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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Kämpfe in Unteritalien:
besitz eines Grafenhauses geworden. Das Kaisertum des deutschen
Königs bildete dabei kein Hindernis, bot vielmehr der regierenden
Familie Rechtsbürgschaft und Rückhalt gegen innere und äußere
Feinde und genoß dafür Flankenschutz für seine eigene Herrschaft im
Königreich Jtalien und bereitwillige Dienste des Papstes auf kirchlichem
Gebiet. So war es unter Heinrich II., so blieb es unter Konrad II., der
am 26. März 1027 von Johannes XIX. die Kaiserkrönung erhielt.
Wer dabei mehr empfing, wer mehr gab, ist schwer auszumachen.

Einmal schien es, als sollte der Bund mit dem deutschen Kaiser dem
Papsttum reiche Früchte tragen. Wie in den Anfängen unter Otto I.
ist zur Zeit Heinrichs II. der Plan aufgetaucht, dem Staat des heiligen
Petrus die Ausdehnung zu geben, die er nach der Absicht seiner Gründer
schon bei seinem Entstehen hätte haben sollen. Der Anstoß dazu kam
von Süden, von den Griechen.

Unter der Regierung des makedonischen Kaiserhauses, der Nach-
kommen Basileios' I., des Zeitgenossen Nikolaus' I. und Johannes' VIII.,
hatte das griechische Reich einen mächtigen Aufschwung genommen.
Zu derselben Zeit, als der deutsche König die Führung des Abendlands
und die Kaiserwürde in Alt-Rom übernahm, gelang es den Griechen,
längst verlorene Provinzen im Osten wiederzugewinnen. Jm Jahre 961
wurde mit der Eroberung Kretas die Seeherrschaft erworben, 968
Antiochia genommen, Damaskus, Beirut und Aleppo folgten, und
wenig fehlte, so wäre auch Jerusalem den Moslim entrissen worden.
Dann wandten sich die siegreichen Waffen gegen Norden. Jn einem
Menschenalter zäher und blutiger Kriege (986-1018) zerstörte Basi-
leios II. das Reich der Bulgaren und unterwarf das Land bis zur Donau.
Als "Bulgarentöter" feierte er im Jahr 1019 seinen Triumph nach alter
Art. Waren nun im Osten und Norden die einstigen Grenzen annähernd
wiederhergestellt, was stand im Wege, die Gedanken auch nach Westen
zu richten? Niemals hatte man in Konstantinopel vergessen, daß Jtalien,
daß Rom, nach dem man sich nannte, einem von Rechts wegen gehörte,
nur die eigene Schwäche, die Gefahren, mit denen man im Osten zu
kämpfen hatte, waren Ursache, daß man notgedrungen darauf ver-
zichtete, das Recht geltend zu machen. Jetzt fielen diese Hemmungen fort.

Ob Basileios ernsthaft an Eroberung Jtaliens gedacht hat, läßt sich
nicht sagen. Vielleicht stand dieses letzte Ziel als ferne Möglichkeit im
Hintergrund. Aber seine Herrschaft im Süden der Halbinsel auszu-

Kämpfe in Unteritalien:
beſitz eines Grafenhauſes geworden. Das Kaiſertum des deutſchen
Königs bildete dabei kein Hindernis, bot vielmehr der regierenden
Familie Rechtsbürgſchaft und Rückhalt gegen innere und äußere
Feinde und genoß dafür Flankenſchutz für ſeine eigene Herrſchaft im
Königreich Jtalien und bereitwillige Dienſte des Papſtes auf kirchlichem
Gebiet. So war es unter Heinrich II., ſo blieb es unter Konrad II., der
am 26. März 1027 von Johannes XIX. die Kaiſerkrönung erhielt.
Wer dabei mehr empfing, wer mehr gab, iſt ſchwer auszumachen.

Einmal ſchien es, als ſollte der Bund mit dem deutſchen Kaiſer dem
Papſttum reiche Früchte tragen. Wie in den Anfängen unter Otto I.
iſt zur Zeit Heinrichs II. der Plan aufgetaucht, dem Staat des heiligen
Petrus die Ausdehnung zu geben, die er nach der Abſicht ſeiner Gründer
ſchon bei ſeinem Entſtehen hätte haben ſollen. Der Anſtoß dazu kam
von Süden, von den Griechen.

Unter der Regierung des makedoniſchen Kaiſerhauſes, der Nach-
kommen Baſileios' I., des Zeitgenoſſen Nikolaus' I. und Johannes' VIII.,
hatte das griechiſche Reich einen mächtigen Aufſchwung genommen.
Zu derſelben Zeit, als der deutſche König die Führung des Abendlands
und die Kaiſerwürde in Alt-Rom übernahm, gelang es den Griechen,
längſt verlorene Provinzen im Oſten wiederzugewinnen. Jm Jahre 961
wurde mit der Eroberung Kretas die Seeherrſchaft erworben, 968
Antiochia genommen, Damaskus, Beirut und Aleppo folgten, und
wenig fehlte, ſo wäre auch Jeruſalem den Moslim entriſſen worden.
Dann wandten ſich die ſiegreichen Waffen gegen Norden. Jn einem
Menſchenalter zäher und blutiger Kriege (986‒1018) zerſtörte Baſi-
leios II. das Reich der Bulgaren und unterwarf das Land bis zur Donau.
Als „Bulgarentöter“ feierte er im Jahr 1019 ſeinen Triumph nach alter
Art. Waren nun im Oſten und Norden die einſtigen Grenzen annähernd
wiederhergeſtellt, was ſtand im Wege, die Gedanken auch nach Weſten
zu richten? Niemals hatte man in Konſtantinopel vergeſſen, daß Jtalien,
daß Rom, nach dem man ſich nannte, einem von Rechts wegen gehörte,
nur die eigene Schwäche, die Gefahren, mit denen man im Oſten zu
kämpfen hatte, waren Urſache, daß man notgedrungen darauf ver-
zichtete, das Recht geltend zu machen. Jetzt fielen dieſe Hemmungen fort.

Ob Baſileios ernſthaft an Eroberung Jtaliens gedacht hat, läßt ſich
nicht ſagen. Vielleicht ſtand dieſes letzte Ziel als ferne Möglichkeit im
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[216/0225] Kämpfe in Unteritalien: beſitz eines Grafenhauſes geworden. Das Kaiſertum des deutſchen Königs bildete dabei kein Hindernis, bot vielmehr der regierenden Familie Rechtsbürgſchaft und Rückhalt gegen innere und äußere Feinde und genoß dafür Flankenſchutz für ſeine eigene Herrſchaft im Königreich Jtalien und bereitwillige Dienſte des Papſtes auf kirchlichem Gebiet. So war es unter Heinrich II., ſo blieb es unter Konrad II., der am 26. März 1027 von Johannes XIX. die Kaiſerkrönung erhielt. Wer dabei mehr empfing, wer mehr gab, iſt ſchwer auszumachen. Einmal ſchien es, als ſollte der Bund mit dem deutſchen Kaiſer dem Papſttum reiche Früchte tragen. Wie in den Anfängen unter Otto I. iſt zur Zeit Heinrichs II. der Plan aufgetaucht, dem Staat des heiligen Petrus die Ausdehnung zu geben, die er nach der Abſicht ſeiner Gründer ſchon bei ſeinem Entſtehen hätte haben ſollen. Der Anſtoß dazu kam von Süden, von den Griechen. Unter der Regierung des makedoniſchen Kaiſerhauſes, der Nach- kommen Baſileios' I., des Zeitgenoſſen Nikolaus' I. und Johannes' VIII., hatte das griechiſche Reich einen mächtigen Aufſchwung genommen. Zu derſelben Zeit, als der deutſche König die Führung des Abendlands und die Kaiſerwürde in Alt-Rom übernahm, gelang es den Griechen, längſt verlorene Provinzen im Oſten wiederzugewinnen. Jm Jahre 961 wurde mit der Eroberung Kretas die Seeherrſchaft erworben, 968 Antiochia genommen, Damaskus, Beirut und Aleppo folgten, und wenig fehlte, ſo wäre auch Jeruſalem den Moslim entriſſen worden. Dann wandten ſich die ſiegreichen Waffen gegen Norden. Jn einem Menſchenalter zäher und blutiger Kriege (986‒1018) zerſtörte Baſi- leios II. das Reich der Bulgaren und unterwarf das Land bis zur Donau. Als „Bulgarentöter“ feierte er im Jahr 1019 ſeinen Triumph nach alter Art. Waren nun im Oſten und Norden die einſtigen Grenzen annähernd wiederhergeſtellt, was ſtand im Wege, die Gedanken auch nach Weſten zu richten? Niemals hatte man in Konſtantinopel vergeſſen, daß Jtalien, daß Rom, nach dem man ſich nannte, einem von Rechts wegen gehörte, nur die eigene Schwäche, die Gefahren, mit denen man im Oſten zu kämpfen hatte, waren Urſache, daß man notgedrungen darauf ver- zichtete, das Recht geltend zu machen. Jetzt fielen dieſe Hemmungen fort. Ob Baſileios ernſthaft an Eroberung Jtaliens gedacht hat, läßt ſich nicht ſagen. Vielleicht ſtand dieſes letzte Ziel als ferne Möglichkeit im Hintergrund. Aber ſeine Herrſchaft im Süden der Halbinſel auszu-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 216. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/225>, abgerufen am 05.08.2020.