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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Crescentier und Tuskulaner

Wieder setzte das Kaisertum für länger als ein Jahrzehnt aus.
Heinrich II., in Deutschland erhoben, fand zunächst nicht einmal im
italischen Reich überall Anerkennung, ein Enkel Berengars II., Hart-
win von Jvrea, trat ihm als König in einem Teil des Landes entgegen.
So konnte Johannes, der Bruder des vor vier Jahren hingerichteten
Crescentius, als Haupt des Adels ungehindert die Macht in Rom an
sich reißen. Er nannte sich Patritius, mit welchem Recht, ist unbekannt.
Möglich, daß er sich den Titel in Konstantinopel verschafft hat, doch
waren seine Beziehungen zu Heinrich II. nicht schlecht. An die Kaiser-
würde konnte dieser vorerst nicht denken, die deutschen Angelegenheiten
hielten ihn fest. Über den Papst verfügte der Patritius wieder wie in
früheren Jahren. Silvester II. scheint sich ihm freiwillig unterworfen
zu haben, ist aber schon nach fünf Vierteljahren seinem Kaiser ins Grab
gefolgt. Dann wurde dreimal der Stuhl Sankt Peters mit Angehörigen
des regierenden Geschlechts besetzt. So hätte es auch ferner bleiben
können, wären nicht im Jahre 1012 rasch nacheinander Johannes selbst
und sein Papst, Sergius IV., gestorben. Bei der Neuwahl spaltete
sich der Adel, den Crescentiern traten ihre Verwandten, die Tuskulaner,
entgegen, jene erhoben einen gewissen Gregor, diese einen der Jhren,
den Grafen Theophylakt, der sich Benedikt VIII. nannte und in der
Stadt die Oberhand gewann. Der Verdrängte rief den deutschen König
an. Am Hof in Sachsen erschien Gregor, mit den Abzeichen der päpstlichen
Würde bekleidet, vor Heinrich und forderte seine Einsetzung. Heinrich
versprach auch zu kommen, behielt sich aber den Entscheid bis nach Prüfung
der Rechtslage vor. Als er in den ersten Wochen des Jahres 1014 vor
Rom erschien, war er bereits von den Tuskulanern gewonnen. Ohne daß
von Untersuchung und Urteil die Rede gewesen wäre, erkannte er Bene-
dikt VIII. an und ließ sich von ihm am 14. Februar 1014 als Kaiser
krönen. Damit hatten die Tuskulaner Papsttum und Stadtherrschaft
für die Dauer eines Menschenalters an sich gebracht. Das Stadt-
regiment führte des Papstes Bruder Alberich. Als Benedikt VIII.
1024 starb, folgte ihm der dritte Bruder, Graf Romanus, als Johan-
nes XIX., und nach dessen Tode (1033) erhob Alberich seinen eigenen
Sohn Theophylakt, der sich wie der Oheim Benedikt nennen ließ, der
neunte des Namens. Er muß ein noch recht junger Mann, wenn auch
nicht, wie man später fabelte, ein Knabe von zwölf Jahren gewesen
sein. Rom und Kirchenstaat waren ein geistliches Fürstentum im Erb-

Crescentier und Tuskulaner

Wieder ſetzte das Kaiſertum für länger als ein Jahrzehnt aus.
Heinrich II., in Deutſchland erhoben, fand zunächſt nicht einmal im
italiſchen Reich überall Anerkennung, ein Enkel Berengars II., Hart-
win von Jvrea, trat ihm als König in einem Teil des Landes entgegen.
So konnte Johannes, der Bruder des vor vier Jahren hingerichteten
Crescentius, als Haupt des Adels ungehindert die Macht in Rom an
ſich reißen. Er nannte ſich Patritius, mit welchem Recht, iſt unbekannt.
Möglich, daß er ſich den Titel in Konſtantinopel verſchafft hat, doch
waren ſeine Beziehungen zu Heinrich II. nicht ſchlecht. An die Kaiſer-
würde konnte dieſer vorerſt nicht denken, die deutſchen Angelegenheiten
hielten ihn feſt. Über den Papſt verfügte der Patritius wieder wie in
früheren Jahren. Silveſter II. ſcheint ſich ihm freiwillig unterworfen
zu haben, iſt aber ſchon nach fünf Vierteljahren ſeinem Kaiſer ins Grab
gefolgt. Dann wurde dreimal der Stuhl Sankt Peters mit Angehörigen
des regierenden Geſchlechts beſetzt. So hätte es auch ferner bleiben
können, wären nicht im Jahre 1012 raſch nacheinander Johannes ſelbſt
und ſein Papſt, Sergius IV., geſtorben. Bei der Neuwahl ſpaltete
ſich der Adel, den Crescentiern traten ihre Verwandten, die Tuskulaner,
entgegen, jene erhoben einen gewiſſen Gregor, dieſe einen der Jhren,
den Grafen Theophylakt, der ſich Benedikt VIII. nannte und in der
Stadt die Oberhand gewann. Der Verdrängte rief den deutſchen König
an. Am Hof in Sachſen erſchien Gregor, mit den Abzeichen der päpſtlichen
Würde bekleidet, vor Heinrich und forderte ſeine Einſetzung. Heinrich
verſprach auch zu kommen, behielt ſich aber den Entſcheid bis nach Prüfung
der Rechtslage vor. Als er in den erſten Wochen des Jahres 1014 vor
Rom erſchien, war er bereits von den Tuskulanern gewonnen. Ohne daß
von Unterſuchung und Urteil die Rede geweſen wäre, erkannte er Bene-
dikt VIII. an und ließ ſich von ihm am 14. Februar 1014 als Kaiſer
krönen. Damit hatten die Tuskulaner Papſttum und Stadtherrſchaft
für die Dauer eines Menſchenalters an ſich gebracht. Das Stadt-
regiment führte des Papſtes Bruder Alberich. Als Benedikt VIII.
1024 ſtarb, folgte ihm der dritte Bruder, Graf Romanus, als Johan-
nes XIX., und nach deſſen Tode (1033) erhob Alberich ſeinen eigenen
Sohn Theophylakt, der ſich wie der Oheim Benedikt nennen ließ, der
neunte des Namens. Er muß ein noch recht junger Mann, wenn auch
nicht, wie man ſpäter fabelte, ein Knabe von zwölf Jahren geweſen
ſein. Rom und Kirchenſtaat waren ein geiſtliches Fürſtentum im Erb-

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[215/0224] Crescentier und Tuskulaner Wieder ſetzte das Kaiſertum für länger als ein Jahrzehnt aus. Heinrich II., in Deutſchland erhoben, fand zunächſt nicht einmal im italiſchen Reich überall Anerkennung, ein Enkel Berengars II., Hart- win von Jvrea, trat ihm als König in einem Teil des Landes entgegen. So konnte Johannes, der Bruder des vor vier Jahren hingerichteten Crescentius, als Haupt des Adels ungehindert die Macht in Rom an ſich reißen. Er nannte ſich Patritius, mit welchem Recht, iſt unbekannt. Möglich, daß er ſich den Titel in Konſtantinopel verſchafft hat, doch waren ſeine Beziehungen zu Heinrich II. nicht ſchlecht. An die Kaiſer- würde konnte dieſer vorerſt nicht denken, die deutſchen Angelegenheiten hielten ihn feſt. Über den Papſt verfügte der Patritius wieder wie in früheren Jahren. Silveſter II. ſcheint ſich ihm freiwillig unterworfen zu haben, iſt aber ſchon nach fünf Vierteljahren ſeinem Kaiſer ins Grab gefolgt. Dann wurde dreimal der Stuhl Sankt Peters mit Angehörigen des regierenden Geſchlechts beſetzt. So hätte es auch ferner bleiben können, wären nicht im Jahre 1012 raſch nacheinander Johannes ſelbſt und ſein Papſt, Sergius IV., geſtorben. Bei der Neuwahl ſpaltete ſich der Adel, den Crescentiern traten ihre Verwandten, die Tuskulaner, entgegen, jene erhoben einen gewiſſen Gregor, dieſe einen der Jhren, den Grafen Theophylakt, der ſich Benedikt VIII. nannte und in der Stadt die Oberhand gewann. Der Verdrängte rief den deutſchen König an. Am Hof in Sachſen erſchien Gregor, mit den Abzeichen der päpſtlichen Würde bekleidet, vor Heinrich und forderte ſeine Einſetzung. Heinrich verſprach auch zu kommen, behielt ſich aber den Entſcheid bis nach Prüfung der Rechtslage vor. Als er in den erſten Wochen des Jahres 1014 vor Rom erſchien, war er bereits von den Tuskulanern gewonnen. Ohne daß von Unterſuchung und Urteil die Rede geweſen wäre, erkannte er Bene- dikt VIII. an und ließ ſich von ihm am 14. Februar 1014 als Kaiſer krönen. Damit hatten die Tuskulaner Papſttum und Stadtherrſchaft für die Dauer eines Menſchenalters an ſich gebracht. Das Stadt- regiment führte des Papſtes Bruder Alberich. Als Benedikt VIII. 1024 ſtarb, folgte ihm der dritte Bruder, Graf Romanus, als Johan- nes XIX., und nach deſſen Tode (1033) erhob Alberich ſeinen eigenen Sohn Theophylakt, der ſich wie der Oheim Benedikt nennen ließ, der neunte des Namens. Er muß ein noch recht junger Mann, wenn auch nicht, wie man ſpäter fabelte, ein Knabe von zwölf Jahren geweſen ſein. Rom und Kirchenſtaat waren ein geiſtliches Fürſtentum im Erb-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 215. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/224>, abgerufen am 15.08.2020.