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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Papst und Kirche

Wir haben bisher vom Papst als Fürsten des Kirchenstaats gespro-
chen. Das Bild, das wir dabei sahen, ist nicht erfreulich. Sankt Peter,
der unsichtbare Landesherr, und sein irdischer Vertreter sind zum Fir-
menschild geworden, hinter dem sich weltliche Herrschaft mit weltlichen
Zielen und Mitteln verbirgt. So weit geht die Verweltlichung mehr-
fach, daß der Gegensatz zwischen der Gestalt, die das Papsttum angenom-
men hat, und der Sendung, auf die es sich beruft, nicht greller gedacht
werden kann. Wäre es ganz zum italischen Fürstentum herabgesunken
und als religiöse Macht für immer untergegangen, wir dürften uns nicht
wundern, ja, es erschiene nur natürlich. Das ist nicht geschehen. Jm
Gegenteil: mustert man das Verzeichnis der päpstlichen Erlasse von
Johannes VIII. bis Benedikt IX., so sieht es aus, als ob der Papst als
Oberhaupt der Kirche um so häufiger in Tätigkeit getreten und sein
kirchlicher Einfluß um so höher gestiegen wäre, je weiter seine Person
und sein gesamtes Dasein sich von dem entfernte, was der erste christliche
Bischof und Stellvertreter des Apostelfürsten hätte sein müssen. Häu-
figer als früher hat er als oberster Richter in schwebende kirchliche
Streitigkeiten oder in die Verwaltung anderer Bischöfe außerhalb
seines eigenen Sprengels eingegriffen, immer zahlreicher werden die
Urkunden, in denen er Rechte verleiht oder bestätigt, bestehende Rechte
aufhebt und Ausnahmen von der gewöhnlichen Ordnung verfügt. Mehr
als bisher tritt er als Oberhaupt der abendländischen Kirche auf, und
so wenig hat er von seinem religiösen Ansehen verloren, daß wir in eben
dieser Zeit die ersten Fälle kennenlernen, wo die Verehrung eines Hei-
ligen am Ort seiner Wirksamkeit durch einen Spruch des Papstes und
Aufnahme in den römischen Gottesdienst ihre volle Anerkennung erhält.
Nachdem schon Johannes XV. dem Bischof Ulrich von Augsburg,
Johannes XIX., der Tuskulanerpapst, dem heiligen Martialis von
Limoges diese Ehre erwiesen, ist sie durch Benedikt IX. auf Wunsch
des Erzbischofs von Trier einem Simeon von Syrakus zuteil geworden,

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Papſt und Kirche

Wir haben bisher vom Papſt als Fürſten des Kirchenſtaats geſpro-
chen. Das Bild, das wir dabei ſahen, iſt nicht erfreulich. Sankt Peter,
der unſichtbare Landesherr, und ſein irdiſcher Vertreter ſind zum Fir-
menſchild geworden, hinter dem ſich weltliche Herrſchaft mit weltlichen
Zielen und Mitteln verbirgt. So weit geht die Verweltlichung mehr-
fach, daß der Gegenſatz zwiſchen der Geſtalt, die das Papſttum angenom-
men hat, und der Sendung, auf die es ſich beruft, nicht greller gedacht
werden kann. Wäre es ganz zum italiſchen Fürſtentum herabgeſunken
und als religiöſe Macht für immer untergegangen, wir dürften uns nicht
wundern, ja, es erſchiene nur natürlich. Das iſt nicht geſchehen. Jm
Gegenteil: muſtert man das Verzeichnis der päpſtlichen Erlaſſe von
Johannes VIII. bis Benedikt IX., ſo ſieht es aus, als ob der Papſt als
Oberhaupt der Kirche um ſo häufiger in Tätigkeit getreten und ſein
kirchlicher Einfluß um ſo höher geſtiegen wäre, je weiter ſeine Perſon
und ſein geſamtes Daſein ſich von dem entfernte, was der erſte chriſtliche
Biſchof und Stellvertreter des Apoſtelfürſten hätte ſein müſſen. Häu-
figer als früher hat er als oberſter Richter in ſchwebende kirchliche
Streitigkeiten oder in die Verwaltung anderer Biſchöfe außerhalb
ſeines eigenen Sprengels eingegriffen, immer zahlreicher werden die
Urkunden, in denen er Rechte verleiht oder beſtätigt, beſtehende Rechte
aufhebt und Ausnahmen von der gewöhnlichen Ordnung verfügt. Mehr
als bisher tritt er als Oberhaupt der abendländiſchen Kirche auf, und
ſo wenig hat er von ſeinem religiöſen Anſehen verloren, daß wir in eben
dieſer Zeit die erſten Fälle kennenlernen, wo die Verehrung eines Hei-
ligen am Ort ſeiner Wirkſamkeit durch einen Spruch des Papſtes und
Aufnahme in den römiſchen Gottesdienſt ihre volle Anerkennung erhält.
Nachdem ſchon Johannes XV. dem Biſchof Ulrich von Augsburg,
Johannes XIX., der Tuskulanerpapſt, dem heiligen Martialis von
Limoges dieſe Ehre erwieſen, iſt ſie durch Benedikt IX. auf Wunſch
des Erzbiſchofs von Trier einem Simeon von Syrakus zuteil geworden,

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[[221]/0230] 3 Papſt und Kirche Wir haben bisher vom Papſt als Fürſten des Kirchenſtaats geſpro- chen. Das Bild, das wir dabei ſahen, iſt nicht erfreulich. Sankt Peter, der unſichtbare Landesherr, und ſein irdiſcher Vertreter ſind zum Fir- menſchild geworden, hinter dem ſich weltliche Herrſchaft mit weltlichen Zielen und Mitteln verbirgt. So weit geht die Verweltlichung mehr- fach, daß der Gegenſatz zwiſchen der Geſtalt, die das Papſttum angenom- men hat, und der Sendung, auf die es ſich beruft, nicht greller gedacht werden kann. Wäre es ganz zum italiſchen Fürſtentum herabgeſunken und als religiöſe Macht für immer untergegangen, wir dürften uns nicht wundern, ja, es erſchiene nur natürlich. Das iſt nicht geſchehen. Jm Gegenteil: muſtert man das Verzeichnis der päpſtlichen Erlaſſe von Johannes VIII. bis Benedikt IX., ſo ſieht es aus, als ob der Papſt als Oberhaupt der Kirche um ſo häufiger in Tätigkeit getreten und ſein kirchlicher Einfluß um ſo höher geſtiegen wäre, je weiter ſeine Perſon und ſein geſamtes Daſein ſich von dem entfernte, was der erſte chriſtliche Biſchof und Stellvertreter des Apoſtelfürſten hätte ſein müſſen. Häu- figer als früher hat er als oberſter Richter in ſchwebende kirchliche Streitigkeiten oder in die Verwaltung anderer Biſchöfe außerhalb ſeines eigenen Sprengels eingegriffen, immer zahlreicher werden die Urkunden, in denen er Rechte verleiht oder beſtätigt, beſtehende Rechte aufhebt und Ausnahmen von der gewöhnlichen Ordnung verfügt. Mehr als bisher tritt er als Oberhaupt der abendländiſchen Kirche auf, und ſo wenig hat er von ſeinem religiöſen Anſehen verloren, daß wir in eben dieſer Zeit die erſten Fälle kennenlernen, wo die Verehrung eines Hei- ligen am Ort ſeiner Wirkſamkeit durch einen Spruch des Papſtes und Aufnahme in den römiſchen Gottesdienſt ihre volle Anerkennung erhält. Nachdem ſchon Johannes XV. dem Biſchof Ulrich von Augsburg, Johannes XIX., der Tuskulanerpapſt, dem heiligen Martialis von Limoges dieſe Ehre erwieſen, iſt ſie durch Benedikt IX. auf Wunſch des Erzbiſchofs von Trier einem Simeon von Syrakus zuteil geworden,

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. [221]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/230>, abgerufen am 15.08.2020.