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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Feldzug Heinrichs II.
forderte, in drei getrennten Säulen auf verschiedenen Straßen anrückte.
Ohne Widerstand zu finden -- die Griechen zogen sich zurück und die
abtrünnigen Fürsten unterwarfen sich oder wurden überwältigt -- ge-
langte es im März 1022 nach Benevent und vereinigte sich dann vor der
Festung Troja, die Bojoannes unlängst zur Sperrung der Straße nach
Bari angelegt hatte. Hier aber kam der Siegeslauf zum Stehen. Die
Belagerung der Feste zog sich hin, der April, der Mai vergingen, die
Junihitze setzte ein und brachte eine Seuche. Heinrich sah seine Truppen
dahinschmelzen und mußte froh sein, daß die Besatzung von Troja sich
zum Schein ergab. Dann machte er kehrt und wandte sich, während
in seinem Heer die Krankheit täglich neue Opfer forderte, in Eilmärschen
über Rom zurück nach Norden. Jm Oktober war er wieder in Deutsch-
land. Das großangelegte Unternehmen war mißlungen, sein einziges
Ergebnis die wiederhergestellte Oberhoheit über Benevent und Capua
und nun auch über Salerno. Ob sie würde behauptet werden, mußte die
Zukunft lehren. Es war ein Glück, daß Basileios II. schon drei Jahre
später (1025) starb und seine Nachfolger sich begnügten, die Eroberung
Siziliens, die er noch hatte beginnen können, fortzusetzen, das Festland
aber unbehelligt ließen.

Wie der Kaiser, so hatte auch der Papst nichts gewonnen. Am Feld-
zug in Unteritalien hatte er teilgenommen, Siege und Mißerfolg mit
den Deutschen geteilt und ihren Rückzug nicht verhindern können. Hein-
rich II. hat keine Anstalten gemacht, die große Schenkung, die er in
Bamberg so freigebig versprochen, zur Tat werden zu lassen. Sie ist
ein totes Pergament geblieben, das letzte seiner Art, und hat im Schrein
der römischen Kirche geruht wie ein nicht eingelöster Wechsel, bis nach
fast zweihundert Jahren der Tag kam, wo auch dieser Schein unter
gänzlich veränderten Umständen hervorgeholt und samt seinen Vor-
gängern als Rechtstitel für eine Neugründung des Kirchenstaats benutzt
werden konnte.

Wenn Heinrich II. daran gedacht haben sollte, auf den mißglückten
Plan zurückzukommen, so hat ihm die Zeit dazu gefehlt. Ein Jahr und
neun Monate nach seiner Rückkehr aus Jtalien ist er gestorben (12. Juli
1024). Benedikt VIII. war ihm schon um ein Vierteljahr vorausge-
gangen (9. April), und seine großen Entwürfe wurden mit ihm begraben.
Unter einem Kaiser wie Konrad II. war für dergleichen kein Platz. Wir
werden in anderem Zusammenhang davon zu reden haben, wie rück-

Feldzug Heinrichs II.
forderte, in drei getrennten Säulen auf verſchiedenen Straßen anrückte.
Ohne Widerſtand zu finden — die Griechen zogen ſich zurück und die
abtrünnigen Fürſten unterwarfen ſich oder wurden überwältigt — ge-
langte es im März 1022 nach Benevent und vereinigte ſich dann vor der
Feſtung Troja, die Bojoannes unlängſt zur Sperrung der Straße nach
Bari angelegt hatte. Hier aber kam der Siegeslauf zum Stehen. Die
Belagerung der Feſte zog ſich hin, der April, der Mai vergingen, die
Junihitze ſetzte ein und brachte eine Seuche. Heinrich ſah ſeine Truppen
dahinſchmelzen und mußte froh ſein, daß die Beſatzung von Troja ſich
zum Schein ergab. Dann machte er kehrt und wandte ſich, während
in ſeinem Heer die Krankheit täglich neue Opfer forderte, in Eilmärſchen
über Rom zurück nach Norden. Jm Oktober war er wieder in Deutſch-
land. Das großangelegte Unternehmen war mißlungen, ſein einziges
Ergebnis die wiederhergeſtellte Oberhoheit über Benevent und Capua
und nun auch über Salerno. Ob ſie würde behauptet werden, mußte die
Zukunft lehren. Es war ein Glück, daß Baſileios II. ſchon drei Jahre
ſpäter (1025) ſtarb und ſeine Nachfolger ſich begnügten, die Eroberung
Siziliens, die er noch hatte beginnen können, fortzuſetzen, das Feſtland
aber unbehelligt ließen.

Wie der Kaiſer, ſo hatte auch der Papſt nichts gewonnen. Am Feld-
zug in Unteritalien hatte er teilgenommen, Siege und Mißerfolg mit
den Deutſchen geteilt und ihren Rückzug nicht verhindern können. Hein-
rich II. hat keine Anſtalten gemacht, die große Schenkung, die er in
Bamberg ſo freigebig verſprochen, zur Tat werden zu laſſen. Sie iſt
ein totes Pergament geblieben, das letzte ſeiner Art, und hat im Schrein
der römiſchen Kirche geruht wie ein nicht eingelöſter Wechſel, bis nach
faſt zweihundert Jahren der Tag kam, wo auch dieſer Schein unter
gänzlich veränderten Umſtänden hervorgeholt und ſamt ſeinen Vor-
gängern als Rechtstitel für eine Neugründung des Kirchenſtaats benutzt
werden konnte.

Wenn Heinrich II. daran gedacht haben ſollte, auf den mißglückten
Plan zurückzukommen, ſo hat ihm die Zeit dazu gefehlt. Ein Jahr und
neun Monate nach ſeiner Rückkehr aus Jtalien iſt er geſtorben (12. Juli
1024). Benedikt VIII. war ihm ſchon um ein Vierteljahr vorausge-
gangen (9. April), und ſeine großen Entwürfe wurden mit ihm begraben.
Unter einem Kaiſer wie Konrad II. war für dergleichen kein Platz. Wir
werden in anderem Zuſammenhang davon zu reden haben, wie rück-

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[219/0228] Feldzug Heinrichs II. forderte, in drei getrennten Säulen auf verſchiedenen Straßen anrückte. Ohne Widerſtand zu finden — die Griechen zogen ſich zurück und die abtrünnigen Fürſten unterwarfen ſich oder wurden überwältigt — ge- langte es im März 1022 nach Benevent und vereinigte ſich dann vor der Feſtung Troja, die Bojoannes unlängſt zur Sperrung der Straße nach Bari angelegt hatte. Hier aber kam der Siegeslauf zum Stehen. Die Belagerung der Feſte zog ſich hin, der April, der Mai vergingen, die Junihitze ſetzte ein und brachte eine Seuche. Heinrich ſah ſeine Truppen dahinſchmelzen und mußte froh ſein, daß die Beſatzung von Troja ſich zum Schein ergab. Dann machte er kehrt und wandte ſich, während in ſeinem Heer die Krankheit täglich neue Opfer forderte, in Eilmärſchen über Rom zurück nach Norden. Jm Oktober war er wieder in Deutſch- land. Das großangelegte Unternehmen war mißlungen, ſein einziges Ergebnis die wiederhergeſtellte Oberhoheit über Benevent und Capua und nun auch über Salerno. Ob ſie würde behauptet werden, mußte die Zukunft lehren. Es war ein Glück, daß Baſileios II. ſchon drei Jahre ſpäter (1025) ſtarb und ſeine Nachfolger ſich begnügten, die Eroberung Siziliens, die er noch hatte beginnen können, fortzuſetzen, das Feſtland aber unbehelligt ließen. Wie der Kaiſer, ſo hatte auch der Papſt nichts gewonnen. Am Feld- zug in Unteritalien hatte er teilgenommen, Siege und Mißerfolg mit den Deutſchen geteilt und ihren Rückzug nicht verhindern können. Hein- rich II. hat keine Anſtalten gemacht, die große Schenkung, die er in Bamberg ſo freigebig verſprochen, zur Tat werden zu laſſen. Sie iſt ein totes Pergament geblieben, das letzte ſeiner Art, und hat im Schrein der römiſchen Kirche geruht wie ein nicht eingelöſter Wechſel, bis nach faſt zweihundert Jahren der Tag kam, wo auch dieſer Schein unter gänzlich veränderten Umſtänden hervorgeholt und ſamt ſeinen Vor- gängern als Rechtstitel für eine Neugründung des Kirchenſtaats benutzt werden konnte. Wenn Heinrich II. daran gedacht haben ſollte, auf den mißglückten Plan zurückzukommen, ſo hat ihm die Zeit dazu gefehlt. Ein Jahr und neun Monate nach ſeiner Rückkehr aus Jtalien iſt er geſtorben (12. Juli 1024). Benedikt VIII. war ihm ſchon um ein Vierteljahr vorausge- gangen (9. April), und ſeine großen Entwürfe wurden mit ihm begraben. Unter einem Kaiſer wie Konrad II. war für dergleichen kein Platz. Wir werden in anderem Zuſammenhang davon zu reden haben, wie rück-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 219. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/228>, abgerufen am 15.08.2020.