharen nach Rom führte. Es gemahnt an die Tage des Bonifatius, die Zeiten der erſten Liebe, wenn wir den ſächſiſchen Mark- grafen Gero nach dem Tode ſeines einzigen Sohnes nach Rom wandern und dort am Grabe Sankt Peters ſeine Rüſtung niederlegen ſehen. Ein Seitenſtück dazu iſt der Graf von Rouſſillon, der (955) als Pilger dem heiligen Petrus Beſitzungen in ſeinem Lande ſchenkte. Es werden ihrer mehr geweſen ſein, als wir wiſſen, die es ähnlich machten. Auf der andern Seite kennen wir gar manchen, der ſeine trotzige Gleichgültigkeit gegen Kirche und Chriſtentum nicht verbarg. Kaiſer Konrad II., von dem man behauptete, daß er „im Glauben nicht feſt“ ſei, iſt ein Beiſpiel dieſer Geſinnung, und ſein Zeitgenoſſe Heinrich I. von Frankreich ſcheint ihm darin nichts nachgegeben zu haben. Dennoch hat auch Konrad kein Be- denken getragen, die Strafen, die der Papſt verhängen konnte, für ſeine Zwecke zu benutzen. Wenn er ſelbſt ſich aus dem Segen Petri nichts machte, ſo gab es doch genug andere, die ſeinen Fluch fürchteten. Er iſt gewiß nicht der einzige geweſen, der ſo verfuhr: wer ſich römiſcher Drohungen und Strafen bediente, brauchte von ihrer Kraft nicht ſelbſt überzeugt zu ſein, er dachte an die andern, die an ſie glaubten und ſich durch ſie ſchrecken ließen. Mitunter ſind die Gegenſätze nahe beieinander in einem Hauſe zu treffen, wie bei den Grafen von Cerdaña-Beſalù in den Pyrenäen, wo der Vater ſich in Beteuerungen der Ergebenheit gegen den Papſt, „der das Zepter der Welt ſo gut handhabt“, nicht

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 224. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/233>, abgerufen am 15.08.2020.