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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Benedikt III.
dehnen und zu befestigen, hat er nicht gezögert, sobald die Unterwerfung
Bulgariens ihm die Hände frei ließ. Das legten ihm überdies die Er-
fahrungen der jüngsten Zeit nahe. Die griechische Herrschaft in Apulien
hatte keine Wurzeln im Volk, dem sie verhaßt war. Während der letzten
Jahre des Bulgarenkriegs und schwerlich ohne Zusammenhang mit ihm
hatte es sogar einen Aufstand gegeben, geführt von dem Schwägerpaar
Meles und Dattus. Der Aufstand war mißlungen (1009-1011), die
Häupter waren geflüchtet, hatten bei den Fürsten von Benevent, Capua
und Salerno vergeblich um Hilfe gebeten, beim Papst aber Zuflucht
und Teilnahme gefunden. Benedikt VIII. war ein tatkräftiger und
unternehmender Herrscher, wie Rom ihn lange nicht gesehen hatte. Seine
Regierung im Kirchenstaat hatte er ausgebaut, die Verwandten, die
Crescentier, durch Festigkeit und Klugheit zur Unterwerfung gebracht,
den Pisanern und Genuesen im siegreichen Kampf gegen die spanischen
Araber mit Wort und Tat beigestanden (1016). Jetzt glaubte er, ähn-
lich wie einst Johannes XII., auswärtige Politik mit hohen Zielen
machen zu können. Ohne sein Zutun kann es nicht geschehen sein, daß
im Jahr 1017 der Aufstand in Apulien wieder auflebte und rasche Fort-
schritte machte. Binnen kurzem hatte Meles den Norden der Provinz
erobert. Dann aber wandte sich das Blatt. Eben damals ging der Krieg
in Bulgarien zu Ende, und mit den freigewordenen Truppen erschien
ein neuer Statthalter, Bojoannes, der das Heer des Meles auf dem
alten Schlachtfeld von Cannae vernichtend schlug (Oktober 1018), den
Aufstand endgültig unterdrückte und die griechische Verwaltung überall
wiederherstellte. Auch die unsicher gewordenen Nachbarfürsten in Bene-
vent, Capua und Salerno unterwarfen sich wieder und huldigten dem
griechischen Kaiser.

Damit hatten die Griechen die Rechte des Königs von Jtalien ver-
letzt, dessen Hoheit über Capua und Benevent im Vertrag von 972 an-
erkannt worden war. Benedikt VIII. verfügte nun über das Stichwort,
mit dem er den deutschen Kaiser zum Eingreifen veranlassen konnte. Es
wird auf sein Betreiben gewesen sein, daß Meles sich nach Deutschland
begab, um die Hilfe Heinrichs II. anzurufen. Jn Bamberg ist er bald
darauf gestorben, Benedikt aber gab das Spiel keineswegs auf. Jn
eigener Person machte er sich auf; den Vorwand bot die Einweihung
des Doms zu Bamberg, der Lieblingsstiftung des Kaisers, den wahren
Zweck deutet er selbst an, wenn er in einer Urkunde sagt, er habe "zum

Benedikt III.
dehnen und zu befeſtigen, hat er nicht gezögert, ſobald die Unterwerfung
Bulgariens ihm die Hände frei ließ. Das legten ihm überdies die Er-
fahrungen der jüngſten Zeit nahe. Die griechiſche Herrſchaft in Apulien
hatte keine Wurzeln im Volk, dem ſie verhaßt war. Während der letzten
Jahre des Bulgarenkriegs und ſchwerlich ohne Zuſammenhang mit ihm
hatte es ſogar einen Aufſtand gegeben, geführt von dem Schwägerpaar
Meles und Dattus. Der Aufſtand war mißlungen (1009‒1011), die
Häupter waren geflüchtet, hatten bei den Fürſten von Benevent, Capua
und Salerno vergeblich um Hilfe gebeten, beim Papſt aber Zuflucht
und Teilnahme gefunden. Benedikt VIII. war ein tatkräftiger und
unternehmender Herrſcher, wie Rom ihn lange nicht geſehen hatte. Seine
Regierung im Kirchenſtaat hatte er ausgebaut, die Verwandten, die
Crescentier, durch Feſtigkeit und Klugheit zur Unterwerfung gebracht,
den Piſanern und Genueſen im ſiegreichen Kampf gegen die ſpaniſchen
Araber mit Wort und Tat beigeſtanden (1016). Jetzt glaubte er, ähn-
lich wie einſt Johannes XII., auswärtige Politik mit hohen Zielen
machen zu können. Ohne ſein Zutun kann es nicht geſchehen ſein, daß
im Jahr 1017 der Aufſtand in Apulien wieder auflebte und raſche Fort-
ſchritte machte. Binnen kurzem hatte Meles den Norden der Provinz
erobert. Dann aber wandte ſich das Blatt. Eben damals ging der Krieg
in Bulgarien zu Ende, und mit den freigewordenen Truppen erſchien
ein neuer Statthalter, Bojoannes, der das Heer des Meles auf dem
alten Schlachtfeld von Cannae vernichtend ſchlug (Oktober 1018), den
Aufſtand endgültig unterdrückte und die griechiſche Verwaltung überall
wiederherſtellte. Auch die unſicher gewordenen Nachbarfürſten in Bene-
vent, Capua und Salerno unterwarfen ſich wieder und huldigten dem
griechiſchen Kaiſer.

Damit hatten die Griechen die Rechte des Königs von Jtalien ver-
letzt, deſſen Hoheit über Capua und Benevent im Vertrag von 972 an-
erkannt worden war. Benedikt VIII. verfügte nun über das Stichwort,
mit dem er den deutſchen Kaiſer zum Eingreifen veranlaſſen konnte. Es
wird auf ſein Betreiben geweſen ſein, daß Meles ſich nach Deutſchland
begab, um die Hilfe Heinrichs II. anzurufen. Jn Bamberg iſt er bald
darauf geſtorben, Benedikt aber gab das Spiel keineswegs auf. Jn
eigener Perſon machte er ſich auf; den Vorwand bot die Einweihung
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[217/0226] Benedikt III. dehnen und zu befeſtigen, hat er nicht gezögert, ſobald die Unterwerfung Bulgariens ihm die Hände frei ließ. Das legten ihm überdies die Er- fahrungen der jüngſten Zeit nahe. Die griechiſche Herrſchaft in Apulien hatte keine Wurzeln im Volk, dem ſie verhaßt war. Während der letzten Jahre des Bulgarenkriegs und ſchwerlich ohne Zuſammenhang mit ihm hatte es ſogar einen Aufſtand gegeben, geführt von dem Schwägerpaar Meles und Dattus. Der Aufſtand war mißlungen (1009‒1011), die Häupter waren geflüchtet, hatten bei den Fürſten von Benevent, Capua und Salerno vergeblich um Hilfe gebeten, beim Papſt aber Zuflucht und Teilnahme gefunden. Benedikt VIII. war ein tatkräftiger und unternehmender Herrſcher, wie Rom ihn lange nicht geſehen hatte. Seine Regierung im Kirchenſtaat hatte er ausgebaut, die Verwandten, die Crescentier, durch Feſtigkeit und Klugheit zur Unterwerfung gebracht, den Piſanern und Genueſen im ſiegreichen Kampf gegen die ſpaniſchen Araber mit Wort und Tat beigeſtanden (1016). Jetzt glaubte er, ähn- lich wie einſt Johannes XII., auswärtige Politik mit hohen Zielen machen zu können. Ohne ſein Zutun kann es nicht geſchehen ſein, daß im Jahr 1017 der Aufſtand in Apulien wieder auflebte und raſche Fort- ſchritte machte. Binnen kurzem hatte Meles den Norden der Provinz erobert. Dann aber wandte ſich das Blatt. Eben damals ging der Krieg in Bulgarien zu Ende, und mit den freigewordenen Truppen erſchien ein neuer Statthalter, Bojoannes, der das Heer des Meles auf dem alten Schlachtfeld von Cannae vernichtend ſchlug (Oktober 1018), den Aufſtand endgültig unterdrückte und die griechiſche Verwaltung überall wiederherſtellte. Auch die unſicher gewordenen Nachbarfürſten in Bene- vent, Capua und Salerno unterwarfen ſich wieder und huldigten dem griechiſchen Kaiſer. Damit hatten die Griechen die Rechte des Königs von Jtalien ver- letzt, deſſen Hoheit über Capua und Benevent im Vertrag von 972 an- erkannt worden war. Benedikt VIII. verfügte nun über das Stichwort, mit dem er den deutſchen Kaiſer zum Eingreifen veranlaſſen konnte. Es wird auf ſein Betreiben geweſen ſein, daß Meles ſich nach Deutſchland begab, um die Hilfe Heinrichs II. anzurufen. Jn Bamberg iſt er bald darauf geſtorben, Benedikt aber gab das Spiel keineswegs auf. Jn eigener Perſon machte er ſich auf; den Vorwand bot die Einweihung des Doms zu Bamberg, der Lieblingsſtiftung des Kaiſers, den wahren Zweck deutet er ſelbſt an, wenn er in einer Urkunde ſagt, er habe „zum

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 217. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/226>, abgerufen am 15.08.2020.