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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Einfluß des Papstes in der Kirche
der damals als Einsiedler in Trier gelebt hatte und gestorben war.
Benedikt IX., über dessen Lebenswandel man bald nicht genug Schlim-
mes erzählen konnte, als Bürge der Heiligkeit eines Verstorbenen --
kann man Zustände und Gesinnungen der Zeit greller beleuchten?

Darin, daß das Papsttum trotz stärkster äußerer Verleugnung seiner
Jdee sich behauptet hat, wollen seine Verteidiger den Beweis seiner
überirdischen Natur finden. Wäre es, sagen sie, eine menschliche Ein-
richtung, so hätte es untergehen müssen; weil es göttlicher Anordnung
entsprungen und im Besitz göttlicher Verheißung ist, konnte es fort-
bestehen und aus tiefstem Sturz zu neuer Größe sich erheben. Fluctuat,
sed non submergitur
: das Schifflein Petri kann vom Sturm gepeitscht
werden, aber die Wellen verschlingen es nicht.

Aber so ist es nicht gewesen. Hier sowenig wie irgendwo sonst ist ein
Wunder geschehen, hier wie überall ist es auf natürliche Weise zuge-
gangen. Wer Entstehung und Art des Petrusglaubens kennt, findet
keinen Anlaß zur Verwunderung.

Wäre die Stellung, die der Papst seit dem achten Jahrhundert in der
Kirche des Abendlands einnahm, von ihm erobert, einer widerstrebenden
Welt aufgenötigt worden; hätte Rom seine Lehre von Petrus dem
Himmelspförtner, durch den allein man ins Paradies gelange, den Völ-
kern des Abendlands wie einen Fremdstoff eingeimpft und sie mit über-
legenen Künsten dazu gebracht, im Bischof der alten Welthauptstadt
den Erben von Petri Vollmacht zu sehen, dem gehorchen müsse, wer
nicht zur Hölle fahren wolle, -- die Gegenkräfte hätten sich mit der Zeit
geregt, und die Gelegenheit, das Joch abzuschütteln, wäre schwerlich
unbenutzt geblieben. Und weiter: hätte es sich bei der Verehrung, die
man dem Apostelfürsten und seinen Nachfolgern zollte, um das Bekennt-
nis zu einem sittlich-religiösen Jdeal gehandelt, zu dessen Vertretung
und Verwirklichung der römische Bischof die göttliche Vollmacht mit-
samt der geistigen Herrschaft über Menschen und Völker erhalten habe,
der schreiende Widerspruch zwischen der Sendung und ihren Trägern
hätte jedes nachdenkliche Gemüt an der Echtheit der römischen Ansprüche
irre machen müssen. Weder das eine noch das andere war der Fall. Die
Völker des Westens waren keinem fremden Glauben mit List oder Ge-
walt unterworfen worden, sie selbst hatten diesen Glauben aus sich her-
aus geschaffen. Er bestand auch nicht in Hingabe an ein sittliches Jdeal,
das im ersten der Apostel und seinen Nachfolgern verkörpert gewesen

Einfluß des Papſtes in der Kirche
der damals als Einſiedler in Trier gelebt hatte und geſtorben war.
Benedikt IX., über deſſen Lebenswandel man bald nicht genug Schlim-
mes erzählen konnte, als Bürge der Heiligkeit eines Verſtorbenen —
kann man Zuſtände und Geſinnungen der Zeit greller beleuchten?

Darin, daß das Papſttum trotz ſtärkſter äußerer Verleugnung ſeiner
Jdee ſich behauptet hat, wollen ſeine Verteidiger den Beweis ſeiner
überirdiſchen Natur finden. Wäre es, ſagen ſie, eine menſchliche Ein-
richtung, ſo hätte es untergehen müſſen; weil es göttlicher Anordnung
entſprungen und im Beſitz göttlicher Verheißung iſt, konnte es fort-
beſtehen und aus tiefſtem Sturz zu neuer Größe ſich erheben. Fluctuat,
ſed non ſubmergitur
: das Schifflein Petri kann vom Sturm gepeitſcht
werden, aber die Wellen verſchlingen es nicht.

Aber ſo iſt es nicht geweſen. Hier ſowenig wie irgendwo ſonſt iſt ein
Wunder geſchehen, hier wie überall iſt es auf natürliche Weiſe zuge-
gangen. Wer Entſtehung und Art des Petrusglaubens kennt, findet
keinen Anlaß zur Verwunderung.

Wäre die Stellung, die der Papſt ſeit dem achten Jahrhundert in der
Kirche des Abendlands einnahm, von ihm erobert, einer widerſtrebenden
Welt aufgenötigt worden; hätte Rom ſeine Lehre von Petrus dem
Himmelspförtner, durch den allein man ins Paradies gelange, den Völ-
kern des Abendlands wie einen Fremdſtoff eingeimpft und ſie mit über-
legenen Künſten dazu gebracht, im Biſchof der alten Welthauptſtadt
den Erben von Petri Vollmacht zu ſehen, dem gehorchen müſſe, wer
nicht zur Hölle fahren wolle, — die Gegenkräfte hätten ſich mit der Zeit
geregt, und die Gelegenheit, das Joch abzuſchütteln, wäre ſchwerlich
unbenutzt geblieben. Und weiter: hätte es ſich bei der Verehrung, die
man dem Apoſtelfürſten und ſeinen Nachfolgern zollte, um das Bekennt-
nis zu einem ſittlich-religiöſen Jdeal gehandelt, zu deſſen Vertretung
und Verwirklichung der römiſche Biſchof die göttliche Vollmacht mit-
ſamt der geiſtigen Herrſchaft über Menſchen und Völker erhalten habe,
der ſchreiende Widerſpruch zwiſchen der Sendung und ihren Trägern
hätte jedes nachdenkliche Gemüt an der Echtheit der römiſchen Anſprüche
irre machen müſſen. Weder das eine noch das andere war der Fall. Die
Völker des Weſtens waren keinem fremden Glauben mit Liſt oder Ge-
walt unterworfen worden, ſie ſelbſt hatten dieſen Glauben aus ſich her-
aus geſchaffen. Er beſtand auch nicht in Hingabe an ein ſittliches Jdeal,
das im erſten der Apoſtel und ſeinen Nachfolgern verkörpert geweſen

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[222/0231] Einfluß des Papſtes in der Kirche der damals als Einſiedler in Trier gelebt hatte und geſtorben war. Benedikt IX., über deſſen Lebenswandel man bald nicht genug Schlim- mes erzählen konnte, als Bürge der Heiligkeit eines Verſtorbenen — kann man Zuſtände und Geſinnungen der Zeit greller beleuchten? Darin, daß das Papſttum trotz ſtärkſter äußerer Verleugnung ſeiner Jdee ſich behauptet hat, wollen ſeine Verteidiger den Beweis ſeiner überirdiſchen Natur finden. Wäre es, ſagen ſie, eine menſchliche Ein- richtung, ſo hätte es untergehen müſſen; weil es göttlicher Anordnung entſprungen und im Beſitz göttlicher Verheißung iſt, konnte es fort- beſtehen und aus tiefſtem Sturz zu neuer Größe ſich erheben. Fluctuat, ſed non ſubmergitur: das Schifflein Petri kann vom Sturm gepeitſcht werden, aber die Wellen verſchlingen es nicht. Aber ſo iſt es nicht geweſen. Hier ſowenig wie irgendwo ſonſt iſt ein Wunder geſchehen, hier wie überall iſt es auf natürliche Weiſe zuge- gangen. Wer Entſtehung und Art des Petrusglaubens kennt, findet keinen Anlaß zur Verwunderung. Wäre die Stellung, die der Papſt ſeit dem achten Jahrhundert in der Kirche des Abendlands einnahm, von ihm erobert, einer widerſtrebenden Welt aufgenötigt worden; hätte Rom ſeine Lehre von Petrus dem Himmelspförtner, durch den allein man ins Paradies gelange, den Völ- kern des Abendlands wie einen Fremdſtoff eingeimpft und ſie mit über- legenen Künſten dazu gebracht, im Biſchof der alten Welthauptſtadt den Erben von Petri Vollmacht zu ſehen, dem gehorchen müſſe, wer nicht zur Hölle fahren wolle, — die Gegenkräfte hätten ſich mit der Zeit geregt, und die Gelegenheit, das Joch abzuſchütteln, wäre ſchwerlich unbenutzt geblieben. Und weiter: hätte es ſich bei der Verehrung, die man dem Apoſtelfürſten und ſeinen Nachfolgern zollte, um das Bekennt- nis zu einem ſittlich-religiöſen Jdeal gehandelt, zu deſſen Vertretung und Verwirklichung der römiſche Biſchof die göttliche Vollmacht mit- ſamt der geiſtigen Herrſchaft über Menſchen und Völker erhalten habe, der ſchreiende Widerſpruch zwiſchen der Sendung und ihren Trägern hätte jedes nachdenkliche Gemüt an der Echtheit der römiſchen Anſprüche irre machen müſſen. Weder das eine noch das andere war der Fall. Die Völker des Weſtens waren keinem fremden Glauben mit Liſt oder Ge- walt unterworfen worden, ſie ſelbſt hatten dieſen Glauben aus ſich her- aus geſchaffen. Er beſtand auch nicht in Hingabe an ein ſittliches Jdeal, das im erſten der Apoſtel und ſeinen Nachfolgern verkörpert geweſen

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 222. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/231>, abgerufen am 15.08.2020.