Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

Bild:
<< vorherige Seite

Feldzug Heinrichs II.
Nutzen der heiligen römischen Kirche und des römischen Reiches Kaiser
Heinrich, den allerwürdigsten Schutzvogt des heiligen apostolischen
Stuhles, aufgesucht". Was damit gemeint war, ist kein Geheimnis: das
Reich sollte seine Rechte in Unteritalien wahrnehmen, womöglich die
Griechen vertreiben und alles Land sich unterwerfen, die Kirche aber
endlich in den Besitz der Gebiete gelangen, auf die sie seit den Tagen
Pippins und Karls des Großen Anspruch zu haben meinte. Von diesem
Plan zeugt eine Urkunde, die Heinrich II. zu Ostern 1020 in Bamberg
dem Papst ausstellen ließ. Da erneuerte und bestätigte er der römischen
Kirche die -- niemals in Kraft getretene -- große Schenkung Ottos I.
und fügte noch das Reichsgut um Narni, Terni und Spoleto hinzu.
Erinnern wir uns, daß jene Schenkung unter anderem -- nach dem
Vorgang der unausgeführten Versprechungen Pippins und Karls --
das ganze Herzogtum Benevent betraf, das in seinem ursprünglichen
Bestande den größern Teil Unteritaliens umfaßte, so wissen wir, worin
der Nutzen der römischen Kirche bestand, um dessentwillen der Papst
die weite und mühsame Reise nach Bamberg nicht gescheut hatte.

So große Dinge konnten nur durchs Schwert erreicht werden. Bevor
aber der Kaiser den Feldzug nach Jtalien anzutreten in der Lage war,
verging über ein Jahr. Erst Ende 1021 überschritt er die Alpen mit
einem starken Heer, dem die italischen Truppen sich anschlossen. Es war
hohe Zeit. Ob Benedikt VIII. den Absichten der Griechen nur zuvor-
gekommen, ob ihr Vorgehen die Antwort auf seine Reise nach Deutsch-
land war, Tatsache ist, daß in dem Augenblick, wo Heinrich in Jtalien
erschien, das griechische Heer die Südgrenze des Kirchenstaats schon
überschritten hatte. Bojoannes hatte den Fürsten von Capua genötigt,
den Durchmarsch freizugeben, und war an die Mündung des Gari-
gliano gerückt, wo Dattus, das überlebende Haupt des apulischen Auf-
stands, auf einer vom Papst ihm eingeräumten Burg sich aufhielt. Nach
nur zweitägiger Belagerung hatte Dattus sich ergeben und war hin-
gerichtet worden. Rühmend verzeichnet der byzantinische Chronist, Bo-
joannes habe ganz Jtalien bis nach Rom dem Basileus unterworfen; er
meinte damit Unteritalien -- denn dies bedeutet in der griechischen Ver-
waltungssprache der Name Jtalia -- bis an die Grenzen des Kirchen-
staats, und hatte damit nicht ganz unrecht.

Die Griechen also hatten den Krieg gegen den Papst bereits eröffnet,
als das deutsche Heer mit gewaltiger Übermacht, wie sie der Zweck er-

Feldzug Heinrichs II.
Nutzen der heiligen römiſchen Kirche und des römiſchen Reiches Kaiſer
Heinrich, den allerwürdigſten Schutzvogt des heiligen apoſtoliſchen
Stuhles, aufgeſucht“. Was damit gemeint war, iſt kein Geheimnis: das
Reich ſollte ſeine Rechte in Unteritalien wahrnehmen, womöglich die
Griechen vertreiben und alles Land ſich unterwerfen, die Kirche aber
endlich in den Beſitz der Gebiete gelangen, auf die ſie ſeit den Tagen
Pippins und Karls des Großen Anſpruch zu haben meinte. Von dieſem
Plan zeugt eine Urkunde, die Heinrich II. zu Oſtern 1020 in Bamberg
dem Papſt ausſtellen ließ. Da erneuerte und beſtätigte er der römiſchen
Kirche die — niemals in Kraft getretene — große Schenkung Ottos I.
und fügte noch das Reichsgut um Narni, Terni und Spoleto hinzu.
Erinnern wir uns, daß jene Schenkung unter anderem — nach dem
Vorgang der unausgeführten Verſprechungen Pippins und Karls —
das ganze Herzogtum Benevent betraf, das in ſeinem urſprünglichen
Beſtande den größern Teil Unteritaliens umfaßte, ſo wiſſen wir, worin
der Nutzen der römiſchen Kirche beſtand, um deſſentwillen der Papſt
die weite und mühſame Reiſe nach Bamberg nicht geſcheut hatte.

So große Dinge konnten nur durchs Schwert erreicht werden. Bevor
aber der Kaiſer den Feldzug nach Jtalien anzutreten in der Lage war,
verging über ein Jahr. Erſt Ende 1021 überſchritt er die Alpen mit
einem ſtarken Heer, dem die italiſchen Truppen ſich anſchloſſen. Es war
hohe Zeit. Ob Benedikt VIII. den Abſichten der Griechen nur zuvor-
gekommen, ob ihr Vorgehen die Antwort auf ſeine Reiſe nach Deutſch-
land war, Tatſache iſt, daß in dem Augenblick, wo Heinrich in Jtalien
erſchien, das griechiſche Heer die Südgrenze des Kirchenſtaats ſchon
überſchritten hatte. Bojoannes hatte den Fürſten von Capua genötigt,
den Durchmarſch freizugeben, und war an die Mündung des Gari-
gliano gerückt, wo Dattus, das überlebende Haupt des apuliſchen Auf-
ſtands, auf einer vom Papſt ihm eingeräumten Burg ſich aufhielt. Nach
nur zweitägiger Belagerung hatte Dattus ſich ergeben und war hin-
gerichtet worden. Rühmend verzeichnet der byzantiniſche Chroniſt, Bo-
joannes habe ganz Jtalien bis nach Rom dem Baſileus unterworfen; er
meinte damit Unteritalien — denn dies bedeutet in der griechiſchen Ver-
waltungsſprache der Name Jtalia — bis an die Grenzen des Kirchen-
ſtaats, und hatte damit nicht ganz unrecht.

Die Griechen alſo hatten den Krieg gegen den Papſt bereits eröffnet,
als das deutſche Heer mit gewaltiger Übermacht, wie ſie der Zweck er-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0227" n="218"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Feldzug Heinrichs <hi rendition="#aq">II</hi>.</hi></fw><lb/>
Nutzen der heiligen römi&#x017F;chen Kirche und des römi&#x017F;chen Reiches Kai&#x017F;er<lb/>
Heinrich, den allerwürdig&#x017F;ten Schutzvogt des heiligen apo&#x017F;toli&#x017F;chen<lb/>
Stuhles, aufge&#x017F;ucht&#x201C;. Was damit gemeint war, i&#x017F;t kein Geheimnis: das<lb/>
Reich &#x017F;ollte &#x017F;eine Rechte in Unteritalien wahrnehmen, womöglich die<lb/>
Griechen vertreiben und alles Land &#x017F;ich unterwerfen, die Kirche aber<lb/>
endlich in den Be&#x017F;itz der Gebiete gelangen, auf die &#x017F;ie &#x017F;eit den Tagen<lb/>
Pippins und Karls des Großen An&#x017F;pruch zu haben meinte. Von die&#x017F;em<lb/>
Plan zeugt eine Urkunde, die Heinrich <hi rendition="#aq">II</hi>. zu O&#x017F;tern 1020 in Bamberg<lb/>
dem Pap&#x017F;t aus&#x017F;tellen ließ. Da erneuerte und be&#x017F;tätigte er der römi&#x017F;chen<lb/>
Kirche die &#x2014; niemals in Kraft getretene &#x2014; große Schenkung Ottos <hi rendition="#aq">I</hi>.<lb/>
und fügte noch das Reichsgut um Narni, Terni und Spoleto hinzu.<lb/>
Erinnern wir uns, daß jene Schenkung unter anderem &#x2014; nach dem<lb/>
Vorgang der unausgeführten Ver&#x017F;prechungen Pippins und Karls &#x2014;<lb/>
das ganze Herzogtum Benevent betraf, das in &#x017F;einem ur&#x017F;prünglichen<lb/>
Be&#x017F;tande den größern Teil Unteritaliens umfaßte, &#x017F;o wi&#x017F;&#x017F;en wir, worin<lb/>
der Nutzen der römi&#x017F;chen Kirche be&#x017F;tand, um de&#x017F;&#x017F;entwillen der Pap&#x017F;t<lb/>
die weite und müh&#x017F;ame Rei&#x017F;e nach Bamberg nicht ge&#x017F;cheut hatte.</p><lb/>
          <p>So große Dinge konnten nur durchs Schwert erreicht werden. Bevor<lb/>
aber der Kai&#x017F;er den Feldzug nach Jtalien anzutreten in der Lage war,<lb/>
verging über ein Jahr. Er&#x017F;t Ende 1021 über&#x017F;chritt er die Alpen mit<lb/>
einem &#x017F;tarken Heer, dem die itali&#x017F;chen Truppen &#x017F;ich an&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;en. Es war<lb/>
hohe Zeit. Ob Benedikt <hi rendition="#aq">VIII</hi>. den Ab&#x017F;ichten der Griechen nur zuvor-<lb/>
gekommen, ob ihr Vorgehen die Antwort auf &#x017F;eine Rei&#x017F;e nach Deut&#x017F;ch-<lb/>
land war, Tat&#x017F;ache i&#x017F;t, daß in dem Augenblick, wo Heinrich in Jtalien<lb/>
er&#x017F;chien, das griechi&#x017F;che Heer die Südgrenze des Kirchen&#x017F;taats &#x017F;chon<lb/>
über&#x017F;chritten hatte. Bojoannes hatte den Für&#x017F;ten von Capua genötigt,<lb/>
den Durchmar&#x017F;ch freizugeben, und war an die Mündung des Gari-<lb/>
gliano gerückt, wo Dattus, das überlebende Haupt des apuli&#x017F;chen Auf-<lb/>
&#x017F;tands, auf einer vom Pap&#x017F;t ihm eingeräumten Burg &#x017F;ich aufhielt. Nach<lb/>
nur zweitägiger Belagerung hatte Dattus &#x017F;ich ergeben und war hin-<lb/>
gerichtet worden. Rühmend verzeichnet der byzantini&#x017F;che Chroni&#x017F;t, Bo-<lb/>
joannes habe ganz Jtalien bis nach Rom dem Ba&#x017F;ileus unterworfen; er<lb/>
meinte damit Unteritalien &#x2014; denn dies bedeutet in der griechi&#x017F;chen Ver-<lb/>
waltungs&#x017F;prache der Name Jtalia &#x2014; bis an die Grenzen des Kirchen-<lb/>
&#x017F;taats, und hatte damit nicht ganz unrecht.</p><lb/>
          <p>Die Griechen al&#x017F;o hatten den Krieg gegen den Pap&#x017F;t bereits eröffnet,<lb/>
als das deut&#x017F;che Heer mit gewaltiger Übermacht, wie &#x017F;ie der Zweck er-<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[218/0227] Feldzug Heinrichs II. Nutzen der heiligen römiſchen Kirche und des römiſchen Reiches Kaiſer Heinrich, den allerwürdigſten Schutzvogt des heiligen apoſtoliſchen Stuhles, aufgeſucht“. Was damit gemeint war, iſt kein Geheimnis: das Reich ſollte ſeine Rechte in Unteritalien wahrnehmen, womöglich die Griechen vertreiben und alles Land ſich unterwerfen, die Kirche aber endlich in den Beſitz der Gebiete gelangen, auf die ſie ſeit den Tagen Pippins und Karls des Großen Anſpruch zu haben meinte. Von dieſem Plan zeugt eine Urkunde, die Heinrich II. zu Oſtern 1020 in Bamberg dem Papſt ausſtellen ließ. Da erneuerte und beſtätigte er der römiſchen Kirche die — niemals in Kraft getretene — große Schenkung Ottos I. und fügte noch das Reichsgut um Narni, Terni und Spoleto hinzu. Erinnern wir uns, daß jene Schenkung unter anderem — nach dem Vorgang der unausgeführten Verſprechungen Pippins und Karls — das ganze Herzogtum Benevent betraf, das in ſeinem urſprünglichen Beſtande den größern Teil Unteritaliens umfaßte, ſo wiſſen wir, worin der Nutzen der römiſchen Kirche beſtand, um deſſentwillen der Papſt die weite und mühſame Reiſe nach Bamberg nicht geſcheut hatte. So große Dinge konnten nur durchs Schwert erreicht werden. Bevor aber der Kaiſer den Feldzug nach Jtalien anzutreten in der Lage war, verging über ein Jahr. Erſt Ende 1021 überſchritt er die Alpen mit einem ſtarken Heer, dem die italiſchen Truppen ſich anſchloſſen. Es war hohe Zeit. Ob Benedikt VIII. den Abſichten der Griechen nur zuvor- gekommen, ob ihr Vorgehen die Antwort auf ſeine Reiſe nach Deutſch- land war, Tatſache iſt, daß in dem Augenblick, wo Heinrich in Jtalien erſchien, das griechiſche Heer die Südgrenze des Kirchenſtaats ſchon überſchritten hatte. Bojoannes hatte den Fürſten von Capua genötigt, den Durchmarſch freizugeben, und war an die Mündung des Gari- gliano gerückt, wo Dattus, das überlebende Haupt des apuliſchen Auf- ſtands, auf einer vom Papſt ihm eingeräumten Burg ſich aufhielt. Nach nur zweitägiger Belagerung hatte Dattus ſich ergeben und war hin- gerichtet worden. Rühmend verzeichnet der byzantiniſche Chroniſt, Bo- joannes habe ganz Jtalien bis nach Rom dem Baſileus unterworfen; er meinte damit Unteritalien — denn dies bedeutet in der griechiſchen Ver- waltungsſprache der Name Jtalia — bis an die Grenzen des Kirchen- ſtaats, und hatte damit nicht ganz unrecht. Die Griechen alſo hatten den Krieg gegen den Papſt bereits eröffnet, als das deutſche Heer mit gewaltiger Übermacht, wie ſie der Zweck er-

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/227
Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 218. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/227>, abgerufen am 15.08.2020.