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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Stellung des Papstes
Urkunden und eingebildeten Schriften weist Otto verächtlich zurück, sie
binden ihn nicht; aber aus freier kaiserlicher Gnade schenkt er dem
heiligen Petrus, was dem Reich gehört, oder vielmehr er schenkt es
seinem Lehrer Silvester, damit der habe, was er dem Apostel dar-
bringen könne; nämlich das erwähnte Gebiet der alten Pentapolis, die
Mark am Adriatischen Meer von Pesaro bis Osimo.

Die Urkunde ist ein höchst persönliches Bekenntnis. Wer in dieser
Weise über alte verbriefte Rechtsansprüche hinwegschritt -- denn gegen
die Schenkungen Karls des Großen und Ludwigs I. ließ sich kein be-
gründeter Einwand machen -- der fühlte sich als Herrn, und wer eine
freie Gnade in so barscher Sprache mit einer scharfen Verurteilung
einleitete, der wollte, daß man seine Herrschaft fühle. Ein Zeitgenosse
mochte Kaiser und Papst wohl als die beiden Lichter besingen, die die
Kirche erhellten und die Finsternis, der eine mit dem Schwert, der
andere mit dem Wort, verscheuchten, in Wirklichkeit war von Gleich-
stellung zwischen ihnen nicht die Rede. Niemand konnte im Zweifel
sein, wer in Sachen der Kirche die letzte Entscheidung gab.

Es war mehr als äußere Form, wenn auf römischen Synoden -- nicht
erst unter Silvester, schon unter Gregor V. -- der Kaiser neben dem
Papst den Vorsitz führte und mehr als einmal Erlassen des Papstes seine
Unterschrift hinzufügte. Daß die Ausbreitung römischer Kirchenhoheit
im Osten, die in die Regierungszeit Silvesters II. fällt, nur unter dem
Schutz, ja im Gefolge der deutschen Vormacht möglich war, werden
die Zeitgenossen besser gewußt haben als spätere Betrachter, denen die
Zusammenhänge nicht so klar vor Augen lagen. Jmmerhin war schon
der äußere Vorgang beredt genug, wenn eine polnische Landeskirche
auf einer Synode zu Gnesen unter dem Vorsitz des Kaisers geschaffen
wurde. Möglich war es nur, wenn der Kaiser es wollte, erfolgte doch die
Gründung des neuen Erzbistums Gnesen auf Kosten Magdeburgs. So
sprechen denn auch die zeitgenössischen Berichte nur vom Kaiser als
Urheber der Maßregel und bemerken höchstens, sie sei "mit Erlaubnis
des Papstes" getroffen worden. Daß in Ottos Begleitung römische
Kardinäle sich befanden, wird nicht beachtet, und in der Tat, diese Ver-
tretung des Papstes war für solchen Anlaß mehr als bescheiden; nach
alter Überlieferung hätte man erwarten dürfen, wie es zuletzt noch in
Magdeburg 968 geschehen war, einen Bischof als Legaten und Vikar
auftreten und das Geschäft mit Entfaltung voller römisch-päpstlicher

Stellung des Papſtes
Urkunden und eingebildeten Schriften weiſt Otto verächtlich zurück, ſie
binden ihn nicht; aber aus freier kaiſerlicher Gnade ſchenkt er dem
heiligen Petrus, was dem Reich gehört, oder vielmehr er ſchenkt es
ſeinem Lehrer Silveſter, damit der habe, was er dem Apoſtel dar-
bringen könne; nämlich das erwähnte Gebiet der alten Pentapolis, die
Mark am Adriatiſchen Meer von Peſaro bis Oſimo.

Die Urkunde iſt ein höchſt perſönliches Bekenntnis. Wer in dieſer
Weiſe über alte verbriefte Rechtsanſprüche hinwegſchritt — denn gegen
die Schenkungen Karls des Großen und Ludwigs I. ließ ſich kein be-
gründeter Einwand machen — der fühlte ſich als Herrn, und wer eine
freie Gnade in ſo barſcher Sprache mit einer ſcharfen Verurteilung
einleitete, der wollte, daß man ſeine Herrſchaft fühle. Ein Zeitgenoſſe
mochte Kaiſer und Papſt wohl als die beiden Lichter beſingen, die die
Kirche erhellten und die Finſternis, der eine mit dem Schwert, der
andere mit dem Wort, verſcheuchten, in Wirklichkeit war von Gleich-
ſtellung zwiſchen ihnen nicht die Rede. Niemand konnte im Zweifel
ſein, wer in Sachen der Kirche die letzte Entſcheidung gab.

Es war mehr als äußere Form, wenn auf römiſchen Synoden — nicht
erſt unter Silveſter, ſchon unter Gregor V. — der Kaiſer neben dem
Papſt den Vorſitz führte und mehr als einmal Erlaſſen des Papſtes ſeine
Unterſchrift hinzufügte. Daß die Ausbreitung römiſcher Kirchenhoheit
im Oſten, die in die Regierungszeit Silveſters II. fällt, nur unter dem
Schutz, ja im Gefolge der deutſchen Vormacht möglich war, werden
die Zeitgenoſſen beſſer gewußt haben als ſpätere Betrachter, denen die
Zuſammenhänge nicht ſo klar vor Augen lagen. Jmmerhin war ſchon
der äußere Vorgang beredt genug, wenn eine polniſche Landeskirche
auf einer Synode zu Gneſen unter dem Vorſitz des Kaiſers geſchaffen
wurde. Möglich war es nur, wenn der Kaiſer es wollte, erfolgte doch die
Gründung des neuen Erzbistums Gneſen auf Koſten Magdeburgs. So
ſprechen denn auch die zeitgenöſſiſchen Berichte nur vom Kaiſer als
Urheber der Maßregel und bemerken höchſtens, ſie ſei „mit Erlaubnis
des Papſtes“ getroffen worden. Daß in Ottos Begleitung römiſche
Kardinäle ſich befanden, wird nicht beachtet, und in der Tat, dieſe Ver-
tretung des Papſtes war für ſolchen Anlaß mehr als beſcheiden; nach
alter Überlieferung hätte man erwarten dürfen, wie es zuletzt noch in
Magdeburg 968 geſchehen war, einen Biſchof als Legaten und Vikar
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[212/0221] Stellung des Papſtes Urkunden und eingebildeten Schriften weiſt Otto verächtlich zurück, ſie binden ihn nicht; aber aus freier kaiſerlicher Gnade ſchenkt er dem heiligen Petrus, was dem Reich gehört, oder vielmehr er ſchenkt es ſeinem Lehrer Silveſter, damit der habe, was er dem Apoſtel dar- bringen könne; nämlich das erwähnte Gebiet der alten Pentapolis, die Mark am Adriatiſchen Meer von Peſaro bis Oſimo. Die Urkunde iſt ein höchſt perſönliches Bekenntnis. Wer in dieſer Weiſe über alte verbriefte Rechtsanſprüche hinwegſchritt — denn gegen die Schenkungen Karls des Großen und Ludwigs I. ließ ſich kein be- gründeter Einwand machen — der fühlte ſich als Herrn, und wer eine freie Gnade in ſo barſcher Sprache mit einer ſcharfen Verurteilung einleitete, der wollte, daß man ſeine Herrſchaft fühle. Ein Zeitgenoſſe mochte Kaiſer und Papſt wohl als die beiden Lichter beſingen, die die Kirche erhellten und die Finſternis, der eine mit dem Schwert, der andere mit dem Wort, verſcheuchten, in Wirklichkeit war von Gleich- ſtellung zwiſchen ihnen nicht die Rede. Niemand konnte im Zweifel ſein, wer in Sachen der Kirche die letzte Entſcheidung gab. Es war mehr als äußere Form, wenn auf römiſchen Synoden — nicht erſt unter Silveſter, ſchon unter Gregor V. — der Kaiſer neben dem Papſt den Vorſitz führte und mehr als einmal Erlaſſen des Papſtes ſeine Unterſchrift hinzufügte. Daß die Ausbreitung römiſcher Kirchenhoheit im Oſten, die in die Regierungszeit Silveſters II. fällt, nur unter dem Schutz, ja im Gefolge der deutſchen Vormacht möglich war, werden die Zeitgenoſſen beſſer gewußt haben als ſpätere Betrachter, denen die Zuſammenhänge nicht ſo klar vor Augen lagen. Jmmerhin war ſchon der äußere Vorgang beredt genug, wenn eine polniſche Landeskirche auf einer Synode zu Gneſen unter dem Vorſitz des Kaiſers geſchaffen wurde. Möglich war es nur, wenn der Kaiſer es wollte, erfolgte doch die Gründung des neuen Erzbistums Gneſen auf Koſten Magdeburgs. So ſprechen denn auch die zeitgenöſſiſchen Berichte nur vom Kaiſer als Urheber der Maßregel und bemerken höchſtens, ſie ſei „mit Erlaubnis des Papſtes“ getroffen worden. Daß in Ottos Begleitung römiſche Kardinäle ſich befanden, wird nicht beachtet, und in der Tat, dieſe Ver- tretung des Papſtes war für ſolchen Anlaß mehr als beſcheiden; nach alter Überlieferung hätte man erwarten dürfen, wie es zuletzt noch in Magdeburg 968 geſchehen war, einen Biſchof als Legaten und Vikar auftreten und das Geſchäft mit Entfaltung voller römiſch-päpſtlicher

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 212. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/221>, abgerufen am 05.08.2020.