Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

Bild:
<< vorherige Seite

Glaube der Zeit
wäre, er war nichts anderes als die Furcht vor einer unsichtbaren, über-
natürlichen Macht über die Seelen der Menschen, die diesem Apostel
verliehen war und in den Priestern lebte, die an der Stätte, wo sein
wunderkräftiger Leichnam ruhte, ihr Amt versahen. Nichts hatte Rom
dazu getan, daß die neubekehrten Völker den alten Worten von den
Schlüsseln des Himmelreichs und vom Binden und Lösen einen Sinn
gaben, den bis dahin noch niemand darin gefunden hatte. So brauchte
es auch keine Anstrengung zu machen, um einen Glauben wach zu er-
halten, den es nicht geschaffen hatte, der ihm freiwillig dargebracht
wurde. Aus der Vorstellungswelt kindlicher Völker hervorgegangen,
erhielt er sich selbst, weil er einem inneren Bedürfnis entsprach, solange
diese Welt die gleiche blieb. Jn den Menschenaltern aber, von denen
wir sprechen, war nichts geschehen, sie zu wandeln, im Gegenteil. Der
dauernde Kriegszustand, verwüstende Einfälle benachbarter Barbaren,
Fehden und Bürgerkriege hatten die hoffnungsvollen Ansätze zu reiferer
Gesittung großenteils zerstört und die herrschende Oberschicht zurück-
sinken lassen in die ungebrochene Wildheit ihrer ursprünglichen Natur.
Da waren die Voraussetzungen für eine vergeistigte Auffassung reli-
giöser Dinge nicht gegeben, ungeschwächt konnten die grobsinnlichen
Vorstellungen sich behaupten, die man mit den überlieferten Worten
verband, und der Anstoß, den ein feineres Gefühl an der menschlichen
Verkörperung genommen hätte, in der die Jdee sich darbot, wurde
nicht empfunden, weil man sittliche Anforderungen nicht stellte.

Es war nicht Unkenntnis der Dinge, was die Kritik nicht hätte auf-
kommen lassen. Wie es in Rom aussah, wer die Päpste waren, wie sie
lebten und regierten, ihre Würde erlangten und ihr Ende fanden, wußte
man jenseits der Alpen recht wohl. An Zeugnissen dafür ist kein Mangel.
Aus französischen und deutschen Chroniken erfahren wir das meiste, was
wir von der Geschichte der Päpste dieser Zeit wissen. Man lese, was der
sonderbare Wandermönch Rudolf der Kahle um die Mitte des elften
Jahrhunderts über die Päpste seines Zeitalters schreibt. Er weiß, daß
Johannes XIX., Benedikt IX. durch Geld zu ihrer Würde gelangt sind,
der erste als Laie, der zweite -- wie er meint -- sogar als zehn- bis
zwölfjähriger Knabe. Die Sitte des Namenswechsels, die sich in dieser
Zeit einbürgert, erfährt hier eine ungünstige Deutung: die Annahme
eines ehrwürdigen Namens soll die persönliche Unwürdigkeit verdecken.
Das Buch, in dem das steht, ist in Cluny, dem Hauptsitz der Kloster-

Glaube der Zeit
wäre, er war nichts anderes als die Furcht vor einer unſichtbaren, über-
natürlichen Macht über die Seelen der Menſchen, die dieſem Apoſtel
verliehen war und in den Prieſtern lebte, die an der Stätte, wo ſein
wunderkräftiger Leichnam ruhte, ihr Amt verſahen. Nichts hatte Rom
dazu getan, daß die neubekehrten Völker den alten Worten von den
Schlüſſeln des Himmelreichs und vom Binden und Löſen einen Sinn
gaben, den bis dahin noch niemand darin gefunden hatte. So brauchte
es auch keine Anſtrengung zu machen, um einen Glauben wach zu er-
halten, den es nicht geſchaffen hatte, der ihm freiwillig dargebracht
wurde. Aus der Vorſtellungswelt kindlicher Völker hervorgegangen,
erhielt er ſich ſelbſt, weil er einem inneren Bedürfnis entſprach, ſolange
dieſe Welt die gleiche blieb. Jn den Menſchenaltern aber, von denen
wir ſprechen, war nichts geſchehen, ſie zu wandeln, im Gegenteil. Der
dauernde Kriegszuſtand, verwüſtende Einfälle benachbarter Barbaren,
Fehden und Bürgerkriege hatten die hoffnungsvollen Anſätze zu reiferer
Geſittung großenteils zerſtört und die herrſchende Oberſchicht zurück-
ſinken laſſen in die ungebrochene Wildheit ihrer urſprünglichen Natur.
Da waren die Vorausſetzungen für eine vergeiſtigte Auffaſſung reli-
giöſer Dinge nicht gegeben, ungeſchwächt konnten die grobſinnlichen
Vorſtellungen ſich behaupten, die man mit den überlieferten Worten
verband, und der Anſtoß, den ein feineres Gefühl an der menſchlichen
Verkörperung genommen hätte, in der die Jdee ſich darbot, wurde
nicht empfunden, weil man ſittliche Anforderungen nicht ſtellte.

Es war nicht Unkenntnis der Dinge, was die Kritik nicht hätte auf-
kommen laſſen. Wie es in Rom ausſah, wer die Päpſte waren, wie ſie
lebten und regierten, ihre Würde erlangten und ihr Ende fanden, wußte
man jenſeits der Alpen recht wohl. An Zeugniſſen dafür iſt kein Mangel.
Aus franzöſiſchen und deutſchen Chroniken erfahren wir das meiſte, was
wir von der Geſchichte der Päpſte dieſer Zeit wiſſen. Man leſe, was der
ſonderbare Wandermönch Rudolf der Kahle um die Mitte des elften
Jahrhunderts über die Päpſte ſeines Zeitalters ſchreibt. Er weiß, daß
Johannes XIX., Benedikt IX. durch Geld zu ihrer Würde gelangt ſind,
der erſte als Laie, der zweite — wie er meint — ſogar als zehn- bis
zwölfjähriger Knabe. Die Sitte des Namenswechſels, die ſich in dieſer
Zeit einbürgert, erfährt hier eine ungünſtige Deutung: die Annahme
eines ehrwürdigen Namens ſoll die perſönliche Unwürdigkeit verdecken.
Das Buch, in dem das ſteht, iſt in Cluny, dem Hauptſitz der Kloſter-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0232" n="223"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Glaube der Zeit</hi></fw><lb/>
wäre, er war nichts anderes als die Furcht vor einer un&#x017F;ichtbaren, über-<lb/>
natürlichen Macht über die Seelen der Men&#x017F;chen, die die&#x017F;em Apo&#x017F;tel<lb/>
verliehen war und in den Prie&#x017F;tern lebte, die an der Stätte, wo &#x017F;ein<lb/>
wunderkräftiger Leichnam ruhte, ihr Amt ver&#x017F;ahen. Nichts hatte Rom<lb/>
dazu getan, daß die neubekehrten Völker den alten Worten von den<lb/>
Schlü&#x017F;&#x017F;eln des Himmelreichs und vom Binden und Lö&#x017F;en einen Sinn<lb/>
gaben, den bis dahin noch niemand darin gefunden hatte. So brauchte<lb/>
es auch keine An&#x017F;trengung zu machen, um einen Glauben wach zu er-<lb/>
halten, den es nicht ge&#x017F;chaffen hatte, der ihm freiwillig dargebracht<lb/>
wurde. Aus der Vor&#x017F;tellungswelt kindlicher Völker hervorgegangen,<lb/>
erhielt er &#x017F;ich &#x017F;elb&#x017F;t, weil er einem inneren Bedürfnis ent&#x017F;prach, &#x017F;olange<lb/>
die&#x017F;e Welt die gleiche blieb. Jn den Men&#x017F;chenaltern aber, von denen<lb/>
wir &#x017F;prechen, war nichts ge&#x017F;chehen, &#x017F;ie zu wandeln, im Gegenteil. Der<lb/>
dauernde Kriegszu&#x017F;tand, verwü&#x017F;tende Einfälle benachbarter Barbaren,<lb/>
Fehden und Bürgerkriege hatten die hoffnungsvollen An&#x017F;ätze zu reiferer<lb/>
Ge&#x017F;ittung großenteils zer&#x017F;tört und die herr&#x017F;chende Ober&#x017F;chicht zurück-<lb/>
&#x017F;inken la&#x017F;&#x017F;en in die ungebrochene Wildheit ihrer ur&#x017F;prünglichen Natur.<lb/>
Da waren die Voraus&#x017F;etzungen für eine vergei&#x017F;tigte Auffa&#x017F;&#x017F;ung reli-<lb/>
giö&#x017F;er Dinge nicht gegeben, unge&#x017F;chwächt konnten die grob&#x017F;innlichen<lb/>
Vor&#x017F;tellungen &#x017F;ich behaupten, die man mit den überlieferten Worten<lb/>
verband, und der An&#x017F;toß, den ein feineres Gefühl an der men&#x017F;chlichen<lb/>
Verkörperung genommen hätte, in der die Jdee &#x017F;ich darbot, wurde<lb/>
nicht empfunden, weil man &#x017F;ittliche Anforderungen nicht &#x017F;tellte.</p><lb/>
          <p>Es war nicht Unkenntnis der Dinge, was die Kritik nicht hätte auf-<lb/>
kommen la&#x017F;&#x017F;en. Wie es in Rom aus&#x017F;ah, wer die Päp&#x017F;te waren, wie &#x017F;ie<lb/>
lebten und regierten, ihre Würde erlangten und ihr Ende fanden, wußte<lb/>
man jen&#x017F;eits der Alpen recht wohl. An Zeugni&#x017F;&#x017F;en dafür i&#x017F;t kein Mangel.<lb/>
Aus franzö&#x017F;i&#x017F;chen und deut&#x017F;chen Chroniken erfahren wir das mei&#x017F;te, was<lb/>
wir von der Ge&#x017F;chichte der Päp&#x017F;te die&#x017F;er Zeit wi&#x017F;&#x017F;en. Man le&#x017F;e, was der<lb/>
&#x017F;onderbare Wandermönch Rudolf der Kahle um die Mitte des elften<lb/>
Jahrhunderts über die Päp&#x017F;te &#x017F;eines Zeitalters &#x017F;chreibt. Er weiß, daß<lb/>
Johannes <hi rendition="#aq">XIX</hi>., Benedikt <hi rendition="#aq">IX</hi>. durch Geld zu ihrer Würde gelangt &#x017F;ind,<lb/>
der er&#x017F;te als Laie, der zweite &#x2014; wie er meint &#x2014; &#x017F;ogar als zehn- bis<lb/>
zwölfjähriger Knabe. Die Sitte des Namenswech&#x017F;els, die &#x017F;ich in die&#x017F;er<lb/>
Zeit einbürgert, erfährt hier eine ungün&#x017F;tige Deutung: die Annahme<lb/>
eines ehrwürdigen Namens &#x017F;oll die per&#x017F;önliche Unwürdigkeit verdecken.<lb/>
Das Buch, in dem das &#x017F;teht, i&#x017F;t in Cluny, dem Haupt&#x017F;itz der Klo&#x017F;ter-<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[223/0232] Glaube der Zeit wäre, er war nichts anderes als die Furcht vor einer unſichtbaren, über- natürlichen Macht über die Seelen der Menſchen, die dieſem Apoſtel verliehen war und in den Prieſtern lebte, die an der Stätte, wo ſein wunderkräftiger Leichnam ruhte, ihr Amt verſahen. Nichts hatte Rom dazu getan, daß die neubekehrten Völker den alten Worten von den Schlüſſeln des Himmelreichs und vom Binden und Löſen einen Sinn gaben, den bis dahin noch niemand darin gefunden hatte. So brauchte es auch keine Anſtrengung zu machen, um einen Glauben wach zu er- halten, den es nicht geſchaffen hatte, der ihm freiwillig dargebracht wurde. Aus der Vorſtellungswelt kindlicher Völker hervorgegangen, erhielt er ſich ſelbſt, weil er einem inneren Bedürfnis entſprach, ſolange dieſe Welt die gleiche blieb. Jn den Menſchenaltern aber, von denen wir ſprechen, war nichts geſchehen, ſie zu wandeln, im Gegenteil. Der dauernde Kriegszuſtand, verwüſtende Einfälle benachbarter Barbaren, Fehden und Bürgerkriege hatten die hoffnungsvollen Anſätze zu reiferer Geſittung großenteils zerſtört und die herrſchende Oberſchicht zurück- ſinken laſſen in die ungebrochene Wildheit ihrer urſprünglichen Natur. Da waren die Vorausſetzungen für eine vergeiſtigte Auffaſſung reli- giöſer Dinge nicht gegeben, ungeſchwächt konnten die grobſinnlichen Vorſtellungen ſich behaupten, die man mit den überlieferten Worten verband, und der Anſtoß, den ein feineres Gefühl an der menſchlichen Verkörperung genommen hätte, in der die Jdee ſich darbot, wurde nicht empfunden, weil man ſittliche Anforderungen nicht ſtellte. Es war nicht Unkenntnis der Dinge, was die Kritik nicht hätte auf- kommen laſſen. Wie es in Rom ausſah, wer die Päpſte waren, wie ſie lebten und regierten, ihre Würde erlangten und ihr Ende fanden, wußte man jenſeits der Alpen recht wohl. An Zeugniſſen dafür iſt kein Mangel. Aus franzöſiſchen und deutſchen Chroniken erfahren wir das meiſte, was wir von der Geſchichte der Päpſte dieſer Zeit wiſſen. Man leſe, was der ſonderbare Wandermönch Rudolf der Kahle um die Mitte des elften Jahrhunderts über die Päpſte ſeines Zeitalters ſchreibt. Er weiß, daß Johannes XIX., Benedikt IX. durch Geld zu ihrer Würde gelangt ſind, der erſte als Laie, der zweite — wie er meint — ſogar als zehn- bis zwölfjähriger Knabe. Die Sitte des Namenswechſels, die ſich in dieſer Zeit einbürgert, erfährt hier eine ungünſtige Deutung: die Annahme eines ehrwürdigen Namens ſoll die perſönliche Unwürdigkeit verdecken. Das Buch, in dem das ſteht, iſt in Cluny, dem Hauptſitz der Kloſter-

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/232
Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 223. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/232>, abgerufen am 15.08.2020.