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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Stellung des Papstes
Überlegenheit leiten zu sehen. Weniger augenfällig, aber im Grunde
nicht anders ging es in Ungarn zu, wo ein einheimischer Häuptling, mit
einer bairischen Herzogstochter und Base des Kaisers vermählt, den
Königstitel und in der Taufe den Namen Stefan angenommen hatte und
nun für sich vom Papst eine geweihte Krone, für sein Land ein eigenes
Erzbistum erbat. Silvester gab ihm beides auf Fürsprache des Kaisers;
er hätte es nicht gegeben, hätte Otto widersprochen. Denn wie Magde-
burg in Polen, so verlor Passau in Ungarn sein Missionsfeld. Schon
die Zeitgenossen haben es gerügt, und die Erfahrungen der Folgezeit
haben bestätigt, daß damit an beiden Stellen deutsche Jnteressen ge-
schädigt wurden. Aber Otto konnte den Schaden nicht wahrnehmen,
da er sich als römischer, nicht als deutscher Kaiser fühlte und für ihn
Polen wie Ungarn nun erst recht Teile des römischen Reiches waren.

Wir haben früher von der Möglichkeit gesprochen, daß schon unter
den nächsten Erben Karls des Großen in einem das gesamte Abendland
umfassenden Einheitsreich ein römisches Papsttum sich entwickelte, die
Kirche des Abendlands ebenso zur Einheit zusammenfassend und re-
gierend wie das Kaisertum die Länder und Völker. Die Aussicht ver-
schwand, als das fränkische Reich zerfiel. Unter Otto III. erschien sie
aufs neue. Mochte der Papst nun auch ungleich mehr als vor zwei-
hundert Jahren an den Herrscherwillen des Kaisers gebunden sein, er
fand an ihm doch zugleich einen so starken Rückhalt, daß sein Regiment,
so weit des Kaisers Macht reichte, mit Widerständen innerhalb der
Kirche nicht mehr zu rechnen brauchte. Um den Preis der eigenen Unter-
werfung unter den Kaiser konnte er die Kirche des Abendlands sich unter-
tan machen, wie es Nikolaus I. gedacht hatte. Eine Lücke freilich hatte
das System: Frankreich war ein selbständiges Königreich geworden, in
dem auch Kirchen und Bischöfe von den staatlichen Gewalten, König
und Fürsten, abhängig waren. Unter Otto I. war die Überlegenheit des
deutschen Königs gegenüber dem westlichen Nachbarn unbestritten ge-
wesen, seitdem hatte sie abgenommen, und mit ihrem König liebte die
französische Kirche ihre Unabhängigkeit zu betonen. Das hatte schon
Gregor V. erfahren, als er französische Bischöfe zur Verantwortung
vor eine Synode in die italische Hauptstadt Pavia lud und den Nicht-
erschienenen die Ausübung ihres Amtes untersagte: sein Spruch blieb
ohne Wirkung. Ob das mit der Zeit anders werden würde, hing von
der Gestaltung der deutsch-französischen Beziehungen ab. Vor allem

Stellung des Papſtes
Überlegenheit leiten zu ſehen. Weniger augenfällig, aber im Grunde
nicht anders ging es in Ungarn zu, wo ein einheimiſcher Häuptling, mit
einer bairiſchen Herzogstochter und Baſe des Kaiſers vermählt, den
Königstitel und in der Taufe den Namen Stefan angenommen hatte und
nun für ſich vom Papſt eine geweihte Krone, für ſein Land ein eigenes
Erzbistum erbat. Silveſter gab ihm beides auf Fürſprache des Kaiſers;
er hätte es nicht gegeben, hätte Otto widerſprochen. Denn wie Magde-
burg in Polen, ſo verlor Paſſau in Ungarn ſein Miſſionsfeld. Schon
die Zeitgenoſſen haben es gerügt, und die Erfahrungen der Folgezeit
haben beſtätigt, daß damit an beiden Stellen deutſche Jntereſſen ge-
ſchädigt wurden. Aber Otto konnte den Schaden nicht wahrnehmen,
da er ſich als römiſcher, nicht als deutſcher Kaiſer fühlte und für ihn
Polen wie Ungarn nun erſt recht Teile des römiſchen Reiches waren.

Wir haben früher von der Möglichkeit geſprochen, daß ſchon unter
den nächſten Erben Karls des Großen in einem das geſamte Abendland
umfaſſenden Einheitsreich ein römiſches Papſttum ſich entwickelte, die
Kirche des Abendlands ebenſo zur Einheit zuſammenfaſſend und re-
gierend wie das Kaiſertum die Länder und Völker. Die Ausſicht ver-
ſchwand, als das fränkiſche Reich zerfiel. Unter Otto III. erſchien ſie
aufs neue. Mochte der Papſt nun auch ungleich mehr als vor zwei-
hundert Jahren an den Herrſcherwillen des Kaiſers gebunden ſein, er
fand an ihm doch zugleich einen ſo ſtarken Rückhalt, daß ſein Regiment,
ſo weit des Kaiſers Macht reichte, mit Widerſtänden innerhalb der
Kirche nicht mehr zu rechnen brauchte. Um den Preis der eigenen Unter-
werfung unter den Kaiſer konnte er die Kirche des Abendlands ſich unter-
tan machen, wie es Nikolaus I. gedacht hatte. Eine Lücke freilich hatte
das Syſtem: Frankreich war ein ſelbſtändiges Königreich geworden, in
dem auch Kirchen und Biſchöfe von den ſtaatlichen Gewalten, König
und Fürſten, abhängig waren. Unter Otto I. war die Überlegenheit des
deutſchen Königs gegenüber dem weſtlichen Nachbarn unbeſtritten ge-
weſen, ſeitdem hatte ſie abgenommen, und mit ihrem König liebte die
franzöſiſche Kirche ihre Unabhängigkeit zu betonen. Das hatte ſchon
Gregor V. erfahren, als er franzöſiſche Biſchöfe zur Verantwortung
vor eine Synode in die italiſche Hauptſtadt Pavia lud und den Nicht-
erſchienenen die Ausübung ihres Amtes unterſagte: ſein Spruch blieb
ohne Wirkung. Ob das mit der Zeit anders werden würde, hing von
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[213/0222] Stellung des Papſtes Überlegenheit leiten zu ſehen. Weniger augenfällig, aber im Grunde nicht anders ging es in Ungarn zu, wo ein einheimiſcher Häuptling, mit einer bairiſchen Herzogstochter und Baſe des Kaiſers vermählt, den Königstitel und in der Taufe den Namen Stefan angenommen hatte und nun für ſich vom Papſt eine geweihte Krone, für ſein Land ein eigenes Erzbistum erbat. Silveſter gab ihm beides auf Fürſprache des Kaiſers; er hätte es nicht gegeben, hätte Otto widerſprochen. Denn wie Magde- burg in Polen, ſo verlor Paſſau in Ungarn ſein Miſſionsfeld. Schon die Zeitgenoſſen haben es gerügt, und die Erfahrungen der Folgezeit haben beſtätigt, daß damit an beiden Stellen deutſche Jntereſſen ge- ſchädigt wurden. Aber Otto konnte den Schaden nicht wahrnehmen, da er ſich als römiſcher, nicht als deutſcher Kaiſer fühlte und für ihn Polen wie Ungarn nun erſt recht Teile des römiſchen Reiches waren. Wir haben früher von der Möglichkeit geſprochen, daß ſchon unter den nächſten Erben Karls des Großen in einem das geſamte Abendland umfaſſenden Einheitsreich ein römiſches Papſttum ſich entwickelte, die Kirche des Abendlands ebenſo zur Einheit zuſammenfaſſend und re- gierend wie das Kaiſertum die Länder und Völker. Die Ausſicht ver- ſchwand, als das fränkiſche Reich zerfiel. Unter Otto III. erſchien ſie aufs neue. Mochte der Papſt nun auch ungleich mehr als vor zwei- hundert Jahren an den Herrſcherwillen des Kaiſers gebunden ſein, er fand an ihm doch zugleich einen ſo ſtarken Rückhalt, daß ſein Regiment, ſo weit des Kaiſers Macht reichte, mit Widerſtänden innerhalb der Kirche nicht mehr zu rechnen brauchte. Um den Preis der eigenen Unter- werfung unter den Kaiſer konnte er die Kirche des Abendlands ſich unter- tan machen, wie es Nikolaus I. gedacht hatte. Eine Lücke freilich hatte das Syſtem: Frankreich war ein ſelbſtändiges Königreich geworden, in dem auch Kirchen und Biſchöfe von den ſtaatlichen Gewalten, König und Fürſten, abhängig waren. Unter Otto I. war die Überlegenheit des deutſchen Königs gegenüber dem weſtlichen Nachbarn unbeſtritten ge- weſen, ſeitdem hatte ſie abgenommen, und mit ihrem König liebte die franzöſiſche Kirche ihre Unabhängigkeit zu betonen. Das hatte ſchon Gregor V. erfahren, als er franzöſiſche Biſchöfe zur Verantwortung vor eine Synode in die italiſche Hauptſtadt Pavia lud und den Nicht- erſchienenen die Ausübung ihres Amtes unterſagte: ſein Spruch blieb ohne Wirkung. Ob das mit der Zeit anders werden würde, hing von der Geſtaltung der deutſch-franzöſiſchen Beziehungen ab. Vor allem

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 213. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/222>, abgerufen am 15.08.2020.