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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Römischer Aufstand
aber war die Frage, ob die neue Schöpfung Ottos III., das römische
Gesamtreich, nicht an Widerständen im Jnnern scheitern würde.

Sie meldeten sich bald. Jn Deutschland wurden des Kaisers Maß-
regeln nicht verstanden, seine Mißachtung deutscher Jnteressen an der
Ostgrenze, sein langes Fernsein in Jtalien, seine Vorliebe für Rom und
die Römer und deren unverhohlene Bevorzugung fanden herben Tadel
sogar in den Kreisen asketischer Einsiedlermönche, denen er sich innerlich
so nahe glaubte. Offene Auflehnung trat ihm in Rom gegenüber. Eben
das, womit er die Stadt zu gewinnen glaubte, seine dauernde Anwesen-
heit, verstimmte dort am meisten. An dem stolzen Bewußtsein, wieder
die wirkliche Hauptstadt des Abendlands zu sein, lag dem römischen
Adel weniger als an der Unabhängigkeit, die er bis dahin besessen und
nun mit der Regierung eines Kaisers vertauscht hatte, der seine Rechte
ebenso ernst nahm wie seine Würde. Daß Otto die Häupter des Adels
durch Übertragung von Ämtern in Hof und Regierung zu entschädigen
und an sich zu fesseln suchte, erwies sich als unwirksam. Es wird
auch nicht zu vermeiden gewesen sein, daß das kaiserliche Stadt-
regiment Ansprüche nicht erfüllte, Hoffnungen enttäuschte. Mißmut
und Unzufriedenheit sammelten sich an, und eines Tages -- es war
im Februar 1001 -- brach der Aufstand aus, vor dem der Kaiser
sich mit Mühe retten konnte, indem er die Stadt verließ wie einst
König Hugo.

Das war noch keine Entscheidnng, und Otto dachte nicht daran, seine
Pläne aufzugeben. Die erlittene Schmach wollte er rächen, den Wider-
stand mit Gewalt bezwingen. Seine Macht war noch nicht erschüttert,
wenn auch Rom ihm die Tore schloß: das italische Königreich gehorchte
ihm wie zuvor, in Konstantinopel kam eben damals seine Verlobung mit
der Kaisertochter zustande, die Braut war unterwegs. Wenn nun aus
Deutschland das bestellte Truppenaufgebot eintraf, war der Sieg kaum
zweifelhaft. Es ließ auf sich warten. Kam darin die Verstimmung der
deutschen Fürsten über des Kaisers undeutsche Politik zum Ausdruck, oder
wirkten andere Ursachen? Ehe der Gehorsam der Deutschen die Probe
hätte bestehen können, hatte das Schicksal eingegriffen. Am 23. Januar
1002 starb Kaiser Otto III., einundzwanzig Jahre alt, nach kurzer Krank-
heit. Mit ihm versank der Plan des römisch-abendländischen Gesamt-
reichs, den fortzuführen niemand da war, und die Dinge kehrten zu der
Gestalt zurück, die sie vor ihm getragen hatten.

Römiſcher Aufſtand
aber war die Frage, ob die neue Schöpfung Ottos III., das römiſche
Geſamtreich, nicht an Widerſtänden im Jnnern ſcheitern würde.

Sie meldeten ſich bald. Jn Deutſchland wurden des Kaiſers Maß-
regeln nicht verſtanden, ſeine Mißachtung deutſcher Jntereſſen an der
Oſtgrenze, ſein langes Fernſein in Jtalien, ſeine Vorliebe für Rom und
die Römer und deren unverhohlene Bevorzugung fanden herben Tadel
ſogar in den Kreiſen asketiſcher Einſiedlermönche, denen er ſich innerlich
ſo nahe glaubte. Offene Auflehnung trat ihm in Rom gegenüber. Eben
das, womit er die Stadt zu gewinnen glaubte, ſeine dauernde Anweſen-
heit, verſtimmte dort am meiſten. An dem ſtolzen Bewußtſein, wieder
die wirkliche Hauptſtadt des Abendlands zu ſein, lag dem römiſchen
Adel weniger als an der Unabhängigkeit, die er bis dahin beſeſſen und
nun mit der Regierung eines Kaiſers vertauſcht hatte, der ſeine Rechte
ebenſo ernſt nahm wie ſeine Würde. Daß Otto die Häupter des Adels
durch Übertragung von Ämtern in Hof und Regierung zu entſchädigen
und an ſich zu feſſeln ſuchte, erwies ſich als unwirkſam. Es wird
auch nicht zu vermeiden geweſen ſein, daß das kaiſerliche Stadt-
regiment Anſprüche nicht erfüllte, Hoffnungen enttäuſchte. Mißmut
und Unzufriedenheit ſammelten ſich an, und eines Tages — es war
im Februar 1001 — brach der Aufſtand aus, vor dem der Kaiſer
ſich mit Mühe retten konnte, indem er die Stadt verließ wie einſt
König Hugo.

Das war noch keine Entſcheidnng, und Otto dachte nicht daran, ſeine
Pläne aufzugeben. Die erlittene Schmach wollte er rächen, den Wider-
ſtand mit Gewalt bezwingen. Seine Macht war noch nicht erſchüttert,
wenn auch Rom ihm die Tore ſchloß: das italiſche Königreich gehorchte
ihm wie zuvor, in Konſtantinopel kam eben damals ſeine Verlobung mit
der Kaiſertochter zuſtande, die Braut war unterwegs. Wenn nun aus
Deutſchland das beſtellte Truppenaufgebot eintraf, war der Sieg kaum
zweifelhaft. Es ließ auf ſich warten. Kam darin die Verſtimmung der
deutſchen Fürſten über des Kaiſers undeutſche Politik zum Ausdruck, oder
wirkten andere Urſachen? Ehe der Gehorſam der Deutſchen die Probe
hätte beſtehen können, hatte das Schickſal eingegriffen. Am 23. Januar
1002 ſtarb Kaiſer Otto III., einundzwanzig Jahre alt, nach kurzer Krank-
heit. Mit ihm verſank der Plan des römiſch-abendländiſchen Geſamt-
reichs, den fortzuführen niemand da war, und die Dinge kehrten zu der
Geſtalt zurück, die ſie vor ihm getragen hatten.

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[214/0223] Römiſcher Aufſtand aber war die Frage, ob die neue Schöpfung Ottos III., das römiſche Geſamtreich, nicht an Widerſtänden im Jnnern ſcheitern würde. Sie meldeten ſich bald. Jn Deutſchland wurden des Kaiſers Maß- regeln nicht verſtanden, ſeine Mißachtung deutſcher Jntereſſen an der Oſtgrenze, ſein langes Fernſein in Jtalien, ſeine Vorliebe für Rom und die Römer und deren unverhohlene Bevorzugung fanden herben Tadel ſogar in den Kreiſen asketiſcher Einſiedlermönche, denen er ſich innerlich ſo nahe glaubte. Offene Auflehnung trat ihm in Rom gegenüber. Eben das, womit er die Stadt zu gewinnen glaubte, ſeine dauernde Anweſen- heit, verſtimmte dort am meiſten. An dem ſtolzen Bewußtſein, wieder die wirkliche Hauptſtadt des Abendlands zu ſein, lag dem römiſchen Adel weniger als an der Unabhängigkeit, die er bis dahin beſeſſen und nun mit der Regierung eines Kaiſers vertauſcht hatte, der ſeine Rechte ebenſo ernſt nahm wie ſeine Würde. Daß Otto die Häupter des Adels durch Übertragung von Ämtern in Hof und Regierung zu entſchädigen und an ſich zu feſſeln ſuchte, erwies ſich als unwirkſam. Es wird auch nicht zu vermeiden geweſen ſein, daß das kaiſerliche Stadt- regiment Anſprüche nicht erfüllte, Hoffnungen enttäuſchte. Mißmut und Unzufriedenheit ſammelten ſich an, und eines Tages — es war im Februar 1001 — brach der Aufſtand aus, vor dem der Kaiſer ſich mit Mühe retten konnte, indem er die Stadt verließ wie einſt König Hugo. Das war noch keine Entſcheidnng, und Otto dachte nicht daran, ſeine Pläne aufzugeben. Die erlittene Schmach wollte er rächen, den Wider- ſtand mit Gewalt bezwingen. Seine Macht war noch nicht erſchüttert, wenn auch Rom ihm die Tore ſchloß: das italiſche Königreich gehorchte ihm wie zuvor, in Konſtantinopel kam eben damals ſeine Verlobung mit der Kaiſertochter zuſtande, die Braut war unterwegs. Wenn nun aus Deutſchland das beſtellte Truppenaufgebot eintraf, war der Sieg kaum zweifelhaft. Es ließ auf ſich warten. Kam darin die Verſtimmung der deutſchen Fürſten über des Kaiſers undeutſche Politik zum Ausdruck, oder wirkten andere Urſachen? Ehe der Gehorſam der Deutſchen die Probe hätte beſtehen können, hatte das Schickſal eingegriffen. Am 23. Januar 1002 ſtarb Kaiſer Otto III., einundzwanzig Jahre alt, nach kurzer Krank- heit. Mit ihm verſank der Plan des römiſch-abendländiſchen Geſamt- reichs, den fortzuführen niemand da war, und die Dinge kehrten zu der Geſtalt zurück, die ſie vor ihm getragen hatten.

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 214. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/223>, abgerufen am 15.08.2020.